When I´m sixty-four – Apophis

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Heute schon weiß ich recht genau, wie ich den Abend meines 64sten Geburtstages dereinst verbringen werde: An jenem Freitag im April des Jahres 2029 werde ich nicht der einzige sein, der den hellen Lichtpunkt dritter Größe verfolgen wird, der sich ziemlich zügig durch das Sternbild Krebs in Richtung Zwillinge und Fuhrmann bewegen wird. Vielleicht stoße ich mit meiner Familie und meinen Freunden dann darauf an, dass dieser Kelch an der Erde – vorerst – vorbei gezogen sein wird und denke dann auch an die elf Jahre glückserfüllten Arbeitslebens, die dann vermutlich noch vor mir liegen werden – bis zu meiner Rente. Schließlich wird das Renteneinstiegsalter im Jahre 2029 bei 75 Jahren liegen.

Was da am 13. April 2029 in rekordverdächtiger Nähe in nur 30.000 Kilometern Entfernung und mit einer mittleren Bahngeschwindigkeit von 31 Kilometern pro Sekunde an der Erde vorbei ziehen wird, ist jener Asteroid mit der Bezeichnung 2004 MN4, der am 19. Juni 2004 entdeckt wurde und dem es als erstem Asteroiden überhaupt gelang, mit einer Einstufung von mehr als „3“ auf der Torinoskala (auch „Turiner Skala“ oder „Turiner Einschlagsgefahrenskala“ genannt) zu landen. Dieses etwa 320 Meter große Objekt trägt inzwischen den Namen „Apophis“. Der Name „Apophis“ (oder Apep(i)) ist der ägyptischen Mythologie entlehnt und bezeichnet den Widersacher des Sonnengottes Ra, der die Verkörperung von Auflösung, Finsternis und Chaos darstellt. Es handelt sich also um eine recht unangenehme Gestalt, der man auf seinem Abendspaziergang nicht unbedingt begegnen möchte.

Apophis Name ist Programm und Michael Khan hat in den Kosmologs unlängst ein paar interessante Fakten über die Gefahr durch Asteroiden im Allgemeinen und Apophis im Speziellen aufgeschrieben: Apophis – Problembär oder harmloser Besucher? Ein Artikel von Daniel D. Durda in "astronomie heute" 09/2007 liefert nähere Informationen rund um Apophis.

Entwarnung kann heute gegeben werden: Apophis wird 2029 nicht auf der Erde einschlagen, vielleicht aber zu einem späteren Zeitpunkt. Zur Zeit ist Apophis mit der Stufe „0“ auf der Torinoskala notiert. Ein paar Tage im Dezember 2004 sah das allerdings anders aus und innerhalb kurzer Frist wanderte Apophis mit jeder weiteren und präziseren Beobachtung und Bahnberechnung in der Einschätzung seiner Gefährlichkeit auf der zehnstufigen Torinoskala hoch und höher – bis zur Stufe 4. Diese Stufe 4 ist auf der Torinoskala folgendermaßen definiert: „Eine Annäherung, für welche die Kollisionswahrscheinlichkeit über ein Prozent liegt. Die Kollision würde regionale Zerstörungen verursachen.“

Die Welt war in jenen Tagen Ende Dezember 2004 durch ein anderes Ereignis geschockt und nahm von den besorgniserregenden Beobachtungen des Asteroiden 2004 MN4 daher keine Kenntnis: Es war jener durch ein Seebeben vor Sumatra verursachte, schreckliche Tsunami, der am 26. Dezember 2004 über 230.000 Menschen das Leben kostete.

Die Größe von Apophis (rund 320 Meter) und seine Rotation (30 Stunden und 37 Minuten) konnten übrigens erst mit dem weltweit größten Radioteleskop in Arecibo, das im Nordwesten Puerto Ricos liegt, recht genau bestimmt werden. Um so intelligenter von den USA – die im übrigen seit 2002 für ihren „Krieg gegen den Terror“ 1,6 Billionen US-Dollar ausgegeben haben –, ausgerechnet dieses wichtige Instrument nun zu besparen (hierzu der Beitrag von Stephan Fichtner).

Wenn Apophis 2029 an der Erde vorbei ziehen wird, ist er gewaltigen gravitativen Kräften ausgesetzt. Vielleicht wird er dabei zerbrechen, zumindest aber Aufschluss über seine Zusammensetzung liefern. In jedem Fall aber wird er von seiner bisherigen Bahn abgelenkt werden. Schätzungen zufolge könnte die Ablenkung etwa 28 Grad betragen, womit sich seine Umlaufzeit um die Sonne verlängern würde. Erst wenn Apophis im Jahre 2010 wieder von der Erde aus beobachtbar wird, lassen sich genauere Berechnungen seiner Bahn anstellen, um Aussagen seiner nächsten und übernächsten Begegnung mit der Erde treffen zu können. Zur Zeit schwanken Berechnungen der Wahrscheinlichkeit eines Einschlags im Jahre 2036 oder 2037 zwischen 1:6000 und 1:50.000. Ganz genau werden wir es nach 2029 wissen, ob Apophis sieben oder acht Jahre später auf der Erde einschlagen wird oder nicht.

Ein Einschlag hätte keine globalen Folgen, jedoch verheerende regionale, die den Tsunami von 2004 in den Schatten stellen würden. Die NASA schätzt die Energie, welche im Falle eines Apophis-Impacts frei gesetzt würde, auf gut 1500 Megatonnen TNT. Zum Vergleich: Die entsetzliche Hiroshima-Atombombe hatte eine Sprengkraft von 0,015 Megatonnen TNT und beim Tunguska-Ereignis in Sibirien wurde am 30. Juni 1908 eine Energie von geschätzten 10 bis 20 Megatonnen TNT freigesetzt. Bei dieser Explosion, deren Ursache bis heute nicht geklärt ist, wurden über 60 Millionen Bäume in einem Gebiet von immerhin über 2000 Quadratkilometern Größe entwurzelt.

Hoffen wir, dass Apophis sieben oder acht Jahre nach seinem nahen Vorbeiflug nicht mit unserem Heimatplaneten kollidieren wird. Nicht zuletzt werde ich dann erst 71 oder 72 Jahre jung sein und noch mindestens vier bzw. drei wundervolle und erfüllte Berufsjahre vor mir haben, in denen ich die Rentenkasse befüllen werde.

Clear Skies! Stefan Oldenburg

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Fotografien von Stefan Oldenburg bei der Edition Oldenburg
Jazz-Fotografien von Stefan Oldenburg bei Jazzentrix
Heidelberg-Fotografien von Stefan Oldenburg bei Heidelberg-Postkarten

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

1 Kommentar

  1. Halley und Rente

    So hat jeder seins: ich warte auf die Rückkehr des Halleyschen Kometen. Seinen letzten Besuch habe ich ignoriert, weswegen ich Schuldgefühle habe. An die Rente nach Halleys Wiederkehr glaube ich aber auch nicht.

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