Immer dasselbe, aber anders: Serien und Archetypen

Vier Tulpen derselben Art in drei unterschiedlichen Farben.Die serielle Erzählweise erlebt in den letzten 10 Jahren einen Aufschwung, das Fernsehen setzt zu immer neuen Höhenflügen an und selbst der Kinobesucher muss sich darauf einstellen, jahrelang durchzuhalten, bis eine Geschichte ihren Abschluss erreicht. Doch so ganz neu ist das Phänomen nicht.

In den 1960ern drehten Studios in Japan und Europa Unterhaltungsware am laufenden Band. Die Briten trugen damals ihre grossen Reihen bei, darunter James Bond, Doctor Who und Carry on. Aus Deutschland sind bis heute Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme beliebt, italienische Gladiatoren/Herkules-Filme und Western füllten eine Zeit lang die privaten TV-Kanäle, spanischer Horror lief in den Spätprogrammen, japanische Monsterschinken unterhielten die Kinder am Vormittag.

Zatoichi

Vor einiger Zeit erwähnte ich die Zatoichi-Reihe, eine japanische Filmserie um einen blinden Yakuza. Wie James Bond startete sie 1962 auf der Leinwand. Hauptfigur ist ein im Kindesalter erblindeter Masseur, der durch die Provinzen zieht, dem Glücksspiel zugeneigt ist – und der ein besonders guter Schwertkämpfer ist. Sein unauffälliger Bambusstab enthält ein besonders scharfes und robustes Schwert, das er blitzschnell ziehen und führen kann:

[H]e would have somebody throw a small bucket or some such thing into the air. The moment it started to fall, you could hear the clank of his sword returning to its sheath. Impossible to say when he had drawn the sword or when he had made the slash, but the bucket would fall to earth with a clatter, sliced in two down the middle. By then, his sword was sheathed […]1

Die Filmfigur hat bis auf wenige Attribute wenig mit dem literarisch-historischen Vorbild zu tun, wie Kan Shimozawa es in seiner Skizze beschreibt. Der Name ist gleich, beide sind blind, beide sind Yakuza, beide Meister des Schwertes. Die Filme bauen darauf auf, fügen den Masseur-Job hinzu2. Je nachdem, was der Plot eines Films benötigt, werden weitere Aspekte eingeführt oder vergessen. Am Ende des ersten Films lässt Zatoichi sein Schwert mit einem toten Gegner vergraben, hat es aber im zweiten wieder. Im Duell am Ende des vierten Films wird sein Schwert zerbrochen, taucht im nächsten wieder auf. Beide Male ohne Erklärung. Die Legende, die im fünfzehnten Film über das Schwert gesponnen wird, passt nicht zu den Ereignissen, die wir vorher [und danach] sehen.

Bereits der literarische Zatoichi zeigt Superheldenfähigkeiten, die Short Story selbst behandelt allerdings weder die Figur noch seine Umstände in einer fantastischen Erzählung. Er ist kein Superheld, sondern nur ein etwas aussergewöhnlicher Vollstrecker. Seine Geschichte ist ganz menschlich – das finden wir in den meist romantischen Subplots der Filme wieder –, die Darstellung des Umfeldes bleibt realistisch.

Die Filme zeichnen die Hauptfigur eher wie einen Racheengel, der die Ungerechtigkeiten gegen arme, junge, verliebte Menschen bekämpft, die Ungerechten ihrer wohlverdienten Strafe zuführt. Stilistisch wird das mal mehr, mal weniger konsequent umgesetzt. Gerade die ersten beiden Filme bleiben dem Realismus treu3.

James Bond

Die Zatoichi-Filme waren in Japan so erfolgreich, dass zwischen 1962 und 1973 fünfundzwanzig gedreht wurden, danach gab es – weiterhin mit Shintaro Katsu, der auch produzierte – eine TV-Serie, die es auf 100 Folgen brachte, 1989 noch einen Kinofilm mit Katsu.

Damit steht der japanische Filmheld seinem britischen Cousin James Bond an Langlebigkeit kaum nach, wenn auch sein Einfluss weltweit sehr viel geringer ist. Wie Zatoichi ist auch Bond eher oberflächlich und dehnbar definiert: Er ist ein amtlich bestellter Mörder, der – wiederum ist dies in den Romanen und Kurzgeschichten deutlicher als in den Filmen – seltsame Vorkommnisse untersucht, sofern sie eine Bedrohung für Grossbritannien bzw. die westliche Welt darstellen könnten.

Wesentliche Merkmale: männlich, Frauenheld, sportlich, unzerstörbar. Je nachdem, was der Plot eines Films benötigt, werden weitere Aspekte eingeführt oder vergessen. Auch James Bond kommt uns weniger als weltweit agierender Polizist entgegen, denn als Racheengel. Seine Lizenz zum Töten wird zwar immer wieder offen thematisiert, aber selten eingesetzt. Um jemanden zu töten, braucht Bond meist eine Entschuldigung – Selbstverteidigung, auch provozierte wie bei Karl Stromberg, oder Rache, die dem Zuschauer als Strafe verkauft wird.

Zu den Konventionen eines Bond-Films gehört daher der Opfertod4. Eine sympathische, aber unschuldige Figur wird Bond früh im Film an die Seite gestellt, um üblicherweise vor der Hälfte des Films zufällig oder absichtlich getötet zu werden. Aus einem offiziellen Auftrag wird damit eine persönliche Angelegenheit, Bond geht auf Rachefeldzug.

Sherlock Holmes

Aber serielle Literatur ist noch älter. Im 19. Jahrhundert gab es den Fortsetzungsroman in Zeitschriften ebenso wie die Subskription grösserer Textwerke. Daneben stehen kürzere Erzählungen und Kurzgeschichten, die sich besonders erfolgreich verkauften, wenn die Leser bekannte Figuren trafen, z.B. Sherlock Holmes.

Er ist die älteste literarische Figur unseres Trios5 und vermutlich die bekannteste. Zuerst aufgetaucht in einem Roman 1887, untersuchte er sich durch 56 Short Stories und weitere drei Romane. Das sind nur die Originalgeschichten A.C. Doyles, hinzu kommen unzählige Adaptionen, die sich oft nur der Figuren bedienen.

Wie Zatoichi und James Bond ist Holmes weniger menschlicher Charakter als ein Superheld mit kleinen Schwächen. Durch den Kunstgriff, ihm einen normalen Menschen zur Seite zu stellen – Dr. Watson, ein kompetenter Mediziner mit militärischem Hintergrund, anders als in vielen Adaptionen kein Dummkopf –, kann er übermenschlich gestaltet werden, ohne Leser abzuschrecken. Watson ist ihre Identifikationsfigur, Holmes das Ideal, das nicht erreicht werden kann.

In Serie

Alle drei Figuren tauchen in vergleichsweise langen Serien auf, sowohl gedruckt wie gefilmt. Dabei wird jeweils die wesentlich immer gleiche Geschichte mit kaum variierten Figuren erzählt. Bond, Holmes und Zatoichi ändern sich nur soweit, als eine Fähigkeit oder ein Hintergrund für den Plot benötigt wird. Selbst Tod oder Änderung des Erscheinungsbildes einer Figur sind nicht von Dauer – Sherlock Holmes hat viele Gesichter, genau wie James Bond. Holmes starb, um wieder aufzuerstehen, weil Leser und möglicherweise Bankkonto es so wollten.

Geringe Variation bei Plots und Handlungsablauf werden auch vom Publikum verlangt, niemand möchte jedes Jahr denselben Bond-Film sehen, in dem ein grössenwahnsinniger Geschäftsmann seine Finanzen auf ewig saniert, indem er Goldvorräte radioaktiv verstrahlt. Unter inzwischen 23 Bond-Filmen gibt es wenige, die sich aus der sicheren Plot-Zone heraus bewegen: Ein grössenwahnsinniger entwickelt einen kriminellen Plan, der die Sicherheit Grossbritanniens bzw. der Welt gefährdet. Der britische Geheimdienst wird darauf aufmerksam und schickt 007 los, was dagegen zu tun. Der erlebt dabei den Tod einer Freundesfigur und muss eine schöne Frau aus den Klauen des Bösen befreien. Dabei rettet er nebenher die Welt.

Setzen Sie statt ‘Böser’ ‘Drache’ ein, machen sie aus der schönen Frau eine schöne Jungfrau, vielleicht die Prinzessin, und aus GB/der Welt ein Königreich und sie haben eine Rittergeschichte, die um den Heiligen Georg, Schutzpatron Englands. Übrigens ein Soldat.

Zu Sherlock Holmes kommt jemand mit einem Rätsel, das der Person oder der Familie grosses Ungemach bereitet – mögliche Hinrichtung für Mord z.B. Holmes und Watson schauen sich die Spuren an, es wird [mindestens] eine falsche Lösung präsentiert. Am Schluss rettet Holmes durch die richtigen Schlüsse den Tag.

Japanese TeahouseZatoichi kommt in ein Dorf, das Probleme hat, weil mehrere Gruppen Yakuza, manche mit Hilfe japanischer Offizieller sich bekriegen. Dazu gibt es meist ein Liebespaar, das nicht zusammen sein darf. Ein Merkmal Zatoichis ist es, auf der Flucht vor Yakuza, Ronin und jungen Männern zu sein, die sich an ihm rächen oder durch einen Sieg über ihn berühmt werden wollen. Er erleidet persönliche Erniedrigung, wird verprügelt und gefoltert, um am Ende siegreich, aber einsam weiter zu ziehen.

Manchmal versuchen die Macher von diesen Schemata abzuweichen, was vom Publikum bestenfalls nach Jahren goutiert wird. Besonders ausgeprägt ist das bei James Bond, bei dem bereits ein neuer Darsteller eine Stolperfalle ist. Allerdings gehen die Produzenten auch mehr Risiken ein als die der Zatoichi-Serie, die im Jahr mehrere Filme raus brachte, weniger Geld pro Film verbrannte.

In a bid to do something a bit different, star Shintaro Katsu and ddirector Kazuo Ikehiro brought in filmmaker Kaneto Shindo […] to write a script about Ichi doing penance for those he has killed by making a pilgrimage to eight-eight temples. However, the head honcho at [the studio] kept them from going too far in an unorthodox direction. The Zatoichi films at this point were the studio’s bread and butter, a guaranteed income stream that needed to be left relatively untampered with.6

Leser und Zuschauer wollen zwar Variation, sie bleiben aufmerksam und treu, solange Autoren ihnen zeigen, dass die erwarteten Konventionen erfüllt werden, ohne in Details und Erzählweise zu vorhersagbar zu sein. Weichen Serien von den Konventionen ab, straft das Publikum sie.7 Ian Fleming versucht mit The Spy Who Loved Me etwas ganz Neues, ein James-Bond-Roman aus der Sicht der zu rettenden Jungfrau. Das kam nicht gut an.

Literarisch bedeutet das Stillstand, Autoren arbeiten nur noch an Gimmicks, nicht an Figuren. Die einzelnen Geschichten einer Serie sind nur oberflächlich verbunden, untersuchen nicht Auswirkungen von Geschehnissen auf die handelnden Personen. Eine Entwicklung findet nicht statt, mit Beginn der nächsten Geschichte stehen auch die verbindenden Figuren wieder bei Null.

Kulturelles Phänomen

Variationen von Archetypen, speziell des wandernden Helden, eignen sich hervorragend als Zentrum einer Serie, teilen sie dem Publikum von Anfang an mit, was sie zu sehen bekommen. Richtig angelegt und von guten Schreibtechnikern bearbeitet funktionieren universell simple Unterhaltungsfigur als moderne Archetypen, als Integrations- und Identifikationsfiguren.

Sherlock Holmes überdauert in verschiedenen Inkarnationen und Interpretationen seit dem Höhepunkt des Viktorianischen Zeitalters. James Bond war altmodischer Auswuchs des Kalten Krieges, er kämpfte gegen Nazis und Kommunisten – da war nichts ironisch, es ging um die Freiheit, wie England und die USA sie verkörperten.

Obwohl Zatoichis Abenteuer in einer Vorhöllenversion der 1840er spielen, einem unruhigen Jahrzehnt, in dem die Regierung sich immer weniger durchsetzte, ist er die universellste der drei Figuren. Sein Kampf ist der des kleinen Mannes, des Armen, der sich gegen die Reichen, die Mächtigen und die Obrigkeit durchsetzen muss. Er kämpft für die von der Gesellschaft zurückgelassenen, er kämpft für die ausgepressten Bauern, besonders deutlich in Zatoichi the Outlaw von 1967:

Zatoichi stories are always told from the viewpoint of the downtrodden, but this one has probably the most openly political tone of the series […]8

Dekonstruktionen, am besten in Form von Parodien, legen die Konventionen dieser Geschichten offen. Dabei nehmen die besseren ihre Vorlage ernst, spielen aber mit dem Publikum, seinen Erwartungen und seiner Haltung.

Dekonstruktion und Parodie

Die Figur des James Bond ist inzwischen so weit verständlich, dass die Parodie innerhalb der Serie stattfindet. Roger Moore spielt James Bond von vorneherein als Persiflage, er zwinkernd dem Publikum ständig zu: ‘Nimm das nicht so ernst, ist nur Film.’9

Zwar war dies in der Serie bereits seit Goldfinger angelegt, aber erst mit Moore wurde es zur Konvention; Connerys Bond bleibt ein ernster Bond, selbst wenn er Sätze sagt, die nur als Selbstpersiflage Sinn machen [‘You must be joking.’]. Heute beschweren sich Kritiker und Zuschauer, weil der Daniel-Craig-Inkarnation dieser parodistische Humor abgeht.

Eine interessante Parodie auf den Sherlock-Holmes-Mythos legten R.A. Stemmle und Karl Hartl 1937 mit Der Mann, der Sherlock Holmes war vor: Zwei erfolglose Detektive benutzen den zu jener Zeit festgelegten Habitus von Holmes und Watson, werden für die beiden gehalten und geraten dadurch in einen Kriminalfall, der für sie vor Gericht endet. Als running gag sehen wir immer wieder einen Mann, der Hans Albers [als “Holmes”] im Habitus ähnelt. Er rettet am Schluss die beiden Hochstapler vor dem Gefängnis, da sie gar nicht betrügen konnten, gäbe es doch gar keine echten Holmes & Watson, sie seien nur literarische Figuren, die er, Arthur Conan Doyle, sich ausgedacht hätte.

Etwas Ähnliches macht Takeshi Kitano 2003 in seinem Remake/Reimagining/Revival Zatoichi. Fast zwei Stunden hält sich der Film an die etablierten Konventionen, um sie zum Schluss komplett zu unterlaufen. Shintaro Katsu, der Ichi in 26 Filmen und 100 TV-Episoden spielte und so fest mit ihr verbunden ist, dass die beiden kaum zu trennen sind, war selbst  nicht sehbehindert. Kitano bemüht sich, Ichi so darzustellen, wie Katsu es tat, er nimmt dessen Bewegungen und Manierismen auf.

Für das letzte Duell öffnet er die Augen und überrascht seinen Gegner wie die Zuschauer mit seiner intakten Sehfähigkeit. Er dekonstruiert die Künstlichkeit der Figur völlig: Der blinde Masseur, der besser mit dem Schwert kämpft als alle Sehenden, wird von einem Sehenden gespielt.10 Die folgende Bollywood-ähnliche Tanznummer unterstricht die Wendung.

Erzählerisches Universum

Ich benutze in diesem Beitrag die Begriffe ‘Reihe’ und ‘Serie’ synonym. Die Werke, um die es geht, folgen alle dem Reihenmuster: Die Geschichten hängen nur sehr lose zusammen, eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt, die Filme/Romane/Stories folgen in der jeweiligen Serie derselben Struktur, es gibt feste Konventionen, aber kaum festes Personal.

Wir kennen im deutschen Fernsehen die Reihe, bei der Filme ohne Zusammenhang unter einem Obertitel laufen, z.B. Tatort oder [im dokumentarischen Bereich] Terra X. Davon hebt sich die Serie ab, in der die gleichen Hauptfiguren regelmässig Abenteuer erleben. Diese gibt es als monster/case-of-the-week [z.B. Magnum P.I.]und als fortlaufende Geschichte [u.a. Breaking Bad]. Selbstverständlich gibt es Zwischenformen [wie Mad Men, Doctor Who].

Neben den immer anspruchsvoller erzählten TV-Serien aus den USA, dem UK oder skandinavischen Ländern, finden wir auch im Kino mehr Serien. Während Sherlock Holmes, James Bond, Zatoichi oder die immer gleichen Figuren mit neuen Namen der Carryon-Filme dem Reihenschema folgen, sind neuere Film-Serien episodisch aufgebaut. Harry Potter, Twilight, The Hunger Games, Lord of the Rings, The Hobbit bedingen für das volle Verständnis, alle Filme der jeweiligen Serie anzuschauen. Das geht so weit, einzelne Geschichten, die in sich geschlossen sind, aufzubrechen und weiter zu serialisieren.

Kritiker sprechen hier bereits von eigenen Universen, die mit neuen Inhalten gefüllt werden können. Der Begriff kommt dabei aus der Superhelden-Comic-Welt, wo er für Marvel- und DC-Titel schon sehr lange angewandt wird. Vergessen wir nicht, dass auch der realistischste Roman immer eine What-if-Geschichte darstellt, ein eigenes Universum baut.

Das Marvel-Universum sprang auf die Leinwand, wurde dort zu einem neuen, dem Marvel Cinematic Universe, und wir müssen jetzt damit leben, dass alle Studios versuchen, über serielle Erzählweise ein Stammpublikum an sich zu binden.11 Es ist ein Wunder, dass es so lange gedauert hat, bewiesen doch die oben besprochenen [Film-]Serien, wie profitabel so ein Unternehmen ist.

Kontinuität

Ein Problem, dass viele Fans haben, ist die Kontinuität bzw. deren Fehlen. Wie weiter oben bereits mehrfach angemerkt, spielt das bei nur vage zusammenhängenden Serien kaum eine Rolle. James Bond ist immer Mitte 30, auch wenn die Darsteller doppelt so alt sind. Sherlock Holmes kann von ganz unterschiedlichen Schauspielern wie Basil Rathbone, Benedict Cumberbatch, Jeremy Brett, Peter Cushing, Robert Stevens, Christopher Lee oder Roger Moore gespielt werden. Das alles war nie ein Problem – bis vor einigen Jahren.

Sicher, Holmes gab es zwar auch in Film- und TV-Serien ein und derselben Kontinuität, d.h. desselben Studios, derselben Macher, mit denselben Schauspielern. Auch in diesen gab es keine übergreifenden, verwobenen Handlungsstränge, die m.W. erst in die aktuelle Adaption der BBC von Steven Moffatt und Mark Gatiss Einzug hielten. Die Autoren sind hier selbst Teil der ersten Generation Nerd, langjährige Fans, meist von Kindheitsbeinen an, die sich jetzt austoben können.

Ihre Zuschauer sind wiederum Nerds der zweiten Generation, denen oft Details wichtiger sind als der Geist der Geschichten und Figuren. Kombiniert mit der Idee, dass die Fiktion, vor allem, wenn es realistisch erzählt wird, in unserer Realität stattfindet, entsteht ein Literalismus, der kaum Interpretationen von Figuren und Geschichten zulässt. Besonders schlimm – oder lustig, je nach eigener Verfassung – wird das bei Fantasy und Superhelden-Filmen.

Ein aktuelles Beispiel, bei dem es massive Kritik gibt, bevor der Film überhaupt fertig war: Johnny Storm, die Human Torch der Fantastic Four, wurde mit einem schwarzen Schauspieler besetzt. Riesenaufreger. Die Argumentationslinie dagegen war erst ‘Johnny und Sue sind Geschwister, wie können die verschiedener Hautfarbe sein!’ Das ist sehr einfach zu entkräften, also ging man weiter und meldete jetzt die 50-jährige Tradition der Comic-Serie an.

Das ist eine sehr schwache Grundlage, mit der nur noch eine rein illustrative Adaptionen möglich wären – war immer so, muss immer so sein.12 Natürlich würden sich dann alle beklagen, wie langweilig und uninspiriert Film oder TV wäre.

Notes:
1. Kan Shimozawa, The Tale of Zatoichi, übersetzt von Juliet Winters Carpenter. Zu finden in Criterions Blu-ray/DVD-Set der Zatoichi-Filme.
2. Blinde standen in der japanischen Gesellschaft zu jener Zeit – den 1840ern – ganz unten. Um Geld zu verdienen, konnten sie als Strassenkünstler und Musiker oder als Masseure arbeiten.
3. Auch wenn die Wahl für Schwarzweiss statt Farbe eher dem Geld geschuldet ist.
4. Ehre, wem Ehre gebührt. Ich meine, ich hätte diesen Begriff von Michael Scheingraber, der ihn in seinem Buch Die James-Bond-Filme, 1979, Goldmann, München verwendet.
5. Die historische Figur Zatoichis ist, sofern Kan Shimozawa uns nicht veralbert, einige Jahrzehnte älter, allerdings erst etwa 100 Jahre nach seiner Zeit literarisch verewigt worden. Die Skizze Shimozawas erschien 1948.
6. Kurzessay von Chris D. zum Film im Booklet der Zatoichi-Blu-ray-Box von Criterion, 2014.
7. Um diese Erkenntnis entwickelte Brian Boyd eine Evolutionstheorie von Geschichten: Brian Boyd, On the Origin of Stories – Evolution, Cognition, and Fiction, The Belknap Press, Cambridge/MA, 2009.
8. Kurzessay von Chris D. zum Film im Booklet der Zatoichi-Blu-ray-Box von Criterion, 2014.
9. Gerade passend: diese Expertenrunde bei The Digital Bits über Moores letzten Bond-Film.
10. Möglicherweise auch Kritik daran, dass Menschen mit Behinderungen selten von echten Behinderten gespielt werden.
11. Bei George Lucas’ Star Wars war der Weg umgekehrt: Erst die Filme, dann ein Extended Universe mit Romanen, Kurzgeschichten, Comics.
12. Auch Diskussionen um Game of Thrones sind ein steter Quell verärgerten Amusements.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gar nicht so schlecht ist die Holmes-Variante “Elementary” (mit Lucy Liu als weiblichem Watson) , leider geschwächt durch die in einzelnen Folgen dargestellte Verherrlichung von Selbstjustiz , eine regelrechte Krankheit , die -auch gute- amerikanische Serien befallen hat.

  2. Es gibt noch eine ältere und (sofern man die Zatoichi-TV-Serie nicht mitzählt) ähnlich umfangreiche japanische Reihe, nämlich die um den einäugigen und einarmigen Schwertkämpfer Tange Sazen. In dieser vermutlich vollständigen Liste werden immerhin 37 Filme aufgeführt, und einige Filme mit einem weiblichen Sazen (ONNA SAZEN) sind da noch gar nicht berücksichtigt. Sehenswert und auf DVD erhältlich ist TANGE SAZEN: THE MILLION RYO POT, einer der drei überlebenden Filme des sehr talentierten und jung verstorbenen Sadao Yamanaka. Die Dekonstruktion in Form von Selbstparodie ist in diesen Film bereits eingebaut.

    Connerys Bond bleibt ein ernster Bond, selbst wenn er Sätze sagt, die nur als Selbstpersiflage Sinn machen

    Das gilt aber nicht mehr für NEVER SAY NEVER AGAIN. Wenn Bond seinen eigenen Urin als Verteidigungswaffe benutzt, dann ist es um die Ernsthaftigkeit geschehen.

    Das Heckmeck um einen schwarzen Superhelden ist schon etwas peinlich. Einen schwarzen Bond hatten wir zwar auch noch nicht, aber immerhin einen schwarzen Felix Leiter, und einen weiblichen M. Und schon diverse schwarze Wotans auf Opernbühnen …

    Die Dekonstruktion ist sicher bei Sherlock Holmes am weitesten fortgeschritten. Neben dem wirklich wunderbaren DER MANN, DER SHERLOCK HOLMES WAR hatten wir etwa schon einen möglicherweise schwulen Holmes (DAS PRIVATLEBEN DES SHERLOCK HOLMES von keinem Geringeren als Billy Wilder), einen kokainsüchtigen Holmes, der sich nach Wien absetzt, um sich von Sigmund Freud behandeln zu lassen (KEIN KOKS FÜR SHERLOCK HOLMES), oder gar einen Dr. Watson, der der wahre Kriminalist und Intelligenzbolzen ist, während Holmes nur ein von Watson vorgeschobener Strohmann ist, der von einem verkrachten Schmierenschauspieler dargestellt wird (GENIE UND SCHNAUZE). Da kommt selbst die erste Version von CASINO ROYALE nicht mit.

  3. interessanter Artikel, ich denke es ist wahr, dass Menschen gerne die gleichen Handlungsabläufe in Filmen bzw. Serien sehen. Sonst könnte kaum in jeder beliebigen Krimiserie bzw. Film erst ein möglicher Bösewicht gezeigt werden, welcher es am Ende dann nicht ist. Denn der Anfangs so nette Nachbar/Arzt/Taxifahrer etc. wars.

    Allerdings gibt es auch Filme, die von bestimmten Erzählmustern abweichen und trotzdem sehr erfolgreich sind. Einfallen tun mir da z.B. der Film Memento, welcher die Geschichte Rückwärts erzählt sowie die Serie True Detective, die eine sehr langsame Erzählweise besitzt und den Spannungsbogen erst nach ca. 3 Folgen beginnt aufzubauen und auch dies sehr langsam tun. Nichtsdestotrotz sind beide genannten Beispiele sehr erfolgreich.