Auf nach Gliese 581!

Ein neues Ferienziel scheint schon bald erreichbar zu werden: Gliese 581 g! Zumindest meinen das manche Zeitgenossen, die ihre Begeisterung über die Entdeckung des "erdähnlichen" Planeten Gliese 581 g kaum im Zaum halten können: "Lasst uns doch mal kurz hinfliegen" oder "20,4 Lichtjahre? Das ist doch gar nicht so weit!" "Die zweite Erde – unsere zweite Heimat!" So oder so ähnlich schwappt es durch die Weiten des www, seitdem Meldungen über die Entdeckung eines Planeten die Öffentlichkeit erreichen, der sein Zentralgestirn in der habitablen Zone umkreist.

Die ersten Reiseunternehmen nehmen dieses recht flott um einen Roten Zwerg kreisende Idyll schon ins Reiseprogramm auf: "Ferien auf Gliese 581 g". Aber mal ernsthaft, wie klingt denn das: "Gliese 581 g"? Dieser Name ist ja für einen so wunderschönen Planeten nicht wirklich schön, oder? Das klingt staubtrocken und so gar nicht nach Ferienparadies. Dort soll es ja Wasser geben, flüssiges Wasser sogar! Zunächst sollte man daher einen schöneren Namen finden. Einen, der auch Emotionen transportiert. Gegen "Gliese" ist an sich ja nichts einzuwenden. Der Astronom Wilhelm Gliese, der lange im – ebenfalls idyllischen – Heidelberg tätig war und einem Katalog sonnennaher Sterne viele Berufsjahre widmete, hat Glück, dass sein Name nun in aller Munde ist, und mit etwas Positivem assoziiert wird. Ob Wilhelm Gliese ahnte, dass Exoplaneten aus "ganz naheliegenden" Gründen zunächst bei nahen Sternen entdeckt werden? Egal – "Gliese 581 g" klingt einfach zu sehr nach Katalogname samt Bestellnummer, so wie beispielsweise "Otto 7645927". "Wilhelm" oder "Willy" klingt auch komisch als Planetenname. Wie wäre es mit dem Namen eines berühmten und verdienten Zeitgenossen, beispielsweise "Kohl"? Wo er den langersehnten Friedensnobelpreis doch schon wieder nicht bekommen wird. Nee, das klingt irgendwie auch nicht so toll, der Name soll schließlich positive Emotionen transportieren. Vielleicht ist der Name einer hübschen, intelligenten Schauspielerin trefflicher? Aber diese Namensgeschichte sei nur am Rande erwähnt; mir geht es um etwas ganz anderes:

Zu weit weg

Ich hatte kürzlich zum Thema "kosmische Distanzen" einen Blog-Beitrag geschrieben: Der Aktionsradius extraterrestrischer Intelligenzen. Ich bin der Ansicht, dass die Distanzen selbst in unserer Heimatgalaxis viel zu groß sind, damit "intelligente Zivilisationen" jemals miteinander in Kontakt oder gar in Interaktion treten können. Und in einem anderen Beitrag hatte ich versucht, diese Distanzen in Relation zu unserem Alltagserleben zu setzen.

Mein Fazit lautet: Selbst die sonnennächsten Sterne werden für die Gattung "Mensch" auf sehr lange Zeit oder überhaupt nicht erreichbar sein.

Wie lange bräuchten wir denn mit einem Raumschiff, um Gliese 581 in 20,4 Lichtjahren Entfernung erreichen zu können? Die Raumsonde "New Horizons", die sich auf dem Weg zum Zwergplaneten Pluto befindet, ist die schnellste Sonde, die der Mensch bislang zu Wege brachte. Die schnellste Sonde? Die mit Abstand schnellste Sonde! Seit ihrem Swing-By-Manöver am Jupiter im Februar 2007 ist sie mit satten 16,26 km/s (58.536 km/h) unterwegs. Zum Pluto braucht die Sonde noch bis zum Sommer 2015. Da fällt uns die Wartezeit schon lang. Für die knapp 193 Billionen Kilometer bis Gliese 581 bräuchte "New Horizons" dann schon knapp 376.400 Jahre. Das ist eine recht lange Reisezeit. Ob man da Butterbrote in ausreichender Zahl dabei haben kann? Es gibt schließlich auf dem Weg zu diesem Stern – der zu den 100 sonnennächsten Sternen gehört – keine Campingplätze, Hotels, Raststätten oder Schnellrestaurants.

Projekt Daedalus

Seriöse beziehungsweise erfolgversprechende Projekte interstellarer Raumschiffe gab es bislang nicht, lediglich Ansätze, die nach reiner Science-Fiction klingen, wie das "Projekt Daedalus" aus den 70ern des vorigen Jahrhunderts. Daedalus sollte mit einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit zu Barnards Pfeilstern fliegen, dem fast 6 Lichtjahre entfernten, viertnächsten der sonnennächsten Sterne. Doch Pustekuchen, aus einem Besuch beim Stern mit der größten Eigenbewegung wurde nichts – und wird auch erst mal nichts werden. Zum einen fand sich kein Geldgeber für dieses Projekt, zum anderen ist eine Technik für ein solches Raumschiff nicht in Sicht. Man hatte als Ziel dieser Mission übrigens deshalb den nach seinem Entdecker Edward Emerson Barnard benannten Roten Zwerg ausgewählt, weil man lange glaubte, einen Planeten in seinem Orbit nachweisen zu können. Es handelte sich um fehlerhafte Messungen, wie erst in den 80ern allgemein anerkannt wurde, also lange vor Entdeckung des ersten Exoplaneten im Jahre 1995.

Wo immer heute über "nahe Lichtgeschwindigkeit" reisende Raumschiffe schwadroniert wird, sollten zwei Punkte im Blickfeld bleiben: Erstens überschreiten selbst die Distanzen unserer kosmischen Umgebung (und selbst die sonnennächsten Sterne liegen quasi in unserem kosmischen Vorgarten!) unser Vorstellungsvermögen. Zweitens ist keine Technik in Sicht, mit der diese Distanzen überwinden werden könnten. Auch wenn es zu schön wäre.

Die bösen Aliens!

Wie groß wäre übrigens die Enttäuschung, wenn wir dann nach 376.400 Jahren Reisezeit bei Gliese 581 ankommen und feststellen müssen, auf dem "erdähnlichen" Planeten "Paris Hilton" – wie er dann heißen wird – gar nicht willkommen zu sein? Die lassen uns Erdlinge nicht mal unsere Wassertanks auffüllen! Das ist eine Schweinerei nach einer solch langen Reise! Vielleicht leben auf Gliese 581 g ja auch ganz fiese Gestalten? Vielleicht haben sie sogar diese gefährlichen Titan-Zähne, von denen man ja bisweilen hört, dass Aliens sie haben sollen?! Ratzfatz ist da die gepanzerte Wand unseres Raumschiffs durchgebissen. Und dann ist es schwierig, sich Rettung vom Heimatplaneten Erde kommen zu lassen. Da bleiben wir doch lieber auf der Erde und verbringen unseren Urlaub hier.

Clear Skies, Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Namen von Exoplaneten

    Zu dieser Namensgebungsgeschichte habe ich mich auch schon öfters mal gedacht, warum man hier nicht langsam mal ein bisschen Persönlichkeit in die ganzen fremden Sonnensysteme bringt! Bspw. HD 189733 b – wer kann sich sowas denn merken?

    Die Planeten des eigenen Sonnensystems wurden nach römischen Göttern benannt. Deren Verfallsdatum ist abgelaufen, aber dafür haben wir ja jetzt eine ganze Palette Nachfolger im Angebot!

  2. @ Jan

    Was sich heute eher anbieten würde, wären Namen verdienter Politiker. Sicher wäre doch der derzeitige deutsche Außenminister arg stolz, wenn ein Exoplanet nach ihm benannt würde?! Somit wäre der Schritt von den römischen Göttern dann nicht zu weit weg, sprach der Herr Parteivorsitzende doch kürzlich erst von „altrömischer Dekadenz“.

  3. Abwarten …

    Selbst wenn es nicht gleich ums Hinfliegen geht, wird die Sache doch allgemein schon deutlich zu hoch gehängt. An Gliese 581g, selbst wenn sich die Sache mit der Habitabilität bestätigen sollte, ist doch erst einmal gar nichts Besonderes. (Und ob sich das bestätigt, bleibt abzuwarten)

    Gliese 581 ist doch nur eines von vielen Sonnensystemen. Und Gliese 581g ist nur einer von vielen Planeten, die irgendwo in einer Entfernung von ihrem Zentralgestirn umlaufen, die für flüssiges Wasser geeignete Temperaturen theoretisch geeignet sein koennte.

    Ich sehe da keinen Grund, aus dem Häuschen zu geraten, so wie das mancher Journalist und auch mancher Wissenschaftler tat.

    Wenn es nun allerdings gelingen sollte, die Atmosphäre von Gliese 581g spektroskopisch zu analysieren und falls es dort molekularen Sauerstoff oder Ozon gibt, ja dann ….

  4. Man muss ja nicht selber hinfliegen

    … das machen wir bei Mars und eben mit New Horizons bei Pluto ja auch nicht. Man könnte doch auch erstmal eine unbemannte Sonde losschicken. Die kann dann gerne sehr lange unterwegs sein, Hauptsache sie kommt irgendwann an und funktioniert noch und kann Signale zurückschicken.

    Vielleicht wissen wir wirklich noch zu wenig über die physische Beschaffenheit der Exoplaneten, um ausgewählte Exemplare jetzt schon mit Namen auszustatten, aber früher oder später sollten wir das tun. Aber bloß keine Politikernamen! Ich wäre für Musiker. Die haben ja oft schon klingende Kunstnamen: Shakira, Beyonce usw., Oh nein: Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer!!! Okay, Planet Udo und Herbert gehen natürlich gar nicht. Echt ein schwieriges Problem!

  5. Geschwindigkeiten

    Moderne Raumsonden können heute schon Geschwindigkeiten von bis zu 100.000 m/s erreichen. Lichtgeschwindigkeit: ca. 300.000 m/s
    Somit würde ein Flug zu Gliese dann ca. 60 Jahre dauern. Mit einem Generationenraumschiff wäre das theoretisch machbar!

  6. Lieber noch mal nachrechnen.

    Moderne Raumsonden können heute schon Geschwindigkeiten von bis zu 100.000 m/s erreichen.

    Ist mir nicht bekannt.

    Lichtgeschwindigkeit: ca. 300.000 m/s. Somit würde ein Flug zu Gliese dann ca. 60 Jahre dauern. Mit einem Generationenraumschiff wäre das theoretisch machbar!

    Wollen Sie diesen Zug noch einmal zurücknehmen und überlegen? 🙂

  7. @ Walter: Kleiner Rechentipp

    Lieber Walter, Michael Khan deutet Ihren Kommentar völlig korrekt: 🙂

    Ich helfe Ihren Rechenkünsten gerne auf die Sprünge: Mit einer solchen Raumsonde (deren Realisierung reine SF und sonst nichts ist) würden Sie pro Jahr 3.153.600.000 Kilometer zurück legen – Phasen der Beschleunigung und der Verzögerung nicht mit gerechnet. Für die Strecke zum Gliese-System, das 20,4 Lichtjahre, also rund 193 Billionen Kilometer (193.000.000.000.000 km) entfernt ist, brauchen sie denn selbst mit dieser tollen – vielleicht einmal in der fernsten Zukunft gebauten – Superraumsonde noch geschlagene rund 61.200 Jahre. Das sind dann doch etwas mehr als die 60 Jahre Ihrer Rechnung. 🙂

  8. @ Lichtecho – Science-Fiction

    > Man könnte doch auch erstmal eine unbemannte Sonde
    > losschicken. Die kann dann gerne sehr lange unterwegs
    > sein, Hauptsache sie kommt irgendwann an und
    > funktioniert noch und kann Signale zurückschicken.

    In diesen beiden Sätzen steckt viel Science-Fiction.

    Erstens sei die Frage erlaubt, wie lange Wissen vorhält. Was in Ihrem Keller liegt, kennen Sie vielleicht noch, was im Keller der Großeltern oder Eltern liegt, ist oftmals ein Rätsel, bestenfalls ein Schatz, den es zu entdecken gilt. Wir reden über 50 Jahre. Wer aber erinnert sich denn wohl in einigen 10.000 Jahren noch an eine bestimmte Raumsonde, die irgendwann mal losgeschickt wurde? Ach ja, und dann wäre da noch das Geld, das auch eine laufende Raummission stets kostet. Und da sind Politiker bekanntermaßen oft nicht sonderlich spendabel. Für wie spendabel würden Sie denn Politiker einschätzen, die Sie für die – kontinuierliche – Finanzierung eines Projektes gewinnen möchten, das Ergebnisse in mehreren 10.000 Jahren verspricht?

    Zweitens sei die Frage erlaubt: Wie lange „funktioniert“ denn Technik? Als ich unlängst einen neuen Akku für mein Handy (aus dem Jahre 2004) kaufen wollte, schaute man mich in jenem „Service-Point“ an, als stamme ich aus dem Mittelalter oder gar der Antike. „Nein, dafür gibt es keine Akkus mehr“. Was ich sagen will: Die Halbwertszeit technischer Geräte ist stets gering. So gering, dass mich diese maßlose Überschätzung menschengeschaffener Technik wundert. Was in mehreren 10.000 Jahren alles mit einer Raumsonde passieren kann, ist leicht auszumalen, wenn man nur mal den „Weltraumschrott“ im Erdorbit betrachtet. Und zack reicht allein ein winziges Bruckstückchen aus, um durch hohe Relativgeschwindigkeiten einen Satelliten zu zerlegen.

    Drittens: Die Sendeenergie einer Raumsonde, die aus 20 Lichtjahren Distanz dann noch Signale zur Erde senden soll, dürfte wohl so groß sein, dass mehrere Großkraftwerke an Bord der Sonde notwendig sind.

  9. Dentalastronomie

    Auf dem Titan gibt es gar keine Zähne! Dafür trägt der Pluto ein Gebiss. Aber als Nichtplanet lässt er sich mittlerweile sicher ganz schön gehen. Aber es ist ja bereits die Raumsonde „Tooth Fairy 1“ der ADA (American Dental Association) auf dem Weg dorthin, um sich vor Ort von der plutonischen Zahngesundheit ein Bild zu machen.

  10. @ Edgar Lösel

    Herzlichen Dank, Herr Lösel, für Ihren wirklich bahnbrechenden Kommentar, der den LeserInnen meines Blogs ganz neue Aspekte eines heiklen, um nicht zu sagen bislang tabuisierten Themas eröffnet! Ich werde mir Ihre wohlgewählten Worte auf edlem Büttenpapier ausdrucken, und in einem stilvollen Rahmen (nehme ich einen mit Goldrand, oder lieber mit rosa Plüsch?) auf meinen Schreibtisch stellen, quasi als eine Art Gesamtkunstwerk. Danke!

  11. Herzlichen…

    … Dank, Herr Offenburg, für die freundlichen Worte. Wussten Sie übrigens, dass es im Sonnensystem in früheren Zeiten einen Monsterplaneten gab, der nur aus heißer Luft bestand? Er wurde zerstört, Trümmerstücke finden sich z. B. in Form des Asteroiden „Deistung“, der immer wieder in diesen Blog einschlägt und somit zu periodischen geistigen Katastrophen führt. Schlimm, aber wat will’mer machen?

  12. @ Edgar Läsel

    Ja, Herr Läsel, danke auch für Ihre neuen Ausführungen, die wieder mal mitten ins Schwarze treffen. Kann es sein, dass Trümmerteile des von Ihnen so wunderbar episch beschriebenen Monsterplaneten mitunter auch im Berliner Regierungsviertel einschlagen?

  13. Geschwindigkeiten

    Ähm, also mal kurz zur Richtigstellung:

    Die Lichtgeschwindigkeit beträgt 300000 km/s und nicht m/s !

    Und Sonden hinschicken, dürfte wohl mit dem heutigen Stand der Technik nicht möglich sein. Mal zur Überlegung: Voyager 1 & 2 sind jetzt fast 40 Jahre (!) unterwegs und haben noch nicht einmal unser eigenes Sonnensystem verlassen. Der Treibstoff wird nicht einmal ansatzweise ausreichen, um dorthin zu fliegen. Man könnte nichtmal soviel mitführen. Außerdem: woher willst du die Energie nehmen? Unsere Sonne ist viel zu weit weg, um Energie zu liefern. Der Effekt lässt bereits nach Jupiter nach.

    Mit Ionenantrieben wird viel mehr realisierbar sein, aber selbst das nicht.

  14. Ein Sonnensegel aus Graphen

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnensegel#Graphen

    http://de.wikipedia.org/wiki/Graphen#Eigenschaften

    Wenn man das Sonnensegel aus Graphen bei 0,1 AE Sonnenabstand startet:

    Nach 73 Stunden oder etwa 3 Tagen überquert das Graphensegel die Erdbahn mit 621 km/s.

    Nach 1240 Stunden oder etwa 52 Tagen überquert das Graphensegel die Uranusbahn mit 652 km/s, das sind etwa 0,22 % der Lichtgeschwindigkeit, oder 1/460 der Lichtgeschwindigkeit.

    Nach 1998 Jahren erreicht es Alpha Centauri und bremst dort auf die gleiche Weise ab.

    http://de.wikipedia.org/…Sonnensegel_aus_Graphen

    Ein Weltraumlift aus Graphen:

    http://de.wikipedia.org/…f.C3.BCr_Kabel_und_Turm

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