Linienfilter und ein Leserbrief

In der aktuellen “Sterne und Weltraum” 2/2015 findet sich auf Seite 6 ein Leserbrief, in dem ein Kölner Amateurastronom Bezug nimmt auf einen Aspekt im vierten Teil meiner insgesamt fünfteiligen Artikelserie “Deep-Sky-Objekte visuell”. In dieser vierten Folge, die in SuW 11/2014 erschienen ist, beleuchte ich technische Aspekte visueller Himmelsbeobachtung – unter anderem den Einsatz von Interferenzfiltern. Und über einen Typ dieser Filter, die “Linienfilter” geht es in dem Leserbrief.

Da ich keine Möglichkeit hatte, vor dem Abdruck dieses Leserbriefes Stellung zu beziehen – die vielleicht zur Zuschrift hätte gebracht werden können – antworte ich nun an dieser Stelle ausführlich, zumal einzelne Aspekte zum Einsatz von Linienfiltern, die ich hier anspreche, auch von allgemeinem Interesse sein dürften.

Exkurs: Was ist ein Linienfilter?

Einige kosmische Gasnebel (z.B. Planetarische Nebel und Supernova-Überreste) leuchten in eng abgegrenzten Spektralbereichen. Sogenannte Nebel- oder Interferenzfilter nutzen dies, indem sie einen engen, exakt definierten Durchlass auf die Emissionslinien jener Atome ermöglichen, in deren Licht diese Nebel leuchten. Das übrige sichtbare Spektrum dimmen Nebelfilter bis auf wenige Prozent ab. Das Himmelsobjekt hebt sich mit hohem Kontrast vom dunklen Hintergrund ab und erscheint heller und detaillierter als ohne Filter. Einen Nebelfilter schraubt der Beobachter in das Gewinde der Steckhülse des Okulars, womit zudem gewährleistet ist, dass der Lichteinfall parallel ist – denn nur dann lässt sich aus einem Nebelfilter seine optimale Leitung kitzeln. Es gibt drei Arten von Nebelfiltern, die sich in der Breite ihres Durchlasses unterscheiden: 1. Breitbandfilter, 2. Schmalbandfilter oder UHC-Filter, und 3. der im Leserbrief angesprochene “Linienfilter”, jener mit dem engsten Durchlassfenster.

Es gibt verschiedene Linienfilter: Wer einzelne Deep-Sky-Objekte wie den Cirrusnebel im Sternbild Schwan hell und außerordentlich detaillreich sehen möchte, der greift zu einem OIII-Linienfilter, der fast ausschließlich das Licht der Emissionslinie des zweifach ionisierten Sauerstoffs passieren lässt. Ein weiterer bei Amateurastronomen beliebter Linienfilter ist der H-Beta-Filter, der allerdings nur bei wenigen Emissionsnebeln Sinn ergibt, zudem bei solchen wie dem Pferdekopfnebel im Sternbild Orion, der ein Teleskop mit sehr großer Öffnung voraussetzt. (dieser Abschnitt ist frei – und gekürzt – zitiert nach meinem Artikel in SuW 11/2014, S. 86)

… kolportiert…

Der Leserbrief ist mit der (redaktionellen?) Überschrift versehen “Linienfilter – besser als beschrieben”. Ich zitiere aus der Leserzuschrift: “Stefan Oldenburg schreibt in SuW 11/2014 auf S. 86: ´Linienfilter sollten erst bei Teleskopen ab acht Zoll Öffnung genutzt werden, da sonst zu wenig Licht an das Auge des Beobachters gelangt.´ Das stimmt so nicht ganz, wird aber in einschlägigen Medien immer wieder so kolportiert. …”

Nun, ich hole tief Atem und antworte dem Briefautoren aus Köln: Zunächst reibe ich mich an dem Verb “kolportieren”, das nach Duden bedeuteteine ungesicherte, unzutreffende Information verbreiten“. Duden führt das Anwendungsbeispiel auf “ein Gerücht, eine Anekdote kolportieren“.

Ich verbreite in meinem SuW-Artikel keine unzutreffenden Informationen, sondern schreibe aus eigener langjähriger Erfahrung visueller Himmelsbeobachtung mit Teleskopen verschiedener Öffnungen zwischen 2 und 20 Zoll. Und ja, diese Feststellung, dass ein Interferenzfilter mit dem engsten Durchlassbereich erst bei einem Teleskop ab 8 Zoll Sinn ergibt, ist in der amateurastronomischen Literatur Konsens.

Auch der Leserbriefschreiber scheint lange Erfahrung zu haben, denn er führt weiterhin aus: “… Ich beobachte seit Jahrzehnten mit kleinen Geräten um die 80 Millimeter Öffnung unter dem stark lichtverschmutzten Himmel einer Großstadt. …”

Es steht jedem frei, mit einem Instrument seiner Wahl den Sternenhimmel zu beobachten. Und jedes Instrument hat seinen Himmel, wenn es denn geeignet ist, mehr Licht zu sammeln als das bloße Auge. Und so ist es freilich möglich, selbst mit Tante Mechthilds Opernglas – oder einem 3-Zöller – den Sternenhimmel zu beobachten, und ein Leben lang glücklich zu sein. Doch an der Tatsache ist nicht zu rütteln: Öffnung ist durch nichts zu ersetzen. Je größer die Teleskopöffnung, desto mehr Licht sammelt man, desto mehr Details sieht man, egal ob nun ohne Linienfilter im Okulargewinde oder mit. Das führe ich in meinem Artikel in SuW 11/2014 aus. Denn ein OIII-Filter etwa “dimmt” das Licht von Sternen um etwa zwei bis drei Größenklassen. Ähnlich dem Einsatz eines Graufilters in der Fotografie erreicht weniger Licht das Auge des Beobachters, weshalb eine gewisse Teleskopöffnung Grundvorraussetzung für den Einsatz eines Linienfilters ist. Konsens unter Amateurastronomen ist – und meine eigene Beobachtungserfahrung zeigt –, dass die Nebel-Beobachtung in einem kleinen Teleskop möglich, aber erheblich (d.h., der weniger geübte Beobachter sieht sprichwörtlich “schwarz”) schwieriger ist als mit einem größeren Teleskop.

Dieses “Dimmen” der Sterne beim Gebrauch eines Linienfilters zeigen übrigens die Abbildungen in meinem SuW-Artikel (11/2014, S. 87) nicht korrekt, was mein Fehler ist: Ein niederländischer Amateurastronom wies über den Leserbriefredakteur von SuW darauf hin, dass die Sterne in der Abbildung, welche den Anblick des Cirrusnebels mit Linienfilter zeigt, zu hell dargestellt sind.

Gerade beim Einsatz von Interferenzfiltern ist die Beobachtungserfahrung besonders hilfreich. So überrascht es mich auch nicht, wenn der Leserbriefautor mit einem 3-Zöller und einem OIII-Filter bei seinen Lieblingsobjekten im Sternbild Schwan mehr sieht als vielleicht ein ungeübter Beobachter mit demselben Filter an einem 10-Zöller.

So ganz weit liegen der Kölner Sternfreund und ich gar nicht auseinander, denn ein paar Zeilen weiter bestätigt er meine Ausführungen: “… Einzig zu beachten ist, dass es bei der Anwendung von Linienfiltern einer gewissen Übung bedarf: Tatsächlich verschlucken diese bei Sternen einiges an Licht. …”

Ich darf dem Leserbriefautoren aus Köln den Rat geben, mal mit einem Teleskop größerer Öffnung und OIII-Filter den Cirrusnebel anzupeilen. Ich nehme an, ihm werden die Augen übergehen, wieviel deutlicher er dieses Prachtobjekt dann sieht als in seinem 3-Zoll-Teleskop. Ich selbst kenne den Anblick des Cirrusnebels, den er beschreibt, ohne und mit OIII-Filter u.a. im 20-Zöller, in meinem 10-Zoll-Newton – und in meinem 3-Zoll-Reiserefraktor.

Einen zweiten Rat darf ich dem Kölner Amateurastronom geben: Suchen Sie einen dunkleren Sternenhimmel auf. Ich zitiere aus meinem Artikel (SuW 11/2014, S. 86/87): “Ein weiterer Nebeneffekt von Nebelfiltern wird häufig überbewertet: Der Einsatz unter lichtverschmutztem Nachthimmel. Da ein Interferenzfilter auch das Licht anthropogener Lichtquellen dimmt, sind Emissionsnebel unter grauem Nachthimmel ebenso sichtbar wie unter dunklem. Ersatz für einen wirklich dunklen Sternhimmel bieten Linienfilter damit freilich nicht.” Auch dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

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