Visuelle Himmelsbeobachtung

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Die Beobachtung des Firmaments ist eine Form des Naturerlebens, die mich seit Kindestagen fasziniert. Mein Blog hier in den SciLogs trägt den Namen “Clear Skies – Astronomie mit eigenen Augen”. Nach einer (in geologischen Maßstäben äußerst kurzen…) Blogpause möchte ich gerne an mein Blog-Motto anknüpfen und mich in den SciLogs mit einigen Beiträgen zur visuellen Himmelsbeobachtung zurückmelden.

Schon mit den bloßen Augen sieht man am Sternenhimmel eine ganze Menge. Und mit einem Fernglas oder gar einem Teleskop erweitert man seinen Horizont beträchtlich. In meinem allerersten Blogpost hier in den SciLogs vom 11. November 2007 (“Es muss kein Riesenteleskop sein!“) schrieb ich, wie hervorragend die Situation der Amateurastronomie heute ist: Selbst Teleskope mit großen Öffnungen und sehr guter optischer Qualität sind heute erschwinglich. Noch in den 1980er Jahren war das noch völlig anders. Damals blieb ein 8-Zöller oder selbst ein ordentlicher 4-Zöller für die Allermeisten reine Utopie. Nun haben sich leider die Beobachtungsbedingungen der in Industriestaaten lebenden Sterngucker gegensätzlich dazu entwickelt, Stichwort “Lichtverschmutzung“. Ich will dieses Thema an dieser Stelle nicht vertiefen; beispielsweise im Nachbarblog “Himmelslichter” – oder in meinem Blog “Clear Skies” finden sich dazu einige Beiträge.

Mitunter werde ich gefragt, worin denn der Reiz eigener Himmelserkundungen liege. Gerne nehme ich Fragende dann mit auf nächtliche Beobachtungstour, und zeige durchs Okular meines 10-Zoll-Dobsons den Erdtrabanten, einen Planeten oder ein Paradeobjekt wie den Orionnebel. Bislang hat jeder Mitgucker dann ziemlich zügig verstanden, weshalb ich mich nächtens gerne mit meinem Teleskop an abgelegene und finstere Orte begebe.

Etwas schwieriger als die Beobachtung von Mond und Planeten ist die Beobachtung von Deep-Sky-Objekten, also solchen Himmelsobjekten, die deutlich lichtschwächer sind. Richtet man das Teleskop beispielsweise auf Kugelsternhaufen, Planetarische Nebel oder weiter entfernte Galaxien, so sehen Ungeübte meist erst mal nicht viel. Man kann “Teleskopisches Sehen” mit ein wenig Übung und Hintergrundwissen (u.a. über das menschliche Auge, über die entspannte Haltung am Teleskop, über Streiche, die das menschliche Gehirn einem spielen kann …) erlernen. Bei der Beobachtung lichtschwacher und damit weniger leicht zugänglicher Deep-Sky-Objekte bewegt man sich am Rande der Wahrnehmungsfähigkeit, und versucht mit Methoden wie dem indirekten Sehen oder – am Dobson – dem “field sweeping”, auch das letzte Photon einzufangen. Der Sensor einer digitalen Kamera sammelt Photonen – und addiert sie. Das menschliche Auge nimmt hingegen nur den Augenblick wahr, was bei Planeten allerdings den entscheidenden Unterschied ausmachen kann: Mit einiger Übung filtert das Gehirn unsaubere Bilder direkt heraus – und der Beobachter “sieht” ein “gemitteltes” Bild, das einer guten und aufwendig bearbeiteten Astro-Fotografie desselben Objekts ebenbürtig sein kann.

Die Erkundung des Firmaments mit den eigenen Augen ist ein ungemein reizvolles Unterfangen. Der russische Volksmund sagt: “Es ist besser einmal zu sehen, als hundertmal zu hören.” Was man selbst erlebt, ist durch nichts zu ersetzen. Selbst die Betrachtung einer noch so gelungenen und mit den perfektesten Instrumenten gewonnenen Astro-Fotografie kann niemals den eigenen Blick auf Himmelsobjekte ersetzen. Weshalb die visuelle Erkundung von Deep-Sky-Objekten besonders spannend ist: Einzelne Himmelsobjekte erschließen sich dem Beobachter erst mit der Zeit, und offenbaren ihre gesamte Fülle nie auf Anhieb. Das liegt zum einen an eigenen Fähigkeiten teleskopischen Sehens, zum anderen an Bedingungen der Erdatmosphäre. Einzelne komplexe Deep-Sky-Objekte kann man über Jahre immer wieder mit dem Teleskop ansteuern – und man wird immer wieder neue Details entdecken.

Ich betrachte die visuelle Beobachtung von Himmelsobjekten als eine Art Gegenentwurf zu modernen Sehgewohnheiten: Die Technik ermöglicht es heute, alles jederzeit abzulichten. Mit stetigem und geradezu zwanghaftem Blick durch die Optik eines Smartphones oder einer Digitalkamera versucht der Zeitgenosse, seinen Alltag mit eigenen Bilder-Sammlungen zu konservieren. Der Moment selbst wird weniger “erlebt”, vielmehr wird das Erleben mit geplanter Sichtung eigener Fotos auf einen späteren Zeitpunkt verlegt. Der schnelle Blick und das Festklammern am Moment sind an die Stelle des genauen Hinschauens und Erlebens getreten. Viele vertrauen heute eher einem digitalen Bild als der eigenen Wahrnehmung. Auch deshalb ist visuelle Himmelsbeobachtung ein im Smartphone-Zeitalter spannendes Unterfangen, das lehrt, (wieder) genau hinzuschauen – und zu erleben, ganz für sich.

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

4 Kommentare

  1. In kosmologischen Maßstäben betrachtet war dein Blog praktisch gar nicht weg, in menschlichen allerdings viel zu lange! Schon, hier wieder was zu lesen!

    Zum Thema: 100% Zustimmung. Erst kürzlich hatte ich wieder so einen Moment von “echtem Erleben” vs. “zwanghaften Blick auf den Kameramonitor”. Das Video einer fantastischen Abendstimmung auf dem Griffith-Observatorium werde ich mir vielleicht noch ein- zwei Mal ansehen, die “visuellen Impressionen” waren unendlich viel eindrucksvoller und haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt – wo sie besser gespeichert sind als auf jeder Festplatte.

  2. Danke für die schöne Beschreibung von Astronomie als Naturerlebnis durch die bewusste Reduktion der Technik. Ich bewundere ja visuelle Beobachter, die ihre Eindrücke zeichnerisch festhalten können, das ist ganz große Kunst für mich!

    Leider sind aber die Sichtbedingungen inzwischen so mies, dass ich immer mehr zum Sesselastronomen mutiere. Die letzte richtig klare Nacht hatten wir hier meines Wissens am Samstag vor dem 2. Advent :-/

  3. Vor Monaten …

    Es ist heute zwar teils klar, im Osten, aber zu feucht und damit sehr unangenehm am Teleskop.

    Die Entschleunigung des Sehens … und die Förderung der Abwehrkräfte ist auch schon drin.

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