Brigitte Röthlein: Der Mond

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Astronomie mit eigenen Augen
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Im Januar berichtete ich über ein Buch, das ich kaufte, weil es im Internet einige nette Besprechungen dazu gibt: Brigitte Röthlein: Der Mond – Neues über den Erdtrabanten. Weshalb schreibe ich erneut über dieses Gesamtkunstwerk des schlechten Wissenschaftsjournalismus? Zum einen, weil jener erste Beitrag nur wenige Mosaiksteinchen beleuchtet, die allein noch kein Gesamtbild ergeben. Zum anderen zeige ich, dass dieses Buch nur der loben kann, der es nicht gelesen hat.

Verspricht ein Buch im Untertitel "Neues", darf der Leser "Neues" erwarten. Das klingt plausibel, ist es aber in diesem Fall nicht. Der dtv-Verlag legte im Sommer 2008 die Originalausgabe eines Buchs über den Erdmond vor, in dem der Leser "Neues" vergeblich sucht. Im Gegenteil: In diesem von der Wissenschaftsautorin und Physikerin Brigitte Röthlein verfassten Buch findet sich viel Altbackenes, Antiquiertes, Wiedergekäutes oder Erfundenes.

Brigitte Röthlein: Der Mond – Neues über den Erdtrabanten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, dtv-premium, Juli 2008, Originalausgabe. 270 Seiten, 80 Abbildungen. ISBN: 978-3-423-24678-1. Paperback 16,90 EUR.

Die Überschrift der Einleitung mag gleichsam Programm wie Vorahnung sein: "Der Mond, das geheimnisvolle Wesen". Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass es der Autorin weniger um naturwissenschaftliche Fakten geht, als um das, was sie als "geheimnisvoller" als diese bezeichnet: "… Natürlich ist der naturwissenschaftlich-technische Aspekt nur eine Seite des Mondes. Mindestens ebenso faszinierend und dazu noch geheimnisvoller sind die Wirkungen des Mondes auf Mensch, Tier und Pflanze, selbst auf die Erde als Ganzes. …" Dieser Satz (S. 8) offenbart in nuce den Anspruch, den der Leser an das Buch stellen darf.

Im ersten Kapitel erfährt der Leser, die beiden größten erdgebundenen Teleskope seien der Fünf-Meter-Spiegel auf dem Mount Palomar und der Sechs-Meter-Spiegel im Kaukasus. Eine astronomische Neuerscheinung ignoriert Entwicklungen mehrerer Jahrzehnte, die in summa das goldene Zeitalter der Astronomie ausmachen, in dem wir uns befinden! Diese altertümliche Aussage findet sich übrigens fast wörtlich auf einer Internet-Seite: http://www.manfredholl.de/schwindl.htm, worauf mich eine Kommentatorin zu meinem Beitrag vom Januar aufmerksam machte. Es lohnt, die Kommentare unter diesem Beitrag zu lesen; auf einige der genannten Aspekte wäre ich selbst nicht gestoßen und nahm die "Entdeckung" Utes zum Anlass, selbst mal näher Textpassagen mit dem www abzugleichen. Und siehe da, ich wurde etliche Male fündig.

Auf diesen ersten Knaller folgen zwei Kapitel zum Aufbau und zur Entstehung des Mondes, wobei naturwissenschaftliche Fakten immer nur am Rande und oberflächlich angerissen werden. Eher stehen Beschreibungen diverser Expeditionen oder anderer Nebensächlichkeiten im Vordergrund, die mit dem Mond selbst nichts zu tun haben. Besonders in den Kapiteln fünf bis acht, die sich den Apollo-Missionen widmen, wird die generell fehlende Systematik des Buchs sichtbar: Die Inhalte tanzen durcheinander, und manches Mal reibt sich der Leser verwundert die Augen, weshalb spannende Themen angeschnitten, aber nicht vertieft werden. So hakt Röthlein auch die einzelnen Mondmissionen der NASA und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse nur peripher ab. Zur geologisch interessanten Apollo-15-Mission zur Hadley-Rille beispielsweise fehlen wesentliche Ergebnisse, hingegen berichtet Röthlein so Banales wie: "Die Astronauten fotografierten". Auf 28 Seiten legt die Autorin hingegen dar, was eher eine Frauenzeitschrift ziert: Das Leben der Mond-Astronauten nach ihren Mondfahrten und wer wie oft verheiratet beziehungsweise geschieden war. Die Kapitel neun und zehn behandeln zukünftige Mondmissionen und den Mond als Rohstoffquelle. Das elfte Kapitel beschreibt Gezeitenwirkungen des Mondes auf die Erde. In den Kapiteln zwölf bis vierzehn steht vollends das "Geheimnisvolle" im Fokus, von dem Röthlein in der Einleitung schreibt: angebliche Einflüsse des Mondes auf Mensch, Fauna und Flora.

Wo auch immer der Leser näher hinschaut, bleiben die Beschreibungen der Autorin unzureichend und oberflächlich. Das wichtige Thema "Mondstaub" beispielsweise handelt sie in wenigen Sätzen ab, ohne das Wesentliche zu sagen: Geologen sind sich heute einig, im Mondstaub den Schlüssel zum Verständnis seiner Entstehungsgeschichte zu haben. Ein anderes Beispiel sind die "Lunar Transient Phenomena", die Röthlein nur am Rande anspricht. Wie auch anderswo in Röthleins Mondbuch, gleicht der Text hier einigen unpräzisen Sätzen aus Wikipedia, ohne Nennung der Quelle. Wem das Buch vorliegt, möge den Text auf den Seiten 48 und 49 mit diesem Wikipedia-Eintrag vergleichen.

Die "neuesten Erkenntnisse", von denen im Rückentext die Rede ist, finden sich in den letzten drei Kapiteln und beschränken sich auf angebliche Einflüsse des Mondes auf Mensch, Fauna und Flora, die allesamt mit der Bauernregel zusammengefasst werden können: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich´s Wetter oder´s bleibt, wie´s ist." Auch Röthlein teilt diese Erkenntnis. Weshalb sie diesen "geheimnisvollen" und allesamt zerplatzten Seifenblasen aber ein rundes Drittel ihres Buches opfert, bleibt ihr Geheimnis.

Tabellen oder Diagramme sucht der Leser in diesem Buch vergeblich. Zwar sind einige Fotos enthalten, doch sind diese durchweg ohne großen Erkenntniswert. Es sind u.a. Portraits diverser Forscher zu sehen, teilweise von der Autorin aufgenommen. Selbst eigene Urlaubsfotos, deren inhaltlicher Kontext nicht erkennbar ist, mutet die Autorin ihren Lesern im Kapitel "Gezeiten" zu. Gerade hier könnten Abbildungen die Entstehung der Gezeiten passender erläutern, als es der Autorin mit Worten gelingt. Das bringen manche Kinderbücher besser. Sprachlich bewegt sich Röthlein oftmals an der Grenze zum Lächerlichen, wenn sie beispielsweise immer wieder von "hinauffliegen" schreibt, oder Adjektive wie "dramatisch" verwendet, die nicht in ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch gehören.

Immer wieder stellt sich beim Lesen des Buchs die Frage, warum das dtv-Lektorat Fehler übersah, oder ob vielleicht gar keines tätig war. Ein Amateurastronom hätte viele der kleinen und großen Mängel bereits im Manuskriptstadium finden können. Die Nachlässigkeit des dtv-Lektorats zeigt sich – schon beim ersten Durchblättern des Buchs – in Bildunterschriften, wenn sich zum russischen Mondroboter Lunokhod unterschiedliche Schreibweisen finden, oder Apollo 16 auf das Jahr 1994 datiert wird. Ein Foto zeigt laut Beschreibung gar Neil Armstrong beim Ausstieg aus der Mondlandefähre. Diese Bildlegende übergeht großzügig die seit nunmehr 40 Jahren geführten Diskussionen, weshalb Edwin "Buzz" Aldrin seinen Kollegen während der ersten bemannten Mondlandung kein einziges Mal fotografierte.

Weshalb das Buch so seltsam blutleer bleibt, erklärt auch ein Blick in das Literaturverzeichnis: Dort findet sich kein einziges Standardwerk wie etwa der Mondatlas von Antonin Rükl oder Publikationen von Don E. Wilhelms, einem der wichtigsten Mondgeologen. Es finden sich auch keine Hinweise auf die zahlreichen seriösen und offiziellen Internet-Quellen zum Mond, beispielsweise der NASA (z.B.: Apollo 11, Apollo 12, Apollo 15, Apollo 16), die umfangreiches Material zu allen Mondflügen für jeden zugänglich anbietet. Nein, es findet sich nur höchst subjektiv ausgewählte "Literatur", welche Buchhandlungen teilweise in der Abteilung "Esoterik" oder "Lebenshilfe" anbieten. Keinesfalls kann Wikipedia als Quelle für ein ernsthaftes wissenschaftsjournalistisches Buch dienen; mehrfach finden sich frappierende Ähnlichkeiten zwischen Wikipedia-Einträgen und ganzen Textpassagen bei Röthlein. Auf Basis der genannten Veröffentlichungen ist es übrigens keinem Autoren möglich, ein ausgewogenes Buch über den Erdtrabanten verfassen zu können. Schon vor 40 Jahren war das Wissen über den Mond weit umfassender, als es dieses Buch und seine aufgeführten Quellen auch nur im Ansatz vermuten lassen.

Auf der ersten Seite der Einleitung liefert Röthlein eine mögliche Erklärung der Blutleere ihres Mond-Buchs. Sie schreibt: "… Ich hatte die erste Mondlandung, ehrlich gesagt, verschlafen. Als Studentin hatte ich mich damals für die Betreuung von Berliner Schulkindern in einem Landschulheim gemeldet, und ich war abends so erschöpft, dass ich vor dem Fernseher beim besten Willen nicht wach bleiben konnte. …" By the way: Ich war damals gerade mal vier Jahre jung und erlebte dieses Ereignis zusammen mit Eltern und Bruder so bewusst, dass mir diese Nacht noch immer präsent ist.

Schade, hier hat der dtv-Verlag eine große Chance verpasst, zum vierzigsten Jahrestag der ersten bemannten Mondlandung ein Buch über den Mond zu präsentieren, das dieses Jubiläums würdig ist. Zum Glück gibt es andere Bücher zum 40sten Jahrestag im Juli – so das Meisterwerk von Jaumann und Köhler –, die in einer völlig anderen Liga spielen als der dtv-Band, und auch nicht mit "Geheimnisvollem" werben müssen, um ein hervorragendes Buch über den Erdtrabanten vorzulegen. Eine Irreführung potentieller Käufer sind viele positive Rezensionen des Röthlein-Buchs, die sich im Internet finden. Häufig wurden offenkundig Waschzettel abgepinnt, ohne das Buch zuvor mit Sachverstand und offenen Augen gelesen zu haben.

Verlag und Autorin betreiben mit dem Titel des Buchs Etikettenschwindel, da es nicht für naturwissenschaftlich orientierte Zeitgenossen geschrieben ist, sondern für Leute mit einem Mondkalender an der Wand. Dieses lausig redigierte und oberflächliche Buch ist den Preis von 16,90 EUR keinesfalls wert und bleibt hoffentlich nur ein ärgerlicher Ausrutscher des dtv-Verlags.

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Brigitte Röthlein: Der Mond – Neues über den Erdtrabanten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, dtv-premium, Juli 2008, Originalausgabe. 270 Seiten, 80 Abbildungen. ISBN: 978-3-423-24678-1. Paperback 16,90 EUR.

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

3 Kommentare

  1. Eine notwendige Schelte

    Ich kann Ihren kritischen Anmerkungen nur zustimmen! Populärwissenschaftliche Bücher geschrieben von Autorinnen oder Autoren, die sich nicht für das Thema interessieren und besprochen von Rezensenten, die das Buch nicht gelesen haben, zeigen, dass Bücher eben auch nur eine Ware unter anderen sind. Das ist erschreckend, denn ein Buch kann prinzipiell mehr Einsichten vermitteln als z. B. eine Packung Waschmittel.

  2. Verhängnisvoller Sparzwang

    Leider wird von den Verlagen immer weniger Wert auf gründliches Lektorat oder ggf. gute Übersetzung gelegt, wie man z. B. auf den Buchmessen zu hören bekommt. Ich wäre gern bereit, etwas mehr zu zahlen, wenn hier nicht am falschen Ende gespart werden würde.

  3. danke für den informativen Kommentar!
    Wollte mir das Buch aufgrund unterschiedlicher positiver rezensionen beinahe schon kaufen.

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