Nacht des Schreckens

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

B-Movies tragen oftmals komische Titel: "Sowieso des Schreckens", "Sowieso des Grauens", "Sowieso des Bösen", "Sowieso des Todes" etc. Auf meinem gestrigen Sternentrip begegnete ich dem nackten Grauen, das erheblich entsetzlicher war, als es selbst ein abgefeimter Drehbuchautor in den moderigsten Winkeln seines Hirns ersinnen könnte. Ein Streifen nach dem gestrigen Drehbuch würde nicht nur jeden Sternfreund nachhaltig erschaudern lassen – bis ins Mark. Was war geschehen?

Es sah gut aus: Neumond, ein kräftiges Hochdruckgebiet namens "David" und selbst am frühen Abend ein vollständig wolkenfreier Himmel. Wunderbare Voraussetzungen also, um auf nächtliche Sternentour zu gehen. Noch in der Abenddämmerung machte ich mich also mitsamt Teleskop etc. vom Rheingraben aus auf den Weg in den tiefen Odenwald. Der Weg führte mich durch manch einsame Ortschaft, durch schwarze Wälder, die Straßen wurden immer schmaler und unwegsamer, und schließlich ging es durch einen pechschwarzen Wald hinauf auf einen schwer zugänglichen, nur spärlich bewaldeten Hügel. Und hier erwartete mich das nackte Grauen! Etwas Entsetzlicheres hatte ich mir bislang nicht vorstellen können. Doch zunächst stellte ich mein Dobson-Teleskop auf, schmückte ihn mit Telrad, Sucherfernrohr und einem Übersichtsokular.

Kaum war mein Auge am Okular, näherte ES sich unbemerkt in Windeseile von Westen und linkisch von der Seite. Denn ich hatte mein Newton zunächst auf den noch recht tief stehenden Orionnebel gerichtet und war von seinem prächtigen Anblick verzaubert. Was sich da heran pirschte, entzauberte mich in Sekundenbruchteilen und ist auf dem – allerdings später aufgenommenen – Satellitenbild schön zu erkennen: Die Wolken des Grauens!

Donnerstag, 08.02.2008, 21.28 Uhr
Quelle: Deutsches Zentrum für Luft- & Raumfahrt e.V. (DLR)

Im Ernst: Was diese mittelhohe Wolkenfront so auffällig machte, war ihre außergewöhnliche Helligkeit. Quer über dem Rheingraben liegend, reflektierten sie das Licht des gut 30 Kilometer entfernten Rhein-Neckar-Raums, so dass es an meinem Beobachtungsplatz erheblich heller wurde als bei Vollmond. Ich schätze, zwei bis drei Vollmonde am wolkenfreien Nachthimmel dürften ähnlich viel Licht liefern wie diese Altostratus, die Wolken des Grauens. Ich war wirklich überrascht, an diesem Ort, den ich seit Jahren als recht brauchbaren Beobachtungsort kenne, ohne Vorwarnung in derart helles Licht getaucht zu werden. Es war so, als habe jemand auf den benachbarten Hängen Flutlichtanlagen aktiviert. So zog ich unverrichteter Dinge wieder ab, über die Sinnhaftigkeit meines Hobbys angesichts der stetig zunehmenden Lichtverschmutzung grübelnd. Vielleicht wäre ein Kinoabend erfreulicher verlaufen, es sei denn, ich wäre zufällig im "Observatorium des Schreckens", im "Raumschiff des Grauens", auf dem "Stern des Bösen" oder gar auf dem "Planeten des Todes" gelandet…

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

1 Kommentar

  1. Wolken des Grauens

    Ist das in Deutschland nicht normal, daß
    man nur wenig beobachten kann. Ich habe jetzt seit 2 Monaten nix mehr gesehen außer Regen, Regen, Regen.
    So deutlich reflektierende Wolken habe ich aber noch nicht erlebt. Meist behindern sie nur den Durchblick
    sehen aber von unten nur mäßig hell aus.

    ich lebe und beobachte im Vogelsbergbereich.

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