Altes wiederentdecken

Vermutlich kennt der eine oder andere Leser die Wayback Machine, auch als Internet Archive bekannt. Vielleicht haben Sie schon einmal eine ältere Fassung eines Blogartikels dort gesucht, eine, die einen eklatanten Fehler dokumentiert, der später vom Autor heimlich, still und leise entfernt worden war. aber das ist  nicht das einzige, was Sie dort finden, nicht einmal das Interessanteste.

Professor Smith bewundert die von ihm gefundene Statue der Aphrodite.Ebenso wie Bücher, die dort auch zu finden sind, haben Filme und Musik Urheber- und Nutzungsrechte, die irgendwann ablaufen. Das kann manchmal viel komplizierter sein, da mehr als ein Schöpfer dran beteiligt ist. Wer z.B. ist der Urheber eines Spielfilms, nach dessen Tod – einige Jahrzehnte danach – ein Werk gemeinfrei wird? Der Regisseur, der Produzent, die Drehbuchautoren? Was ist mit dem Kameramann, der für die Lichteinrichtung verantwortlich ist? Oder den Schauspielern?

Zum Glück ist das früher in den USA etwas einfacher gewesen, als es nicht nur kürzere Laufzeiten der Rechte gab, sondern auch eine Anmeldung bei einer Behörde dafür nötig war.1 Ich hatte in einem Beitrag nebenbei George A. Romeros Night of the Living Dead erwähnt, der schon länger Public Domain ist, somit von diversen Distributoren ausgeschlachtet werden kann, obwohl die Beteiligten noch nicht einmal tot sind2. Dort wurde vom ursprünglichen Vertrieb schlicht das Copyright-Zeichen auf dem Print vergessen.

Professor Smith und Nazi-General Graum unterhalten sich über britische Literatur und englischen Humor.Zurück zum Internet Archive. dort finden Sie neben Büchern und Musik in der Public Domain eben auch Filme, die keinen Schutzstatus mehr haben. Man kann sie dort direkt anschauen oder runterladen. Dabei handelt es sich nicht nur um irgendwelche Nischenwerke, die Autoren von sich aus der PD übergeben, weil sie sonst keiner sehen oder hören möchte, sondern teils um Klassiker und Meisterwerke.

Was halten Sie z.B. von einem Film, für den der Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw den Academy Award [‘Oscar’] erhielt? Er schrieb das Drehbuch nach seinem Theaterstück Pygmalion; der Film wurde von Anthony Asquith und Leslie Howard mit letzterem in der Rolle des Linguisten Higgins gedreht. Er – nicht das Stück selbst – ist die Grundlage für das Musical My Fair Lady3. Angeblich das erste Mal, dass auf der Kinoleinwand so richtig geflucht wurde: ‘Not bloody likely!’

Wo ich schon bei Leslie Howard bin, habe ich noch zwei Tipps: Scarlet Pimpernel [1934], eine höchst unterhaltsame, möglicherweise bisher die beste Verfilmung des gleichnamigen Romans von Baroness Orczy. Faszinierender finde ich seine Adaption für ein modernes Umfeld, “Pimpernel” Smith [1941], einem zweistündigen Comedy-Thriller um einen unauffälligen, aber brillanten Archäologen, der Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Journalisten aus den Fängen der Nazis befreit.

Professor Smith wird an der Grenze von Nazis aufgehalten.Ja, der Film ist pure Propaganda, die Figuren nicht weiter entwickelt als in einem typischen Indiana-Jones-Film, nur mit weniger Prügeleien und Explosionen. Die Nazis sind nicht ganz die heute üblichen Karikaturen, das Menschliche ihrer Schändlichkeit macht sie zu viel erschreckenderen Monstern. Selbstverständlich ist der Film ein Aufruf an die USA, sich endlich auch gegen die Nazis zu stellen.4 Er ist dabei aber nicht unbeholfen, salbadernd oder plump. Selbst der moralische Monolog Howards zum Schluss des Films funktioniert gut.

Zwei Kleinigkeiten noch, die zeigen, dass der Film nicht bierernst daherkommt, sondern auch, dass viele Gags in uns zeitlich näheren Werken, nicht wirklich originell sind:

Bei Minute 38 sehen wir einen hohen Nazi-Offizier telefonieren, dazu hören wir eine kakofonische Filmmusik, als würde ein schlecht eingespieltes Orchester dramatische Spannungsmusik spielen wollen, aber es nur zur Begleitung einer altmodischen Slapstickkomödie schaffen. Dann schwenkt die Kamera auf eine Gruppe Musiker in seinem Büro. Diese Art von Witz wurde in den 1980ern von Abrahams/Zucker/Zucker neu aufgelegt.

Für die Star-Trek-Fans gibt es bei ca. Minute 50:10 einen Dialog über den ‘deutschen Dichter Shakespeare’, dessen ‘englische Übersetzung aber auch ganz gut ist’.

Das letzte Mal treffen Professor Smith und Nazi-General Graum aufeinander.Erwarten Sie von den im Internet Archive hinterlegten Filmen keine Bildqualität wie von aktuellen Blockbustern. Sie stammen sicher in den meisten, wenn nicht allen Fällen nicht vom Originalnegativ oder auch nur einem frühen Internegativ oder Print. Eine digitale Bearbeitung, ausser der Umwandlung in eine Datei, hat auch nicht stattgefunden.

 

 

Anmerkung:

Alle Bilder dieses Beitrages sind Screenshots aus Leslie Howards “Pimpernel” Smith.

Notes:
1. Eine Anmeldung ist heute nicht mehr erforderlich, aber hilfreich, da viele Gerichte nur mit einer solchen höhere Schadenersatzsummen wegen missbräuchlicher Verwendung zugestehen.
2. Meines Wissens auch nichts von den Auswertungen haben.
3. Bühne und Verfilmung
4. Einen Schweden mag der Film ganz direkt auf Ideen gebracht haben.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nur ganz am Rande notiert:
    Audiovisuelles Material wird im Web am besten über sogenannte Torrents heruntergeladen und in der Folge konsumiert.

    Internet-Archivierung wie beschrieben ist zuvörderst nett, wenn es um die Einsichtnahme alter Darstellungsformen und Datenlagen des Webs geht. Audiovisuelles wird dagegen im Web ohnehin “plattgetreten”. – Der Schreiber dieser Zeilen lässt sich zudem gerne gelegentlich auch gerne Bücher, Huch!, auf diesem Wege kommen, als Skriptives.

    MFG
    Dr. Webbaer