Wider den Nationalstaat

Es begab sich aber zu einer Zeit, da Menschen gerne Urlaub an weit entfernten Gestaden machten, ihre Geschäfte international abwickelten, per Internet in den USA einkauften, TV-Shows aus  Japan sahen und Freundschaften rund um die Welt schlossen, als ein kleines Monster, das längst als weitgehend ausgestorben gesehen ward, seinen Kopf hob: Nationalismus.

Vielleicht ganz kurz vorneweg, da der schulische Geschichtsunterricht mnachmal etwas zu wünschen übrig lässt: Nationalismus ist eine sehr junge Idee, die kaum weiter als bis ins 18. Jahrhundert zurück geht.

The nation-state was nonexistent during the greater part of history, and for a very long time it was not even regarded as an ideal.

[…] Men did not give their loyalty to the nation-state but to other, different forms of political organization: the city-state, the feudal fief and its lord, the dynastic state, the religious group, or the sect.  In the first 15 centuries of the Christian Era, the ideal was the universal world-state, not loyalty to any separate political entity.1

Schaut man sich die grossen zusammenhängenden Landmassen an, Europa, Westasien, Ostasien, Indien, Afrika oder die Amerikas wechselten die Grenzen über Jahrhunderte immer wieder. Nehmen wir nur den ersten europäischen Einiger nach den klassischen Römern: Charlemagne oder Karl der Grosse, wie man in Deutschland bevorzugt, legte die Grundlage für diverse Länder und heutige Nationen. Sowohl die Franzosen als auch die Deutschen sehen in ihm ihren Gründervater. Für die meisten Untertanen war es völlig egal, ob der da oben ein fränkischer Karl oder ein sächsicher Widukind war. Wichtig war Gott und wen der als Fürsten einsetzte.

Hoffentlich bekannt ist das weitere Schicksal des Heiligen Römischen Reiches, das Charlemagne gegründet hatte, das er genauso auch meinte, es war die natürliche Fortführung des klassischen, [west-] römischen Kaiserreichs. Übrigens ohne ‘Deutsche Nation’, ein Zusatz, den deutschsprachige Propagandisten der Habsburger im 15. Jahrhundert einführten. Meines Wissens wird er auch heute noch nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz benutzt.

Das Reich wurde unter Kindern, Enkeln und so fort immer weiter aufgeteilt, neue Reiche entstanden, speziell auf dem Gebiet, das wir Deutschland nennen. Der auf französischem Acker befindliche Teil des Frankenreiches hielt sich recht gut zusammen, obwohl es auch hier so manch Auseinandersetzung um Territorien und Königswürde gab. Für Deutsche hiess es über Jahrhunderte immer wieder mal die Loyalität zu wechseln. Mit Glück, weil Herrscherhäuser sich verheirateten oder ein Herrscher natürlichen Todes starb und der nächste friedlich den Thron erbte. Nicht selten gab es kriegerische Auseinandersetzungen.

Einige Staaten haben durch natürliche Gegebenheiten einen Anflug von Nation, die britischen Inseln oder Japan fallen einem sofort ein. Das ist allerdings oberflächlich. Auf den britischen Inseln gab – und gibt es – mehrere Königreiche, die teils lange umkämpft waren. Englische Könige herrschten auch über Territorien im heutigen Frankreich.2

Und dann gab es in einigen britischen Kolonien Nordamerikas eine Revolution. Keine Könige mehr, keine religiöse Grundlage für einen Staat, ab jetzt stand der Mensch im Mittelpunkt. Damit fiel ein wichtiger Grund für Loyalität weg. Wie grenzte man sich von anderen Staaten ab? Die Ideen der Aufklärung und des Humanismus, die zu der neuen Idee ‘Nation’ geführt hatten, sahen immer noch die Gemeinsamkeiten aller Menschen. Während die neuen USA noch gründeten, kam es zur nächsten Revolution, in Frankreich.

Damit entstanden kurz hintereinander die ersten Nationalstaaten, allerdings ganz unterschiedlicher Prägung, das eine ein Zentralstaat mit bürgerlicher Demokratur, das andere ein föderales System. Der eine fiel schnell in blutiges Chaos und endete in einem neuen, weltlichen Kaiserreich.

Richtig in Fahrt kam der Nationalismus im 19. Jahrhundert, als ein [europäisches] Land nach dem anderen zum Nationalstaat wurde. Obwohl die Idee bürgerlich geprägt war, zu Beginn durchaus emanzipatorisch war, hielten die meisten an ihren adligen Herrscherhäusern fest, stutzten ihnen aber die Rechte. Selbst in Deutschland.

Patriotism is the last refuge of a scoundrel. [Samuel Johnson]

Patriotismus ist ein Konzept, das vor dem Nationalismus liegt. Wie das Wort selbst verrät, meint es Loyalität zum Vaterland, das wiederum auf einen Vater – Fürst, König, Kaiser – abhebt. Nachdem selbst Staaten wie das United Kingdom nicht mehr die Herrscher als definitorischen Hebel nutzen, sind Patriotismus und Nationalismus heute synonym.

Johnson bezieht übrigens Stellung gegen jene, die Patriotismus als Argument benutzen. Sie wissen schon, ‘Wer sein Vaterland liebt, zieht jetzt gegen die Welschen!’, ‘Schön ist es für das Vaterland zu sterben’, ‘Wir müssen sterben, damit unser Vaterland leben kann!’, und ähnlicher Unfug. Wer keine guten, rationalen Argumente hat, appelliert an Emotionen, in Johnsons Sentenz aufgehängt an Patriotismus, der von Leuten kommt, die ihn nur so benutzen – Hurrapatrioten und Sesselstrategen.

Noch viel weiter geht Karl Popper, der den Kritischen Rationalismus entwickelte:

But the nationalist faith is equally absurd. I am not alluding here to Hitler’s racial myth. What I have in mind is, rather, an alleged natural right of man—the alleged right of a nation to self-determination. […] For the utter absurdity of the principle of national self-determination must be plain to anybody who devotes a moment’s effort to criticizing it. The principle amounts to the demand that each state should be a nation-state: that it should be confined within a natural border, and that this border should coincide with the location of an ethnic group; so that it should be the ethnic group, the ‘nation’, which should determine and protect the natural limits of the state. But nation-states of this kind do not exist. […] Nation-states do not exist, simply because the so-called ‘nations’ or ‘peoples’ of which the nationalists dream do not exist. There are no, or hardly any, homogenous ethnic groups long settled in countries with natural borders. Ethnic and linguistic groups (dialects often amount to linguistic barriers) are closely intermingled everywhere.

[…]

Britain, the United States, Canada, and Switzerland, are four obvious examples of states which in many ways violate the nationality principle. Instead of having its borders determined by one settled group, each of them has managed to unite a variety of ethnic groups. 3

Deutlicher kann man sich kaum gegen Nationalismus aussprechen. Daher überraschte es mich herauszufinden, dass Thilo Sarrazin sich sieht selbst, wie es scheint, als Vertreter der Popper’schen Schule des kritischen Rationalismus sieht. Darauf deutet seine Dissertation ebenso hin, wie einige Titel seine Bibliografie4. Zugestanden, vor einigen Jahren gab er sich als grosser Freund von Zahlen, vielen Zahlen. Beharrte auf Empirie. Allerdings waren Auswahl und Präsentation eher die eines schlechten Buchhalters, nicht eines Denkers, der seine eigenen Thesen kritisch betrachtet, der Material gegen seine Ideen sucht. Stattdessen unterschlug er Zahlen und Fussnoten, setzte willkürliche Vergleichzeitpunkte, fälschte Statsitiken5

Mit Kritischem Rationalismus hat das nichts zu tun. Es ist das Gegenteil. Thilo Sarrazin benutzt die Wortgruppe ‘rational’, um sich über die Massen zu erheben, er lobt sich damit gegenüber jenen, die emotional und moralisch agieren. Er ist ein Rationalist wie Johnsons verabscheute Patriot ein Patriot ist – blosser Schwätzer, der das Wort als Nebelgranate benutzt. Von ‘kritisch’ ganz zu schweigen.

Darin unterscheidet er sich nur marginal von den “Asylkritikern”, die ganz umgangssprachlich verstehen, ‘dagegen sein’ wäre Kritik. Nein, so einfach ist das nicht, Kritik benötigt mehr als Geschrei, mehr als ‘Nein!’ Daher ist allgemeines ‘Lügenpresse’-Brüllen auch keine Medienkritik, selbst wenn letztere Schwachstellen in journalistischer Arbeit aufdeckt, die den Schreihälsen als Grundlage dienen.

[…] man had commonly stressed the general and the universal and had regarded unity as the desirable goal. Nationalism stressed the particular and parochial, the differences, and the national individualities
[…]
German nationalism began to stress instinct against reason; the power of historical tradition against rational attempts at progress and a more just order; the historical differences between nations rather than their common aspirations. The French Revolution, liberalism, and equality were regarded as a brief aberration, against which the eternal foundations of societal order would prevail.6

Das dreckige, kleine Monster Nationalismus wächst momentan überall in Europa, es orientiert sich nicht mehr am Humanismus, der die Gleichheit aller Menschen erkannte, sondern sucht geradezu obsessiv und mit grossem Aufwand nach den Unterschieden. Die Propheten des Neo-Nationalismus übersehen dabei – Blindheit? Dummheit? Ganz bewusst? –, dass Differenzen zwischen Individuen derselben Gruppe grösser sind als jene zwischen den Gruppen. Selbst wenn sie auffälliger sind.

Notes:
1. “nationalism.”Encyclopædia Britannica from Encyclopædia Britannica 2006 Ultimate Reference Suite DVD .[Accessed April 27, 2016].
2. Die japanische Geschichte ist noch einmal eine ganz eigene, die sich lohnt zu betrachten, falls sie mal Zeit haben. Einen schnellen Einstieg gibt Richard Mason, John Caiger. A History of Japan. 1997 [Revised Edition], Tuttle, Rutland/VT und Tokio.
3. Karl Popper. ‘The History of Our Time: An Optimist’s View’, aus: Conjectures and Refutations, S. 494, Loc 10330. 1963/2002, Routledge, New York. Kindle-Edition.
4. lt. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin, bezogen am 27. April 2016
5. Entsprechende Links im Wikipedia-Artikel; das krasseste Beispiel, auch weil es Sarrazins [Denk-] Methode deutlich macht in http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/33007. 
6. “nationalism.”Encyclopædia Britannica from Encyclopædia Britannica 2006 Ultimate Reference Suite DVD .[Accessed April 27, 2016].]

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

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  1. Nationen sollten teilsouverän sein, sollten aber nicht als Modell für voll souveräne Staaten dienen. Der Nationalstaat ist tatsächlich eine falsche Idee. Doch das heisst nicht, dass Ethnien und Nationen politisch machtlos sein solllten oder gar entmatchtet werden müssen. Denn die Autonomiebewegungen der Basken, Schotten und Katalanen, die gibt es und sie entspringen einem echten Bedürfnis. Die Frage ist nur, welche Art von Autonomie diese Ethnien/Nationen erhalten sollen. Die Lösung ist naheliegend und es gibt sie bereits als Idee: In einem Europa der Regionen sind Regionen denkbar wie Katalonien, Schottland oder auch die Hansestadt Hamburg. Die Nationalstaaten müssten in einem zukünftigen Europa der Regionen stark zurückgebunden oder gar aufgelöst werden. Denn nur dann macht ein Europa der Regionen überhaupt Sinn.
    Überhaupt macht Europa als politisches Gebilde nur dann Sinn, wenn die Macht der Nationalstaaten zurückgebunden wird. Eine EU in der jeder Staat eine eigene Armee hat, widerspricht der Grundidee eines Blockes von eng miteinander verbundenen Migliedern. Denn in einem solchen Block kann es keine kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern geben und ein Ausseneinsatz von Armeen kann ebenfalls nur der Block als Ganzes entscheiden und nicht jedes Mitglied. Solange das die europäischen Staaten nicht erkennen, ist sogar die europäische Idee in Gefahr. Denn das was heute die europäischen Staaten zusammenbindet, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und die gemeinsame Währung, das reicht als Basis für einen langfristigen Bund nicht aus.

    • @ Herr Holzherr :

      Die Nationalstaaten müssten in einem zukünftigen Europa der Regionen stark zurückgebunden oder gar aufgelöst werden.

      Dies ist wohl die offizielle und in Teilen inoffizielle Linie derjenigen, die einen länderübergreifenden Staatenverbund wünschen, der übrigens nicht nur das geographische Europa meint.
      Dabei Nationalstaaten brechen wollen, hierfür auch Maßnahmen ergreifen, die zumindest einige überraschen, bspw. die bekannte Merkelsche Maßnahme ist hier gemeint.

      Die Alternative wäre das Europa der Vaterländer, eine Alternative, die viele gut finden, weil erstens so dieser Umbruch nicht stattfinden muss, Nationalstaaten meinend, zweitens ohnehin der sogenannte Demokratische Frieden Kriege in einem so vereinigten Europa ausschließt, drittens die kulturellen Unterschiede in Europa im Vergleich bspw. zu den Vereinigten Staaten größer sind, alleine schon die Sprachlichkeit meinend und viertens starke EU-Staaten gut für die allgemeine Kompetitivität sind, vor einem statischen EU-Koloss graut es vielen, ganz schlimm übrigens auch die (eingestandenen) Demokratie-Defizite der EU. Zudem sollte aus der EU auch ausgetreten werden können, es ist klar, dass es zumindest bestimmten politischen Kräften auch darum geht dies zu verunmöglichen.


      BTW, Ihr Kommentatorenfreund kennt Sie ja ein wenig, Sie haben’s mit dem Internationalismus, Ihnen schwebt so eine Art Weltstaat vor, der sich sukzessive aufbaut und dabei “westliche” Werte beibehält, das Modell Star Trek sozusagen.
      Sie wissen, was der Schreiber dieser Zeilen von dieser Idee hält und warum er sie für nicht funktional hält, sondern für gefährlich.

      Dieser alte Gedanke, dass die Völker ewig dazu verdammt sind gegeneinander zu kämpfen, war der von Hegel?, ist natürlich partiell, aber beispielgebend überwunden, nämlich durch die Einfuhr aufklärerischer Gesellschaftssysteme.

      Wer sich an Nationalstaaten grundsätzlich stört, kann ihnen vielleicht ein wenig mehr abgewinnen, wenn er sie gerade auch als Kulturstaaten versteht.

      MFG
      Dr. Webbaer (der sich, im Abgang, gerade noch vorstellt, wie bei der Idee, dass es eigentlich die Kultur ist, die zentral ist und bindet, bei einigen das rote Licht angeht, lol)

      PS:
      Herr Holzherr und Dr. Webbaer haben sich in dieser Sache schon mehrfach ausgetauscht – mangelt es dem einen oder anderen vielleicht in diesem Text an (Web-)Belegen, werden diese bedarfsweise noch beigebracht.

      • Nein, ein Europa der Regionen wäre ein Europa von starken Regionen und Stadtstaaten. Schliesslich hat die Demokratie und ein Grossteil der zivilisatorischen Fortschritte in solchen Stadtstaaten begonnen. Regionen und Stadtstaaten sind auch überschaubare Grössen mit denen man sich identifizieren kann, wo jeder Bürger partizipieren kann und wo auch Formen der direkten Demokratie Sinn ergeben. Die EU müsste nur noch für den Rahmen sorgen in dem sich die Regionen entwickeln können. Anstatt sich überall einzumischen würde sie für Sicherheit (gemeinsames Militär) sorgen und für die gemeinsame Forschung. Auch die Außenpolitik wäre in ihren Händen.

      • Ein Europa der Regionen soll teilweise offizielle Linie sein? Wessen “office” hat den die Linie herausgegeben?
        Vielleicht teilen ein paar EU-Abgeordnete diese Ideale, vielleicht auch welche in der Kommission, ich weiß es nicht. Die Politik in der EU wird von den Mitgliedsstaaten gemacht, die entscheiden in Brüssel, Ministerpräsidenten und Minister.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Rat_der_Europ%C3%A4ischen_Union
        Und da ist man sehr geizig mit dem Aufgeben nationaler Rechte. Ein Europa der Regionen hätten wohl gerne jene Regionen, die sich von den Nationalstaaten gedeckelt fühlen. Ich denke nicht, dass es eine Patentlösung gibt. Man muss halt versuchen, möglichst viele einzubinden, aber das ist anstrengend und langwierig.

      • Danke Herr Webbär, ich sehe das auch so. In dem Moment, indem die Leute auf den Karren “Neues größeres Europa” aufspringen, wechseln sie in Wirklichkeit das System, ohne es zu merken. Es ist eine Art neuer sozialismus, ohne diesen Ausdruck jetzt wertend zu gebrauchen (und den Ausdruck ganz und gar losgelöst vom geschichtlichen Gebrauch verstehend). Das Problem ist, dass ein immaterieller sozialismus funktioniert (zB. Internet), aber ein materieller nicht. Wir können uns auch nicht alle aneinandernähen, um ein Mensch zu sein.

        ich Finde auch ihre Idee gut, dass es Staaten eigentlich aus der EU ohne Probleme austreten können sollten. Ist dies nicht der Fall, kommt unweigerlich der Gedanke an eine Sekte auf.

      • Ein Europa der Vaterländer im de Gaullschen Sinne ist kein wünschenswertes Europa, denn es bedeutet, dass der stärkste europäische Staat die anderen dominiert. Genau so wie es jetzt ja ist, wobei nicht Frankreich, wie sich das de Gaulle vorgestellt hat, die europäische Führungsnatiion ist, sondern Deutschland. Dass Deutschland jetzt der Primus ist und mindestens in der medialen Wahrnehmung bestimmt wo es in Europa langgeht, dafür gibt es ungezählte Beispiele. Vor ein paar Tagen beispielsweise las man Absage an Tsipras: Schäuble lehnt Griechenland-Sondergipfel ab. Schäuble sagt das zwar berechtigterweise als deutscher Finanzminister. Doch in der Wahrnehmung der meisten sagt er es zugleich im Namen von ganz Europa. Oder man erinnere sich an die Verhandlungen mit Zypern, den Rettungsplan für Zypern, der 2013 aufgestellt wurde. Europa war damals durch Schäuble und Merkel vertreten. In der medialen Wahrnehmung und wohl auch in der politischen Wirklichkeit waren es Schäuble und Merkel, die die Bedingungen für die Zypernrettung durchgesetzt haben.

        Gerade weil ein Europa der Vaterländer letztlich das Europa des stärksten europäischen Staates (und eventueller Partner) ist, bin ich für ein Europa der Regionen. Es ist dann schlicht und einfach nicht mehr möglich, dass ein Souverän alle anderen Souveräne dominiert. Heute haben wir die Situation, dass die EU als bürokratisches Monster wahrgenommen wird, denn in der Brüsseler Zentrale werden viele Gesetze ausgeheckt, die dann für alle gelten. Nur kommen diese Gesetze in der öffentlichen Wahrnehmung aus der Anonymität. Man verbindet sie nicht mit Personen oder mit politschen Kräften, die man kennt und die man gewählt hat. Wenn dann jemand hinstehen und entscheiden muss, dann sieht man die üblichen Verdächtigen – Angela Merkel und Wolfgang Schäuble beispielsweise.
        Das kann doch – ausser für Deutschland – nicht das wünschenswerte Europa sein. In einem Europa der Regionen wären die Zuständigkeiten für die verschiedenen Politkbereich viel klarer getrennt. Aussenpolitik, Verteidigung, europäische Forschung und Dinge wie die europäische Energie- und Rohstoffversorgung oder die europäische Klima- und Umweltpolitik wären auf der EU-Ebene angesiedelt und alles andere bei den Regionen und Stadtstaaten.

  2. “ab jetzt stand der Mensch im Mittelpunkt”
    Die Ureinwohner aber eher ausgenommen. Die Überebenen fanden sich in Reservaten wieder oder haben sich in die Neuankömmlinge integriert.
    Gefragt wurden sie nicht.
    Die Bewohner dieses neuen “Nationalstaates” sind jetzt wieder mehrheitlich vorbildliche “Patrioten” ; unterstützen die Kriege ihres “Vaterlandes” um die restliche Welt zu bekehren, egal ob die Bewohner dies wollen.
    Es gibt aber etwas, was keine Grenzen kennt , es ist das internationale Kapital. Es kennt keine Grenzen, weder nationale oder gar moralische, je nach zu erwartenden Profit.

  3. Wer als Tourist in Sharm El-Sheik Luxus geniesst und beim IPhone-Gespräch mit den gerade in Kalifornien Ferien machenden Kindern daran denkt, wie klein doch die Welt ist, der wird spätestens dann, wenn die Bombe eines Islamisten vor seinem Hotel hochgeht wissen, dass er sich gerade einer Illusion hingegeben hat. Dies zu (Zitat):

    Es begab sich aber zu einer Zeit, da Menschen gerne Urlaub an weit entfernten Gestaden machten, ihre Geschäfte international abwickelten, per Internet in den USA einkauften, TV-Shows aus Japan sahen und Freundschaften rund um die Welt schlossen

    Es gibt immer wieder Situationen, wo der Weltbürger, der eigentlich keine Grenzen kennt, froh um Grenzen ist oder gar Grenzen fordert. Das gilt fast unabhängig von der politischen Einstellung. Mein Vorkommentator Andres Schulz beispielsweise schreibt:
    Es gibt aber etwas, was keine Grenzen kennt , es ist das internationale Kapital. Es kennt keine Grenzen, weder nationale oder gar moralische, je nach zu erwartenden Profit.

    Grenzenlosigkeit wird also schnell zur Unmoral oder zur Gefahr. Für die Linken, wenn das Geld die Grenze überschreitet, für die Rechten und Protektionisten, wenn der Fremdarbeiter über die Grenze kommt. Abgesehen davon, ergeben sich auch politisch und ideologisch Probleme, ja gar eine neue Kampfzone, wenn Grenzen fallen. Denn welches Weltverständnis soll in einer grenzenlosen Welt gelten. Ist es das Weltverständnis der US-Amerikaner, das der Chinesen oder das der Wahhabiten, das in einer grenzenlosen Welt gelten soll?

    Vorerst muss man deshalb gewzungenermassen kleinere Brötchen backen und zuerst einmal dort die Grenzen entfernen wo sie schlicht keinen Sinn mehr machen. Doch gerade die jüngsten Vorkommnisse in Europa haben gezeigt, dass, wenn es innen keine Grenzen mehr gibt, um so stärkere Grenzen nach aussen braucht. Mindestens gilt das in der heutigen Welt.

  4. Danke für den Artikel, der einiges wichtiges anspricht. Nur zwei Bemerkungen:

    1. Zumindest in englischsprachigen Tradition wird meines Wissens manchmal zwischen Patriotismus und Nationalismus unterschieden in dem das erste als die positive Variante des zweiten gesehen wird (also ohne die Ausgrenzung, den Chauvinismus etc). Ich denke zB an Orwells “Notes on Natioanlism” der im Patriotismus gar einen Schutz gegen Nationalismus sieht. Persönlich haben mich diese Argumente nie wirklich überzeugt aber es scheint mir doch etwas nuancierter als es hier abgehandelt wurde.

    2. Mit dem Popperzitat komme ich nicht ganz klar. Wäre das ein Kommentar bei mir im Blog, ich wäre wahrscheinlich versucht zu antworten, dass Kommentator Popper nicht alle Konzepte so wild durcheinanderwerfen soll: Es gibt verschiedene Ansätze was ein Nationalstaat ist und er benutzt eine sehr spezifische Vorstellung (1963 schon überholte würde ich sagen) als ob es die einzige akzeptierte wäre. Dann vermischt er das ganze mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das eine eigene komplizierte Geschichte hat (die er teilweise schon kennen konnte) und scheint dies auch teilweise zumindest mit der Idee von Souveränität zu vermischen. Ich verstehe die Stossrichtung (und mit vermutlich sogar gleicher Meinung) aber seine Argumentation ist eher schwach finde ich. Vielleicht fehlt mir aber auch nur der Kontext des Zitates.

  5. Sie haben Recht mit ihrer Kritik am Nationalstaatsgedanken – und wer könnte schon Karl Popper widersprechen?
    Dennoch würde ich die kleinen Monstren, die da gerade in Europa aller Orten heranwachsen, ein klein wenig verteidigen wollen:
    1. Menschen bedürfen stabiler Gemeinschaften. Leben, Wohlstand, Sicherheit, Frieden, Freiheit und Recht hängen in erster Linie davon ab, wie stabil eine Gemeinschaft ist, d.h. die Stabilität einer Gemeinschaft ist eine notwendige, unverzichtbare, aber natürlich noch nicht hinreichende Bedingung für die o.g. Ziele.
    2. Die stabilsten, widerstandsfähigsten und handlungsfähigsten Gemeinschaften, die wir kennen (und die es jemals in der Weltgeschichte gegeben hat) ist der Nationalstaat westlicher Prägung:
    a. Nur diese Idee einer Gemeinschaft konnte Jahrhunderte der Fremdherrschaft (Polen), ideologische Überwälzung (die Staaten der ehemaligen Sowjetunion) oder zwei Weltkriege, Diktaturen, Besatzung und 40-jährige Teilung (Deutschland) überstehen.
    b. Nur auf der Ebene der Nationalstaaten konnte z.B. während der Finanzkrise 2008 notwendige Handlungseffizienz, die monetäre Kraft, die bürgerliche Solidarität gleichermaßen aktiviert werden.
    c. Im Gegensatz dazu steht das Versagen internationaler Gemeinschaftsstrukturen: das erbärmliche Versagen Europas in praktisch jeder größeren Krise mindestens seit dem Irak-Krieg 2003 ist hier nur das deutlichste Beispiel. Nirgendwo kommt die Stärke des Nationalstaats so deutlich zum Vorschein, wie bei einem direkten Vergleich zwischen den USA (Nation) und der EU (multinationale Konföderation).
    Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, der Nationalstaat heutiger, westlicher Prägung sei optimal und bringe keine Nachteile mit sich. Wir haben aber nichts besseres, was den Grundbedürfnissen der meisten so weit Menschen entspricht. Und ohne – in gewissem Maße vorhandenen Nationalismus keine Nation. So lange wir keine funktionsfähige Alternative haben, sollten wir die gestrigen Monstren nicht einseitig verteufeln.

      • “zu Punkt 2: Das halte ich für ein Gerücht”

        Würde mich über ein Argument zu Ihrer These freuen.
        MfG
        Achernar80

        • Fallen Ihnen keine Nicht-Nationalstaaten ein, die sehr lange gehalten haben? Was ist mit Nationalstaaten, sind die wirklich stabil und langlebig oder führt nicht gerade der Gedanke der Nation [wie oben definiert] zu Instabilität, da sich immer kleinere Gruppen für staatsfähig halten?

          • Rhetorische Fragen sind keine Argumente. Hätte mich über zumindest ein einziges Beispiel von Ihnen wirklich gefreut. Diskussionstaktisch unklug, da natürlich damit immer eine mögliche Angriffsfläche verbunden ist, dekliniere ich dennoch mal ein paar Beispiele aus meiner Sicht durch, darauf vertrauend, dass Sie an der Sache und nicht am bloßen rhetorischen Gewinnen interessiert sind:
            Es gab natürlich Reiche, die sehr sehr lange gehalten haben und bis heute halten. Die ältesten dieser weitgehend kontinuierlich und intakt existierenden Gebilde wären meines Wissens nach China, Persien und Ägypten. Allerdings gilt – so glaube ich – folgendes festzustellen:
            1. Diese langlebigen Gesellschaften sind im Verhältnis zu den tausenden Gemeinschaften, die zeitgleich mit ihnen existiert haben, eine verschwindende Minderheit, selbst wenn man die Liste noch um ein halbes Dutzend weiterer Beispiele ergänzen würde, daher sind sie die berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
            2. Die genannten Beispiele haben mehr mit heutigen Nationalstaaten gemein als mit zeitgleich existierenden anderen staatlichen Gemeinschaftsformen, z.B. kann China seit der Han-Zeit seiner ethnischen, kulturellen und sprachlichen Struktur nach als Nation gelten, das zeitgleich existierende Römische Reich nicht. China gibt es noch heute, das multiethnische Westrom ging bereits im 5. Jahrhundert als staatliche Einheit zugrunde, während die griechische Reichshälfte als Ostrom in seinem Reichskern kulturell, sprachlich recht homogen war und noch runde tausend Jahre überdauerte.
            3. Dennoch ist keiner dieser alten Staaten in Bezug auf seine innere Stabilität mit einem der seit Jahrhunderten existierenden modernen Nationalstaaten wie den USA (seit 1776), England (ab dem 16./17. Jahrhundert) oder Frankreich (spätestens seit 1789) vergleichbar. Die relativ (!) hohe Stabilität heutiger Nationalstaaten ist mit der endlosen Kette von Thronwirren, Usurpatoren, Bürgerkriegen, Aufständen und Reichsteilungen der alten Reiche nicht zu vergleichen. An diesem Befund ändern die vergleichsweise sehr begrenzten separatistischen Bewegungen wie die ETA oder Abstimmungen in Schottland (das ja gar nicht zu der englischen Nation gehört, wir es also eher mit einem möglichen Auflösungsprozess eines „Groß“reiches zu tun haben) kaum etwas.
            Ich meine, Ihre rhetorischen Fragen beruhten auf einer zu groben Wahrnehmung staatlicher Strukturen alter Staaten und Reiche, sowie auf einer zu weitgehenden Reduktion von Stabilität auf den Faktor Zeit. Insofern bleibe ich bei meinem Punkt 2.

  6. Es gibt halt Nationalstaaten, die idealtypisch natürlich nicht zu verwirklichen sind (und auch nicht so implementiert werden sollen, wie viele finden), und Vielvölkerstaaten, die sich historisch als vglw. instabil erwiesen haben, auch weil sie mit dem allgemein anerkannten Selbstbestimmungsrecht der Völker konkurrieren. [1]

    Liberale sind insofern immer auch mit einem gewissen Augenzwinkern unterwegs, wenn sie Nationalökonomie betreiben, sie meinen’s nicht völkisch, jedenfalls nicht i.p. Herkunft sonderlich interessiert, gar schnüffelnd.

    Der Internationalismus, die grundsätzliche Alternative zum Nationalismus (der auch moderat verstanden werden kann), dem ‘dreckige[n], kleine[n] Monster’, ist dezent formuliert auch nicht ohne und ebenfalls nicht unproblematisch.
    Er impliziert auch den Imperialismus, vielleicht ist dies nicht allen klar.

    Staaten müssen jedenfalls auf Grund einer Kriterienmenge, die dem Volk bzw. der Bevölkerung vermittelt werden kann, aufgesetzt werden, Ihr Kommentatorenfreund, Herr Haasis, hat’s hier übrigens deutlich eher mit der Kultur als mit dem Ethnos.

    MFG
    Dr. Webbaer (der den kleinen Rant gegen Thilo Sarrazin bemerkt hat und unkommentiert lässt)

    [1]
    Der Schreiber dieser Zeilen hat so einige Vielvölkerstaaten oder internationalistische Gesellschaftssysteme den Bach runter gehen gesehen; ist hier nicht unbetroffen.
    Die deutsche Wiedervereinigung fand er übrigens ganz gut, auch wenn natürlich auch hier gewisse Bedenken Doitsche betreffend geteilt werden.

  7. Wenn die Nation so schlecht ist, was denn dann? Wieder einen Gott bzw. Propheten und seine Abgesandten als das was eine Gemeinschaft zusammen hält? Demokratie spielt’s dann aber nicht. Und einfach nur “Menschen” ohne jede Organisation, das ist doch eine naturromantische Wunschvorstellung deren Realität vermutlich wie Tierrudel oder -herden aussehen würde.

    • Herr Holzherr hat die Frage bereits beantwortet, bevor sie gestellt wurde. Wieso Demokratie ausgerechnet den Nationalstaat bedingen sollte, ist mir schleierhaft.

      • Damit Gesetze gleichermassen für alle gelten, die an einem Ort zusammen treffen, muss die Geltung diese Gesetze an den Ort gebunden sein. Und weil das mit der Weltregierung schwierig ist, gibt’s halt kleinere Einheiten.
        Demokratie ist, wenn die von den Gesetzen betroffenen deren Weiterentwicklung mit bestimmen können. Das allerdings bedingt, dass nicht ein jeder Gast dasselbe Mitbestimmungsrecht haben kann wie die Stammbevölkerung.
        Somit ergibt sich die Nation. Es wäre alles ziemlich einfach zu verstehen, selbstverständlich geradezu. Aber wenn die Absicht ist, die Nation zu zerstören, dann muss man natürlich ganz anders vorgehen…

          • Ich weis was eine Nation ist, ich weis dass manche das abschaffen wollen, ich weis aber immer noch nicht was denn der Ersatz sein soll, welcher natürlich eine Verbesserung bringen muss. Die von Ihnen gegebene Antwort, dass die Antwort schon gegeben war, ist nicht zutreffend. Es gibt die Antwort hier noch nirgends. Also begging the answer, wenn schon. Aber ich bettle nicht, ich stelle vielmehr fest dass es keine Antwort gibt und somit ist das Ziel des Artikels als obsolet erkannt.

          • @ Gerhard :

            Ich weis was eine Nation ist, ich weis dass manche das abschaffen wollen, ich weis aber immer noch nicht was denn der Ersatz sein soll, welcher natürlich eine Verbesserung bringen muss.

            Es gibt ja den Verfassungspatriotismus, der das Nationale aus dem Verhältnis des Staatsbürgers zum Staat herausbekommen will.
            Klar, der ist wohl eher eine deutsche und politisch linke Spezifität und es ist alles andere als klar, ob der eine ‘Verbesserung’ bringt, die er I.E. bringen muss, aber er ist existent und gar nicht mal so schlecht, denn so bekennen sich (idR: moderate) Linke eindeutig zum Staat, die anders vielleicht nicht dbzgl, erreicht werden können oder nur deutlich schlechter.

          • @Dr. Webbaer
            Und warum wäre ein Staat mit Verfassungspatriotismus nicht mehr national?
            Man braucht diesen Verfassungspatriotismus ja auch wieder nur zur Abgrenzung von anderen Staaten – und zur Ausgrenzung jener die sich nicht an diese Verfassung halten wollen.
            Sobald die Linken bemerken dass dadurch z.B. die konservativ-religiösen Gottesstaatsfreunde diskriminiert werden, werden sie das Konzept ohnehin wieder ablehnen…

          • @ Gerhard :

            Und warum wäre ein Staat mit Verfassungspatriotismus nicht mehr national?

            Gute Frage. Sich zum sogenannten Verfassungspatriotismus Bekennende hätten nämlich weiterhin daran zu nagen, dass die Verfassungen, gerade auch das bundesdeutsche Verfassungssubstitut, das Konzept ‘Volk/Nation/Ethnos’ benötigt, übrigens auch die Gleichstellungs- oder Antidiskriminierungsgesetze, die benötigen sogar das Konzept ‘Rasse’.

            Vermutlich wäre für Verfassungspatrioten der erste Schritt sich zur Verfassung zu bekennen, auf die BRD bezogen zur FDGO, und in folgenden Schritten ginge es ihnen dann darum das Konzept ‘Volk/Nation/Ethnos’ aus der Verfassung, den Gesetzen und den Gehirnen der Staatsbüger herauszukriegen?!

        • Stammbevölkerung, Nation:

          So gut wie kein Staat besteht aus einer Ethnie oder Volksgruppe, sondern hat aus verschiedenen Gründen auch Minderheiten, manchmal große Minderheiten. Dann wird es schon schwierig mit der Definition von Nation. Die Mehr neigt nämlich dazu, die Minderheiten als vernachlässigbar zu betrachten.

          • Die Minderheiten sind tatsächlich vernachlässigbar. Aber wenn sie es nicht mehr sind, aufgrund von Anzahl und Selbstbewusstsein, dann gibt es Probleme – so wie in Spanien/Katalonien, UK/Schottland, Türkei/Kurden usw.
            Es ist ja auch eine Verfassung nur so stark wie die Bevölkerungsmehrheit welche diese Verfassung unterstützt. Man kann daher – rein theoretisch und ohne jeden Bezug zu realen Vorkommnissen gedacht – durch Massenmigration Staaten zerstören.
            Dann hätten die “es gibt keinen Staat”-Fanatiker gewonnen, falls nicht vorher die “wir müssen den Volkskörper reinigen”-Fanatiker an die Macht kommen. Dahinter steckt übrigens eine unterschiedliche Gewichtung von Individuum und Kollektiv.

    • @ Gerhard
      28. April 2016 17:58
      https://scilogs.spektrum.de/con-text/wider-den-nationalstaat/#comment-5430

      Zitat:
      “Und einfach nur “Menschen” ohne jede Organisation, das ist doch eine naturromantische Wunschvorstellung deren Realität vermutlich wie Tierrudel oder -herden aussehen würde.”

      -> Na, hinter den Kolissen wird das Volk aber genau so gesehen und “behandelt” und konditioniert, als sei es eine Herde oder Rudel. Also eine Masse, die man an seinen archiaischen Trieben und Grundeinstellungen manipulieren kann.
      Im Nationbuilding würde das Ziel gar nicht anders zu erreichen sein.

      (Übrigens “Naitionbuilding” nur so heisst, weil man derzeit oder früher nicht wusste, was sonst noch als Zielgruppe und Zielformation sein sollte, außer die Nation. Ansonsten die Massen auch überregional/global gesehen und manipuliert werden können)

      Das die Massen im Kern gar nicht anders “geführt” werden können, als über behavioristische Faktoren und Einstellungen, ist scheinbar gar nicht so bekannt, wie es sollte. Alle Menschen sehen sich als gebildete Individuen. Das dies aber seltenst auch so ist, gestehen sich die wenigsten alltäglich zu. Man meint, allseits kognitiv über die Welt und Verhalten zu entscheiden. Was aber blödsinn ist. Auch der Gebildetste ist noch an seinen Grundeinstellungen manipulierbar.

  8. Sowohl Vielvölkerstaaten wie Nationalstaaten bleiben nur stabil, wenn es einen Interessenausgleich insbesondere mit den verschiedenen Nationen oder Ethnien gibt. Auch ein Nationalstaat besteht praktisch nie aus einer Nation, das ist eine gefährliche Illusion. Solange alle Bürger ein Auskommen finden, eine Chance für gesellschaftliche Teilnahme und sozialen Aufstieg sehen, akzeptieren sie das politische System meistens und nationale Differenzen spielen keine so große Rolle.
    Die Frage ist, ob ein Staat eine Idee (König, Nation oder etwas anderes) als gemeinschaftsstiftendes Element braucht. Aus psychologischen Gründen möglicherweise schon, Könige will keiner mehr, abstraktere Ideen (Verfassungspatriotismus) sind etwas blass. Nationalismus wirkt stark, ist aber gefährlich.

    • Ein Nationalstaat besteht nicht aus einer Nation, was immer mit Nation auch gemeint ist? Warum nicht zur Klärung die Analogie zur Familie ziehen. Das ist genau das gleiche. Sogar politisch wird, wenn auch eher subtil, über die Notwendigkeit der Familie diskutiert. Familie ist in der Regel eine örtliche Zusammengehörigkeit und gedankliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Es Kommen aber auch neue Mitglieder rein. Aber die Familie hat immer eine bestimmte Größe. wäre es vorstellbar, dass alle Nachbarsfamilien sich zusammentun und das ein Mitglied aus einer Familie über alle Familien in der Nachbarschaft entscheidet (indem er zB einen Zettel mit Verbesserungsvorschlägen entwirft, auf dem jeder ankreuzen kann welcher dieser Vorschläge er bevorzugt)?

        • Die Grundgröße ist: Vater, Mutter, Kind(er); dazu kommen Großeltern, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen etc. sog. Parentele. Sieht aus wie ein Regenbogen. Dabei hat das Zusammengehörigkeitsgefühl eine Richtung, und zwar von innen nach außen. Niemals sind Cousine und Cousinen prägend für den Kern einer Familie. Familien sind somit sozusagen immer “induktiv”, nie,als deduktiv.

      • Familien unterscheiden sich grundsätzlich von Nationen, weil die Angehörigen einer Nation nicht alle verwandt sind, jedenfalls nach unserem heutigen und hiesigen Verständnis von Familie und Nation. Nationen sind imaginierte Gemeinschaften aufgrund gewisser geteilter Merkmale, wie z.B. Sprache, gemeinsam besiedeltes Gebiet, gemeinsame Kultur und mythische Herkunft, Zuschreibung eines eigenen “Volkscharakters” und/oder auch aufgrund gemeinsamer Werte und Loyalitäten. Widerspruchsfrei ist das natürlich nicht.

        • Halten wir die Analogie fest: eine Familie besteht nie aus einer Familie. Trotzdem ist eine Familie eine Familie und nicht eine andere.

          • Relations: I against my brother; my brother and I against our cousin; my cousin and I against a stranger. I and other humans against the rest of the universe. [Derek Leveret, from a Somali proverb]

  9. Der Althistoriker Frank Kolb hat einige interessante Vergleiche zwischen dem römischen Reich und der EU angestellt. Kurz zusammengefasst: trotz der von Rom ausgehenden Zentralgewalt waren die entscheidenden Ordnungsfaktoren im Reich die Poleis, da die Bürokratie viel zu unterbesetzt war, um das Staatswesen bis in die Tiefe hinein zu regeln. Lediglich Aussen- und Verteidigungspolitik (und die dafür notwendigen Steuern) wurden zentral festgesetzt, alles andere blieb auf lokaler Ebene.

    Die Vorteile einer solchen Organisation liegen auf der Hand: die meisten Fehlentscheidungen auf nationaler und supranationaler Regierungsebene rühren aus der Distanz der Entscheider von den lokalen Gegebenheiten, ausserdem ist lediglich auf Basis eines Stadtstaats echte Demokratie möglich -der Nationalstaat verlangt ein parlamentarisches System, dessen Nachteile uns gerade handgreiflich vor Augen geführt werden. Demgegenüber führt die direkte Demokratie nachweisbar zu einer grösseren Identifikation des Bürgers mit dem Gemeinwesen -etwas, woran es heute erkennbar mangelt.

    Irgendjemand hat oben die gewagte Behauptung aufgestellt, dass Nationalstaaten die stabilste Form der staatlichen Organisation darstellen. Wenn wir das römische Reich mit Augustus beginnen lassen, kommen wir auf eine Periode von ca. 350 Jahren, in denen sich die Bürger Europas einer im grossen und ganzen massvollen, den äusseren Frieden sichernden Herrschaft erfreuen konnten. Das muss der Nationalstaat erst mal schaffen.Theodor Mommsen hat dazu Mitte-Ende das 19. Jahrhunderts geschrieben (aus dem Gedächtnis, deshalb nicht ganz akkurat): “Wenn einmal ein Engel des Herrn die Rechnung aufmachte, wann die Regierung das Gemeinwohl besser verfolgte, wann Moral und Gesittung einen höheren Stand hatte, heute oder zu der Zeit der Antonine, so bezweifele ich, dass das Urteil zugunsten unserer Generation ausfiele”.

    • Zur Zeit des Römischen Reichs war vieles anders. Es wurde übrigens mit brutaler Gewalt errichtet, das römische Bürgerrecht wurde erst 212 an fast alle Reichsbewohner verliehen. Die Poleis wurden von den Eliten geführt, nicht unbedingt demokratisch sondern oft oligarchisch. Die Eliten bezahlten in der Regel die Infrastruktur und waren gegenüber dem Kaiser oder seinen Vertretern mehr oder weniger auch für die Steuereinnahmen verantwortlich. Und das Römische Reich war auch kein Sozialstaat.
      Kleine Gemeinschaften ermöglichen theoretisch in der Tat eine stärkere Beteiligung der Bürger, wie die Erfahrung lehrt, schützt auch das nicht vor unserer arttypischen Klüngelbildung in der Politik. Die römische Politik basierte grundsätzlich auf der Patron-Klientel-Beziehung.

      Es stimmt, dass die bürokratische Steuerung der EU problematisch ist, vor allem, weil sie von Geldabschöpfern regelmäßig missbraucht wird. Ein Abbau von Bürokratie und Regelungen kann aber auch keine Lösung sein, wenn man nicht auf einen Sozialstaat verzichten möchte.

    • Ja, das römische Reich hat die Zuständigkeiten vernünftig verteilt. Es sorgte für die Sicherung des Reichs und eine einheitliche Gesetzgebung. Die Kombination von Rechtssicherheit, von römischer Ingenieurskunst getragener Zivilisation und militärischer Stärke machte das römische Reich auch für eroberte Gebiete attraktiv und führte während der Hochblüte zur Pax romana, einer Periode von 266 Jahren ohne Krieg. Folgerung für die EU: wenn die EU eine Ordnung schafft, in der die Mitgliedsstaaten sich entfalten können und wo diese Ordnung zugleich einen Mehrwert für alle schafft – in Form von Sicherheit und von Perspektiven -, dann wird die EU auch nicht mehr von ihren Mitgliedern und Bürgern in Frage gestellt und die Klagen über die EU-Bürokratie und das fremde, sich in alles Einmischende EU-Recht, verstummen.

  10. Die zahllosen Humanisten, auf die sich der Autor bezieht, sind vermutlich – wie üblich – alles Europäer? Dahinter könnte man eine gewisse eurozentrische Arroganz vermuten. Ist etwa nur der Europäer ein richtiger vollwertiger Mensch? (und der Rest sind halt noch un-erleuchtet, voller Ballast)
    Ein Blick auf das Wahlverhalten weltweit: Südamerika wählt sozialistisch, Asien autoritär, der Islam islamistisch.
    In den westlichen Ländern weiß man, das Einwanderer “links” wählen. (Tony Blair hat es ja zugegeben, er hat Mio Leute eingebürgert, damit nie wieder die Tories an die Macht kommen) Zumindest solange, bis es Islam-Parteien gibt – ich bin sicher, das wir die in der EU demnächst sehen werden, und dass die richtig viel Stimmen absahnen.

    In Ausführlichkeit wird die wechselvolle Geschichte Europas abgerissen. Grund war natürlich auch, dass die Europäer aufgrund ihrer technischen Geschicklichkeit so viel Reichtum zu verteidigen hatten und mit den neuen Technologieen erst umgehen lernen mussten. (Wenn die A-Bombe im Islam erfunden worden wäre, was dann?)

    Immer so abstrakt, ginge man nach der Papierform, dann muss Kanada das Paradies auf Erden sein. Die haben viel Einwanderung, testen aber vorher und machen Quoten nach ökonomischem Bedarf. Wer weiß näheres darüber? Ich fände es informativer, mal nicht so verkopft über diese Sachen was zu lesen, die Einwanderer sehen in uns jedenfalls keine Friesen oder Bayern oder Schwaben.

    Im übrigen wissen wir echt nicht, wie stabil diese neuen Staatsformen sind. Die USA waren bis vor 50 Jahren noch 90% weiß, heute halb-halb. Es ist nicht so sicher, was daraus wird*, daher verwundert die Geschwindigkeit mit der Europa hier “aufholt”, welcher Druck** da seitens der Politik gemacht wird. Es gibt keine Erfahrungswerte, die das rechtfertigen.

    *was wohl in Russland und China die Militärstrategen darüber denken? Vielleicht warten die auf den baldigen Zusammenbruch

    ** eine VT besagt, das Merkel eine KGB-Agentin ist, die seit Jahren versucht, Dtl kaputt zu machen, damit wir uns von den USA abwenden und Russland zu.

  11. “In Dr. Johnsons berühmten Wörterbuch wird Patriotismus als die letzte Zuflucht des Schurken definiert. Mit aller gebührenden Hochachtung für einen aufgeklärten, aber geringeren Lexikopgraphen bitte ich vorschlagen zu dürfen, daß es die erste ist.”
    (Ambrose Bierce, Aus dem Wörterbuch des Teufels, Insel, Übersetzung Dieter E. Zimmer)

  12. Ich glaube, Haasis irrt in 2 Punkten. Was uns mMn vor Krieg schützt, ist der Bruch des Informationsmonopols der Politik durch die modere Technik /Medien. Der Irakkrieg war der letzte “klassische” Krieg, der nach Schema-F geplant und durchgezogen wurde: die Politiker belügen mit Hilfe der Medien die Bevölkerung (Giftgas, ermordete Frühchen, Saddam-ist-Hitler) und da wir alle keine besseren Infos hatten, haben wir das geglaubt. Bei Assad wurde es wieder versucht (der wurde auch als der neue Hitler bezeichnet), und es wurde nichts. (Und ich glaube , das wäre auch rückwirkend so gewesen, wenn die Soldaten im 2. Weltkrieg mit Smartphones losgezogen wären, wäre nach ein paar Wochen die Wahnsinn beendet worden, oder? Handyvideos aus dem Lazarett, Videos von bombardierten Städten, da sinkt die Begeisterung recht schnell )
    Worauf ich hinaus wollte: Der Nationalstaat ist an sich kein Monster welches zerschlagen werden muss. Kriege werden in unseren Breiten von Politikern angezettelt ..

    Der zweite Punkt, eine positive Zukuntsvision: durch die moderne Technik wird die ganze Welt zur Ersten, weltweit sinken die Geburtenraten auf niedrige Werte, nirgens gibt es mehr Armut und Überbevölkerung, die Gläubigen verlassen den Islam. Tatsächlich kommt es zur weltweiten Abrüstung, und es werden die Grenzen einfach abgeschafft. Also, Haasis Traum wird wahr. Was passiert nun, werden die Menschen sich vermischen? Nein, aller Wahrscheinlichkeit nach dem was wir wissen, würden die Leute sich erst recht segregieren. Erst recht. Vermutlich würden die meisten Immigranten in ihre Herkunftsländer zurück ziehen (so wie auch heute schon türkische Rentner ihren Lebensabend in der Heimat verbringen), vermutllich sogar die Afroamerikaner. (Nie “alle”, aber die meisten eben schon)
    Also, wenn man alle Grenzen aufreissen würde (unter der Voraussetzung überall annähernd gleicher Lebensverhältnisse!) würden sich die Menschen – abgesehn vom Urlaub – eben gerade nicht vermischen.

  13. Ach nööö, wie kann man denn einen deutschen Philosophen in englisch zitieren? Merkwürdige Strategie!

    Und das hier:

    Zitat:
    “…. dass Differenzen zwischen Individuen derselben Gruppe grösser sind als jene zwischen den Gruppen. Selbst wenn sie auffälliger sind.”

    ->… ist auch kein Argument erster Klasse. Immerhin ist man sich offensichtlich in der einen Sache einig genug. Und das ist das gute Recht dieser Leute und niemand verlangt, das man sich über dies hinaus in allen Belangen einig sei. Die Abwandlung der Erkenntnissse aus der Genetik auf das Soziale/Kulturelle ist hier entsprechend schief gegangen und womöglich auf der selben Qualitätsebene, wie das oben angesprochene “dagegen sein” als Argumentfreie Haltung. Gegen das “Dagegensein” ohne Argumente ist auch nicht besser.