Oh, Mond, du göttliches Wunder

Clear Skies

Mein Teleskop wirkt Wunder: Blicke ich durch´s Okular, vergeht die Zeit stets im Fluge, zumindest erheblich schneller als beispielsweise beim Zahnarzt.

Gestern Abend ging ich mal wieder mit meinem Teleskop auf dem Mond spazieren – und die Zeit rauschte davon. Im Laufe der Jahre ist mir der Mond zu einem hochgeschätzten, alten Bekannten geworden. Durch die täglich wechselnde Beleuchtung ist er für die Beobachtung schon mit einem kleinen Teleskop überaus spannend, zeigt er doch in jeder Nacht ein anderes Antlitz. Hinzu kommen die wechselnden Bedingungen der Erdatmosphäre: Mal lässt das Seeing Detailbeobachtungen auf der Mondoberfläche kaum zu, in einer anderen Nacht werden selbst winzige Krater sichtbar. Langweilig wird mir bei Spaziergängen auf dem Erdtrabanten nie.

Der Mond am 05.09.2011, 21.50 Uhr MESZ, Phase 0.521, Lichtgrenze bei 3°94. Foto: S. Oldenburg.

Ringelnatz bietet eine plausible Erklärung, weshalb sich der Mond oft ganz plötzlich hinter dichten Wolken versteckt:

Joachim Ringelnatz – "OH", rief ein Glas Burgunder…

"OH", rief ein Glas Burgunder,
"Oh, Mond, du göttliches Wunder!
Du gießt aus silberner Schale
Das liebestaumelnde, fahle,
Trunkene Licht wie sengende Glut
Hin über das nachtigallige Land – –"

Da rief der Mond, indem er verschwand:

"Ich weiß, ich weiß! Schon gut! Schon gut!"

Zitiert aus: Joachim Ringelnatz: "Sämtliche Gedichte", Diogenes, 1997, S. 87. Aus dem Zyklus: "Die Schnupftabakdose, Stumpfsinn in Versen", 1912.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

  • Veröffentlicht in: Mond
Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

6 Kommentare

  1. bequem

    Ist schön bequem in der Ferne zu schweifen, gell. Denn wenn Du wieder nach Hause willst, bist Du es ruckzuck. Auge weg vom Teleskop und Du bist wieder auf der Erde. Bei einer Wanderung muß man noch den Rückweg einkalkulieren.

    Wahrscheinlich sind die “Astrofreaks” nur unheimlich faule Fernwehleidige. 😉

  2. @Martin Huhn

    Bei einer Wanderung muß man noch den Rückweg einkalkulieren.

    Muss man bei einer teleskopischen Wanderung auch, denn meist ist der Ort, an dem man beobachten kann, d.h., dort, wo weder Straßenlaternen, noch Häuser, noch Autos stören, nicht gerade gleich um die Ecke.

    Dann muss man noch den Abbau des Teleskops einkalkulieren. Samt der Zeit, die draufgeht, weil man sich den Finger zwischen irgendwelchen zusammenklappenden Metallteilen einklemmt und wild fluchend umherhüpft, bis der Schmerz endlich nachlässt.

    Und natürlich die Zeit, die man für die Suche nach irgendwelchen Kleinteilen aufwendet, die einem in der Dunkelheit ins Gras gefallen sind. (Letzteres löse ich dadurch, dass ich mein Teleskop nur noch auf einer vorher ausgebreiteten alten Campingdecke aufbaue.)

  3. @ Khan

    Muss man bei einer teleskopischen Wanderung auch, denn meist ist der Ort, an dem man beobachten kann, d.h., dort, wo weder Straßenlaternen, noch Häuser, noch Autos stören, nicht gerade gleich um die Ecke.

    Ja, ich weiß. Ich kenne den Artikel Sterne gucken von Jan. Aber Du glaubst doch nicht im Ernst, daß der “faule Oldenburg” 😉 in die Ferne schweift, um den Mond zu beobachten. Das macht der von seinem Dachboden aus.

  4. @ Martin

    Wahrscheinlich sind die “Astrofreaks” nur unheimlich faule Fernwehleidige. 😉

    🙂 Du triffst den Nagel auf den Kopf – Amateurastronomen sind ja meist übergewichtig, um nicht zu sagen, adipös. 😉

    Spass beiseite, der Mond ist ein wunderbares “Ziel”, das man sich ohne große Herumfahrerei auch von der Stadt aus ansehen kann, von der aus Himmelsobjekte im allnächtlichen Einheitsgrau nicht mehr zu sehen sind. Wer die lichtschwachen Himmelsobjekte sehen oder fotografieren möchte, der muss in der Tat weite Wege zurück legen. Es soll sogar Amateurastronomen geben, die sich am liebsten in Südamerika aufhalten, um ihrem Hobby “Sternegucken” zu frönen… 😉

  5. @ Michael

    Eine köstliche Beschreibung, die wohl jedem Sterngucker aus der Seele spricht. 🙂

    Ich persönlich habe mich im Laufe der Jahre reduziert und beobachte heute am allerliebsten nur mit Fernglas und Dobson. Beim Teleskop sind zwei zu justierende Spiegel und ein Okular zwischen meinem Auge und dem Kosmos, fertig. Für Astrofotografie fehlt mir persönlich die Geduld (Ich bewundere Astrofotografen, die ähnlich viel Geduld aufbringen wie Tierfotografen). Wie oft habe ich beim gemeinsamen Beobachten mit bildsammelnden Sternfreaks erlebt, dass der Spaß an der Beobachtungsnacht durch eine hochkomplexe astrofotografische Gesamtkonstruktion schnell dahin sein kann. Ist alles erstmal aufgebaut, ist der Dobson-Spiegel längst auf Umgebungstemperatur abgekühlt und der visuelle Beobachter bereits weit weg, irgendwo in den Weiten des Universums. Und dann ist beim Astrofotografen ein kleiner Stecker fehlerhaft oder eine Batterie leer – und der Ärger groß.

    Dein genialer Tipp mit der Campingdecke findet sich meines Wissens in keinem Sterngucker-Buch. Besonders sinnvoll, wenn ein Reisedobson zusammengepuzzelt wird…

  6. Joseph von Eichendorff

    Mondnacht

    Es war, als hätt’ der Himmel
    Die Erde still geküßt,
    Daß sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt.

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,
    Es rauschten leis’ die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus’.

    ———————

    Recht hat er. Wer zu viel technischen Aufwand treibt, dem entgeht das Wesentliche.

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