• Von Dierk Haasis
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Zombiedämmerung

BLOG: Con Text

Wörter brauchen Gesellschaft.
Con Text

Fangen wir mit einem Klischee an: Wohin man auch schaut, Zombies. Comic, Film, TV – vor allem TV, alle setzen auf Zombies. Sicherlich muss man nicht mehr im Hinterzimmer nach ihnen fragen, wie noch in den frühen 1980ern, als die ‘video nasties’ bestenfalls unter dem Ladentisch verkauft wurden durften, meist noch geschnitten. Wenn sie nicht gleich beschlagnahmt wurden.

Trotz einer Reihe von TV-Serien ist nicht so, dass wir von Untoten überrannt werden. Klar, die Arbeiterklasse unter den vampirischen [Nicht-]Lebensformen bietet einiges an schauriger Unterhaltung. Vor allem seitdem die fast immer etwas schnöselig daherkommenden Vampire – die Untoten der Adelsschicht – inzwischen zu romantischen Lachfiguren degeneriert sind.

Diese Woche fiel mir auf, weswegen auch Zombies kaum mehr Horror erzeugen. Ich sah mir die aktuelle Staffel von The Walking Dead an1, fragte mich, woher auch nach all den Jahren, die Rick und sein Trupp jetzt unterwegs sein müssen, frisches Wasser kommt. Wie kommt es, dass sie meist völlig verschwitzt, schmuddelig und in versifften, zerrissenen Klamotten rum laufen, aber – bis auf Rick – ordentlich rasiert sind? Auch die Damen achten peinlich auf haarlose Beine und Achselhöhlen, haben kein Problem mit fettigen Haaren und schmieriger Kleidung. Während Konserven rationiert werden, frisches Fleisch gejagt sowie Gemüse und Getreide angebaut wird, scheint es unendliche Vorräte an Munition zu geben.

Es ist schön, wenn ein Werk zum Denken anregt,2 allerdings sollte das bei einer angeblichen Horror-Serie frühestens hinterher passieren. Sicherlich sollte der Zuschauer dann auch nicht über die Hygienegewohnheiten der Figuren nachdenken. Irgendwas geht hier also schief.

Gehen wir ein paar Schritte zurück. Der moderne Zombie, der gar nicht so heisst und absolut nichts mit westafrikanisch-karibischer Religion zu tun hat, schlurft seit 1968 durch die Kinos. George Romero holte die Verstorbenen aus den Gräbern und liess sie auf ihre Familienmitglieder los. 1978 waren es schon ganz viele, offensichtlich Familienbande gab es nicht mehr, aber Freunde und mehr oder weniger Nachbarn – Menschen wie du und ich. Ausser, dass sie tot waren, aber nicht ganz, und die Lebenden instinktiv verspeisen wollten.

Viele Horrofans heute3 halten das Make-up, die Maske der Zombies in Romeros Filmen für lachhaft. Die Haut ist bleich bzw. bläulich-grün geschminkt, die Augen schwarz, das war’s im Wesentlichen.  Am ausgefeiltesten sind die Masken im 1985 erschienen Day of the Dead, doch auch hier bleiben die Menschen deutlich erkennbar. Der Zuschauer braucht eine gehörige Portion suspension of disbelief, um fiese Monster zu sehen.

Aber sind die Untoten überhaupt Monster?

In Day of the Dead beantwortet Romero die Frage ziemlich eindeutig mit ‘nein’. Hier sind es Militärs, Bürokraten und Wissenschaftler, die monströs handeln. Man hat als Zuschauer sogar Mitleid mit den Kreaturen, die nichts für ihren Zustand können, die ausgebeutet, ja, ausgeschlachtet werden. Wenn es in einem Horrorfilm überhaupt eine Identifikationsfigur geben kann, ist es hier Bubba, der ähnlich der Universal-Pictures-Interpretation von Frankensteins Monster ein Kleinkind gefangen in einem Monsterkörper ist.

In Dawn of the Dead unterhalten sich die noch Lebenden darüber, weshalb die Zombies alle ins Einkaufszentrum kommen. Sie finden dort einen Platz, an dem sie sich wohlfühlten bevor sie starben. In Romeros eigener Schnittfassung4 wird die Ähnlichkeit zwischen den Untoten und den Lebenden noch deutlicher. In einer Sequenz wartet einer der Überlebenden darauf, dass sein Freund stirbt und als Untoter wiederaufersteht, um ihn dann per Kopfschuss endgültig zu töten.

Night of the Living Dead beginnt mit einem Besuch des Grabes des Vaters durch dessen erwachsene Kinder; im weiteren Verlauf der Handlung greift der untote Bruder seine Schwester an.

In allen Filmen erkennen wir deutlich untote Menschen, nicht irgendetwas aus einer anderen Welt, keine bösen Monster. Es sind – auch dies wird in Romeros Filmen immer wieder gesagt – unsere Vorfahren, die zurück kommen. Warum, kann nur vermutet werden. Die offensichtlichen Erklärungen – sie sind böse und kommen aus der Hölle zurück [sind also mehr Dämonen] oder wollen Rache nehmen [an den Nachfahren? Wofür?] – werden durch die Handlungsweisen der Untoten nicht gedeckt. Die Lebenden beruhigen sich damit, sie konstruieren ein Muster, das ihnen hilft, ihre eigenen Taten als gut und richtig zu sehen.

Das Make-up von The Walking Dead ist nahezu perfekt. Die meisten schlurfenden Toten haben zwar noch entfernte Ähnlichkeit mit Menschen, aber Körper und Gesicht sehen eher dämonisch aus. Mitleid kommt hier nie auf, wir haben es mit Kanonenfutter für die Hauptfiguren zu tun. Die Schlachtmethoden stehen im Mittelpunkt.5

Horror geht nicht von Splatter aus, Splatter ist im Horror-Genre ebenso nebensächlich wie im Kriegsfilm. Wir erwarten spritzendes Blut und heraus fallende Gedärme, weil wir uns dran gewöhnen. Dazu kommt die Entwicklung zu immer mehr Realismus und Authentizität. Wir wollen unseren disbelief nicht mehr suspenden, wir erwarten im Grunde keine Fiktion, stattdessen Nachrichtensendungen aus einer Parallelwelt, in der wir uns selbst schon gut eingerichtet haben6.

Der wahre Horror liegt in uns, in unseren Fähigkeiten, Dinge zu tun, die wir gerne als böse oder monströs sehen. Das ist genau, was gute Horrorgeschichten ausmacht: Wir bleiben am Ende zurück  und fürchten uns vor uns selbst. Wir sehen den untoten Bruder auf uns zuwanken, wissen, wir müssen uns grausam gewalttätig vor ihm schützen. Wir wollen das ewige Leben, aber sehen, dass es vielleicht kein schönes ist.

Daran scheitert The Walking Dead. Es macht keine Angst, es hinterlässt kein Grauen. Die Serie ist eine Abenteuergeschichte, dichter an Indiana Jones als an Romeros Horrofilmen.

Notes:
1. Die erste seit der 1. Staffel, die mir gefällt.
2. Anders als Bücher, die durch ihre Art der Rezeption nicht unbedingt auf den Bauch zielen, sprechen TV und Film die Emotionen an.
3. Naive Empirie: Als Grundlage dienen mir hin und wieder aufgeschnappte Bemerkungen, z.B. aus Kommentar-Threads bei Schnittberichte.com.
4. Für europäische Kinos schuf Dario Argento eine kürzere, mehr an der Action orientierte.
5. Hier zeigt sich ein Problem mit der Regel der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Splatterfilme und Thriller werden weniger hart beurteilt, wenn die Tötungsorgien an Wesen ausgeführt werden, die deutlich nicht als Menschen zu erkennen sind. Die Frage bleibt offen, ob uns damit nicht genau jene Empathie genommen wird, die wir benötigen.
6. Ich will diesen Aspekt hier nicht weiter ausführen. Denken Sie an karikieren dargestellte Nerds und Geeks, die mehr in Star Wars oder Lord of the Rings leben als in der realen Welt
Dierk Haasis

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?