Faultierbaby kommt mit Bungee-Sprung auf die Welt

Zur Desinfektion des Gehirns hier nun eine virenfreie Lektüre über Faultiere: Ein Video vom 26.2.2020 von einer Faultiergeburt machte schnell die Runde über Social Media. Nach den vielseitigen Gefühlswallungen, die dieser actionreiche Handyclip bei mir auslösten (Ih! da kommt was/ Oh! gleich fällt das Baby/Ah! Wie süß, sie schleckt es ab!), fragte ich mich, ob diese Art der Geburt wohl die Norm bei Faultieren ist.

Blick auf den Vulkan Arenal in Costa Rica: Hier wurde die Faultier-Geburt gefilmt

Das Faultierweibchen hängt im Baum und ein kleines Mini-Faultier ploppt mit Schwung heraus. Zu seinem Glück hält die Nabelschnur es vom Fallen ab, sodass die Mutter das kleine schleimige, baumelnde Ding wieder packen und an die Brust ziehen kann, wo es dann erstmal ordentlich abgeschleckt wird. Alles nochmal gut gegangen.

Der lokale Touristenführer Steven Vela nahm das Video im Arenal Volcano National Park in Costa Rica in der Nähe von La Fortuna auf und wurde dazu vom Online Magazin von National Geographic interviewt. Das Ganze spielt sich demnach nur zufällig vor seiner Linse ab, erklärt Vela. Leider hat er das Video entfernt. In diesem Clip weiter unten findet ihr eine ähnliche Szene bei Sekunde 30.

 

Faultiere sind in den letzten Jahren zu den Superstars der costa-ricanischen Tierwelt avanciert und kein Tourist verlässt den Tropenstaat ohne ein Faultierkuscheltier mit Magnethänden oder ähnliches Mitbringsel. Ich habe bei meinem Costa Rica Besuch 2018 auch beide Arten beobachten können, die in dem mittelamerikanischen Staat beheimatet sind: das Hoffmann-Zweifingerfaultier und das Braunkehl-Faultier aus der Familie der Dreifingerfaultiere. 

Braunkehl-Faultier in Manuel Antonio Nationalpark, Costa Rica Foto: Mathilde Bessert-Nettelbeck

Beide sind in Costa Rica nicht sehr selten und man kann sie besonders im Tieflandregenwald an der Karibik- und Pazifikküste leicht antreffen. Das Schwierige dabei ist es, sie zu entdecken, da sie sich, besonders die nachtaktiven Zweifingerfaultiere, am Tag kaum bewegen. Das Braunkehl-Faultier, das hier im Video zu sehen ist, bummelt tagsüber auf der Suche nach Futter durch das Blätterdach – hier sogar im Bergregenwald am Vulkankegel. Um so erstaunlicher, dass dieses Video von einer Geburt gelang.

Das andere costa-ricanische Faultier hängt tagsüber durch: das Hoffmann-Zweifingerfaultier in Cahuita – Foto: Mathilde Bessert-Nettelbeck

“Ich habe es bisher einmal selbst beobachtet, aber es ist sicherlich ein seltener Anblick”, schrieb mir die Faultier-Spezialistin Dr. Rebecca Cliffe, Direktorin der Sloth Conservation Foundation in Costa Rica und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Swansea University in Wales. Sie erforscht die Physiologie der Faultiere und engagiert sich im Schutz der baumlebenden Säugetiere.

Faultiere sind in so vielen Aspekten faszinierend, dass sich kaum alles hier in Kürze zusammenfassen lässt. Sie gehören zu dieser unglaublichen Familie von schrägen Säugetieren namens Xenarthra, gemeinsam mit den Ameisenbären und Gürteltieren, – was für eine Verwandtschaft!– haben Riesenvorfahren, führen eine symbiotische Dreiecks-Beziehung zu Motten und Algen, haben eine besonders niedrige Stoffwechselrate und sind annähernd Wechselwarm.  Klar, dass sie auch auf einer besonderen Art zur Welt kommen. Erforscht wurde die Geburt der Tiere bisher jedoch wenig. “Alle Faultierarten gebären auf Bäumen, soviel weiß man, denn hier sind sie vor Fressfeinden sicher. Sie steigen dafür in den mittleren Bereich der Baumkrone hinab. Wahrscheinlich ist das eine Sicherheitsmaßnahme damit das Baby, falls es doch herunterfällt, eine geringere Fallhöhe hat.” Die Plazenta, die Fruchtblase und die Nabelschnur verspeiste die Faultiermutter nach der Geburt, die Cliffe selbst beobachten konnte. Ob aber die Nabelschnur wie im Video oben als Sicherungsseil genutzt wird, ist bisher nicht erforscht. Halten würde das nur, solange die Plazenta nicht mit herausgezogen wird – diese löst sich bei der Geburt vom Uterus. Laut Cliffe und ihre Kollegin Sam Trull vom Sloth Institute, die im Artikel vom National Geographics zu Wort kommt, sei der Bungee-Sprung nicht die Norm. Meist würden die Weibchen das Baby im Lauf der Geburt mit dem Arm auffangen und heranziehen. Interessant wäre dennoch, ob die Sicherungsseilnabelschnur besondere Eigenschaften bei den Faultieren aufweist, damit es dieser Belastung standhält. Überraschen würde es Cliffe nicht: “Faultiere sind voller erstaunlicher physiologischer und anatomischer Anpassungen an ihren besonderen Lebensraum”.

Doch der Lebensraum in Costa Rica verändert sich rasant: Straßen ziehen sich kreuz und quer durch die Landschaft. Farmen und Städte lassen den Wald schrumpfen. Die zwei costa-ricanischen Arten sind zwar nicht vom Aussterben bedroht, doch die vielen toten Faultiere die der Verkehr, Hunde oder schlecht isolierte Stromkabel kosten (ein verkohltes Faultier ist ein schlimmer Anblick), bedrohen die Populationen und machen Tierschützerinnen und Tierschützer aktiv. Dazu kommen zusätzlich die genetische Isolation einzelner Populationen, weil der Wald in immer kleinere Gebiete zerstückelt wird und die Herausforderungen durch den Klimawandel. “Eine weitere Bedrohung für die Tiere ist der Handel mit ihnen und die beliebten Tier-Fotos”, schreibt Cliffe.

Zum Thema Wildtierselfies hat Cliffe einen eigenen Blog-Artikel geschrieben: “Ein Faultier, dass den Arm ausstreckt, winkt nicht und will auch nicht umarmt werden, es ist völlig gestresst und versucht sich größer zu machen! Das heißt, ihr seid zu nah dran.” erklärt sie auf ihrer Website. 

Mehr zum Thema hatte ich auch hier geschrieben: Warum ich dem Affen lieber keinen Zucker gebe

 
Mathilde Bessert-Nettelbeck

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Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

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