Kriminale Vollüberwachung

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Wörter brauchen Gesellschaft.
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Nein, etwas Neues ist dauerhafte Vollüberwachung nicht. Zumindest in der Literatur, vor allem in dystopischen Thrillern, gehört es zur Grundaustattung, jederzeit und überall überwacht zu werden. So kreuzte 1998 Regisseur Tony Scott in Enemy of the State den Paranoia-Thriller The Conversation [1974, Francis Ford Coppola] mit Hitchcocks Version der 39 Steps zu einem seiner typischen Action-Reißer mit Werbespotästhetik.1

Der Zuschauer fand die ganze Überwachung selbstverständlich schrecklich und gefährlich und …

Aspekte

… hatte sie beim Bier nach dem Kinobesuch auch ganz schnell vergessen. War ja nur spannende Fiktion mit einem lieben, netten Will Smith, aus dessen Perspektive wir die Geschichte sahen. In Wirklichkeit werden nur Kriminelle, Terroristen und Turbanträger überwacht.

Der Blickwinkel des Zuschauers ist das wichtigste Mittel, mit dem ein Autor – ob Film, Roman oder TV – seine Rezipienten von etwas überzeugen kann. Der Anspruch des Werks spielt keine Rolle. Bei billigem Genre-Schund finden wir holzschnittartige Figuren, die eher mythisch daher kommen. Da wird der edle Ritter mit glänzender Rüstung aus mittelalterlichen Gesängen zum abgehalfterten Privatschnüffler mit speckigem Trenchcoat, der Drache zum irren Wissenschaftler und die Jungfrau … nun, die bleibt Jungfrau. Bis der abgehalfterte Ritter sie gerettet hat, dann ist sie sein Preis.

Je besser der Autor, je wertvoller das Buch, desto mehr haben wir es mit Charakteren zu tun, die sich nicht in Schwarz<->Weiß aufteilen lassen. Sie sind komplexer, weisen Grautöne auf, handeln auch mal moralisch fragwürdig. Sehen wir eine Geschichte aus ihrer Sicht, verstehen wir ihre Motive. Wir identifizieren uns auch mit ihnen, selbst wenn sie objektiv betrachtet verabscheuungswürdig sind. Prominenteste Beispiele der letzten Jahre: Walter White/Heisenberg aus Breaking Bad [Drogendealer und Mörder], Nucky Thompson aus Boardwalk Empire [Schnapsschmuggler und Gangster], Nicholas Brody aus Homeland [Terrorist und Verräter].

Visionen

Doch allgegenwärtiges Wissen über jeden Menschen stößt uns nicht immer auf. Vermutlich ist die Zahl von Geschichten, in denen wir sie gutheißen sogar größer, als die Zahl der Dystopien, in denen wir es schrecklich finden, dass Regierungsorganisationen uns in und auswendig kennen.

Schauen wir uns Krimis an, die kaum noch fürs Kino, sondern vorwiegend fürs Fernsehen produziert werden, ist die Überwachung wesentliches Ermittlungsinstrument. Die kreative Logik des klassischen Krimis á la Agatha Christie spielt kaum eine Rolle. Der Ermittler von heute zeichnet sich nur noch durch Hartnäckigkeit aus – und die Benutzung von Computern.

Die Jungs und Mädels vom NCIS rund um Jethro Gibbs haben innerhalb kürzester Zeit alle Informationen, die es zu einem Menschen gibt auf ihren Großmonitoren in allen Räumen. Sie verknüpfen Bundes-Datenbanken mit denen der Staaten, schöpfen private Datenzentren ab, haben jederzeit Zugriff auf jede Art von Videoüberwachung, zum Teil in Echtzeit. Und wenn es sein muss, wird auch mal die Umlaufbahn eines Satelliten geändert, um Verdächtige auszuspähen.

Nicht anders sieht es in den übrigen High-Tech-Krimis aus. Ob im CSI– oder im NCIS-Kanon2, die Technik ist vorhanden, sie ist der realen einige Jahre voraus, und sie wird hemmungslos angewandt. Zum Vergnügen der Zuschauer, die sich seit über zehn Jahren sicher fühlen, weil integre Menschen wie Jethro Gibbs sie beschützen. Mit allem was er hat. Manchmal auch mit schärferen Verhörmethoden.

Schauen Sie sich die letzten James-Bond-Filme an, in denen die Zentrale des britischen Abwehrgeheimdienstes ein Fenster zur Welt ist. M und ihre Untergebenen stehen in Dauerverbindung mit Feldagenten, sie nutzen Straßenvideoüberwachung, Satelliten, Computernetze, um jederzeit Gegner und Freunde zu sehen. Klar ist auch, dass nur James Bond selbst und die übermächtigen Drachen dem kurzfristig entgehen können.

Resultate

Doch auch wenn es nicht um die Rettung der Welt vor den ganz, ganz Bösen geht, sondern um sehr private, dafür oft bizarre Gewalttaten, sind wir rundum geschützt. Castle ist in seiner Anlage eine Krimiserie klassischen Zuschnitts; wenn man so will, Murder She Wrote mit einem attraktiven, etwas verspielten Peter Pan als Titelfigur.

Zwar wird so getan, als wären es die verbundenen Eigenschaften klassischer und moderner Detektive – logisches Denken und Kreativität bei Castle, Hartnäckigkeit und Fußarbeit von Becket, der New Yorker Polizistin, mit der er zusammenarbeiten darf. In Wirklichkeit ziehen die Autoren einen deus ex machina nach dem anderen. Immer wieder finden sich Hintergrund, Details und Aufenthaltsorte von Verdächtigen in den Daten US-weit abgefragter Computernetze und Videoüberwachung [privat und öffentlich; vor allem überall!].

Nicht zu vergessen, womöglich am erschreckendsten, der direkte Zugriff auf jede Finanztransaktion sowie Einträge in Kriminal- und Justizakten, die gar nicht vorhanden sein dürften3

Die [Genre-]Literatur hat die Totalüberwachung schon lange akzeptiert. Sie ist dort kein Hirngespinst, sie ist kein Schreckgespenst, sie ist unwidersprochener Alltag.

Notes:
1. In Coppolas Thriller ist die Überwachung einerseits Realität, seine Hauptfigur installiert Wanzen, andererseits Einbildung – der Wanzenfachmann dreht sich selbst immer weiter in seine Wahnvorstellung hinein. Wie viele der 1970er Thriller bleibt am Ende Ambiguität darüber, ob es Paranoia ist oder Realität.
2. Zur Sicherheit: Die Serien dieser beiden Fiktionsuniversen haben nichts miteinander zu tun.
3. Nicht selten werden Daten aus Jugendverfehlungen oder eingestellten Prozessen genutzt.
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Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

5 Kommentare

  1. Castle ist vielleicht ein besseres Beispiel als CSI/NCIS. Der Ermittlungserfolg beruht ja meist auf der kreativen Verknüpfung der gewonnenen Daten zu einer phantastischen, aber in sich plausiblen Erzählung, die sich dann verifizieren lässt – dieses Denken in Geschichten ist die Qualität des Schriftstellers Castle. Dass dabei immer wieder Informationsfragmente aus Quellen auftauchen, die so eigentlich nicht zur Verfügung stehen sollten, ist wohl richtig. Aber das können wir auch unter Bemühen um Realismus verbuchen. – Ich sehe auch einen Unterschied zwischen Totalüberwachung und dem Castle-Schema, dass konkrete Hypothesen entwickelt werden müssen, die man dann aufgrund der vorratsgespeicherten Daten en detail nachvollziehen kann.

    Ähnliche Ambivalenz sehe ich auch bei James Bond: Die Stützung der Agententätigkeit auf Totalüberwachung wirkt dort auf mich durchaus dystopisch, zumal ja, wer es darauf anlegt – Held und Schurke – der Überwachung entgehen können. Totalüberwachung wird also als wirkungslos gegen schwere Verbrechen dargestellt. Mit ihrer Hilfe findet man Falschparker und Gelegenheitsdiebe.

    Ein weiteres Beispiel: Die Krimiserie Bones. Aufgrund wissenschaftlicher Errungenschaften löst die forensische Anthropologin (oder so) jeden Fall. Häufig findet man einmalige Blütenpollen an den Schuhsohlen der Verdächtigen und beweist damit, dass sie am Tatort, einem abgelegenen Sumpfgebiet, gewesen sein müssen. Diese Art “Allwissenheit” ergibt sich nicht aus Totalüberwachung, sondern aus (praktisch arkanem, aber theoretisch wissenschaftlichem) Wissen, das Verbrecher bei der Tat nicht beachten. Dagegen läuft der Diskurs über computergestützte Totalüberwachung seit einigen Staffeln eher so: Der Erzschurke ist ein skrupelloser Hacker, der alle digitalen Daten manipulieren und sogar die gerichtliche Wahrheitssuche auf diesem Weg überwältigen kann. Wenn die Ermittler versuchen, seinen Vorsprung auf diesem Gebiet gegen ihn einzusetzen, haben sie schon verloren, weil er das vorhersieht. Ihm ist also nur altmodisch (und im Übrigen unter Umgehung gesetzlicher Vorschriften) beizukommen.
    Die Serie stellt also eine Differenz zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis (gut) und technischer Überwachung (böse, manipulationsanfällig) heraus. Sympathisch.

  2. Was denkbar ist, ist möglich.
    Die fiktionale Literatur lebt davon.

    Philip K. Dick hat hier formuliert und verkauft, die Judge Dredd- wie die Superman-Comics sind unvergessen und die Zombie-Filme benötigen ebenfalls diese Voraussetzung.

    Fiktionale Literatur ist wichtich, Terry Pratchett, den großen Gegenwartsphilosophen nicht zu vergessen, abär:
    Es wird hier auch viel Blödsinn produziert, gerade im Überwachungskontext, denn letztlich müssen immer welche händisch ran, wenn es gilt Nachrichten zu interpretieren.

    Das, was sein kann, ist nur ein weiterer Ratgeber, auch Sie, Herr Haasis, Sie sind Werbetexter, gell, können nur Mögliches aufzeigen.

    MFG
    Dr. W

  3. Das meiste was uns in den TV-Serien vorgesetzt wird sind Weiterentwicklungen von bekannten Genre. Also die Detektivstory, wo die Untersucher aber die heutigen technischen Mitteln einsetzen oder der Einsatz von moderner Forensik wo Nanospuren ungeahnte Hinweise geben. Meist ist die Tat schon passiert, nun wird aufgeklärt. Der Zuschauer wird damit gar nie mit problematischen Aspekten von Big Data konfrontiert. Vor allem deshalb nicht, weil immer eine gute Absicht besteht, nämlich die Aufklärung eines Verbrechens.
    Was also noch fehlt ist eine Serie, in der die andere Seite gezeigt wird. In der gezeigt wird, wie Daten missbraucht werden um jemanden zu schaden oder um selber einen ungerechtfertigten Vorteil zu erlangen. Offensichtlich fehlt es an Fantasie bei denen die sich solche Formate ausdenken.

    • “Offensichtlich fehlt es an Fantasie bei denen, die sich solche Formate ausdenken.

      …sie kennen nicht die schon vorhandene Realität. Oder sie haben schon ein Redeverbot, wie Kirsten Baumbusch im Spektrumblog von einer Spektrumredakteurin berichtet.

    • Was also noch fehlt ist eine Serie, in der die andere Seite gezeigt wird. In der gezeigt wird, wie Daten missbraucht werden um jemanden zu schaden oder um selber einen ungerechtfertigten Vorteil zu erlangen.

      Judge Dredd hat es so erwischt, die Fälschung oder Manipulierbarkeit von Daten zieht sich sozusagen durch die SciFi, bei Dick feststellbar, in “Raumschiff Enterprise”, wir erinnern uns an Misfunktionen von Computern generell und auch bei Pratchett gab es dbzgl, Ansage, wir erinnern uns an “Hex”.

      MFG
      Dr. W