Ausgesprochen Original

BLOG: Con Text

Wörter brauchen Gesellschaft.
Con Text

Es soll nicht wenige Menschen geben, die mit Shakespeare nichts anfangen können. So manch einer denkt an längst vergessenes Englisch, glaubt gar bei Old English1 handele es sich um das, was der gute William nieder schrieb. Ist natürlich nicht so, er schrieb frühes modernes Englisch. Das sieht manchmal anders aus als heutiges modernes Englisch, und es klingt oft anders.

Leider gab es zu Zeiten Elizabeth I. und James I. keine Tonaufzeichnungsgeräte. Trotzdem wissen wir, wie damals gesprochen wurde. Das verdanken wir dem glücklichen Umstand einer fehlenden standardisierten Rechtschreibung – sowie Dichtern, die sich eh einen feuchten Kehricht darum kümmern, wenn Normen ihren Rhythmen und Reimen und Metaphern und Wortwitzen im Weg stehen.

Sprachnörgler sind stolz darauf, eine konservative Rechtschreibung und Grammatik vor den korrumpierenden Einflüssen von was auch immer ihnen in den Sinn kommt zu schützen. Bloß keine Änderung! Bloß keine Anpassung an Lautung!

Der Vorteil einer freien Schreibung wird klar, sieht man sich an, was David Crystal mit seinem Projekt Shakespeare in OP, Shakespeare in Originalaussprache, schafft. Er und einige andere, u.a. Shakespeare’s Globe, nutzen z.B. verschiedene Schreibweisen eines Wortes, um dessen Phonetik zu erschließen. Mehr dazu von ihm selbst und seinem Sohn im unten verlinkten Video.

Ein Aspekt, den er in einem Blogbeitrag erläutert, fasziniert mich besonders. Er wurde gefragt, wie denn bestimmte Ortsnamen ausgesprochen werden, jene, deren Aussprache sich heute signifikant von deren Schreibung unterscheidet:

In the First Folio, Gloucester is spelled in three ways: as Gloucester (33 times), but much more often as Glouster (38), and Gloster (109).

Im Video machen die Crystals klar, dass die originale Aussprache nicht nur eine linguistische oder geografiehistorische Spielerei ist, sondern erhebliche Auswirkungen auf das Textverständnis hat.

David und Ben Crystal erklären ferkelige Witze in Shakespeares Stücken

 

Quellen zu OP:

http://www.davidcrystal.com/

http://originalpronunciation.com/

http://www.pronouncingshakespeare.com/

http://shakespeareontoast.blogspot.com/

http://www.bencrystal.com/

Notes:
1. Zur Einordnung: OE war das Englisch der angelsächsischen Besatzer der britischen Inseln, ca. 500-1066. Bekanntestes Werk in dieser Sprache ist Beowulf. Mit der normannischen Besiedlung verändert sich die Sprache zum Middle English; Geoffrey Chaucers Canterbury Tales sind in einem ME-Dialekt verfasst.
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Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

1 Kommentar

  1. Sprachnörgeleien

    Ich gebe es zu, auch ich mache mich manchmal der Sprachnörgelei schuldig.
    Ich ärgere mich, wenn Sprecher, Moderatoren und Reporter in den audiovisuellen Medien falsche Sprachbilder aufbauen, Redewendungen falsch verwenden (es brennt nicht unter sondern auf den Nägeln) und Wörter in einer Weise nutzen, aus der ersichtlich wird, dass sie eigentlich keine Ahnung von ihrer Bedeutung haben.
    Vor allem aber habe ich Probleme, wenn ich manche Beiträge in verschiedenen Foren oder E-Mails lese. Da wird die Zeichensetzung oft als unnötig angesehen und die Groß- bzw. Kleinschreibung kreativ ignoriert. Man spart sich dabei ja auch die Mühe, die Shift-Taste zu drücken. Der nächste konsequente Schritt wäre, auch die Leerzeichen zwischen den Worten auszulassen. Es würde eine Menge Zeit sparen.
    Ich habe kein Problem damit, Sprache kreativ einzusetzen, neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Dabei darf aber nicht die Verständlichkeit auf der Strecke bleiben – das gebietet, finde ich, schon der Respekt vor dem Gegenüber, mit dem man kommuniziert.

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