Astronomie: Der Stand des Wissens

Leicht gerät aus dem Blick, wie enorm sich das Wissen über den Kosmos in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Durch neue und immer raffiniertere Beobachtungstechniken erweitert sich unser Horizont – mit wachsender Geschwindigkeit: Wir leben im goldenen Zeitalter der Astronomie. Gerade weil man das Gegebene leichtfertig als Normalzustand ansieht, ist es ist hilfreich, einen Schritt zurück zu treten und einen Blick auf den astronomischen Wissensstand "vor hundert Jahren" zu werfen.

Was wusste man über unsere kosmische Umgebung, als das 20ste Jahrhundert noch jung war? Selbst das Wissen über das Sonnensystem war vor hundert Jahren noch vergleichsweise dünn, und Schüler brauchten sich nicht allzu viel merken. So "hatte" Jupiter erst fünf Monde, Saturn neun, Uranus vier und Neptun einen. Nach Neptun war das Sonnensystem zuende, und bis zur Entdeckung Plutos sollten noch mehr als zwei Jahrzehnte vergehen. Über die Existenz des Kuipergürtels oder gar der Oortschen Wolke wusste man gar nichts. Selbst die Rotationszeiten der beiden inneren und vergleichsweise nahen Planeten Merkur und Venus waren unbekannt. Asteroiden im Bereich zwischen den Bahnen des Mars und des Jupiter wurden gerade erst entdeckt. Um 1911 kannte man rund 700; heute kennen wir die Bahnen von mehr als 400.000 Asteroiden.

Über Struktur und Größe unsere Heimatgalaxis Milchstraße war um 1911 so gut wie nichts bekannt, und es sollte noch bis Edwin Hubble dauern, der erstmals nachwies, dass es sich bei unserer Nachbargalaxis M 31 um eine aus vielen Milliarden Sternen bestehenden Galaxis handelt. Der Horizont erweiterte sich nach und nach. Woher Sterne ihre Energie beziehen, ahnte man vor hundert Jahren noch nicht im Ansatz. Neutronensterne oder Schwarze Löcher waren gänzlich undenkbar beziehungsweise unbekannt. "Urknall"? Mit einem Stirnrunzeln hätte man jenen Wissenschaftler bedacht, der dieses Konzept zu erläutern gewagt hätte, Jahrzehnte vor seiner Begründung.

Nun klingen solche Worte freilich arrogant. Von der Warte des späten Betrachters aus lässt sich stets leicht reden. Doch selbst wenn meine Worte hochmütig klingen mögen, so meine ich sie nicht. Im Gegenteil: Auch heute ist das Wissen selbst über unsere nähere kosmische Umgebung noch rechtschaffen dünn. Ein Beispiel:

Eine astronomische Meldung hat mich im Herbst 2010 besonders beeindruckt, obgleich sie in den Fluten anderer "spektakulärer" Astronomie-Meldungen fast unterging: "Riesige Blasen aus Gammastrahlen im Zentrum unserer Galaxis" Ein Freund kommentierte diese wahrlich atemberaubende Entdeckung mit dem Vergleich, das sei so, als habe man einen frisch gedruckten Reiseführer über Paris gelesen und stelle nun plötzlich vor den Toren der Seinemetropole fest: "Ach – da steht ja inmitten der Stadt eine "Struktur" mit den gigantischen Maßen 5 x 5 Kilometer Grundfläche und 25 Kilometern Höhe, auf die Angaben im Reiseführer gänzlich fehlen." Wir kennen unsere nähere kosmische Umgebung offenkundig erst so wenig, dass wir selbst vor Überraschungen dieser Dimension nicht gefeit sind.

Die anhand von Daten des Weltraumteleskops Fermi zusammen gestellte Gammastrahlen-Himmelskarte zeigt eine gigantische Blasenstruktur im Zentrum unserer Galaxis. Quelle: NASA/DOE/Fermi LAT/D. Finkbeiner et al.

Ganz klar ist, dass noch viel astronomische Kost der Entdeckung und Erklärung harrt. Andreas Müller vom Nachbarblog "Einsteins Kosmos" hat vor knapp zwei Jahren in einem Beitrag "Die 10 größten Rätsel der Astronomie" beschrieben. Eine interessanter Rätsel-Reigen, dem sich mit jeder Entdeckung grundlegende neue Rätsel hinzugesellen können. Was Laien übrigens von Wissenschaftlern unterscheidet: Laien meinen selbst im Bewusstsein offener Fragen zumeist, auf einem Gipfel des ultimativen Wissens zu sitzen. Wissenschaftlern sind offene Fragen freilich eher präsent.

Gerne stellen wir uns heute – und das häufig mit locker-flockigem Grinsen – über unsere Urahnen, die Geduld und Durchhaltevermögen für jahrzehntelange Beobachtungsreihen hatten. In Zeiten von Twitter, SMS und Fallera fällt schwer zu glauben, dass etwa der Saroszyklus schon in der Antike bekannt war. Wer also meint, über den Wissensstand von "vor hundert Jahren" lächeln zu müssen, möge sich einer Tatsache gewiss sein: In hundert Jahren lächelt man über unseren Wissensstand – oder bewundert unser Bestreben, so wie ich den wissenschaftlichen Erkenntnishorizont früher Hochkulturen bewundere, die bereits um jene Zeitspanne von 18 Jahren und 10-11 Tagen wussten, innerhalb der eine Finsternis an ungefähr derselben Stelle im Tierkreis wieder auftritt, der Sarosperiode.

Clear Skies! Stefan Oldenburg

Astronomische Themen begeistern mich seit meiner Kindheit und ich freue mich, Zeuge des goldenen Zeitalters der Astronomie zu sein. Spannende Entdeckungen gibt es im Staccatotakt, aber erst im Erkunden unserer kosmischen Nachbarschaft mit den eigenen Augen liegt für mich die wirkliche Faszination dieser Wissenschaft. “Clear Skies” lautet der Gruß unter Amateurastronomen, verbunden mit dem Wunsch nach guten Beobachtungsbedingungen. Deshalb heißt dieser seit November 2007 bestehende Blog “Clear Skies”.

Schreibe einen Kommentar