Walk like a Waldschnepfe

Was hat dieses Tier-Meme mit evolutionsbiologischen Theorien zu tun hat?

Das Wackel-Verhalten der Kanadaschnepfe Scolopax minor (keine Bekassine, gehört zu den Waldschnepfen) zum Hit von den Bangles ist erst einmal ziemlich lustig und ich war auch ein bisschen hypnotisiert, als ich es entdeckte. Nach dem dritten Mal anklicken und kichern, regte sich die Verhaltensbiologin in mir und ich fragte mich, warum der Vogel sich eigentlich so komisch bewegt. Bernd Heinrich – Verhaltensbiologe, Autor und Langstreckenläufer – hat das vielleicht auch gedacht. Jedenfalls veröffentlichte er im Frühjahr 2016 einen Kommentar im Journal “Northeastern Naturalist”, in dem er spekuliert, wozu der Vogel den Wackelgang einlegen könnte.

1980 stellte der Forscher William Marshall nach Beobachtungen des eher nachtaktiven und scheuen Tiers die Hypothese auf, dass diese Bewegungen der Nahrungssuche dienen würden.

“I would suggest that a minute movement of earthworms close to the surface in response to the slight changes in pressure from the rocking bird’s foot, allows the Woodcock to detect them by sight or perhaps by an infinitesimal sound.”
Marshall (1980)

Er schließt also, dass die Fußbewegung des Vogels Regenwürmer aufscheucht. Das nimmt die Schnepfe dann wahr und es erlaubt ihr, die Beute zu orten.

Heinrich aber vemutet etwas anderes. Er verbindet das Verhalten mit einer Form von Angriffs-Abwehrsignal. Er beobachtete, wie die Schnepfen reagiern, wenn man sich ihnen in unterschiedlichen Situationen nähert. Die Reaktion des Tiers legt nahe, dass es wackelt, um einem Angreifer zu signalisieren: Sein Opfer hat ihn entdeckt und kann jeden Moment losfliegen. Ziel ist, dass dem Jäger dadurch klar wird: Es lohnt sich nicht anzugreifen. Somit können sich beide den Stress sparen.

Für den Jäger ist das quasi wie eine Stauanzeige: Man kann sein Glück versuchen und trotz Umleitung weiterfahren. Erfolg ist aber unwahrscheinlich. Deswegen kann man sich auch gleich ans Navi halten.

Besonders wenn der Vogel gerade frisst, kann dieses so genannte “advertisement of unprofitability” – das Ankündigen unrentablen Verhaltens – ihm einiges an Energie einsparen. Außerdem wackelt die Schnepfe selten, wenn sie in ihrem normalen Habitat, also im Unterholz, ist. Dort ist sie sehr gut getarnt und wenn man sie zu sehen bekommt, dann meist erst, wenn man sie aufscheucht (vgl. Heinrich 2016).

“I suggest that the Woodcock rocking-walk display is a response to what it perceives as a mild potential threat situation that is not severe enough to initiate predator-avoidance tactics to disrupt it into flight or cryptic hiding. The Woodcock’s rocking-walk display may act as a signal in a situation of a perceived potential audience or a predator, indicating that it is aware and can explode off the ground and escape if the predator seems likely to attack. The display saves the bird the energy and bother of flying off and possibly being chased.”
Heinrich (2016)

Heinrich hat aber bisher nur Beobachtungen genutzt, um diese Hypothese aufzustellen und zeigt in seinem Kommentare auf, dass die Nahrungssuch-Hypothese von Marshall unwahrscheinlich ist. Beides müsste aber im Experiment getestet werden, um wirklich Schlüsse ziehen zu können, warum der Vogel im Wackelgang läuft. Auch hier gibt er im Text Beispiele, wie man diese aufbauen könnte.

So genau weiß man also nicht, warum der Vogel wackelt – es bleibt spannend. Vielleicht kann das jemand testen? Es wäre besonders im Hinblick auf die Signalling Theorie interessant zu erforschen, ob es sich hier um ein ehrliches Signal (ein “honest signal”) handelt. Auch wäre es spannend zu modelieren, wie ein solches “du kriegst mich eh nicht” Signal-Verhalten evolutionär entstehen könnte. Es wäre dann vergleichbar mit dem “Stotting”-Verhalten von Gazellen ( http://link.springer.com/article/10.1007%2FBF00299889). Auch hier muss man vorsichtig sein, wenn man aus dem Testen der Stimuli, die Verhaltensweisen auslösen, auf mögliche adaptive Funktionen von diesen schließt: Das Wackeln scheint von der Nähe von Angreifern ausgelöst zu werden. Aber ist es deswegen auch als Signal an den Jäger entstanden?

Auch lustig zu Michael Jackson…

Besser verstanden ist das Paarungsverhalten der Waldschnepfen: Sie starten in der Dämmerung mit einem “peennt” oder “piiint” und dann fliegen sie los und pfeifen vor sich hin, um schließlich mit Küssgeräuschen in der Nähe ihres Startpunktes zu landen. Dazu gibt es zwei schöne Videos:

Quellen:

“Note on the Woodcock Rocking Display | Northeastern Naturalist.” Accessed December 11, 2016. http://www.bioone.org/doi/abs/10.1656/045.023.0109.

Marshall, W.M. 1982. Does the Woodcock bob or rock—and why? Auk 99:791792.

Veröffentlicht von

Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt.

In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation.

Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik.

Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit!

Mathilde Bessert-Nettelbeck

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