Die Erde von oben

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Es gibt den schönen Aphorismus “Klar sieht, wer von Ferne sieht, nebelhaft, wer Anteil nimmt.” (1) Dieser Satz war mir gestern Abend präsent, als ich mir beim WDR (2) die Folge “Quarks & Co” anschaute. Zu Gast bei Rangar Yogeshwar war Alexander Gerst, der über seinen fünfmonatigen Aufenthalt auf der ISS berichtete.

Eine spannende Sendung, die am kommenden Samstag nochmal auf WDR ausgestrahlt werden wird (3). Ich möchte an dieser Stelle einen Aspekt betrachten: Seit vielen Jahren sammel ich Zitate von Raumfahrern, welche unseren Heimatplaneten “von oben” beziehungsweise – auf dem Weg zum Mond und zurück – sogar aus der Distanz sehen konnten. Auch einige Ausführungen Alexander Gersts in der gestrigen Sendung reihen sich nahtlos ein in meine Zitate-Sammlung.

Zunächst Alexander Gerst im Gespräch mit Rangar Yogeshwar über seine Zeit auf der ISS, die rund 400 Kilometer über der Erde ihre Runden dreht (eine in 90 Minuten):

Mein Blickwinkel auf die Erde ist sehr verändert worden, dadurch dass ich sie von oben gesehen habe. Ich habe die Erde plötzlich als Gesamtsystem gesehen, als Kugel abgeschlossen mit einer hauchdünnen Atmosphäre. Die sieht unvorstellbar zerbrechlich aus, als ob man sie mit einem Hauch wegpusten könnte. Und man sieht, wie wir Menschen da Schadstoffe reinpusten. Und gleichzeitig wirkt das so zerbrechlich, und unsere Erde so einsam und klein, als unser einziges Raumschiff, das wir Menschen haben, mit dem wir durch das schwarze Universum fliegen. …” Alexander Gerst (2)

Mich beeindruckt, wie sehr sich Beschreibungen von Raumfahrern ähneln. Kaum einer, dem die Erde aus der Distanz nicht als “zerbrechlich” oder als “einsam” erschienen wäre. So zum Beispiel Sigmund Jähn, der mit der sowjetischen Raumstation Saljut 6 im Jahre 1978 die Erde 125 mal umrundete:

Bereits vor meinem Flug wusste ich, dass unser Planet klein und verwundbar ist. Doch erst als ich ihn in seiner unsagbaren Schönheit und Zartheit aus dem Weltraum sah, wurde mir klar, dass der Menschheit wichtigste Aufgabe ist, ihn für zukünftige Generationen zu hüten und zu bewahren.” Sigmund Jähn (4)

Oder der Franzose Patrick Baudry, 1985 im Rahmen der Mission STS-51-G mit der Raumfähre Discovery im Orbit, um drei Kommunikationssatelliten in ihre Umlaufbahn zu bringen:

Die Erde in ihrer Schönheit ist unendlich zart und reich, eine wunderbare Harmonie strahlender sanfter Farben. Einzig ein Kind könnte in seiner Unschuld die Reinheit und den Glanz dieses Anblicks erfassen.” Patrick Baudry (4)

Oder James Irwin, 1971 mit Apollo 15 der achte Mensch auf dem Mond:

Die Erde erinnerte uns an eine in der Schwärze des Weltraums aufgehängte Christbaumkugel. Mit grösserer Entfernung wurde sie immer kleiner. Schliesslich schrumpfte sie auf die Grösse einer Murmel – der schönsten Murmel, die du dir vorstellen kannst. Dieses schöne, warme, lebende Objekt sah so zerbrechlich aus, als ob es zerkrümeln würde, wenn man es mit dem Finger anstiesse.” James Irwin (4)

Oder Eugene Cernan, der im Dezember 1972 mit dem bislang letzten bemannten Mondflug, Apollo 17, auf dem Mond war:

Es ist unglaublich. Man zwinkert mit den Augen und schaut hinaus. Man weiss wohl, dass diese dreidimensionale Erde, die da vor uns liegt, enorm groß ist. Aber aus unserer Perspektive ist alles unverständlich. Sie liegt mitten im Nichts …” Eugene Cernan (4)

Edgar Mitchell, der 1971 (mit Apollo 14) als sechster Mensch den Mond betrat:

Plötzlich tauchte hinter dem Rande des Mondes in langen zeitlupenartigen Momenten von grenzenloser Majestät ein funkelndes blauweisses Juwel auf, eine helle, zarte, himmelblaue Kugel, umkränzt von langsam wirbelnden weissen Schleiern. Allmählich steigt sie wie eine kleine Perle aus einem tiefen Meer empor, unergründlich und geheimnisvoll. Du brauchst eine kleine Weile, um ganz zu begreifen, dass das die Erde ist – unsere Heimat. Mein Blick auf unseren Planeten offenbarte mir einen Schimmer des Göttlichen.” Edgar Mitchell (4)

Für “Nicht-Raumfahrer” muss es letztlich unvorstellbar bleiben, solcherlei Eindrücke zu fassen. Am Rande: Ich schätze es aus genau demselben Grund sehr, visueller Himmelsbeobachter zu sein. Ein Himmelsobjekt mit eigenen Augen zu erkunden, ist etwas grundverschieden anderes als die Betrachtung bloß eines Bilds, eines Films oder einer Beschreibung. O-Ton Alexander Gerst in der WDR-Sendung:

“… Und das ist ein Blickpunkt, den ich unbedingt teilen möchte, weil er selbst für mich als Geophysiker – ich habe von mir behauptet, ich habe die Erde verstanden vorher – aber man kann eine Sache verstehen, oder man kann sie mit den eigenen Augen sehen. Und das sind zwei unterschiedliche Dinge. Und deswegen ist es mir wichtig, dass ich dieses mit den menschlichen Augen sehen, diese Bilder teile und wieder zurück auf die Erde bringe. Und ich denke, das ist eine wichtige Perspektive, die uns manchmal hier unten fehlt.  …” Alexander Gerst (2)

Ähnlich formulierte es der amerikanische Astronaut Donald Edward Williams, der 1985 mit der Raumfähre Discovery (STS-51-D) und 1989 mit dem Space Shuttle Atlantis (STS-34) um die Erde kreiste:

Für diejenigen, welche die Erde aus dem Weltraum gesehen haben, und für die, die es noch tun werden, verändert das Erlebnis sehr wahrscheinlich ihre Weltsicht. Die Dinge, die wir auf der Erde miteinander teilen, werden viel wertvoller als jene, die uns trennen.” Donald Edward Williams (4)

Der Vietnamese Pham Tuân beschrieb die Eindrücke seines Fluges der Saljut 6 im Juli 1980:

Nach acht Flugtagen im Weltraum erkannte ich, dass der Mensch die Höhe vor allem braucht, um die Erde, die so vieles durchlitten hat, besser zu verstehen und manches zu erkennen, was aus der Nähe nicht wahrgenommen werden kann. Nicht allein, um von ihrer Schönheit in Bann geschlagen zu werden, sondern auch um zu einem Verantwortungsgefühl dafür zu kommen, dass durch nichts, was wir tun, die Natur auch nur im geringsten Maße Schaden leiden darf.” Pham Tuân (4)

Clear Skies, Stefan Oldenburg

(1) Zugeschrieben wird dieses Zitat zwar dem chinesischen Philosophen Lǎozǐ, der vermutlich im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte. Im einzigen überlieferten Werk, dem Dàodéjīng, von dem man annimmt, es stamme von Lǎozǐ, findet sich dieser Spruch jedoch definitiv nicht.

(2) Momentan findet sich diese Folge in der WDR-Mediathek: http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/quarks/sendungen/videowelchezukunfthatdiebemannteraumfahrt102-videoplayer.html

(3) Wer diese sehenswerte Folge von Quarks & Co mit dem Studiogast Alexander Gerst im Fernsehen anschauen möchte, kann dies am  Samstag, dem 24. Januar 2015 von 12:00 – 12:45 Uhr tun.

(4) Ich muss mich wohl schämen: Die Quellen einzelner Zitate habe ich – gänzlich unwissenschaftlich – selten bis nie notiert, weshalb ich sie hier nicht aufführe.

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

5 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel zu einer wichtigen Tatsache.

    Hier noch ein paar mehr Zitate von Raumfahrern, die in dieselbe Kerbe hauen:

    Ed Mitchell, Pilot des Landemoduls auf Apollo 14:

    You develop an instant global consciousness, a people orientation, an intense dissatisfaction with the state of the world, and a compulsion to do something about it. From out there on the moon, international politics look so petty. You want to grab a politician by the scruff of the neck and drag him a quarter of a million miles out and say, “Look at that, you son of a bitch.”

    Sultan bin Salman bin Abdul-Aziz Al Saud, erster arabischer Raumfahrer und möglicherweise auch Weltrekordhalter bei der Namenslänge unter Raumfahrern:

    The first day or so we all pointed to our countries. The third or fourth day we were pointing to our continents. By the fifth day, we were aware of only one Earth.

    Neil Armstrong:

    It suddenly struck me that that tiny pea, pretty and blue, was the Earth. I put up my thumb and shut one eye, and my thumb blotted out the planet Earth. I didn’t feel like a giant. I felt very, very small.

    So isses, Leute. Auch deswegen ist bemannte Weltraumfahrt wichtig.

    Auf der Plakette an der Landefähre von Apollo 11 steht Folgendes:

    Here men from the planet Earth first set foot upon the Moon. July 1969 A.D. We came in peace for all mankind.

    Keine Betonung der Nationalität, aber ausdrückliche Erwähnung der Tatsache, dass diese Reise zu einer geworden war, an dem die ganze Menschheit Anteil nahm. Ungeachtet der Tatsache, dass das Ganze als Ableger des Rüstungswettlaufs zweier politischer Gegner begonnen hatte. Am Ende nahmen die ersten Mondreisenden auch Gedenkmedaillen zum Andenken an tote Raumfahrer (also Kollegen) im Dienst des Gegners mit zum Mond.

    • Danke, Michael. Das Ed-Mitchell-Zitat (ich kannte es noch nicht…) sollte man sich einrahmen und aufhängen: Sooo vieles ist schlicht “belanglos”, über das wir uns auf Erden erzürnen.

      • … bereits gestern erreichte mich ein – nahezu unversehrtes – Exemplar dieses Bildbands, für den ich sagenhafte 0,20 EUR plus Versandkosten 3 EUR bezahlt habe. In der Tat ist “The Home Planet” sehr beeindruckend. Freue mich auf nähere Erkundungen dieses Buchs; das derzeitige kaltfeuchte Wetter bietet dazu den passenden Rahmen.

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