Vom Bestehenden zum Gewünschten

BLOG: Con Text

Wörter brauchen Gesellschaft.
Con Text

Fangen wir mal ganz schlecht an: Ich weiß nicht, ob Fehlschlüsse um sich greifen. Ich habe aber den Eindruck. Das hat was mit Statistik zu tun – ich lese viel im Internet, wo sich sehr viele Menschen rumtrieben, schreiben und kommentieren. Wo viel diskutiert wird, da gibt es mehr Chancen, auf Trugschlüsse zu stoßen, als dort, wo geschwiegen wird.

Interessanterweise ist es gar nicht das gerne in die Runde geworfene ad hominem, das mir am meisten auffällt. Es taucht eher wenig auf; was so genannt wird, sind meist simple Beleidigungen. Beim klassischen Fehlschluss geht es aber nicht darum, ob der Debattengegner beleidigt wird, sondern ob ich seine Position über Faktoren, die nur in seiner Person, nicht aber in seinem gegenwärtigem Argument begründet sind, als falsch belegen kann:

Johann Mayer versteht nichts von Waffenlieferungen, weil er in Debatten Frauen unterbricht.

Es ist offensichtlich, dass die – möglicherweise korrekte – Prämisse nichts mit der Conclusio im ersten Teil des Satzes zu tun hat. Natürlich könnte die Aussage des ersten Teil des Satzes korrekt sein, aber es ist nicht aus dieser Prämisse zu schließen.

Mir fallen andere Trugschlüsse viel mehr auf, z.B. post hoc ergo propter hoc, bei dem aus zeitlicher Abfolge eine Kausalität geschlossen wird. Sie kennen das u.a. in der etwas obskurten Form ‘Wer heilt, hat Recht’. Jemand geht zum Homöopathen, bekommt dort überteuertes Wasser mit Laktosekügelchen verschrieben, nimmt die eine Weile ein. Nach einigen Tagen/Wochen ist der Patient wieder gesund. Daraus wird gefolgert, dass die Mittel gewirkt haben.

Oder noch absurder:

Der Hahn kräht um 4:35 Uhr, die Sonne geht um 4:37 Uhr auf. Die Sonne geht also auf, weil der Hahn es ihr befiehlt.

Darauf basierte übrigens eine ganze Kultur, die der Pharaonen, nur dass es dort nicht der Hahn war, der die Sonne aufgehen ließ, sondern eben der Pharao.

Immer wieder gerne genommen wird die Umkehrung einer Wenn-dann-Konstruktion, weil Disputanten meinen, wenn aus A folge, dass B, dann würde B bedeuten, A sei auch. Ist natürlich Unsinn, denn B könnte auch aus R folgen oder Y, siehe Beispiel:

Wenn es regnet, ist die Straße nass.

Ignorieren wir einmal die eher künstlichen Gegenbeispiele und gehen davon aus, dass die Gesamtaussage so stimmt. Und nun drehen wir sie um:

Wenn die Straße nass ist, regnet es.

Zweifelt jemand daran, dass dieser Satz offensichtlich falsch ist? Falls ja, erinnere ich daran, dass eine Straße nass sein kann, weil es schneit, aber der Schnee nicht liegen bleibt. Es könnte jemand Wasser auf die Straße geschüttet haben. Es hat jemand vielleicht seine Blase erleichtert. Oder oder oder …

Leider ist nie so ganz klar, wann wirklich ein Fehlschluss – also unsauberes Denken – hinter Äußerungen steht oder ob sie als rhetorische Mittel – und damit zur bewussten Täuschung – eingesetzt werden. Zur Verdummung dienen sie allerdings in beiden Fällen.

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Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

11 Kommentare

  1. Unlogik ist nur für Puristen ein Problem

    Unsere Alltagssprache, aber auch Redewendungen sind voller Unlogik und voll stark verkürzter Logik.
    Weil die Meisten aber Aussagen, die sie hören oder machen, einen Sinn geben wollen, stossen auf den ersten Blick unlogische Aussagen oder auch Kurz-Schlüsse das Denken des Zuhörers an.

    Ein gutes Beispiel ist: “Johann Mayer versteht nichts von Waffenlieferungen, weil er in Debatten Frauen unterbricht.”
    Ich bin wohl nicht allein, der diesen Schluss als an den Haaren herbeigezogen empfindet und der trotzdem versucht, diesem Satz einen Sinn zu geben. Eine mögliche Interpretation wäre: Johann Mayer zeigt in seinem Debattierverhalten gegenüber Frauen, dass er einer Aufgabe wie der, Waffen zu liefern, nicht gewachsen ist.
    Weiter ausgeführt, könnte man sich folgendes zusammenfanatsieren: Wer Frauen in Debatten unterbricht, besitzt nicht die nötige Diplomatie oder nicht das nötige Savoir-Vivre um eine so heikle Aufgabe wie die, Waffen zu liefern, erfolgreich zu bewältigen.

    Ob solche Spekulationen Sinn machen hängt stark vom Kontext ab. Als isolierter Satz betrachtet ist die Conclusio unzulässig, doch wer den weiteren Kontext kennt, wird dem Satz vielleicht sogar ohne weiteres zustimmen und die tiefere Wahrheit darin erkennen.

    Bei genauerer Betrachtung gibt es in fast allen Dialogen, die wir täglich führen oder denen wir zuhören, solche Verkürzungen. Sprache lässt ja auch vieles weg und das Weggelassene entsteht im Kopf des (informierten) Zuhörers.

    Es gibt zwei verwandte sprachliche Erscheinungen, die mit Schlussfolgerungen zu tun haben:
    Einerseits versucht wohl jeder Zuhörer/Leser Einzelaussagen in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Und dazu muss er implizit schliessen. Andererseits enthalten viele Aussagen auch schon Schlüsse und diese hinterfragt der Leser (mindestens ich tue das). Schlüsse eines Gegenübers zu hinterfragen lohnt sich oft, denn sie sagen etwas über das Denken und Fühlen der schliessenden Person aus. Mit anderen Worten: Was für den einen logisch ist, ist für den andern an den Haaren herbeigezogen oder es verrät sogar etwas über den Anderen.

    Das Spiel mit fehlender Information, mit Zweideutigkeiten und falschen Schlüssen findet sich auch im Humor.

    Sogar der Wikipedia-Eintrag zu Fehlschluss sagt etwas Wesentliches. Nach folgender Einleitung
    “Als Fehlschluss oder Trugschluss (lateinisch fallacia) oder Paralogismus bezeichnet man einen Schluss, bei dem die abgeleitete Aussage nicht aus den explizit angegebenen oder implizit angenommenen Voraussetzungen folgt. Dies bedeutet nicht sofort, dass die abgeleitete Aussage auch falsch ist”
    kommt er zu den interessanteren Aspekten:
    “Ein mit Absicht herbeigeführter Fehlschluss wird auch als Fangschluss, Scheinargument oder als Sophismus bezeichnet, ein unbeabsichtigter Fehlschluss wird auch Paralogismus genannt. Unbeabsichtigte Fehlschlüsse können psychologisch als Folge von bestimmten kognitiven Verzerrungen (engl. bias) erklärt werden oder durch Urteilsheuristiken, die in Sonderfällen nicht zum richtigen Ergebnis führen. “

    Damit kommen wir nun abschliessend zu den Schlüssen und Spekulationen, zu denen einen der obige Artikel verleiten kann und zwar zu den impliziten Schlüssen, nicht zu denen, die bereits im Text offen da liegen:
    Anlass für die Überlegungen des Autors sind Debatten im Internet, wobei die Einleitung uns (subtil) bereits auf das niedrige Niveau der Debatten und Debattanten einstimmt:
    “weiß nicht, ob Fehlschlüsse um sich greifen” …”lese viel im Internet, wo sich sehr viele Menschen rumtrieben, schreiben und kommentieren”

    Und dann kommt quasi der Stilbruch und der Autor tischt uns mehrere Fach- und Fremdbegriffe im Zusammenhang mit logischem Schliessen auf.

    Und der geneigte Leser zieht dann daraus beispielsweise folgenden Schluss:

    Der Autor hat sich geärgert über (unlogische?) Argumente, die vielleicht sogar ihm gegenüber aufgetischt wurden und nun wehrt er sich mit seiner Gelehrsamkeit.

    Schlussfolgerungen dieser Art machen alle interessierten Leser und Zuhörer. Lesen/Zuhören bedeutet immer auch verstehen wollen und verstehen wollen bedeutet schliessen. Und nicht alle Schlüsse sind gerechtfertigt oder streng logisch.

  2. danke!

    Während man bei Fachartikeln mit teils ungenauem Inhalt annehmen darf, dass dem Autor schlicht aus unwissenheit ein Fehler unterlaufen ist, was man einigermaßen leicht verzeihen kann, gibt es für eine anzunehmende bewusste Täuschung allerdings viele Beispiele bei anderen Berufszweigen zu beobachten:

    Dazu nenne ich mal bewusst Immobilienmakler, Auto- und Teppichverkäufer, sowie Politiker in einem Satz. ;-p

    Wahrheitsliebe ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr ein besonderes, pflegens- und schützenswertes kulturelles Gut. Darum: danke für diesen sehr schönen Artikel!

  3. Äquivalenz

    Ich habe manchmal den Eindruck, dass auf den letztgenannten Fehlschluss oft auch mathematisch gut gebildete Menschen hereinfallen. In der Mathematik wird im allgemeinen sehr viel mit Äquivalenzumformungen gearbeitet, bei denen eine Umkehrung tatsächlich erlaubt ist. Wenn Aussage A äquivalent zu B ist, ist auch B Äquivalent zu A. Das gilt natürlich bei wenn-dann-Beziehungen nur ausnahmsweise.

    Irreführend kann es auch sein, aus logischen Aussagen auf Ursachen zu schließen:
    “Wenn es regnet, ist die Straße nass.”
    stimmt, Der Regen ist die Ursache für eine nasse Straße.
    Die logisch richtige Umkehrung ist:
    “Wenn die Straße trocken ist, regnet es nicht”
    Logisch ist der Satz richtig, aber natürlich ist die trockene Straße dennoch nicht die Ursache für schönes Wetter. Sie ist nur ein notwendiges Kriterium.

  4. Korrektor

    Sorry, die trockene Straße ist natürlich ein hinreichendes aber nicht notwendiges Kriterium für keinen Regen. So wie der Regen ein hinreichendes aber nicht notwendiges Kriterium für trockene Straßen ist.

  5. Logik, Sprache und Wirklichkeit

    Natürliche Sprache hat eine viel engere Beziehung zur von uns erlebten Wirklichkeit als zur Logik.
    Die bekannten Syllogismen-Bücher machen aber oft Beispiele aus der “wirklichen Welt” und wecken dann den Eindruck, Logik sei gar nichts rein Formales, sondern habe eine enge Beziehung zur Wirklichkeit.
    Der Satz: “Wenn es regnet, ist die Straße nass.” kommt mir vor wie direkt aus einem einführenden Buch in die klassische Logik kopiert.
    Man muss sich aber bewusst sein, dass die Strasse, die hier erwähnt wird mit dem in der Sprache verwendeten Begriff “Strasse” etwa soviel zu tun hat wie der Begriff der geometrischen Linie mit der Begrenzung einer Wolke gegenüber ihrer Umgebung.

    Der Begriff der nassen Strasse macht im Zusammenhang mit Regen und logischem Schliessen nur dann Sinn, wenn wir an eine Strasse denken, die regennass werden kann. Doch eine Strasse durch einen Tunnel wird nicht regennass und ist trotzdem eine Strasse. Die Strasse im Logikbeispiel umfasst also bereits ein Subset von möglichen Strassen. Der Zusammenhang zwischen nasser Strasse un Regen erfordert weiterhin die Einheit von Ort und Zeit was Strasse und Regen angeht, da die gerade betrachtete Strasse nicht nass wird, wenn es anderswo regnet.

    Interessant ist ja, das die obigen Betrachtungen auch etwas mit Logik zu tun haben, dass sie aber über das abstrakte Schliessen in Syllogismen hinausgehen. Sprache und Denken umschliessen immer auch logische Operationen, jedoch nicht in der Reinheit, wie sie in den Syllogismen vorkommt.

    Es ist natürlich trotz der Alltagsferne sinnvoll sich mit klassischem logischen Schliessen zu beschäftigen, weil es eine sinnvolle Abstraktion ist genau so sinnvoll und wichtig wie die mathematische Abstraktion einer Linie.

    Die klassische Logik ist eines der vielen von den alten Griechen begründeten “Wissenschaften” mit klar abgegrenzter Fragestellung. Auch die systematische Beschäftigung mit Geometrie, die bereits zur axiomatischen Methodik führte, gehört in diesen Bereich. Die Abstraktion, die die klassische Logik vornahm war einer der grossen Schritte, die die moderne Wissenschaft vorbereitete.

  6. @Holzherr

    Der Satz: “Wenn es regnet, ist die Straße nass.” kommt mir vor wie direkt aus einem einführenden Buch in die klassische Logik kopiert.

    Das muss kein Zufall sein.

  7. @Joachim – Korrektor

    »So wie der Regen ein hinreichendes aber nicht notwendiges Kriterium für trockene Straßen ist.«

    Korrekt?

    (Nur weil es hier um strenge Logik geht…)

  8. Herr Holzherr, schön, dass Sie sich so ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Ich habe da allerdings einen Einwand:

    Es geht in meinem Beitrag nicht um Kaffeeklatschereien, Feuerzangenbowlen oder Touristengespräche.

    Die Fehlschlüsse, die ich aufgespießt habe, stammen noch aus der Antike, sie sind praktisch die Grundbausteine der Aussagenlogik – ein nicht wirklich komplexer oder besonders schwieriger Grundbaustein formaler Logik. Erfunden wurden sie, um Missverständnisse bzw. Paradoxien zu untersuchen. Im weiteren Verlauf, hauptsächlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts – entwickelten Philosophen und Mathematiker stringente künstliche Sprachen, die Missverständnisse und Paradoxien nicht nur beschreiben, sondern vor allem vermeiden suchten.

    Kaum jemand bezweifelt, dass die Ambiguitäten natürlicher Sprache Würze in unser Leben bringen. Sicherlich ist es auch manchmal schön, wenn wir uns erst lange Gedanken darüber machen, was der andere vielleicht gemeint haben könnte. Für mich ziehe ich nachfragen vor, da es Missverständnisse vermeidet.

  9. ad hominem vs. ad persona

    Ich habe schon mal eine genauere Unterteilung gesehen:
    Ad hominem: Argument, dass sich an die menschliche Konstitution richtet. Also an menschliche Bedürfnisse, Interessen, Wünsche, Wahrnehmungsverzerrungen oder ähnliches. In erster Linie an Gefühle.
    ad personam: Ein Argument, dass nur für eine bestimmte Person zündend ist, weil es sich auf seine persönlichen Einstellungen, subjektiven Ansichten und zuvor geäußerten Meinung als Prämisse bezieht.

    Andererseits wird es auch als rhetorisches Manöver behandelt, möglichst viele irrelevante Unterscheidungen zu machen…