Die Weltraummuränen von Ridley Scott

Ich erinnere mich an wenig aus dem Film Alien. Ich habe den ersten Teil bestimmt 3 mal gesehen und immer weggeguckt, wenn das Monster kam. Jedenfalls, wie es hier in dem Ausschnitt zu sehen ist (ich musste wieder weggucken aaahh), hat das Alien ein todbringendes zweites Gebiss, das ihm aus dem Maul heraus schnellt.

Ich kann jetzt natürlich nicht wissen, ob Ridley Scott wirklich 1979 wusste, dass ein zweites Gebiss bei vielen Fischarten vorkommt. Besonders markant setzen sie Muränen Anguilliformes/Muraenidae ein, wie in diesem Video zu sehen ist:

Man braucht also eigentlich gar nicht ins Weltall zu gehen, um sich zu gruseln. Bei den Muränen konnten Rita Mehta und Peter Wainwright 2007 zeigen, dass diese so genannte Pharyngealia – ich nenne dieses Merkmal ab jetzt Schlundkiefer – dank spezieller Muskeln besonders weit durch den ersten Kiefer hervorschnellen kann. Dieser zweite Kiefer packt die Beute im Maul und zieht sie den Rachen herunter. Mehta und Wainwright entdeckten jedoch nicht, dass Muränen Schlundkiefer besitzen, wie es die englische Wikipedia-Seite behauptet, sondern wie die Tiere sie beim Schlingen der Beute verwenden. Ridley Scott scheint das Ganze jedenfalls schon 1979 gekannt zu haben.

In abgewandelter Form kommt dieser Kiefer bei fast allen Knochenfischen vor. Er entsteht aus den Kiemenbögen und dient meist dem Schlucken und Kauen von Nahrung. Es entspricht somit unseren Backenzähne und der Zunge. Die Muränen entwickelten besonders flexible Kiefer und Bögen, die mit Reiszähnen bestückt sind. Die Schlussfolgerung von Mehta ist, dass die Tiere auf diese Weise fressen, weil sie im Korallenriff hocken und nicht durch saugen oder schwimmen die Nahrung in ihren Schlund bewegen können.

Es gibt einige Methoden, mit denen Fische Nahrung aufnehmen. Die Hauptmethode ist das „suction feeding“. Wasser wird mit geschlossenen Kiemen angesaugt, in dem der Mundboden abgesenkt wird, und dann durch die Kiemen durchgestoßen, wodurch die Saugwirkung entsteht. Siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=yx_Wrbl_5ks

Für Muränen scheint diese Verhaltensweise nicht erfolgsversprechend zu sein. Im Laufe der Evolution haben sie die Fähigkeit dazu verloren. Wahrscheinlich ist Zubeißen in diesem Habitat erfolgreicher. Andere Aale wir Congeraale saugen ihre Beute ein. In einem weiteren Paper von 2014 zeigt Mehta, dass dieser Verhaltens-Switch hin zum Beißen wahrscheinlich zu einer sprunghaften Vervielfältigung der Kieferformen geführt hat.

Das belegt, dass wenn eine morphologische Struktur im Laufe einer Verhaltensänderung aus ihrer Funktionalität befreit wird, Arten entstehen, die in diesen Strukturen besonders variabel sind. In diesem Beispiel heißt das, dass auf diese Weise bei den Muränen viele verschiedene Gebissformen entstehen konnten, da sie nicht mehr zum „suction feeding“ gebaut sein mussten.

Auch in der Evolution der Buntbarsche scheint der Schlundkiefer eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Das besondere an der Evolutionsgeschichte der Buntbarsche ist, dass sie sich in den Ost-Afrikanischen Seen wie im Victoria oder Tanganjika See an alle möglichen Habitate angepasst und sich viele verschiedene Arten aus der gleichen Gattung entwickelt haben. Dieses Phänomen nennt man „adaptive radiation“. Der untere Schlundkiefer ist bei Buntbarschen zu einer Platte verschmolzen, wie fest sie verwachsen ist, unterscheidet sich von Buntbarschart zu Buntbarschart. Darrin Husley stellt 2006, nach dem er die Schlundkiefer bei Pflanzen und Schneckenfressern untersucht hatte, die Hypothese auf, dass die Variabilität dieser Platte den Fischen einen besonderen Vorteil verschaffte: Je nach dem wie stark die Kiefer verschmolzen sind und was für Zähne darauf zu sehen sind, seien sie besonders geeignet um Schneckenschalen, Pflanzen oder Fische zu kauen. Verschmelzungsgrad der Platten und Anzahl und Form der Zähne scheinen sich je nach Verwendung der Kiefer plastisch anzupassen („phenotypic plasticity“ wie hier) aber auch zu einem gewissen Grad genetischen fixiert zu sein – eine komplizierte Verzahnung (hoho 😉 ) von Umwelteinflüssen und Vererbung verursachen wahrscheinlich die Unterschiede zwischen den Buntbarscharten.

Karel F. Liem stellte in den 70er Jahren schon die These auf, dass dieser besondere Schlundkiefer den Buntbarschen zu der unglaublichen Artenvielfalt verhalf, die man heute in den Ost-Afrikanischen Seen beobachten kann.

Nach diesem kleinen Ausschnitte aus der vielseitigen Schlundkiefergeschichte der Fische verwandelt sich Ridley Scotts Alien in eine einfache Weltraum-Muräne mit parasititärem Fortpflanzungsverhalten.

Quellen:

http://mehta.eeb.ucsc.edu/wp-content/uploads/2013/11/MehtaWainwright2007b.pdf

http://sysbio.oxfordjournals.org/content/22/4/425.short

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/000399699500074Y

Mehr über Buntbarsche:

http://www.spektrum.de/magazin/buntbarsche-meister-der-anpassung/825489

http://www.scientificamerican.com/article/the-extraordinary-evolution-of-cichlid-fishes/

“Soft-Skills” in Buntbarschfamilien

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Mit einem Diplom in Biologie in der Tasche, einer halben Doktorarbeit und viele Ideen will ich meinen Senf dazugeben. Meine irrsinnige Begeisterung für Lebewesen und des Lebens Wesen, möchte ich weitervermitteln. Und das an JEDEN. Jeder soll wissen, wie unglaublich Grottenolme sind und warum auch Gliazellen unserer Aufmerksamkeit bedürfen, dass Ratten nicht nur ekelig sind und die heimische Topfpflanze vielleicht bald schon die Nachttischlampe ersetzt. In Tübingen habe ich studiert, in Bern der Forschung den Rücken gekehrt. In Berlin bin ich nun auf der Suche nach Alternativen im Feld der Biologie und Kommunikation. Ganz besonders nach meinem Geschmack sind verrückte, unglaubliche oder einfach nur lustige Geschichten aus Ökologie, Evolution, Medizin und Technik. Schmeckt euch der Senf? Sonst mischt doch mal mit! Mathilde Bessert-Nettelbeck

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