Lichtverschmutzung und Wolken

Clear Skies

Eine aktuelle Meldung bei spektrumdirekt berichtet über eine Studie zum Zusammenhang zwischen Lichtverschmutzung und Wolkenbedeckung: Niedrige und mittelhohe Wolken reflektieren nächtliches Licht und verstärken es. Diese von Forschern der Freien Universität Berlin und dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei gemeinsam erstellte Studie ist deshalb so interessant, weil hier wohl zum ersten Mal der Versuch unternommen wird, die Verstärkungswirkung von Wolken quantitativ zu erfassen, wenngleich zwischen den verschiedenen Wolkenarten noch nicht unterschieden wird.

Zentrales Ergebnis der recht breit angelegten Studie von Christopher Kyba et al.: In städtischen Regionen ist bewölkter Nachthimmel bis zu zehnmal so hell wie wolkenfreier, in ländlichen Regionen ist er immerhin etwa dreimal so hell wie klarer Nachthimmel. Der Amateurastronom freut sich übrigens, weil bei dieser Studie das allseits bekannte "Sky Quality Meter" zum Einsatz kam. Das ist ein kleines, zuverlässiges Gerät zur Messung der Helligkeit des Nachthimmels.

Den Zusammenhang zwischen Licht und Wolken kennt jeder aus eigener Anschauung, der für "Lichtverschmutzung" als einer bösartigen – weil noch viel zu wenig beachteten – Spielart der Umweltverschmutzung sensibilisiert ist: Wolken verstärken die Problematik von unsinnig in den Nachthimmel gestrahltem Licht, indem sie hell erleuchtet sind. In den Industrienationen gibt es diese "dunklen Schatten" schon lange nicht mehr, die in einer Neumondnacht über den Sternhimmel ziehen. Selbst in den Hochalpen sind Wolken beleuchtet und erscheinen daher grau.

Vor gut drei Jahren berichtete ich in meinem Blog-Post "Nacht des Schreckens" über eine Altostratus-Front, die eine verheißungsvoll begonnene Beobachtungsnacht im Odenwald jäh beendete, weil sie – von Westen heranziehend – das Licht des rund 30 Kilometer entfernten Rhein-Neckar-Raums reflektierte. Ich weiß noch genau, wie überrascht ich war, als mein einsam gelegener Beobachtungsplatz innerhalb weniger Minuten durch wolkenreflektiertes Licht erheblich heller beleuchtet war, als es bei Vollmond der Fall sein kann. Die abrupt auftretende Helligkeit, die jegliche Beobachtung von Deep-Sky-Objekten unmöglich machte, schätzte ich anhand des Schattenwurfs auf etwa zwei bis drei Vollmonde am wolkenfreien Himmel. Es wirkte, so schrieb ich, "als habe jemand auf den benachbarten Hängen Flutlichtanlagen aktiviert".

Auch wenn die Erkenntnisse dieser Studie wohl nur Jene überraschen dürften, die beim Themenkomplex "Lichtverschmutzung" noch ratlos dreinschauen, so ist es gut, wenn sie aktuell in der medialen Berichterstattung aufgegriffen werden. Da ist es letztlich egal, wenn sich das beispielsweise bei spiegel-online wie die allerneueste Sensationserkenntnis liest. Hauptsache, das Thema "Lichtverschmutzung" rückt mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

Links:

– Die Studie: Christopher C. M. Kyba, Thomas Ruhtz, Jürgen Fischer, Franz Hölker: Cloud Coverage Acts as an Amplifier for Ecological Light Pollution in Urban Ecosystems

– Website von Christopher Kyba, FU Berlin

– Interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema "Lichtverschmutzung", in dessen Rahmen diese Studie entstand: "Verlust der Nacht"

– "Wolken verschärfen Lichtverschmutzung" – Artikel zur Studie auf spektrumdirekt, 3.3.2011

– Blog-Post Clear Skies – "Nacht des Schreckens" vom 8.2.2008

– Gerät zur Messung der Helligkeit des Nachthimmels: "Sky Quality Meter"

Jan Hattenbach in den KosmoLogs zum Thema "Lichtverschmutzung"

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

3 Kommentare

  1. Lichtverschmutzung und Ästhetik

    Zum ersten Mal so richtig bewusst wurde mir die Lichtverschmutzung, als ich das erste Mal den Sternenhimmel in tropischen Breiten, abseits grosser Städte und ihrer Lichter betrachtete. Es ist doch erstaunlich, was nur schon mit blossem Auge sichtbar wäre (mal abgesehen davon, dass der Sternenhimmel in Äquatornähe ohnehin spektakulärer ist als in unseren nördlichen Breiten).

    Ich, der ich in einer Stadt wohne, würde das Milchstrassenband nie sehen, wenn ich nicht manchmal einen anderen Beobachtungsstandort wählte.

    Leider ist Lichtverschmutzung so gut wie nie ein Thema, und wenn, dann wird es nur als “ästhetisches Problem” einiger sonderbarer Sternengucker wahrgenommen. Fast muss man sich als Astronomieinteressierter wünschen, es würden konkrete, nachweisbare schädliche Einflüsse des künstlichen Lichts auf Flora, Fauna und eventuell sogar Klima entdeckt, weil dann vielleicht die notwendige Sensibilität hergestellt wäre.

    Solange Lichtverschmutzung aber nur als ein das “Ästhetische Empfinden einiger sonderbarer Sternengucker verletzendes Problemchen” wahrgenommen wird, solange wird wohl nichts dagegen unternommen. Ich bin in dieser Sache ein Pessimist. Wer mal einen wirklich schönen Sternenhimmel sehen will, der muss die Koffer packen.

  2. @ Peter

    Danke für den Kommentar.

    Fast muss man sich als Astronomieinteressierter wünschen, es würden konkrete, nachweisbare schädliche Einflüsse des künstlichen Lichts auf Flora, Fauna und eventuell sogar Klima entdeckt, weil dann vielleicht die notwendige Sensibilität hergestellt wäre.

    Schädliche Folgen von “Lichtverschmutzung” auf Fauna, Flora – und Mensch – sind lange nachgewiesen. Aufs Klima wirkt sich überflüssig in den Nachthimmel gestrahltes Licht indirekt aus: Lichtverschmutzung ist immer auch Energieverschwendung.

    Eine gute Zusammenfassung zum weithin unbekannten Themenkomplex “Lichtverschmutzung” liefert das Buch “Das Ende der Nacht” (2009), herausgegeben von Thomas Posch, Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann, über das ich in diesem Blog-Post vom 28.11.2009 berichtet habe, und das ich unbedingt empfehlen kann.

    Mit seinen desaströsen Auswirkungen beispielsweise auf Vögel und nachtaktive Insekten ist “Lichtverschmutzung” in der Tat kein Problem einiger Sterngucker. Dennoch ist es kein Fehler, auch das Argument des zunehmend verschwindenden “Kulturguts Sternhimmel” im Blick zu halten.

    Eine weitere Lektüre-Empfehlung: Im Nachbarblog “Himmelslichter” schreibt Jan Hattenbach seit vielen Jahren zum Thema “Lichtverschmutzung”.

  3. Lichtverschmutzung

    Danke für die Lesetipps. Dass konkret schädliche Einflüsse nachgewiesen sind war mir bislang nicht bekannt.

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