Genscheren und künstliche Intelligenzen

Tag zwei und drei der AAAS-Konferenz waren extrem dicht gepackt mit Vorträgen: Viel war zum Thema „public engagement“, von dem ich im letzten Post berichtet habe, aber auch viel zu Beratungsmechanismen in den USA und auch der EU. Erstaunlich ist nämlich, dass die Sponsoren dieses Jahrestreffen der „größten allgemeine wissenschaftlichen Gesellschaft“ in den USA unter anderem die Europäische Kommission und Großbritannien sind. Auch die Helmoltz-Gemeinschaft fördert mit. Dementsprechend waren viele Veranstaltungen auch stark europäisch geprägt.

Die wissenschaftliche Beratung in der neuen Regierung der USA wurde stark diskutiert und wie zu erwarten war, schaffte es jeder der Sprecher mit einer noch so obskuren Anspielung das Thema „fake news“ und „alternative Facts“ unterzubringen –  auch in Vorträgen zu Bienen oder Gedächtnis.

„Es gibt keine Künstliche Intelligenz mit uneingeschränktem Anwendungsbereich“
David Parkes, Autor des AI100 Berichts
Ethisch problematische und gesellschaftlich kritische Wissenschaftsthemen standen im Vordergrund des Meetings. Mir gefiel dabei besonders die Bewertung von KI-Technologien aus Sicht der Royal Society (der Bericht erscheint im Frühjahr) und eines Berichts aus Stanford, AI100 genannt, dass die technologischen Entwicklungen bis 2030 in diesem Bereich beurteilt. Beide finden keine Gefahr, keinen Einschränkungs- oder Regulierungsbedarf dieser Forschung. Wobei das Fazit „Wir brauchen mehr Forschung dazu“ realistisch, aber nicht sehr erhellend ist. https://ai100.stanford.edu/sites/default/files/ai100report10032016fnl_singles.pdf

“Können wir gesündere Babys bekommen, ohne Designerbabies zu erschaffen?”
Alta Charo, Autorin des Berichts zu „Human Genome Editing“ der National Akademie of Sciences

Auch das Thema “genome editing” wurde kritisch diskutiert – insbesondere “germline genome editing”. Ein Bericht der National Akademie of Sciences wurde am Dienstag vorgestellt, der Forschung an dieser Art von Gentherapie in den USA nicht mehr grundsätzlich ausschließt. Dabei geht es um die Möglichkeit, Genscheren wie CRISPR/Cas zu verwenden, um Gendefekte bei Menschen mit erblichen Erkrankungen zu behandeln. Bei erwachsenen Menschen unterscheidet sich das Vorgehen wenig von Gentherapien und wirft dieselben ethischen Probleme wie zum Beispiel Möglichkeiten des „Enhancements“ und Sicherheitsfragen auf. Anders ist es bei der Veränderung von Erbgut mit dieser Technik in Embryonen oder Spermien: Dies könnte Menschen, die an erblichen Erkrankungen leiden, ermöglichen gesunde Kinder zu bekommen. Ein solcher Eingriff ins Genom von ganzen Organismen wäre rein theoretisch möglich, wenn man bei einer künstlichen Befruchtung schädliche Genesequenzen in embryonalen Zellen oder sogar in Spermien ersetzt. Das bedeutet aber, dass diese Veränderung auch an nachfolgende Generationen weitergegeben wird, weil dieser Mensch, diese Veränderung auch in seinen Geschlechtszellen trägt. Die Bedingungen unter denen solche Tests laut des Berichts an Embryos, Spermien oder Stammzellen möglich sein sollten, sind aber sehr beschränkt. Die Autoren, die auf der Konferenz sprachen, beschrieben es als „Gelbes Licht“ für diese Art der Manipulation von menschlichem Erbgut. Wie ich es gerade beurteilen kann, hat diese Möglichkeit in Deutschland keine Relevanz, da dieser Art der Forschung durch das Embryonenschutzgesetz und das Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik nicht genehmigt wird. Aber ich lasse mich da gerne belehren.
http://www8.nationalacademies.org/onpinews/newsitem.aspx?RecordID=24623

 

Veröffentlicht von

Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt.

In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation.

Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik.

Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit!

Mathilde Bessert-Nettelbeck

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Mathilde,
    danke für die Posts aus Boston! Du schreibst zur KI-Debatte: “Beide finden keine Gefahr, keinen Einschränkungs- oder Regulierungsbedarf dieser Forschung.” Gab es da Gegenrede, oder haben alle vor Ort genickt?
    Liebe Grüße
    Carsten

    • Hallo Carsten,
      die Diskussion ging in eine andere Richtung. Das Argument von Parkes war, dass die Technologien so auf ihre Aufgabe spezialisiert sind, dass sie keine Gefahr darstellen, im Sinne von Skynet und co. Aber die sozialen Konsequenzen von KI und Robotik für die Arbeitswelt, Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen waren stärker im Vordergrund. “Nicht jeder wird von KI profitieren können” beschreibt es David Parkes. Erik Brynjolfsson ein Wirtschaftswissenschaftler vom MIT http://ebusiness.mit.edu/erik/ sprach darüber, dass seit den 80er Jahren Einkommen und Produktivität immer weniger korreliert sind: er nennt es “the Great Decoupling”. Es lässt sich mit der Komputerisierung erklären und wird in den nächsten Jahren weiter durch neue Technologien wie KI, die Produktivität steigern, verstärkt werden. Auch dass die Arbeitskräfte immer weniger vom Kuchen abkriegen, also Kapital gehäuft auftritt und Löhne im mittleren Bereich stagnieren hängt damit zusammen. Welche möglichen Lösungen es dafür gibt, wurde diskutiert. Da es ja insgesamt bei der Konferenz um “policy” also politische Entscheidungsfindung ging, war die Diskussion auch darauf ausgerichtet, was der Bericht empfiehlt – also “more research” – was, wie ich in anderen Talks gelernt habe, für Politiker eine völlig unbefriedigende Information ist.

  2. Künstliche Intelligenz heute und morgen
    Es stimmt. Die Fähigkeiten der besten Systeme mit künstlicher Intelligenz sind zwar beeindruckend verglichen mit Systemen vor 10 Jahren, aber vernichtend gering, wenn verglichen mit denen eines Grundschlülers. Verständnis, Denkprozesse und Schlussfolgerungsmöglichkeiten fehlen weitgehend, das symbolische Denken, welches auch Grundlage der Sprache ist, fehlt ebenfalls. Objekte wie Autos, Tiere, Menschen können AI-Programme mittels Deep-Learning nun verblüffend gut erkennen, auch Übersetzungsprozesse laufen besser ab. Das ist es dann aber schon.
    Doch kann man daraus folgern, dass bis 2030 keine grossen Fortschritte oder bar der Durchbruch zur künstlichen Ratio ausgeschlossen ist? Nein, kann man nicht. Es ist nur unwahrscheinlich, dass so etwas in so kurzer Zeit passiert. Zudem: selbst wenn es in einem Labor erste Durchbrüche gäbe, braucht es meist lange bis die neuen Fähigkeiten wirklich industrietauglich werden.
    Fazit: AI kann heute weniger als die meisten denken, doch der plötzliche Fortschritt in den letzten 10 Jahren im Bereich des Mustererkennens zeigen auch dass AI immer wieder für eine Überraschung gut ist.

    Genome Editing heute und morgen
    Gene von schwer Kranken sollte man immer korrigieren dürfen, selbst wenn diese Korrektur die Keimbahn betrifft. Das ethische Probleme kommt viel später, dann nämlich, wenn Gesunde sich modifizieren wollen. Doch man muss sich bewusst sein, dass Menschen sehr experimentierfreudig sind und es operativ und implantatmässig bereits hoch modifzierte Menschen gibt. Natürlich ist es ein noch weiter gehender Schritt, wenn auch die Gene verändert werden.

    • Danke für deinen spannenden Kommentar! Laut der Wissenschaftlerin aus England Sabine Hauert haben die meisten Menschen diffuse Befürchtungen zu AI. Sie könnten durch diese Technologie, die Kontrolle über ihr Leben, ihrer Demokratie, ihre Freiheit verlieren. Jede Technologie kann missbraucht werden, aber die Technologie hat keine eigene Agenda. Außer natürlich die Technologie entwickelt ein Eigenleben, was eben laut den Aussagen der Wissenschaftler sehr unwahrscheinlich ist, da die Software so spezifisch für bestimmte Problemlösung gebaut wird.
      Bei dem gene editing habe ich eine andere Meinung. Ich finde es schwer zu entscheiden, wo die “Würde des Menschen” an seiner DNA hängt. Was ist mit dem Wert von Andersartigkeit und ein gewisses Vertrauen auf unser komplexes Gen-Konstrukt, dass uns so lange als Population erfolgreich am Leben gehalten hat? Ich glaube immer noch nicht, dass wir es genug verstehen. Ob die Veränderung in der Keimbahn reversibel wäre, ist, denke ich, auch eine wichtige Frage. Eine andere Veranstaltung auf dem Kongress, an der auch George Church teilnahm, diskutierte ob es über Sicherheitsfragen hinaus weitere Gründe gibt, Keimbahn-Editing nicht zu genehmigen. Josephine Johnston hat dazu ein interessantes Projekt: http://www.thehastingscenter.org/who-we-are/our-research/current-projects/gene-editing-and-human-flourishing/

    • Ja, es herrschte schon ein regelrechter Kampfgeist. Besonders was “climate change”- Forschung angeht. Die Wissenschaftler sprechen offen über ihre Befürchtung, was in den Jahre passieren wird. Ich habe gestern noch einen hervorragenden Vorschlag gehört: die Universitäten sollten sich dezentralisieren. Für die großen privaten Unis, wäre das kein Problem und sie könnten somit vielleicht Druck auf die Politik ausüben.

  3. @Mathilde Bessert-Nettelbeck

    Danke für den Bericht!

    In der Antwort auf @Martin Holzherr schreiben Sie:

    » Ich finde es schwer zu entscheiden, wo die „Würde des Menschen“ an seiner DNA hängt. Was ist mit dem Wert von Andersartigkeit und ein gewisses Vertrauen auf unser komplexes Gen-Konstrukt, dass uns so lange als Population erfolgreich am Leben gehalten hat? «

    Die Würde des Menschen hat m. E. nichts mit seiner DNA zu tun. Die Frage, um die es in Zukunft womöglich geht, ist, ob wir es Menschen zumuten wollen oder dürfen, mit bestimmten genetischen Defekten zu leben.

    Was unsere Menschenpopulation so lange „erfolgreich am Leben gehalten hat“, sind wohl weniger die Menschen, die aufgrund ihrer Gendefekte gar nicht erst bis zur Fortpflanzung gekommen sind, sondern vielmehr jene, die es dank intakter Gene geschafft haben.

    • Danke für ihre Einschätzung.
      1. Wie definieren sie denn Defekte? Sicher sind schwere genetische Erkankungen Gendefekte, wenn Sie Embryonen nicht lebensfähig machen. Aber wo ist die Grenze zu dem was unsere Vielfalt ausmacht und vielleicht auch wertvoll sein kann? Hier geht es um die Definition von normal oder gesund. Und auf Grundlage dessen menschliche Genome zu verändern, auf dem unsere menschliche Identität (denn das unterscheidet uns von anderen Arten) aufbaut, finde ich gefährlich.
      2. Ich bin der Meinung, dass wir noch nicht genug verstehen wie Genome mit Umwelt, wie Protein miteinander und der DNA interagieren oder wie Gene in Verbindung stehen, als das wir Entwicklungen von Genmanipulationen (besonders von Defekten an multiplen Loci) über Generationen hinweg guten Gewissens vorraussagen können.
      Stellen sie sich vor, wir hätten die Sichelzellanämie flächendeckend gentherapeutisch behandelt und das Gen repariert, was vielen Menschen/Kindern das Leben gerettet hätte. Wir hätten nie gesehen, wie das heterozygote Genotyp in Malariagebieten sogar vorteilhaft sein kann und diese Menschen wären wiederum an Malaria gestorben. Wir verstehen diese Umweltinteraktionen einfach noch zu wenig. Interessant auch hierzu http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/11/054/1105460.pdf auf Seite 11

      • Gendefekte, die ein normales Leben verhindern (wie Muskeldystrophie,Sichelzellenanämie), zu korrigieren, stört die Genvielfalt in keiner Weise. Dass das Gen für Sichelzellenanämie in Malariagebieten vorteilhaft sein kann, ändert daran überhaupt nichts, denn Malaria ist ebenfalls eine Krankheit an die wir uns nicht gewöhnen sollten, sondern die wir ausrotten sollten. Das mit der Sichelzellenanämie verbundene Gen hat zudem mit unserer Humanität rein gar nichts zu tun, sondern wurde erst kürzlich als Notnagel selektiert, damit mindestens einige in einer malariaverseuchten Umgebung überleben können.
        Gendiversität ist in keiner Weise mit Biodiversität vergleichbar. Denn es gibt unzählige Genvarianten innerhalb der menschlichen Art und fast alle davon sind zufällige Änderungen mit wenig Auswirkungen, wird doch jede Person mit 100 neuen Mutationen geboren. Die sogenannten Seltenen Krankheiten haben als biologische Grundlage aber meist ebenfalls zufällige Mutationen, die nun aber zu defekten Genen geführt haben. Inzwischen gibt es Institute, die DNA-Analysen bei betroffenen Patienten/Kindern durchführen um Voraussagen und Therapien vorschlagen zu können.
        Der Mensch als Art ist übrigens genetisch recht homogen wenn man ihn mit vielen anderen Tieren vergleicht. Es scheint in unserer Geschichte einen genetischen Flaschenhals gegeben zu haben, weil vorübergehend nur wenig Menschen überlebt haben (möglicherweise während der letzten Eistzeit entstanden). Doch wir können mit dieser Einheitlichkeit des menschlichen Genoms gut leben.

        Zudem: Schwere Erbkrankeiten sind in keiner Weise nützlich – auch nicht für die Erhaltung einer genetischen Vielfalt. Ohne Hilfe würden die meisten Betroffenen sehr früh sterben und früher sind sie auch sehr früh gestorben. Eine Korrektur dieser Erbrankheiten kann schon rein logisch gesehen keinen grossen Einfluss auf die Populationsgenetik haben, denn nur wenige Individuen können davon betroffen sein – ausser man wünscht sich eine Zukunft in der die meisten Menschen eine Erbrankheit haben und nur ein Medikament von beispielsweise Pfizer ermöglicht ihnen ein normales Leben: Damit hätte Pfizer dann für hunderte von Jahren ausgesorgt.

  4. In U.S. Panel Endorses Designer Babies to Avoid Serious Disease (Genetically modified children could be acceptable in narrow circumstances, according to National Academy of Sciences.) will die nationale Akademie der Wissenschaften der USA Genmodifikationen, die die Keimbahn betreffen, erlauben, vorausgesetzt es handelt sich um klar abgegrenzte Fälle ohne vernünftige andere Alternative. In diesen Fällen geht es darum eine schwere Krankheit oder eine ernsthaften Zustand zu verhindern.
    Die Empfehlung geht sogar über die Therapie/Verhinderung von schweren Erbkrankheiten hinaus:

    In addition to preventing the transmission of known genetic diseases like beta thalassemia or cystic fibrosis, the report’s authors said their positive recommendation could also apply to genetic improvements that would act like a vaccine, making people less susceptible to HIV infection or cancer. For instance, people with a certain version of a gene called ApoE are much less likely to develop Alzheimer’s. The report’s authors said that swapping in a “protective” version of ApoE or another gene to an embryo might also be considered acceptable if it prevents disease.

    Genetische Modifikationen um robustere Menschen zu schaffen wäre für die Akademie der Wissenschaften also OK. Damit geht sie meiner Meinung nach aber zu weit. Zuerst einmal sollte die Therapie/Verhinderung von schweren Erbkrankheiten erlaubt werden.

  5. @Mathilde Bessert-Nettelbeck

    Danke für die Antwort! Sie schreiben:

    »Aber wo ist die Grenze zu dem was unsere Vielfalt ausmacht und vielleicht auch wertvoll sein kann?«

    Überspitzt formuliert: Es könnte ja sein, dass z. B. Phenylketonurie für irgendetwas gut ist, wenn sich die Lebensumstände mal ändern sollten, also belassen wir sie in der Population, auch wenn wir sie sicher abschaffen könnten. Also, ich würde so eine Einstellung, so es sie gäbe, für unethisch halten. Man kann durch Gendefekte verursachtes Leid nicht damit rechtfertigen, dass diese Defekte sich womöglich in ferner Zukunft als sozial oder biologisch wertvoll erweisen könnten.

    Wohlgemerkt, ich rede von einer Zukunft, in der für bestimmte Gendefekte Keimbahn-Editing als sicher gilt.

    Vielleicht liegen die Verfasser des verlinkten Gesetzentwurfes mit ihrer Befürchtung richtig, dass der Sprung von Tier- zu Menschenversuchen niemals ethisch vertretbar sein kann, weil möglicherweise mehr Leiden verursacht wird, als durch Keimbahn-Editing möglicherweise beseitigt werden kann. Ich bin da eher skeptisch, man wird Wege finden.

  6. Jede allein der Gesundheit dienende Genmodifikation beim Menschen zu verbieten, wird sich nicht durchhalten lassen – vor allem nicht mit Allerwelts-Argumenten, wie dem, dass defekte Gene irgendwie nützlich sein könnten und wir über das Genom als System zu wenig wissen. Denn die Natur weiss über dieses System auch nichts. Es ist reiner Zufall, der zu einer tödlichen oder mit einer Behinderung einhergehenden Mutation, führt. Letztlich gelten hier Grundsätze aus der Humanmedizin, die sich am Leid des Patienten orientieren und nicht an abstrakten ethischen Theorien. Unmittelbar nach dem Grundsatz “Primum nihil nocere” (lieber nichts tun als schaden), gilt der Grundsatz, dass man Patienten Hilfe nicht vorenthalten darf. Wenn es Therapien für schwere Erbkrankheiten gibt und diese Therapien keine unvorhersehbaren Nebenwirkungen haben, können diese Therapien also dem Patienten nicht verweigert werden.

    Schon in eine andere Kategorie fallen präventive Therapien wie das Impfungen, Diäten und operative Eingriffe aus nicht allein funktionellen Gründen sind. Diese bedürfen einer höheren Sicherheitsmarge, damit sie ethisch vertretbar und beispielsweise schon bei nicht vollmündigen Kindern angewandt werden dürfen. Wenn solche präventiven Therapien gar die Keimbahn betreffen ist äusserste Zurückhaltung angebracht. Hier stimme ich also nicht mit den Empfehlungen der US National Academy of Sciences überein, wenn sie folgende genetische Eingriffe erlauben:
    »the report’s authors said their positive recommendation could also apply to genetic improvements that would act like a vaccine, making people less susceptible to HIV infection or cancer. For instance, people with a certain version of a gene called ApoE are much less likely to develop Alzheimer’s. The report’s authors said that swapping in a “protective” version of ApoE or another gene to an embryo might also be considered acceptable if it prevents disease. «

    Bis eine Therapie beim Menschen angewandt werden darf, muss sie sehr viele Hürden nehmen. Sind nur wenige von der Therapie betroffen, hilft die Therapie diesen Wenigen aber enorm, wie das bei finalen Krebskrankheiten, Epilepsien oder bei der Multiplen Skelorse der Fall sein kann, sind die Anforderungen an vorgängige Studien weniger hoch. Die Firma Editas (die mit George Church assoziert ist) beispielsweise will schon 2017 mit CRISPR/Cas9 folgende Erbkrankheiten/Krebskrankheiten/Denerative Erkrankugen durch somatische Genmodifikation heilen: Leber Congenital Amaurosis, Genetic and Infection Disease of Eye, Gene Editing in T Cells to Treat Cancer, Beta-Thalassämie, Sichelzellanämie, Duchenne, Zystische Fibrose, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel.

  7. @Martin Holzherr vielen Dank für diese Erweiterung. “For instance, people with a certain version of a gene called ApoE are much less likely to develop Alzheimer’s. The report’s authors said that swapping in a “protective” version of ApoE or another gene to an embryo might also be considered acceptable if it prevents disease.” – Menschen mit heller Haut neigen auch erwiesenermaßen mehr zu Hautkrebs. Da sind wir schon nah an der Eugenik.
    Ich vermute zur ethischen Bewertung dieser “präventiven” Gen-Therapie gibt es bestimmt auch schon Literatur. Aber ich stimme Ihnen zu: Das ginge mir auch zu weit.
    Die Autoren haben aber in ihren Panel-Diskussionen immer betont, dass sie Forschung an germline editing überhaupt nur ganz beschränkt und für sehr schwere genetische Erkrankungen genehmigen wollen (also empfehlen). Das hört sich aber recht weitreichend an.
    Ich finde “Allerweltsargumente” kann man ruhig anbringen, wenn es um so weitreichende medizinische Eingriffe wie germline editing gibt. Schade, dass Sie hier etwas abwärtend werden. Auch das wurde ausgiebig auf der Konferenz diskutiert: Ein offener Austausch kann nur statt finden, wenn man Respekt vor dem Wissen der Menschen hat, mit denen man diskutiert – auch wenn man selbst denkt, das bessere Argument zuhaben. Ich beziehe mich hier auf das germline editing, was ja eben eine Art Präimplantationsbehandlung wäre. Wir sind uns einig, Enhancement ist eine Gefahr. Die Chancen des Gen-Editing sind riesig, die der Germline-Editing auch. Wir sind uns uneinig, was die Risiken der Keimbahnveränderungen angeht (bzw. ich bin bisher nicht sicher, ob es nicht Argumente gibt, die es kategorisch ausschließen) und welche wir bereit sind abzuwägen. Das Primum nil nocere-Prinzip gilt hier aber auch das Gerechtigkeits-Prinzip: siehe weiter unten.
    @Balanus “Man kann durch Gendefekte verursachtes Leid nicht damit rechtfertigen, dass diese Defekte sich womöglich in ferner Zukunft als sozial oder biologisch wertvoll erweisen könnten” Ich habe das Beispiel Sichelzellanämie gewählt, um zu zeigen, wie wenig wir bisher wissen. Das Leid von Menschen mit Gendefekten ist nicht gegenüber Vorteilen für die Gesellschaft abzuwägen, das fände ich auch unmoralisch, richtig. Natürlich hat jeder Mensch mit einer Erkrankung das Recht behandelt werden zu dürfen, so lange andere Menschen oder die nächste ungeborene Generation dadurch nicht zu Schaden kommen – das gilt es, glaube ich, abzuwägen. Ich stelle diese Fragen und Überlegung hier zur Debatte und finde es sehr interessant, was sie schreiben. Vielen Dank für diese spannende Diskussion!

  8. Deep Learning&Co bilden die zweite AI-Welle, die durch Kategorisieren/Statistisches Lernen gekennzeichnet ist. Diese zweite AI-Welle ist nicht zum Schlussfolgern (Reasoning) fähig und kann nichts erklären. Diese letzteren Dinge wären nach DARPA sees future third wave of Artificial Intelligence notwendig um die dritte, vielleicht abschliessende Welle der Künstlichen Intelligenz zu bilden.

    In dieser zweiten AI-Welle in der wir uns heute befinden sind Wahrnehmen, Lernen stark, Abstrahieren und Schlussfolgern aber schwach. Grund: Deep Learning beruht auf hintereinandergeschalteten Transformationen, wo jede Ebene Eingabedaten von der Ebene darunter erhält, sie in nicht linearer Weise umformt (wobei sie sich durch fuzziness der Daten wenig stören lässt) und sie an die nächste Ebene weitergibt. Das könnte man als Hintereinanderschalten von Spreadsheets interpretieren.

    Dass man damit allein autonome Intelligenzen schaffen kann, ist ausgeschlossen. Dazu braucht es eine dritte Welle, welche mittels Wahrnehmen und Lernen ein konzeptuelles Modell schafft, auf dem dann Abstrahieren und Schlussfolgern basiert.

  9. “Können wir gesündere Babys bekommen, ohne Designerbabies zu erschaffen?”: Ist das – langfristig gesehen – nicht eine Scheindebatte? Eine Krankheit ist eine Abweichung von der Norm, die als negativ eingestuft wird (subjektive Bewertung). Sobald die Genmanipulation angewandt wird, hätte das auch Auswirkungen auf das Welt- und Menschenbild der Gesellschaft und damit auch auf die subjektive Bewertung. Es ließe sich nicht verhindern, dass mit der Zeit immer mehr Manipulationen erlaubt wären, denn sie lassen sich ja nicht rückgängig machen oder nachträglich als unmoralisch definieren. Auch der höhere Wert des Menschen würde mit der Zeit abnehmen, da der Mensch immer mehr einem industriellen Produkt gleichen würde, das man nach Belieben nach eigenen Wünschen produzieren (und “wegschmeißen”) kann. Die Individualität des Einzelnen wäre ebenfalls nicht mehr gegeben und Fehler würden folglich weniger akzeptiert werden, da die Gene ja bewusst gewählt wurden und den Menschen, die optimierter sind als der “Fehlerbehaftete”, solche Probleme fremd sind.
    Die Beobachtung des Weltgeschehens (Umweltzerstörung, Einsatz von Folter, Machtstreben) führt zumindest in meinem Fall nicht zu einer Zuversicht bzgl. dem verantwortungsvollen Einsatz bei einer breiten Zugänglichkeit der Technik.

    Wenn ein Individuum (z.B. durch Optimierung kognitiver Fähigkeiten oder Wegzüchten des Gewissens) seine Dominanz ausbauen könnte und damit Vorteile gegenüber anderen (bzgl. Resourcen, Einfluss in der Gesellschaft,…) gewänne, würde es sein Handeln weiterhin eher zugunsten seiner eigenen Bedürfnisse ausrichten und die Welt dementsprechend verstehen. Schließlich ist der Mensch darauf optimiert, zu seinem Vorteil (d.h. Fortbestehen) zu denken und zu handeln und es ist ihm nicht möglich, das Leid eines ihm fremden Menschen auf der anderen Seite der Welt tatsächlich wahrzunehmen – nur sein eigenes.

    Die Folge wäre eine neue Form des sinnlosen Darwinismus nach dem Kriterium, welche Individuen am dominantesten sind – spätestens dann, wenn z.B. das Trinkwasser knapp wird.
    Warum sinnlos? – Zum einen folgt auch unser Denken den Naturgesetzen. Ziele bzw. (vollständig) freie Entscheidungen für ein Ziel sind eine Illusion mit dem Zweck, unsere Bedürfnisse zu erfüllen (z.B. realisiert mithilfe des Belohnungssystems). Wenn man nun in die Evolution selbst auf Basis dieser Illusion eingreifen kann und somit die Bedürfnisse und die Regeln der Zielfindung ändern kann, dient diese Dynamik nicht mehr dem Überleben sondern ist schlicht willkürlich.
    Zum anderen funktionieren wir Menschen ähnlich, weil wir mit einer gewissen Varianz voneinander abweichen. Das macht das Zusammenleben erst möglich, weil wir ähnliche Vorstellungen von gut/schlecht etc. haben (z.B. Schmerz ist schlecht). In der Natur sind solche Dinge aber nicht definiert. Wir können aufgrund dieser beschränkten Abweichung voneinander auch andere Menschen einschätzen und z.B. relativ sicher davon ausgehen, dass uns ein anderer Mensch nicht tötet, sobald niemand zuschaut. Auch Gedanken können wir einschätzen und dadurch kommunizieren (Wann einen Witz machen? etc.), kollektiv Denken (z.B. Sprache weiterentwickeln). Sobald man anfangen würde, gezielt Menschen zu designen, wären diese Konventionen aufgehoben und es würde ein Chaos entstehen, in dem jeder gegen jeden die Welt beeinflusst, da alle unterschiedliche Ziele, Werte etc. haben.

    Meiner Ansicht nach ist der erste Schritt in diese Büchse der Pandora die technokratische Reduzierung der Faktoren, die zur Entstehung eines neuen Lebens führen, auf die Vermischung von Genen – d.h. die moralische Entkopplung von der Liebe/des Zwischenmenschlichen und den vielen komplexen damit zusammenhängenden Prozessen.
    Dadurch werden Menschen auf eine Auswahl quantifizierbarer Daten reduziert und die Entscheidung, welche Eltern das Kind haben soll, von damit verbundenen Vorstellungen, Vorurteilen, gesellschaftlichen Idealvorstellungen, Algorithmen etc. abhängig gemacht. Der nächste Schritt zur Zucht – d.h. Auswahl der Gene mit Hintergedanken – lässt sich dann nicht mehr verhindern und die gezielte Genmanipulation wird ebenfalls gesellschaftsfähig.

  10. Der Artikel Startup Aims to Treat Muscular Dystrophy with CRISPR berichtet über die Finanzierung der Startup-Firma Exonics durch die Patientenhilfsorganisation “CureDuchenne” mit dem Ziel die Muskeldystrophie Duchenne mittels CRISPR/Cas9 zu heilen. Exonics hat bereits Mäuse mittels CRISPR/Cas9 von Muskeldystrophie geheilt.

    Meiner Ansicht nach wird keine noch so regierungsgestützte Ethikgruppe verhindern können, dass man sonst tödliche Erbkrankheiten zu heilen versucht. Betroffene, die im Land X keine solche Therapie angeboten erhalten, werden ins Land Y ausweichen, wo dies möglich ist.

    Letzlich geht es hier um humanethische Überlegungen. Menschenleben sind nun mal mehr wert als abstrakte moralische Prinzipien. Niemandem kann ein Vorwurf gemacht werden, der sein Leben retten will und sie werden auch kein Gericht finden, dass einen Patienten im Namen eines Prinzips dem sicheren Tod ausliefert – oder dieses Gericht wird sich mit solch einem Entscheid selber deligitimieren.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben