Zur Ideengeschichte der anonymen Kritik

Con Text

In einem langen Interview erklärt der FAZ-Journalist Patrick Bahners, warum Studierende das Recht haben, eine Vorlesungsreihe öffentlich und pseudonym1 zu kommentieren:

“Keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit” 2

Seine Antworten führen weit über den aktuellen Fall ‘Münkler-Watch’ hinaus und sollten Ihnen gerade deshalb 15 Minuten wert sein.

Notes:
1. Leider wird auch hier ‘anonym’ und ‘pseudonym’ verwechselt.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

9 Kommentare

  1. Patrick Bahners ist dem Schreiber dieser Zeilen – ernst gemeint – erstmals vor ca. 30 Jahren aufgefallen, als er als “Donaldist” in einer TV-Sendung auftrat, die “Großer Preis” genannt worden ist, mit Wim Thoelke. [1]
    Insbesondere hat Herr Bahners bei einer Zeitung, die als konservativ-liberal gilt, nichts zu suchen, wie Ihr Kommentatorenfreund findet.


    Ansonsten, Kritik kann wie auch immer erfolgen, sie muss nicht konstruktiv sein (Destruktion ist auch mächtig und kommunizierenswert), sie muss erst recht nicht solidarisch [2] sein, und sie kann ano- oder pseudonym vorgetragen werden. [3]

    Insofern kann hier Herr Bahners nicht viel falsch machen; dass Kritik dieser Art inhaltlich neomarxistischer Art ist und agitieren soll, könnte klar sein, auch sittlich niedrig.

    [1]
    Es könnte hier eine Verwechselung vorliegen, bitte gerne korrigieren, falls dies der Fall.
    Weil der Schreiber dieser Zeilen aber in den letzten Jahrzehnten kaum bundesdeutsches Fernsehen geguckt hat, könnte was dran sein.

    [2]
    Linke in den Siebzigern, bundesdeutsch, hatten es mit sogenannter solidarischer Kritik, der Ansatz ist falsch, Diskurstheorien bspw. von Habermas könnten hierzu bemüht werden.

    [3]
    Im Web gilt der anonyme Vortrag als schlecht, Pseudonyme oder Aliase gehen aber – wie übrigen auch in “Vor-Web-Zeiten”.

    • “Der große Preis” war eine meiner Lieblingssendungen. Die Einladung, mit meinem Wissen als Kandidat teilzunehmen, habe ich aber nie erhalten. Schade! Ich war immer davon fasziniert, dass die Kandidaten am Ende einen Koffer mit Spezialliteratur bekamen, die sie noch nicht kannten, obwohl das bei Alleswissern doch unmöglich sein müsste, und grübelte gerne darüber, was das beim Donaldismus wohl für Titel sein würden. Dr. Webbaer hat mich vielleicht in einer anderen Fernsehsendung gesehen, im “ARD-Wunschkonzert”, bei “Mensch Meier” oder “Sag die Wahrheit”.

  2. “Herfried Münkler nehmen sie als einen Denker wahr, der eine besondere Nähe zu den Herrschenden kultiviert.”
    Das wirkt doch sehr angestaubt, wirkte es schon vor Jahrzehnten. Die Polemik, die sich hinter solchen Denkschablonen verbirgt, könnte Herr Münkler doch souverän ignorieren oder auch genüsslich sezieren. Als nicht Betroffener hat man natürlich leicht reden.

  3. Dierk Haasis schrieb (10. June 2015):
    > In einem langen Interview erklärt der FAZ-Journalist Patrick Bahners […]”Keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit”

    keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit“ find ich gut.
    Am besten überhaupt keine
    – administrativ-redaktionellen,
    – technologisch-medialen, und/oder
    – sozio-ökonomischen
    Barrieren für den Gebrauch von Verfassungs-gestützten Individualrechten.

    > ‘anonym’ und ‘pseudonym’

    Die konsistente Selbst-Identifizierung von/mit Äußerungen erleichtert jedenfalls die Archivierung und Systematisierung, und dient damit auch der Auffindbarkeit von eventuellen (und ggf. sogar kritischen) Entgegnungen.

    • Andersrum wird ‘nen Schuh draus: Es erleichtert das finden von Kritikern. Und was man dann mit so einem gefunden Kritiker macht, ob man ihn in einem “Büro für Fundsachen” abgibt oder ihn nach langer Suche dann doch links liegen lässt, das hängt vom jeweiligen Zeitgeist, dem Gesellschaftssystem und den – auch wenn es klischeehaft klingt – Machverhältnissen ab.
      Wenn sich gleichberechtigte auf Augenhöhe krisieren, dann hat das natürlich einen ganz anderen… es unterscheidet sich wirklich deutlich davon, wenn ein Schüler einen Lehrer kritisiert.
      Der Schüler zieht nämlich, wenn es der Lehrer darauf ankommen lässt, den kürzeren. Jedenfalls unter normalen Umständen.

      Früher war die Sache wohl viel einfacher. Da gab es einmal die ‘ehrenhafte’ Gesellschaft, die viel Zeit und Kraft dahin investieren musste, damit etwas von dieser Ehre haften blieb und die weniger ehrenhaften. Erstere waren z. B. Offizieren, Doktoren oder Adlige, letztere waren nicht satisfaktionsfähig. 😉 Heute kann ein Verbrechen gegen die persönliche Ehre einer Person dagegen jeden zu Last gelegt werden.

      Anzumerken bleibt wohl: Das Zeitalter der Aufklärung war das Zeitalter der anonymen Publikationen und anderer (bisweilen durchschaubarer) Maßnahmen, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen. Man sollte im Andenken an diese Wurzeln unserer freiheitlichen Kultur den heutigen Menschen eine anonyme Kritikmöglichkeit lassen. Der Leser musse selbst den Verstand haben, gute und schlechte KRitk zu unterscheiden.

      P.S.: Ich rechtfertige damit keine sog. “Schmähkritik”. Die ist Schund und bleibt es auch.

      • Anonym schrieb (10. June 2015 23:28):
        > Es [konsistente Selbst-Identifizierung] erleichtert das finden von Kritikern.

        (Nur mal um zu illustrieren, wo ich diesbezüglich gedanklich und erfahrungsbedingt daherkomme:
        Beim ersten Lesen dieser Aussage dachte ich:
        Ja, super, was könnte es Besseres geben als Diskurs mit konsistenten, selbstbewussten, ernsthaften Kritikern! Alles, was das Finden solcher Kritiker erleichtern mag, ist doch ganz gewiss hochwillkommen!)

        > […] wenn ein Schüler einen Lehrer kritisiert. […]

        Ach so.
        Ach ja.
        Na, dann les‘ ich besser erstmal bis zum Schluss durch …

        Es geht also um Anonymität als Schutzversuch gegen befürchtete außer-diskursive Benachteiligung;

        – insbesondere (aber vielleicht nicht ausschließlich) durch „das Objekt“ der Kritik;

        – ohne dass ein solcher Schutzversuch notwendiger Weise erfolgreich sein muss (schließlich hat man gewisse vermeintlich anonyme Querulanten bisweilen auch schon dingfest gemacht, bevor sich z.B. “language profiling” googeln ließ);

        – und natürlich ohne Fall für konkreten Fall den Nachweis führen zu können, dass andernfalls Nachteile (und nur Nachteile) tatsächlich entstanden wären.

        Da kann ich eigentlich nur feststellen, dass diejenigen („Objekte“), die solche Befürchtungen nicht zerstreuen können oder wollen, sich eben (schmachvoll!) selbst der Gelegenheiten berauben, konsistenten kritischen Diskurs zu pflegen und dadurch zu überliefern. Man mag mit Planck darauf vertrauen, dass solche deshalb unter denjenigen, die als „Lehrer“ gelten würden, schließlich aussterben. (Man würde die eventuell trotzdem verbleibenden Ausweichlern dann ggf. stattdessen den „Schulmeistern“ zuordnen.)

        Leider hilft das denjenigen, die schon „drangekriegt“ wurden oder noch werden (könnten) zunächst höchstens ideell.

        Es ist also dem (jedem erkennbaren) Kritisierten überlassen, im gegebenen x-beliebigen „Anonym“ zumindest jeweils ein bestimmtes konsistentes „Pseudonym“ zu finden, sofern man diesem Satisfaktionsfähigkeit zugestehen möchte.

        > Und was man dann mit so einem gefunden Kritiker macht, […]

        Na, ich halte unsere Kritiker-Findungs- und Diskursmöglichkeiten für ausbaufähig.
        Und im Übrigen würde ich gerne einen beträchtlichen Anteil meines Rundfunkbeitrags für diesen Ausbau eingesetzt sehen.

  4. “Es gibt einen neoliberalen Philozionismus , der hinter dem sogenannten Antiamerikanismus und hinter jedem Antikapitalismus einen latenten Antisemitismus vermutet. Möchte Münkler aber tatsächlich , insoweit vielleicht auf einer Linie mit der Anti-Sozialstaats-Polemik des Historikers Götz Aly , alle Bemühungen um institutionellen Chancenausgleich bei ungleichen Einkommensverhältnissen unterbinden , weil das Argument auch antisemitisch eingesetzt worden ist”?

    Bahners spricht mit seiner hervorragenden Formulierung ein extrem widerwärtiges , aber weitgehend ignoriertes Phänomen an .
    An dieser Stelle geschieht nichts weniger als die Instrumentalisierung des Holocaust , um linke und soziale Denkweisen zu diskreditieren , an Ungeheuerlichkeit eigentlich nicht zu überbieten.

    Jedes kleine Würstchen wird durchs Dorf gejagt , wenn er mal was Falsches sagt , was irgendwie um fünf Ecken herum rechts klingen könnte , diese Form der “entgrenzten” Skrupellosigkeit aber interessiert niemanden . Daraus kann nur gefolgert werden , daß die entsprechenden Medienteile – und auch Münkler selber – keinerlei Hemmungen kennen , wenn es um das Voranbringen neoliberaler und rechtskonservativer Thesen geht , was Einiges aussagt über die humane Verfaßtheit dieser Klientel und über den assozialen Zustand unserer “freien ” Medien.

    Klasse Interview , danke für die Verlinkung.

    • @ “DH” :

      Es gibt einen neoliberalen Philozionismus, der hinter dem sogenannten Antiamerikanismus und hinter jeglichem Antikapitalismus einen latenten Antisemitismus vermutet.

      Ist irgendwie richtig, denn aus aufklärerischer Sicht wird Israel als Teil des sogenannten Westens [1] verstanden, korrekterweise.
      Vielen Dank für das Substantiv ‘Philozionismus’ [2], das Herr Patrick Bahners beibringen konnte, in der vom hiesigen Inhaltegeber ausgesprochenen Empfehlung.

      Wurde vom Schreiber dieser Zeilen überlesen.

      Schwierig, aus Respekt [3] vor dem hiesige Inhaltegeber soll auf gesellschaftspsychologische Aspekte nicht eingegangen werden, auch auf die Person Bahners in diesem Zusammenhang nicht näher.
      Zudem ist der Schreiber dieser Zeilen auch kein Jude, auch wenn sich vielleicht vor einigen Generationen hier etwas ergeben haben könnte, wie vielleicht auch bei vielen anderen auch.

      Aber irgenwie “mies” schaut’s schon aus, was Herr Bahners seit Längerem vorträgt, auch, wenn er Islamkritiker regelmäßig in die Tonne haut, i.p. Israel und beim Kampf um Israel wohl irgendwie von einer Auseinandersetzung unter Gleichen ausgeht.

      Korrekt bleibt, dass bspw. “Henk”, Alex Feuerherdt & Dr. Küntzel nicht trocken und sachnah über die Sache, über den Kampf um Israel und den Mohammedanismus berichten, wenn Israel gemeint ist, korrekt.
      Insofern könnte es immer Bessere geben.
      >:->

      MFG
      Dr. W

      [1]
      Der Westen ist die übliche Metaphorik für die Systeme der Aufklärung, die den Ideen und Werten dieser gesellschaftlich implementieren konnten, die Richtungsangabe ist, wie übrigens auch bei der Europäischen Aufklärung, letztlich irreführend und womöglich der Existenz des seinerzeit existiert habenden sogenannten Ostblocks geschuldet. *

      [2]
      Die bekannte Suchmaschine findet hier für den Schreiber dieser Zeilen und im Moment 652 Treffer.

      *
      Der Schreiber dieser Zeilen hat gerade im linken Spektrum viele Beispringer für diesen über längere Zeit beobachten können, über längere Zeit, über Milieus soll aber an dieser Stelle nicht spekuliert oder ergänzt werden.

      [3]
      Respekt muss sich verdient werden, dies gelang dem hiesigen Inhaltegeber (teilweise).

      • PS und kurz zusammengefasst:
        Herr Bahner liegt im Grundsatz richtig, auch wenn teilweise grausam “verargumentiert”, kA, was mit dem Münkler-Watch so schlimm sein soll, klar, es liegt dort neomarxistische (das Fachwort, darüber, ob ‘Trotzkismus’ vorliegt, kann gestritten werden, linkspopulistische Sicht ist nicht leicht einzuordnen) Sicht vor, die nicht weiter stören muss.
        Egal wie pseudonym, anonym, von der Sache weggehend oder dieser zugeneigt dort auch vorgetragen wird.
        Grausam bleiben allerdings Aussage-Bildungen der Art ‘Hierzu muss man zuerst feststellen (…)’, Bahners ist ohnehin ein grausamer Man-Sager (mehr als 20 ‘Mans’ im per E-Mailverkehr bereiteten Interview.
        B. ist insofern der Gegensatz zu dem, wie Dr. W vorzutragen pflegt.

        MFG
        Dr. W (der dem hiesigen werten Inhaltegeber für seine Geduld dankt, zuletzt auch hier recht zufrieden geworden ist)