Parasitäre Partnerschaft

Er folgt ihrem betörenden Geruch in die Dunkelheit. Endlich nähert er sich ihrem leuchtenden Körper in der Tiefe und setzt an zu einem Kuss – einem Kuss, der ihn zu ihrem lebenslangen Sklaven macht. Er ist gefangen, für immer verbunden und jeglicher Form von Freiheit beraubt. Sein Leben dreht sich nur noch um den Liebesakt mit ihr.  Stirbt sie, ist das auch sein Ende. Cut.

Dieses klassische “Man-Eater”- oder “Schwarze Witwe”-Szenario gleicht einer Seifenoper oder einem Groschenroman, spielt sich aber regelmäßig in den Tiefen des Atlantiks ab. 2018 auf Bildern einer bemannten Tiefsee-Expedition vor den Azoren bekam die Welt die ersten Bilder dieser dramatischen Liebesgeschichte zu sehen: Das Weibchen des Tiefseeanglerfisches der Familie Caulophrynidae (das Tier ist 16 Zentimeter lang) ist in diesem Video gut zu erkennen, das Männchen ist ein kleines verschmolzenes Anhängsel. Diese einmalige Art der Fortpflanzung wird auch “parasitic mating” genannt: Das Anglerfisch-Männchen verschmilzt am Mund mit der Unterseite des Weibchens und bleibt das ganze Leben Teil des Weibchens. Das Weibchen nutzt das Männchen dann als “Spermareserve”. Das Männchen fährt alle Funktionen zurück und die Blutgefäße verschmelzen. Nur die Kiemen funktionieren weiter.

Und nun die Enttäuschung: Mein Soap-Drehbuch-Versuch ist natürlich übertrieben. Wie immer in diesen Serien ist die Wahrheit weniger dramatisch, dafür umso komplexer.

Die Familie der Caulophrynidae , der sogenannten Fächerflosser, ist fakultativ parasitisch – daher: nicht alle Weibchen paaren sich fürs Leben. Manche Männchen beißen sich eine Weile fest, lassen das Weibchen dann wieder los und suchen das Weite. Bei der Paarung lassen beide Eier und Samen im Wasser frei und die Befruchtung erfolgt im offenen Wasser – soweit man weiß.

Schon vor fast 100 Jahren beschrieb der dänische Forscher B. Saemundsson diese besondere Paarungsform als er die Fischwelt vor Island katalogisierte. Dieser Verschmelzungsvorgang wurde seitdem ausschließlich an präparierten Exemplaren erforscht, die aus der Tiefe gefischt und konserviert wurden. Und die Daten-Lage ist dünn: wenn auch besser als für viele andere Tiefseebewohner. Ein wissenschaftlicher Artikel von dem Spezialisten für diese Fische Ted Pietsch arbeitete 2005 mit weltweit 150 Exemplaren von Tiefseeanglerfischen mit parasitischen Männchen. In der Familie der Caulophrynidae kennen Wissenschaftler*Innen fünf Exemplare von Männchen. Fünf. Von den 160 Arten von Tiefseeanglerfischen konnte bisher nur bei 23 Arten parasitäre Paarungen nachgewiesen werden. Diese Art der Paarung ist also eher die Ausnahme, als die Regel und wahrscheinlich ist sie sogar in dieser Tier-Gruppe mehrmals entstanden – der Schritt scheint nahe zu liegen. Schon 1926 suchte der Forscher Charles Regan nach einer evolutionsbiologischen Erklärung für die Entstehung dieser Paarungsweise bei den Tiefseeanglern. Diese Erklärung ist bis heute in den Lehrbüchern zu finden: Die Tiefsee ist groß und dunkel. Da bleibt Mann lieber bei dem erstbesten Weibchen und dann kann Mann sich auch das ganze Ernähren und Fortbewegen sparen. Dieser Film zeigt die ersten Aufnahmen von einem lebenden parasitären Mini-Männchen.

Was sind diese Fäden?

Diese Aufnahmen sind noch aus einem weiteren Grund besonders: noch nie wurde gefilmt, wie sich die fadenartigen Auswüchse, die man von toten Exemplaren dieser Familie der Fächerflosser kennt, im Wasser verhalten. Sie schweben wie ein Spinnennetz um das Tier herum – jede Berührung wird wahrgenommen. Nicht nur, dass am Ende dieser Auswüchse sensorische Zellen sitzen, die aus dem Seitenlinienorgan – daher den Fischohren – ausgewachsen sind, die Fäden sind zusätzlich mit leuchtenden Strukturen besetzt, in denen Bakterien Licht produzieren. Diese Fische lauern auf die wenige Beute, die sich dort in 800 Metern Tiefe in ihre Nähe verirrt. Die Tiefsee gleicht einer Wüste, besonders im freien Wasser. Da heißt es als Jäger: abwarten und lauschen.

Anglerfisch oder „angler fish“?

Vorsicht bei der Übersetzung: „Anglerfisch“ bezeichnet auf Deutsch die Familie Antennariidae – auf Englisch heißen sie „frogfish“. „Anglerfish“ bezeichnet auf Englisch aber die Ordnung der Lophiiformes, auf deutsch “Armflosser” genannt, zu der auch die Antennariidae gehören und die Tiefseeanglerfische Ceratioidei (die Tiefseeanglerfische sind die aus findet Nemo: der Fisch mit dem gruseligen Maul und dem Leuchtköder). Insgesamt umfasst die Ordnung 322 Arten. Bekanntester Vertreter ist der Seeteufel. Weitere kuriose Familien sind die Seekröten und Seefledermäuse. Die deutschen „Froschfische“ sind die Batrachoididae und werden einer ganz anderen Verwandtschaft zugeordnet. Da die “frogfish”, also auf deutsch “Anglerfische”, ein beliebtes Fotomotiv von Unterwasserfotografen ist, führt dieser sprachliche Unterschied oft zu Missverständnissen.

Zwitter auf Zeit?

Zum Schluss möchte ich sie gerne dazu einladen, die Lebensgeschichte der Caulophrynidae aus einer weniger traditionellen Perspektive zu sehen. Genauso könnte man nämlich über das ungleiche Paar sagen, dass das Weibchen dank des Männchens zum Hermaphroditen wird. Eine Form von Zwitterpaarung mit dem Vorteil von getrennten Chromosomensätzen, denn erst dank der Männchen werden die Weibchen geschlechtsreif. Sie verschmelzen zu einem Wesen. Wie romantisch. Ein Blick in die Vielfalt der Liebesbeziehungen in der Tierwelt würden Seifenopern jedenfalls sicher nicht schaden.

Für mehr Videos aus der Tiefsee hier klicken.

Hier noch ein Klassiker von der “True Facts”-Reihe:

Quellen:

Der Artikel aus dem Tree of Life Projekt zu den Caulophrynidae war sehr aufschlussreich:
http://tolweb.org/Caulophrynidaehttp://tolweb.org/Caulophrynidae

Pietsch, T. Ichthyol Res (2005) 52: 207. https://doi.org/10.1007/s10228-005-0286-2
https://link.springer.com/article/10.1007/s10228-005-0286-2

Regan, CT 1925bDwarfed males parasitic on the females in oceanic angler-fishes (Pediculati, Ceratioidea)Proc R Soc Lond B97386400 http://doi.org/10.1098/rspb.1925.0006

Saemundsson, B 1922Zoologiske meddelelser fra Island. XIV. 11 Fiske, nye for Island, og supplerende om andre, tidligere kendteVidensk Medd Dan Nathist Foren74159201

Mathilde Bessert-Nettelbeck

Veröffentlicht von

Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

1 Kommentar

  1. Phantastisch , die Realität übersteigt jede Form der Phantasie.
    Und wenn wir diese parasitäre Partnerschaft, nicht mehr abwertend als parasitär bezeichnen, sondern als “perfect harmony”, dann sieht doch der Angler Fish nur noch liebestoll aus.

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