DER Sternatlas

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Die Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, ist gar nicht so abwegig, lässt sie einen mitunter doch innehalten und den Blick auf das Wesentliche lenken. Ich weiß nicht, ob ich diese Frage richtig verstehe, aber ich müsste auf das berühmte (und ganz sicher stockfinstere!) Eiland eine ganze Menge mitnehmen: Natürlich Teleskop und Fernglas. Bei den Okularen fürs Teleskop müsste ich hoffentlich nicht wählerisch sein; ganz klar würde ich meinen Okularkoffer – in dem sich mehrere Brennweiten samt Bandpassfiltern finden – komplett auf diese abgelegene Insel retten. Eine Frage, die sich ebenfalls stellte, wäre jene nach DEM Sternatlas, der diese Reise antreten dürfte.

Ja, und da liegt auch der Grund für meinen wohl allerletzten Blogpost – im ablaufenden Jahr: Ich bin fündig geworden auf der langen Suche nach DEM Sternatlas. Über die Jahre meiner amateurastronomischen Aktivitäten habe ich manches Sternkartenwerk kennen und schätzen gelernt. Eine Auswahl bewährter Sternatlanten nenne ich in meinem Blogpost zum Thema “Zielkreisschablonen”. Das jüngste hier gelistete Werk: Der vom Oculum-Verlag vorgelegte “interstellarum Deep-Sky-Atlas” von Ronald Stoyan und Stephan Schurig.

Und das ist DER Sternatlas – den ich mitnehmen würde! Warum? Das schrieb ich in einer Rezension für SuW, die erst in der Zukunft gedruckt werden wird. Nun ist aber übermorgen schon Weihnachten, und da ja vielleicht der ein oder andere Sterngucker sich selbst dann reich beschenken möchte, will ich vorgreifen, und meinen Lobpreis dieses Kartenwerks bereits an dieser Stelle singen. Freilich in ganz anderem Wortlaut als in meiner SuW-Rezension!

 

Nur das, was man sehen kann

Die Grundidee, die das Autorenteam mit dem “interstellarum Deep-Sky-Atlas” realisiert hat, ist schlicht genial: Der durchweg farbige Sternatlas differenziert Deep-Sky-Objekte nach ihrer Sichtbarkeit, und zeigt ausschließlich jene Himmelsobjekte, die man tatsächlich beobachten kann (und immerhin sind das mit 15.000 Stück wohl mehr, als man in einem Beobachterleben allein je wird in den Fokus nehmen können). In allen anderen Sternkartenwerken finden sich Deep-Sky-Objekte selbst dann, wenn sie selbst mit größter Teleskopöffnung unsichtbar bleiben müssen.

Alle in diesem Kartenwerk verzeichneten Himmelsobjekte sind eingeteilt in vier Sichtbarkeitskategorien und dargestellt nach ihrer tatsächlichen visuellen Sichtbarkeit “unter normalem Landhimmel” für Teleskopöffnungen von 4, 8 und 12 Zoll sowie unsichtbar für 12 Zoll. Je nachdem, wie groß das eigene Teleskop ist, weiß man auf den ersten Blick, ob man das Himmelsobjekt damit sehen kann – oder auch nicht. Dazu entwickelten die Autoren eine ganz eigene Darstellungsform, durch welche sich diese vier Sichtbarkeitskategorien gut differenzieren lassen: Durch geschickte Variation von Schriftgröße, Schriftform, Objektdarstellung und Farbintensität. All das lässt sich nicht nur am Schreibtisch, sondern auch dort gut erfassen, wo es am wichtigsten ist: Am Teleskop unter stockfinsterem Himmel, allein beleuchtet vom spärlichen Schein eines Rotlichts (ich hoffe, ich hätte auch mein Rotlicht und ausreichend Ersatzbatterien dafür auf der einsamen Insel dabei…). Das muss man freilich sehen; ich traue mich aber nicht, an dieser Stelle eigene Fotos aus dem Atlas zu präsentieren. Ich verweise auf diesen Link des Oculum-Verlags: Legende des interstellarum Deep-Sky-Atlas

 

Die machen es aber spannend…

Zum ersten Mal erfuhr ich auf der Frankfurter Buchmesse 2012 vom für das Frühjahr 2013 anvisierten Erscheinungstermin dieses Sternkartenwerks. Weil selbst der Grundgedanke so bestechend ist, war ich als Deep-Sky-Beobachter natürlich sofort hellhörig. Der Oculum-Verlag gestaltete das Erscheinen dieses Kartenwerks dann äußerst spannend: Es dauerte bis zur nächsten Buchmesse in diesem Jahr, da ich das Werk zum ersten Mal in Händen halten konnte. Und seit ich ein Rezensionsexemplar intensiver betrachten und testen kann, bin ich – ich gestehe: begeistert. Darf ein Rezensent von einem Buch begeistert sein? Ich bin es!

Dieser Sternatlas folgt tatsächlich einem “neuen” Konzept. Man hört ja oft dieses “NEU”, und stellt dann bei näherer Betrachtung enttäuscht fest: “ALT”. Dieser Sternatlas beschreitet in der Tat völlig neue Wege, die ihn zu einem hervorragenden Werkzeug jedes Himmelsbeobachters machen, übrigens gleichgültig, ob es sich um einen Anfänger oder den berühmt “erfahrenen” Amateurastronomen handelt. Jeder wird seinen Spaß mit diesem Atlas haben, einfach weil er es einem einfach macht.

 

122 Quasare

Die Fakten: Auf 114 doppelseitigen Karten im Format 26 x 28 cm sind 201.719 Sterne, 1168 Veränderliche und 2950 Doppelsterne verzeichnet – bis zur Grenzgröße 9,5 mag. Der Maßstab beträgt einheitlich 1°/1,5 cm, womit dieser Sternatlas zwischen den beiden Werken Uranometria und Toshimi Takis 8.5 Magnitude Star Atlas liegt. Neben den Übersichtskarten finden sich 29 Detailkarten besonders objektreicher Himmelsregionen. Der hier verwendete Maßstab beträgt das 2- bis 4-fache der Hauptkarten.

Ein Detail, das ich besonders klasse finde: Es sind jene sichtbaren Sterne ausgewiesen, um welche bis zur Drucklegung Exoplaneten nachgewiesen waren, immerhin 371! Nun ist natürlich sonnenklar, dass Planeten um ferne Sonnen keineswegs direkt oder gar mit Amateurmitteln erfassbar, doch ist es natürlich spannend, diese Sterne einmal in den eigenen Fokus zu nehmen, spielt sich doch vieles im Kopf und in der Phantasie eines Himmelsbeobachters ab. Was wäre Sternegucken ohne Wissen und Phantasie?

Auch der Katalog der in diesem Kartenwerk verzeichneten – und durchweg visuell erreichbaren – Deep-Sky-Objekte beeindruckt: 9599 Galaxien, 117 Galaxienhaufen, 508 Galaxiengruppen, 1903 Offene Sternhaufen, 181 Kugelsternhaufen, 536 Sternmuster, 58 Sternwolken, 530 helle Galaktische Nebel, 526 Dunkelnebel, 755 Planetarische Nebel und – 122 Quasare! Viele dieser stellar erscheinenden Himmelsobjekte sind visuell erreichbar! Diese lange Zeit völlig rätselhaften Himmelsobjekte sind auch für visuelle Himmelsbeobachter so spannend, weil man bei ihrem Anblick erheblich weiter in die Vergangenheit schaut als bei jedem anderen Objekt.

Man könnte sehr viel schreiben über dieses Kartenwerk; ich muss mich auf wenige Aspekte beschränken. Zum Beispiel diesen: Der Auswahl der verzeichneten Himmelsobjekte liegen unter anderem Berechnungen mit der Software “Eye & Telescope” zugrunde, bei der schwer sichtbare Grenzfälle aussortiert wurden. Die Mühen dieser Arbeiten zeigen sich im Abgleich mit den Ergebnissen dieser Auswahl mit den rund 15.000 in der “Deep-Sky-Liste” durch erfahrene Deep-Sky-Beobachter dokumentierten Beobachtungen.

Ein großes Anliegen bei der Konzeption und Erstellung dieses Sternkartenwerks war dem Autorenteam die Verlässlichkeit und Fehlerfreiheit der Objektdaten. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich der interstellarum Deep-Sky-Atlas von anderen Werken: Vielleicht ist er der derzeit fehlerfreiste aller verfügbaren Sternatlanten.

Visuelle Himmelsbeobachter erhalten bei Emmissionsnebeln wertvolle Tipps zur Verwendung von Nebel- bzw. Bandpassfiltern. Auch das ist neu! Je nach Objekt werden UHC-Filter, OIII-Filter oder H-Beta-Filter empfohlen. Ein UHC-Filter umfasst beide OIII-Linien sowie H-Beta und zeigt etwa bei Supernova-Überresten wie dem Cirrus- oder Krebs-Nebel einen geringeren Kontrast zum Himmelshintergrund als ein OIII. So ganz leuchtet mir diese Differenzierung daher nicht ein; ich hätte mich auf die beiden Filtertypen OIII und H-Beta beschränkt.

 

Einsame Insel und Wermutstropfen

Warum nun sollte dieser Atlas mit auf die einsame Insel? Dieser Sternatlas verbindet eine bislang unbekannte Informationsdichte mit höchster Lesbarkeit. Und das bei hoher Ästhetik. Ich finde ihn schlicht wunderschön, ähnlich wie den grandiosen “The Cambridge Double Star Atlas” von James Mullaney und Wil Tirion. Es hat sich viel getan seit dem ersten Erscheinen des altgedienten “Karkoschka” vor einem Vierteljahrhundert.

Nun kommt leider ein Wermutstropfen: Den interstellarum Deep-Sky-Atlas gab es anfangs in zwei Versionen: Einer Normalversion, die ich vorliegen habe, und einer Premiumversion, bei der die Kartenblätter aus robuster und wasserfester Polyethylenfolie bestehen. Ich hatte diese einmal in der Hand und bin sicher, dass sie wie geschaffen ist für den jahrelangen Feldeinsatz. Diese Premiumversion wiegt zudem rund ein Drittel weniger als die Normalausgabe, die recht stramme 1,4 Kilogramm auf die Waage beziehungsweise Schenkel bringt. Vielleicht spricht all dies für die Premiumversion, denn sie ist zur Zeit vergriffen. Und wie der Oculum-Verlag verlauten lässt, kann diese erst gemeinsam mit einer Folgeauflage der Normalausgabe wieder hergestellt werden, alles andere wäre zu teuer. Ich kaufe mir von diesem Sternatlas unbedingt auch die Premiumausgabe, sobald eine Neuauflage vorliegen wird. Hoffentlich muss ich nicht vorher schon auf die einsame Insel. Irgendwo hörte ich, dort werde gar keine Post ausgeliefert…

Clear Skies und frohe Weihnachten! Stefan Oldenburg

 

Ronald Stoyan, Stephan Schurig: interstellarum Deep-Sky-Atlas. Oculum-Verlag, Erlangen, 2013. Normalausgabe: Spiralbindung, 264 Seiten, ISBN-13: 978-3938469613, € 79,90.
Premium-Ausgabe: Umschlag und Papier aus wetterbeständigen Materialien, Spiralbindung, 264 Seiten, ISBN-13: 978-3938469620, € 129,90. (zur Zeit vergriffen)

 

Website des Oculum-Verlags zum interstellarum Deep-Sky-Atlas

 

In meiner Rubrik “Lesestoff” finden sich weitere Tipps für amateurastronomische Lektüre.

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

1 Kommentar

  1. Katalogfehler: “Missing Stars” ?

    Auf der oben angegebenen Webseite des Atlasanbieters findet
    sich eine recht ausführliche Seite, welche die Bitte um Korrekturmitteilungen
    für die Leserschaft enthält.

    Auch wenn weniger als 300000 Objekte den Sternatlas füllen, so ist doch
    erstaunlich – wenn auch erfreulich -, dass ausdrücklich auf einzelne
    Fehlermöglichkeiten hingewiesen wird. Erstaunlich ist, dass seit vielen Jahrzehnten
    einige Sternkataloge mit wesenlich mehr Objekten bereits existieren
    (ein neuerer bishin bei ca. 1 Milliarde) und dennoch die (vermutlich) erfolgten
    Abgleiche seitens des Erstellers des hier empfohlenen Sternkataloges
    keine Fehler ausschließen können – wie ich vermute,
    mehr als nur genau ein einziger Fehler.

    Daher sei hier daran erinnert, dass prinzipiell eine Fehlerursache
    auch in den Objekten selber liegen kann,
    z.B. extrem lange Perioden der Helligkeitsschwankungen
    oder einfaches Verblasses der Objekte,
    d.h. anhaltendes Nachlassen der Helligkeit.

    Auch sei hier darauf aufmerksam gemacht, dass
    in der (historischen) Bonner Sterndurchmusterung über
    70 Objekte existieren, die nicht wieder aufgefunden werden konnten
    (“missing stars” – sicherlich i.d.R. Katalogfehler – aber wirklich alle?).

    Dem einzelnen, dokumentierten Sichten von “Lichtpunkten” und
    anschließend nicht möglichem Wiederauffinden dieser “Ereignisse”
    sollte von astronomischer Seite doch daher speziell mehr Aufmerksamkeit
    als bisher geschenkt werden – vielleicht gibt es grundsätzlich
    ganz Neues zu entdecken.

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