Astronomische Jahrbücher – wozu?

BLOG: Clear Skies

Astronomie mit eigenen Augen
Clear Skies

Braucht man im Zeitalter hervorragender Astronomie-Websites und ausgereifter Planetariums-Software überhaupt noch gedruckte Jahrbücher über vorhersagbare Himmelsereignisse?

Seit einigen Jahren habe ich – mit einer Ausnahme – die jeweils aktuellen astronomischen Jahrbücher für "Astronomie heute" und "Sterne und Weltraum" näher unter die Lupe genommen. Nahezu gebetsmühlenartig kam auf meine Texte hin immer wieder der selbe Einwand: Sind astronomische Jahrbücher nicht überflüssig geworden, wo es doch das Internet und Software gibt? Auch anlässlich meines Beitrags über die Jahrbücher 2011 in der Dezember-Ausgabe von SuW erhielt ich nun eine Zuschrift, welche astronomischen Jahrbüchern im Jahre 2010 ff. jeglichen Sinn abspricht. In den beiden großen deutschsprachigen Astronomie-Foren kommt diese Diskussion ebenfalls immer wieder auf, sobald jemand nach einer Jahrbuch-Empfehlung zu fragen wagt. Grund genug für mich, der Frage "Astronomische Jahrbücher – wozu?" einmal ausführlicher nachzugehen.

Was spricht für astronomische Jahrbücher? Der Leser erhält mit kurzem Blick ins Buch Informationen zu vorhersagbaren Himmelsereignissen. Wer eigene Himmelsbeobachtungen plant, benötigt aktuelle Daten zum Lauf von Sonne, Mond und Planeten, die in einem Jahrbuch zu finden sind. Über bevorstehende spektakuläre Finsternisse berichten freilich die Tagespresse oder Webdienste. Doch wer die vielen anderen – nicht weniger spektakulären – Himmelsereignisse wie beispielsweise Stern- oder Planetenbedeckungen durch den Mond, Planetenbegegnungen oder Planeten-Oppositionen nicht verpassen will und wissen möchte, wann welcher Planet wo am Firmament zu finden ist, informiert sich rechtzeitig anhand astronomischer Jahrbücher. Diesem "rechtzeitig" kommt große Bedeutung zu, wird doch auf Websites oder in der Tagespresse zumeist nur recht zeitnah vor einem Ereignis berichtet. Und dann kann es meist auch schon zu spät sein, dieses Himmelsereignis in den eigenen Terminplan einzubauen.

Weitere Vorteile astronomischer Jahrbücher kommen hinzu: Sie bieten den bequemsten Zugang zu Informationen über vorhersagbare Himmelsereignisse – ich kann vom Sessel aus gelassen und gemütlich planen. Im Internet-Zeitalter lassen sich mit einem einfachen Blick ins Buch viel Zeit und Mühe sparen. Beobachtungstipps, Daten und Hintergrundinformationen müssen nicht erst zeitraubend im Netz oder anhand von Himmelssoftware zusammen gepuzzelt werden, sondern liegen komprimiert vor. Und selbst auf nächtlichen Beobachtungstouren sind Informationen stromlos verfügbar. Wobei dieses "stromlos" nicht ganz korrekt ist: Eine Rotlichtlampe muss dann schon sein…

Ich persönlich nutze seit meiner Kindheit und Jugend astronomische Jahrbücher; selbst meine ersten beiden "Kosmos Himmelsjahre" von 1979 und 1980 stehen noch in einem meiner Bücherregale. 🙂  Mein Fazit ist ganz klar: Ich bin einer jener Amateurastronomen, der nicht "Schwarz" oder "Weiß" sagt, sondern die Zwischentöne sieht. Ich profitiere vom Nebeneinander gedruckter Werke, Internet und Software, indem ich die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Medien im Blick halte.

Und ein entscheidender – rein buchimmanenter – Faktor kommt bei Jahrbüchern hinzu: Das vom reinen Nutzwert losgelöste Lesevergnügen, bieten doch einige der Almanache weit mehr als Daten, sondern liefern zudem Beobachtungstipps oder präsentieren schöne Aufsätze zu astronomischen Themen.

Da jedes Himmelsjahrbuch unterschiedliche Zielgruppen im Visier hat, und verschiedene Schwerpunkte setzt, möchte ich an dieser Stelle nicht näher auf die konkreten Werke eingehen. Ich gestehe, dass ich seit vielen Jahren mehrere Jahrbücher parallel nutze, weil freilich jeder einzelne Almanach Besonderheiten bietet, die man in einem anderen vergeblich sucht. Ich hoffe, dass die drei großen Jahrbücher, die derzeit den Markt dominieren (und die ich im SuW-Beitrag rezensiert habe), noch viele Jahre überleben mögen. Es sei übrigens kurz angemerkt, dass die drei großen astronomischen Jahrbücher im Laufe der Jahre immer besser, umfangreicher und übersichtlicher geworden sind, ihr praktischer Nutzwert damit größer. Schade ist es nach wie vor um jenes Jahrbuch aus dem Oculum-Verlag, dem nur eine kurze Überlebensdauer beschieden war: "Das Astronomische Jahr". Das wäre dann in jedem Fall der vierte Himmelsalmanach, der stets in Griffweite auf meinem Schreibtisch läge.

Abschließend zwei geniale Filmchen (Quelle: YouTube) zum Thema, auf die mich mein Bruder aufmerksam machte (vielen Dank! :-):

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. "Clear Skies" lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog "Clear Skies".

9 Kommentare

  1. Schön, aber: Kann man mit BOOK auch telefonieren und Fotos machen? Und illegal Musik downloaden?

    Ansonsten möchte ich noch anmerken, dass ein Jahrbuch “im Feld” gute Dienste leistet. Insbesondere, weil man eben die wesentlichen Daten beisammen hat, unabhängig von Strom und Internet. Da wo Himmel dunkel, oft kein Strom und Internet geben…

  2. Schwarz auf Weiß

    Ich gebe es zu – auch ich bin ein Freund des gedruckten Wortes und leidenschaftlicher Sammler von Büchern und Zeitschriften, darunter auch mehrere Jahrgänge von jedem der drei Jahrbücher. Es gab aber auch durchaus Jahre, da habe ich mir keins gekauft.

    Gerade in den ersten Jahren, in denen ich Astronomie betrieben habe, waren die Jahrbücher zum Kennenlernen des Himmels unabdingbar. Inzwschen nutze ich sie weniger. Ersetzt wurden sie aber nicht durch ein Planetariumsprogramm sondern durch Atlanten und Objektbeschreibungen, die Planeten wurden sozusagen von den Deep Sky Objekten abgelost.

    Und was die Beobachtungsvorbereitung angeht, würde ich tatsächlich fast immer lieber zu einem Jahrbuch oder einer anderen gedruckten Darstellung greifen. Warum? Die Übersicht macht’s. Ein anderes Beispiel: Um mich auf Bergtouren zu orientieren, habe ich ein GPS mit Kartensoftware. Zur Vorbereitung und Planung der Wanderung breite ich aber nach wie vor eine Karte vor mir aus…

  3. @Jan Hattenbach

    “Schön, aber: Kann man mit BOOK auch telefonieren und Fotos machen? Und illegal Musik downloaden?”

    Das Problem ist nicht technischer Art, sondern eher, dass telefonieren und Fotos machen beim scannen der BOOK-Page stört und mit der Informationsübertragung ins Gehirn heftig interferiert. Insofern ist es fraglich, ob ein im BOOK eingebautes Handy überhaupt sinnvoll ist. Ansonsten könnte man die Einband-Technologie problemlos um eine Handyfunktionalität erweitern. Das BOOK-Modell 007 hat sogar eine Kamera!

    Ich denke schon, dass mehr Information im Gehirn der BOOK-User ankommt, verglichen mit dem iBrain der iPhone-, iPad-, iQuit- und anderen iUsern.

  4. zum Thema “Buch”

    Einfach fantastisch!!!
    Wir alle sind der Meinung, daß die neuen Medien alles schneller und einfacher machen.
    Weit gefehlt!
    Natürlich liegt die Wahrheit auch hier in der Mitte, aber die beiden Videos haben mich schon nachdenklich gestimmt.

  5. Das Spektrum der Zwischentöne

    > Ich bin einer jener Amateurastronomen, > der nicht “Schwarz” oder “Weiß” sagt, > sondern die Zwischentöne sieht.

    Darf ich Ihnen ein frisches Steingrau vorschlagen? Oder probieren Sie es doch mal mit Farbe!

  6. @ Edgar Lösel

    Herzlichen Dank auch für diesen konstruktiven Einwand, Herr Lösel. Wenn schon, ist Mausgrau die erste Wahl, weil Steingrau viel zu lebendig wirkt. Mausgrau mit einem leichten Schimmer ins Betongrau gehend, allerdings abgeschattet mit einer leichten Note Schiefergrau.

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