Der “Goldene Henkel”

Wer heute Abend zum Mond schaut, sieht etwas Besonders: den "Goldenen Henkel". Zwei Tage nach dem ersten Viertel fällt Sonnenlicht auf die am Rande des Mare Imbrium liegende Gebirgsgruppe Montes Jura, welche den Krater Sinus Iridum halbkreisförmig umrahmt.

Während der Krater Sinus Iridum noch größtenteils im Schatten liegt, treten die beleuchteten Berge des Juragebirges plastisch vor dem ebenfalls noch unbeleuchteten Mondhintergrund hervor. Die Bezeichnung "Goldener Henkel" entsprang vermutlich der bildlichen Phantasie längst vergessener Beobachter, die einen Griff am Mond sahen.

Bei der Kraterformation Sinus Iridum, auch "Regenbogenbucht" genannt, handelt es sich um einen Einschlagkrater mit einem Durchmesser von etwa 260 Kilometern, der zusammen mit dem angrenzenden Mare Imbrium nachträglich mit Lava aufgefüllt wurde. Die zwischen 47,1° Nord und 34,0° West gelegenen Montes Jura erstrecken sich über eine Länge von etwa 420 Kilometern und sind maximal 3000 Meter hoch. Vermutlich handelt es sich bei diesem lunaren Gebirgszug um den Rest eines zur Hälfte im Mare Imbrium versunkenen Kraterwalls. Nahe der Südseite des Juragebirges, dem Promontorium Heraclides, landete übrigens im Jahre 1970 die Raumsonde Luna 17 mit dem fahrbaren Laboratorium Lunochod 1 an Bord.

Mit bloßem Auge ist dieses Beleuchtungsereignis nicht zu erkennen, es sei denn, jemand verfügt über extrem gute Augen mit einem Pupillendurchmesser von etwa 15 Millimetern, ist nicht älter als 10 Jahre, hat aber mindestens die letzten 40 Jahre in einem Luftkurort gelebt, nicht geraucht bzw. Alkohol oder andere Drogen konsumiert – eine stets ausgewogene, vitamin- und nährstoffreiche sowie fettarme Ernährung selbstredend vorausgesetzt. Wer all diese Bedingungen nur teilweise oder gar nicht erfüllt, schaut einfach durch ein Fernglas oder – besser noch – ein kleines Teleskop, um den "Goldenen Henkel" zu bewundern.

Ja, was hier fehlt, ist ein schönes Foto dieses Ereignisses. Ich habe eine eigene Aufnahme, die mir aber nicht gut genug ist, um sie hier zu präsentieren. Vielleicht nehme ich heute Abend ein besseres Bild vom Mond mit "Goldenem Henkel" auf. Für alle Ungeduldigen gibt es die "Bildersuche" bei Google. Und wer dieses Beleuchtungsereignis ohne vorheriges Betrachten einer Bildanleitung mit den eigenen Augen entdecken will, der sucht zunächst das Mare Imbrium im Nordwesten des Mondes, lässt seine Augen über den Terminator schweifen und sieht ihn leuchten – den "Goldenen Henkel"!

Ich wünsche einen wolkenfreien, klaren Himmel und viel Spaß beim Bestaunen unseres Erdtrabanten.

Stefan Oldenburg

Links

Lunar Map Catalog
– U. S. Geological Survey – Geologic Atlas of the MoonSinus Iridum

  • Veröffentlicht in: Mond

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wolken

    “Wer heute Abend zum Mond schaut …”

    Hm, sieht wohl von Heidelberg aus schlecht aus, weil der Himmel von einer dichten Wolkendecke umhüllt ist.

    Und selbstverständlich hätte ich den “goldenen Henkel” mit bloßem Auge zu erspähen versucht. 😉

  2. >Ich wünsche einen wolkenfreien, klaren Himmel und viel Spaß beim Bestaunen unseres Erdtrabanten.

    Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben. Auch den Komet Lulin habe ich aus Wettergründen nicht sehen können. ABER, ich habe den “goldenen Henkel” schon mal durchs Fernglas gesehen, ohne zu wissen, daß er so genannt wird. Ein wirklich lohnendes Objekt!

  3. als Trost…

    … am 4. Mai wird der nächste Termin sein, da wir den “Goldenen Henkel” beobachten können. Am deutlichsten wird das Juragebirge an diesem Abend gegen 21 Uhr “leuchten”.

  4. Goldener Henkel

    Sehr geehrter Herr Oldenburg,
    ich habe Ihren Text mit grossem Interesse gelesen und darf Ihnen mitteilen, dass ich mit über 60 den goldenen Henkel oft mit blossem Auge gesehen habe. Entdeckt habe ich ihn bei Tageslicht an einem Spätnachmittag. Die Sicht finde ich besser bei Tag als bei Nacht. Heute, 7. Oktober 2011, habe ich ihn um ca. 22 Uhr mit dem Feldstecher gesehen.
    Mit freundlichen Grüssen von Annie Singer, Zürich

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