Das neue Gehirn&Geist – Chefredakteur Carsten Könneker im Interview

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Martin Huhn: Hallo Carsten! Was hast du für eine Ausbildung, und wie bist du zu Spektrum der Wissenschaft gekommen?

Carsten Könneker: Hallo Martin! Ich habe in den 1990ern u.a. Physik, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Im Jahr 2000 heuerte ich dann bei der Holtzbrinck-Verlagsgruppe an, die mich zur Ausbildung als Medienmensch zu “Spektrum” nach Heidelberg schickte. Hier lerne ich noch heute gern!

Huhn: Jetzt könnte ich fragen, wie Gehirn&Geist entstanden ist, aber zum zehnjährigen Jubiläum erschien dazu ein wunderbaren Artikel (so fing es mit Gehirn&Geist an) von dir. Dort ist ja alles ausführlich geschildert.
Daher lieber gleich was Aktuelles: Warum ein neues Gehirn&Geist nach 13 Jahren?

Könneker: Wir hatten schon lange das Gefühl, dass dem Heft eine grundlegende optische Überarbeitung gut anstehen würde. Jetzt legen wir optisch tatsächlich einen völligen Neustart hin – ein klassisch-modernes Layout mit großformatigen Aufmacherbildern, hochwertigen Infografiken – und ohne den roten Rahmen. Beraten wurden unser Art Director Karsten Kramarczik und sein Team dabei vom ehemaligen Artdirector des SPIEGEL Uwe Beyer.

Huhn: Wie viele Dummys für das Relaunch-Cover gab es?

Könneker: Vermutlich mehr als 50. Ich habe nach der Vorauswahl durch unser Layout mindestens noch 30 Kandidaten gesehen. Am Ende hatten wir drei sehr unterschiedliche Entwürfe für die “Psychologie der Willenskraft”: Schweinsteiger mit geballten Fäusten im WM-Finale, eine junge Frau nach dem Sport – und ein Kind, das sein Verlangen nach Marshmallows zügeln muss. Das haben wir dann auch am Ende genommen.

Gehirn&Geist Chefredakteur Carsten Könneker und die Cover Dummys
Credit: Martin Huhn Gehirn&Geist Chefredakteur Carsten Könneker und die Cover Dummys

Huhn: Ich habe das ja am Rande etwas mitbekommen, wenn ich über die Flure ging, wie sehr alle eingespannt waren. Da ist ein riesiger Batzen Arbeit bewältigt worden. Gibt es neben dem neuen Layout auch eine inhaltliche Neuausrichtung?

Könneker: Keine Revolution wie beim äußeren Erscheinungsbild, aber doch eine Schärfung des redaktionellen Profils. Gehirn&Geist schließt seine Leserinnen und Lesern ja seit 2002 mit der Spitzenforschung aus Psychologie, Hirnforschung, Medizin und verwandten Gebieten kurz. Der direkte Draht in die Wissenschaft, aber eben verständlich und interessant erklärt – das war und bleibt unsere Mission. Um sie besser zu erfüllen, haben wir aber inhaltliche Neuerungen im Heft.

Huhn: Und zwar?

Könneker: Gehirn&Geist erreicht viele Menschen, die sowohl aus rein privatem Interesse als auch zu ihrem beruflichen Nutzen das Heft lesen. Das sind Therapeuten, Lehrer, Coaches, Ärzte, Psychologen usw. Und es erreicht erfreulich viele Studenten, vor allem der Psychologie. Daher starten wir jetzt eine große Reihe “Praxisfelder der Psychologie”. Die Autorinnen und Autoren sind jeweils führende Experten des Fachs. Im Relaunch-Heft stellen wir die Medienpsychologie vor. Dieser Artikeltyp, der nicht auf neuen Ergebnissen aus der Forschung angeregt ist, sondern einfach ein wichtiges Thema oder Gebiet auf dem neuesten Stand darstellt, ist neu. Ebenso wie die Rubrik “Nachgefragt”, in der wir Wissenschaftlern schon während eines Forschungsprojekts über die Schulter schauen – und nicht erst, wenn die Ergebnisse vorliegen.

Huhn: Wem schaut ihr im Relaunch-Heft über die Schulter?

Könneker: Professor Mitja Back von der Uni Münster. Er erforscht narzisstisch veranlagte Menschen und studiert dabei, ob Selbstverliebtheit unseren Beziehungen schadet.

Huhn: Es scheint, dass viel Psychologie im Heft ist. Das Titelthema dreht sich ja auch um Willenskraft und Selbstkontrolle.

Könneker: Ein super Thema, das jeden von uns angeht! Wer sich selbst gut im Griff hat, lebt glücklicher und ist erfolgreicher. Und das Gute dabei: Selbstdisziplin lässt sich trainieren, berichtet unser Autor, der bekannte Psychologe Roy Baumeister. Außerdem haben wir ein sehr persönliches Interview dem Vater der Willenskraft-Forschung und Erfinder des klassischen Marshmallow-Experiments, Walter Mischel. Er erzählt darin, wie er das Konzept des Belohnungsaufschubs, das heute jeder Physikstudent kennen muss, vor Jahrzehnten am Küchentisch mit seinen Töchtern feinjustiert hat. Aber ich muss dich korrigieren: Wir lösen das Programm auf dem Cover “Psychologie – Hirnforschung – Medizin” auch ein. Die Stärkung aller drei Ressorts ist gerade ein weiteres Kennzeichen des neuen Gehirn&Geist.

Huhn: Der große Aufmacherartikel im Ressort Hirnforschung behandelt das Hungergefühl, der in der Medizin den Neglect. Warum ausgerechnet diese Themen?

Könneker: Die Frage, wie Hunger- und Sattheitsgefühle entstehen, ist relevant für jeden – nicht nur für jene, die abnehmen wollen. Ich war selbst überrascht beim Lesen, wie komplex das Zusammenspiel von Verdauungstrakt und Gehirn ist. Bauch voll, Mensch satt, so einfach ist es eben nicht. Denn auch wenn eine Mahlzeit schon Stunden vorbei ist, sind wir ja für gewöhnlich noch ganz entspannt. Dann aber meldet sich der Hunger pünktlich vor einer Mahlzeit. Wie das im Körper gesteuert wird, erklärt Prof. Gilles Mithieux Lyon. Sein Artikel bildet den Auftakt zu einer neuen Serie “Psyche und Ernährung”. In den folgenden Heften geht es darin unter anderem um die Lust am Essen und – logo – um Abnehmen.

Huhn: Das will dann jeder lesen. Aber Neglect, ein Krankheitsbild – warum das?

Könneker: Neglect ist eines jener erschütternd-faszinierenden Krankheitsbilder aus der Neurologie und leider nicht so selten. Meist tritt es in Folge eines Schlaganfalls auf. Betroffene sehen dann die linke Seite ihrer Umwelt nicht mehr. Manche Männer rasieren sich dann nur noch rechts, die Welt links ist wie verschwunden für die Patienten. Experten von der Universität des Saarlandes haben nun zwei neue Therapie-Strategien erprobt, die sie im Heft vorstellen.

Huhn: Was ist dein persönlicher Lieblingsartikel in der Relaunch-Ausgabe?

Könneker: Ich finde den Artikel von unserer Redaktionsleiterin Christiane Gelitz über Metakognitive Therapie sehr interessant. Es geht darum, wie man Menschen mit Ängsten und Depressionen helfen kann, aus ihren belastenden Grübeleien auszubrechen und wieder aktiver das Geschehen im Kopf zu lenken. Und hoch relevant ist natürlich unser “Spezial” über Flüchtlinge. Die Frage, was wir tun können, um traumatisierte Migranten in unsere Gesellschaft zu integrieren, stellt sich ja gerade allenthalben.

Huhn: Steht da auch etwas Neues drin?

Könneker: Und ob. Mir zum Beispiel war zwar klar, dass viele Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten, dies aufgrund traumatischer Erlebnisse tun. Auch ist klar, dass auf der Flucht weitere Traumatisierungen folgen können, etwa wenn man in Booten über das Meer geschleust wird. Aber mir war nicht klar, dass anhaltende Unsicherheit über den eigenen Status im Land, das man schließlich erreicht, noch einmal genau so traumatisieren kann. Wir haben zu diesen verschiedenen Phasen von möglicher Traumatisierung extra eine anschauliche Infografik entwickelt, die das gut auf den Punkt bringt.

Huhn: Ich bin gespannt auf die neue Ausgabe und ich wünsche euch und dem Magazin viel Erfolg. Erscheinungstag ist der 12.10.

Könneker: Danke!

Martin Huhn

Veröffentlicht von

Martin Huhn hat Verfahrenstechnik studiert und arbeitet seit dem Jahre 2000 bei Spektrum der Wissenschaft. Dort ist er im Bereich Webentwicklung tätig. Sein Geschäft ist so ziemlich alles, was mit dem Webauftritt des Spektrum Verlages zu tun hat.

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