Hinschauen

Biosenf
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iStock / Jacartoon; Spektrum der Wissenschaft

Freiburg gilt eher als grünes, weniger als braunes Städtchen. Im Januar 2015 demonstrierte man gegen Pegida, aber Pegida war gar nicht da. Alle waren sich einig und das gefällt mir sehr gut an dieser Stadt. Auch jetzt mangelt es in Freiburg nicht an motivierten Helferinnen und Helfern, um die (zu wenigen) Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften zu unterstützen. Und diese Hilfe wird gebraucht.

Es fehlt dem Süden von Deutschland aber auch nicht an Fremdenangst. Wenn man in Kneipen und Restaurants die Ohren spitzt, hört man schon das eine oder andere „Wo sollen die denn alle hin?“ oder „ Wir wollen die hier nicht“: Das fröhliche Spiel mit dem „Wir“ und dem „die“. Besonders die UMF, die Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge, entfachten 2014 Debatten.

Aber was nimmt man wirklich wahr von den Flüchtlingen in der Stadt? Man könnte meinen, die Sonne blendet hier im Süden. Es ist leicht zu ignorieren, dass die Stadt und das Land Zuwachs unter anderem aus Syrien erhalten. Die Unterkünfte sind meist im Industriegebiet und im Alltag der meisten Menschen nicht präsent. Was sie aber präsent macht, sind die Bilder, die Menschen durch Zeitungen, Fernsehen und das Internet erreichen. Sie prägen, denke ich, im Moment viel mehr das Bild, das sich Menschen von den Flüchtlingen machen, als die eigentliche Begegnung mit ihnen. Jedenfalls, denke ich, ist es hier in Freiburg so. Aber welche Macht haben diese Bilder im Positiven oder im Negativen? Die Medienwissenschaftlerin Johanna Röhring aus Berlin schreibt mir zu diesem Thema:

„Die Flüchtlinge kommen – auf den undenkbarsten, abenteuerlichsten und furchtbarsten Wegen. Auf ihre Ankunft in München, Berlin oder Heidenau gibt es die unterschiedlichsten Reaktionen – stille Abneigung, aktive Ablehnung, jubelnde Begrüßungskomitees und ganz viele Leute, die helfen wollen – Sachen spenden, Deutsch unterrichten oder jemanden bei sich aufnehmen.

Wie die Menschen aktuell reagieren ist auch den eindrücklichen Fotografien von Neuankömmlingen in Berlin, voller Flüchtlingsboote und natürlich auch dem toten Kind am Strand von Bodrum zuzuschreiben.

Fotografien haben den Ruf, einen Moment unverfälscht einfangen zu können – ein Bild kann, auch in Zeiten von Photoshop, etwas auf den Punkt bringen – manchmal besser als ein Text oder ein Video. Fotografien können die Öffentlichkeit also besonders effektiv mobilisieren, denn Bilder können eine Botschaft schnell und eindrücklich vermitteln. Das entsetzlich traurige Foto des kleinen Aylan in der Meeresbrandung steht dementsprechend in einer langen Tradition von Fotografien, die Menschen mobilisiert haben, zum Beispiel um gegen den Vietnamkrieg auf die Straße zu gehen. Fotografien wie das bekannte „Raising the Flag on Iwo Jima“ können aber auch dazu dienen, Kriege zu legitimieren.

Das bedeutet: Dasselbe Foto eines vollen Flüchtlingsbootes kann bei dem einen Mitgefühl auslösen und bei dem anderen Überfremdungsängste. Auch wenn Fotografien häufig als Waffe der Aufklärung gesehen werden, ist ihre Interpretation vom Einzelnen abhängig und wird vom sozialen Hintergrund und der politische Haltung im Bekanntenkreis mitbestimmt.

Eine interessante aktuelle Frage ist, ob das Teilen und Besprechen von Fotos auf Twitter und Facebook vielleicht auch über persönliche Interaktion mit den Bildern motivieren kann. Zu der schon etablierten emotionalen Wirkung von Bildern käme dann noch eine interpersonale Dimension dazu. In diesem Fall könnte die Dominanz digitaler Medien nicht nur die soziale Verödung des Menschen sondern auch neue Formen des sozialen Miteinanders fördern. Schön wär’s!“

Doch wie schaffen es Fotografen, diese Bilder zu machen? Ich könnte es nicht und stelle mir vor, wer da vor der Linse stand. Was motiviert sie, diese Bilder zu machen? Hinzuschauen, abzulichten, in einem solchen Moment die richtige Einstellung zu finden. Ich finde es schwer zu entscheiden, ob ich es mutig oder kaltherzig finde. Die Frage, ob wir solche brutalen Bilder sehen sollten, ist eine andere. Eine besondere Meinung dazu hat der Kriegsfotograf Christoph Bangert, der 2014 das Buch „War Porn“ veröffentlichte: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/war-porn-von-christoph-bangert-fotograf-im-interview-a-973106.html. In dem Interview sagte er „Es ist unmoralisch, sich diese Bilder nicht anzusehen.“ Es sei unfair, den Menschen gegenüber, die dieses Leid erlebt haben.

Meine Hoffnung ist es, dass Fotografien Menschen motivieren, sich ein eigenes Bild zu machen; hinzugehen und selbst zu helfen. Hinzuschauen. Ich kenne Viele, die es tun und versuche es selbst (noch nicht sehr erfolgreich).
Einige Möglichkeiten um zu helfen, erklärt die Aktion #Bloggerfürflüchtlinge:

http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

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Aber auch den Menschen in Syrien kann man helfen: In Freiburg gibt es schon seit 2012 die Barada Syrienhilfe e.V. die humanitäre Hilfe in Syrien leistet.

http://www.barada-syrienhilfe.de/index.php/home/aktuelles

Mathilde Bessert-Nettelbeck

Veröffentlicht von

Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

9 Kommentare

  1. Im Unterschied zu Gaffern, die bei Unfällen auf der Autobahn Rettungswege blockieren und Einsatzkräfte behindern, weil sie unbedingt ein Handy-Foto von Toten und Verletzten ergattern wollen, sollten sich professionelle Fotografen an den Pressekodex halten. Dieser scheint jedoch durch “Das entsetzlich traurige Foto des kleinen Aylan” verletzt worden zu sein. Der Presserat brachte dazu am 03. September 2015 folgende Meldung: “Verschiedene Zeitungen haben Fotos eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen an einem Strand in der Türkei gezeigt. Der Presserat hat hierzu bereits zahlreiche Beschwerden erhalten. Die Beschwerdeführer kritisieren eine Verletzung der Ziffern 1, 8 und 11. Der Presserat wird die Beschwerden prüfen. n.”

    Auch der “Bildblog” setzte sich mit der Frage, ob es in Ordnung sei, das tote Flüchtlingskind zu zeigen, auseinander. Zumal sich die Journalisten nicht einig waren, ob man das Foto zeigen sollte, da in unserem Kulturkreis die Toten zugedeckt werden, um ihre Würde zu wahren. Einige Zeitungen haben das tote Kind, im Hinblick auf den Pressekodex, nur verpixelt gezeigt. Es kommen auch einige Journalisten zu Wort, die sich zustimmend, ablehnend oder unentschlossen äußern. Hier ein Beispiel:
    “Der Journalist Friedemann Karig wägt ab zwischen „Pictorial Turn“ und „verwerflichem Ausschlachten der letzten Würde“. Letztlich sei er unentschlossen: „Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät. Wenn die selbsterfüllende Prophezeiung vieler Medien eintrifft, dass dieses eine Bild ein Umdenken auslöst, dann hat sich die Medienethik selbst abgeschafft. Wenn es wirklich Leben rettet, dann bitte, druckt es, teilt es, plakatiert es, schickt es ins Weltall. Aber dann haben wir wohl ein ganz anderes Problem als dieses Bild.“”

    Quelle: http://www.bildblog.de/69468/ist-es-in-ordnung-das-tote-fluechtlingskind-zu-zeigen/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+bildblog+%28BILDblog%29

  2. Das Betrachten von solchen gewaltätigen Fotografien kann in der Tat ein voyeuristisches Element haben und vor allem dazu dienen unsere Schaulust und den Spaß am Spektakel zu bedienen. (Siehe dazu Susan Sontags schlaues Buch “Regarding the Pain of Others.”)

    Ich würde aber nicht so weit gehen diejenigen Zeitungen, die sich zur Veröffentlichung entschlossen haben mit Gaffern zu vergleichen. Viele von denen im Bildblog besprochenen Journalisten haben sich ja intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und scheinen eine durchdachte (wenn auch kontroverse) Entscheidung getroffen zu haben. Reine Schaulust und reine Geldgier reicht hier nicht ls Erklärung, denke ich.

    • @Johanna

      Mein Kommentar diente dem Zweck zu prüfen, ob der Pressekodex und damit das Persönlichkeitsrecht des Kindes verletzt worden sei. Aus diesem Grund verlinkte ich auch den “Bildblog”, weil dies von den Journalisten unterschiedlich interpretiert wurde.

      http://www.presserat.de/fileadmin/user_upload/Downloads_Dateien/Pressekodex2013_big_web.pdf

      Das österreichische Nachrichtenmagazin “Profil” brachte das Foto sogar als Cover, kurz zuvor war ein Foto der erstickten Toten im Kastenwagen von der Kronen Zeitung unverpixelt veröffentlicht worden. Man hat fast den Eindruck, dass die Persönlichkeitsrechte von Flüchtlingen weniger schützenswert sind, wenn es darum geht einen gewissen Voyeurismus zu befriedigen. Außerdem muss ich in diesem Zusammengang wohl nicht extra erwähnen, dass es auch Haushalte mit kleinen Kindern gibt, die dann diese Bilder u.U. ebenfalls sehen.

  3. Ein Fotograf sagte mir jüngst “Erst das Foto, dann die Moral.” Dabei bezog er sich nicht explizit auf das Fotografieren in Krisengebieten oder von Krisensituationen, dennoch klang der Satz sehr allgemein. Im Nachhinein könne man ja immer noch darüber nachdenken, ob man das Foto veröffentliche oder nicht. Dies hat mich ein wenig beruhigt. In jenem Moment habe ich aber etwas sehr Grundlegendes verstanden: Professionellen Fotografen geht es zuvorderst um das Bild. Das ist ihr Job, ihr Produkt. Gedanken machen kannst Du Dir später; ist der Moment aber vorbei, hast Du ihn verpasst. Diese Credos hatte zumindest jener, mit dem ich sprach verinnerlicht. Er ist ein lieber Kerl, aber wenn es Dir um das Bild geht, dann denkst Du nicht an das, was Du fotografierst bzw. was die Leute von Dir halten könnten oder wie es diesen geht oder gar dass Du ihnen auch helfen könntest anstatt sie zu fotografieren. Du denkst eben: an das Bild. Deinen Job.Um professioneller Fotograf sein zu können, muss man das glaube ich können, sich in gewisser Weise aus der Situation abstrahieren, über ihr stehen. Du bist der Beobachter, der nichts mit der Welt zu tun hat, außer sie zu beobachten. Dem ist aber nicht so, solange ein Mensch hinter der Kamera steht.

    • Es geht nicht per se um das Bild an sich, sondern darum ob es veröffentlicht wird und wenn ja zu welchem Zweck. Außerdem müssen in jedem Fall die Persönlichkeitsrechte dessen gewahrt werden, der auf dem Bild zu sehen ist.

  4. Eine interessante aktuelle Frage ist, ob das Teilen und Besprechen von Fotos auf Twitter und Facebook vielleicht auch über persönliche Interaktion mit den Bildern motivieren kann. Zu der schon etablierten emotionalen Wirkung von Bildern käme dann noch eine interpersonale Dimension dazu. In diesem Fall könnte die Dominanz digitaler Medien nicht nur die soziale Verödung des Menschen sondern auch neue Formen des sozialen Miteinanders fördern. Schön wär’s!“

    ‘Digitale Medien’, wie sie zurzeit bereit stehen, ‘veröden’ nicht ‘sozial’
    Das Internet ist eigentlich ein gro-oßer Empathieschwamm.
    Zur bundesdeutschen Presseratsproblematik vielleicht noch:
    Der genannte Rat ist seinerzeit eingeführt worden, um die “hetzerische” Springer-Presse, wie einige sie nannten, nicht verbieten zu müssen. Vereinfachend und vielleicht auch ein wenig polemisch dargestellt, aber nicht unrichtig.
    Sinnhafter könnte es sein derartige (letztlich: nicht entscheidende, aber relevante) Räte nicht zu benötigen, auch damit nicht der Eindruck entsteht, dass visuelles Material in irgendeiner gelenkten Form zur Veröffentlichung gelangt, nicht irgendwie gezielt ‘motivieren’ soll.

    MFG
    Dr. W

  5. Danke für die Kommentare!
    Danke auch für die Links zu rechtlichen Fragen und den Verweis auf den Pressekodex-
    Bei der Veröffentlichung gelten die rechtlichen Regeln und der Kodex. Für mich ist es aber auch nicht irrelvant, dass ein Foto geschossen wird, auch wenn es nicht veröffentlicht wird. Dazu gilt das Recht auf Privatsphäre, ich denke aber ethisch stellen sich auch weitere Fragen, die ein Fotograf selbst abwägen muss. Hier greift der Pressekodex denke ich nicht unbedingt, es entsteht nicht unbedingt ein journalistisches Produkt. Der Wunsch nach Authentizität, danach den Moment einzufangen steht für mich in diesem Moment dem Respekt vor der Situation anderer Menschen gegenüber (kann man da schon von Würde sprechen?). Ich fotografiere selbst viel und stehe oft vor der schwierigen Frage, wie man handelt, wenn man Menschen fotografiert. Klar gibt es genau Regeln zur Veröffentlichung aber beim Erstellen von Fotos sollte man auch abwägen, was für einen Effekt das in diese Situation hat. Wenn ein Mensch gerade in höchster Not ist und Hilfe braucht, wie empfindet er, wenn jemand ein Foto von ihm schießt? Man kann Fotos löschen, aber diese Erinnerung nicht. Es würde mich sehr interessieren, ob es da auch einen speziellen Fotografenkodex gibt.

    • @Biosenf

      Wie weit man als (Profi-) Fotograf gehen darf, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, sollte natürlich jeder selbst wissen. Falls man einzelne Personen fotografieren will, und damit sind nicht Menschengruppen oder Panoramaaufnahmen mit zufällig ins Bild geratenen Leuten gemeint, dann sollte man die jeweilige Person nach Möglichkeit fragen, ob sie damit einverstanden ist und sie nicht einfach abschießen. Bei einer Veröffentlichung des Fotos muss in jedem Fall die Zustimmung erwirkt werden. Soweit dürfte die Sache klar sein.

      Andererseits sollen Fotos jedoch auch Zeitdokumente sein und Erinnerung stiften. Insofern lassen sich Fragen nach den ethische Aspekten der Fotografie nicht pauschal beantworten, das sieht man momentan im Fall des kleinen Aylan.

      Hier noch ein lesenswerter Artikel zum Thema “Fotografie und Ethik”:
      https://www.goethe.de/de/kul/bku/20571786.html

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