Über das Verschwinden der Informatik in Baden-Württemberg

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Neulich meinte ein Kollege zu mir, er könne über diesen Themenbereich eigentlich nicht mehr ohne Polemik sprechen. Genau so geht es mir auch. Also Vorsicht: Dieser Text hat den Charakter einer Glosse. Bitte nur weiterlesen, wer damit umgehen kann.

Baden-Württemberg ist ein IT-Land. Und weil IT in Baden-Württemberg scheinbar so selbstverständlich ist wie Kehrwoche, braucht man das Fach Informatik nicht mehr. Schließlich lernt man in der Schule ja auch nicht kehren.

Deshalb plant das Kultusministerium, das Fach Informatik verschwinden und in den Bereich Medienbildung einfließen zu lassen. Wie muss man sich das vorstellen? Vermutlich so: Neben einem Basiskurs, in dem grundlegende Anwenderkompetenzen geschult werden (also so was wie Word und Powerpoint und so), soll Medienbildung prinzipiell in den Fächern integriert vermittelt werden. Wenn Informatik teil der Medienbildung ist (so zumindest die Vorstellung des Kultusministeriums), dann wird wohl auch Informatik in den Fächern vermittelt. Natürlich am besten dort, wo es passt. Die Mathematiklehrer_innen bringen also zukünftig die Entwicklung von Algorithmen und deren Umsetzung in einer Programmiersprache bei. Die Biologielehrer_innen thematisieren objektorientierte Modellierung (weil da auch irgendwas mit Vererbung und so drin vor kommt). Die Physiklehrer_innen führen in die Netzwerktechnologie ein. Die Deutschlehrer_innen vermitteln formale Sprachen und Automatentheorie. Ah, Vorsicht, die Techniklehrer_innen kennen sich vermutlich besser mit Automaten aus. Also machen wir das doch lieber fächerübergreifend mit Deutsch und Technik. Datenbanktechnologien werden im Fach Englisch vermittelt, weil die SQL-Befehle auch alle Englisch sind, und außerdem ist das dann vielleicht irgendwie bilingual.

Wenn jemand auf die Idee kommt, Informatik könne als Teil der Medienbildung vermittelt werden, dann können eigentlich nur zwei Fälle zutreffen: Derjenige hat keine Ahnung, was Informatik ist, oder kein Geld. Da ich ersteres niemandem unterstellen möchte, muss letzteres zutreffen. Dann sollte derjenige doch aber bitte mit offenen Karten spielen. Die Mitteilung an die Bevölkerung müsste dann nämlich lauten: “Wir müssen schauen, wie wir unser Geld sinnvoll investieren. Informatische Bildung hat keine hohe Priorität. Deswegen werden wir das Fach Informatik wegintegrieren.”

Schluss mit der Polemik. Folgendes liegt doch auf der Hand (das hab ich auch noch ein bisschen weiter ausgeführt in einem Artikel der L.A. Multimedia [1]):

  • Grundlegende Medienbildung wird natürlich in den Fächern vermittelt. Medien sind Unterrichtsmedien, auch digitale Medien. Daher muss der Umgang mit Medien in den Fächern gelernt werden, und dazu zählen selbstverständlich auch einfache Anwenderkompetenzen im Umgang mit Computern und Standardsoftware.
  • Informatik ist aber eine eigene Disziplin mit einer eigenen Fachsystematik. Sie hat spezifische Gegenstände (wie beispielsweise Algorithmus, Information, Daten, System, Netzwerk und Formale Sprache) und Methoden (wie das algorithmische Lösen von Problemen und die Modellierung von Sachverhalten, um sie der automatisierten Verarbeitung zugänglich zu machen). Für die Vermittlung dieser Inhalts- und Prozesskompetenzen muss man Fachexperte sein, der selbst Ahnung davon hat. Man muss also das Fach Informatik studiert haben. Informatische Kompetenzen lassen sich nur einem eigenen Fach von Informatiklehrer_innen vermitteln.

Stattdessen passiert leider das Folgende: Mit den neuen Lehramtsprüfungsordnungen 2015 wird an Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen wieder der Zweifachlehrer eingeführt (vorher mussten drei Fächer studiert werden). Das heißt, Lehramtsstudierende müssen sich für zwei Studienfächer entscheiden. Und weil es Informatik an diesen weiterführenden Schulen nicht als Fach gibt, wird es auch als reguläres Fach im Lehramt abgeschafft. Ansonsten hätte man ja faktisch “den Einfachlehrer”. Dass es stattdessen notwendig und sinnvoll sein könnte, das Fach Informatik an Sekundarschulen einzuführen, möchte niemand hören.

Machen wir die Polemik wieder an. Folgendes könnte vielleicht eine Lösung sein: Schicken wir die Lehrerinnen und Lehrer doch auf Informatik-Wochenendkurse. Aber wer könnte sie fortbilden? Klar: die Medienzentren!

 

[1] Spannagel, C. (2015). Das große X. Informatik, informationstechnische Grundbildung, digitale Medienkompetenz? L.A. Multimedia 2-2015, 30-33.

 

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Alles hat damit angefangen, dass Christian Spannagel mal gerne Lehrer werden wollte. Für Mathe und Latein. Man hat ihm damals abgeraten, weil es keine Stellen gibt und so. Stattdessen hat er Informatik studiert (was ihm auch Spaß gemacht hat). Irgendwie ist er trotzdem in den Bildungsbereich geraten. Zur Computernutzung beim Lernen und Lehren promoviert, zunächst an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in der Mathematik- und Informatiklehrerausbildung tätig, nun Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Inhaltlich beschäftigt er sich zudem mit Informatikdidaktik, E-Learning und öffentlicher Wissenschaft. Gerne schaut er über seinen Tellerrand (vielleicht hat sich ja eine Pommes verflüchtigt). In diesem Blog wird er sich allgemein mit Bildungsfragen befassen - da gibts viel zu sagen, und zwar aus ganz verschiedenen Perspektiven: Pädagogik, Psychologie, Fachdidaktiken, Neurodidaktik, Bildungspolitik, Schulpraxis, Hochschuldidaktik, E-Learning, ... (bitte ergänzen Sie die Liste durch drei weitere Disziplinen und begründen Sie Ihre Wahl!) Ach ja: auf Twitter ist er als @dunkelmunkel zu finden. Follow me! :)

25 Kommentare

  1. First World Problems… Sie schreiben im 1. Absatz “Baden-Württemberg ist ein IT-Land.” IT != Informatik. Verwechseln Sie da etwas?

    Kinder kommen recht früh in Kontakt mit PCs/Smartphones und anderen (digitalen) Medien (Musik, Internet, Fernsehen) und man sollte sie zumindest darüber aufklären, was es mit Chats, Datenschutz, Social Media, Internetbetrug, Urheberrechte etc. an sich hat. “Medienbildung” hingegen kann für die Kids durchaus sinnvoll sein. Das Fach wird keine hohen Ansprüche haben, da viele Inhalte bereits bekannt sind (man lernt ja nichts Neues), würde aber der aktuellen Entwicklung entsprechen. Dem Fach kann man bisschen EDV beimischen und die Schüler an Informatikkonzepte heranführen. Pure Informatik an Schulen… ich bin mir da nicht so sicher, ob das wirklich notwendig ist.

    Wer sich für Informatik (sprich: Formale Sprachen, Algorithmen, Rekursionstheorie) interessiert, wird das eh aus eigener Motivation lernen und evtl. später studieren. Die Ressourcen sind zu genüge vorhanden und da kann die Schule kein gutes Konzept anbieten, da die Lehrer nicht entsprechend ausgebildet sind. Aber das ist auch nicht die Aufgabe einer Schule – sie soll den Schülern ein breites Wissen für ihr späteres Leben vermitteln. Informatik hingegen ist recht speziell – genauso wie andere “wichtige” Fächer wie Konstruktionslehre, Digitaltechnik, physikalische Chemie, Regelungstechnik etc. ohne die unser alltägliches Leben nicht möglich wäre…

    • Ich komme aus Hessen, habe Abitur mit Schwerpunkt Technick (Informatik u. Elektrotechnik als Leistungskurs) gemacht, danach in BaWue (engl. Tastatur deshalb ue) Wirtschaftsinformatik studiert und bin als Projektleiter in einem Softwareunternehmen taetig.

      Wie Guido richtig sagt sind die Leute, die sich nicht von alleine dafuer interessieren auch nicht fuer die Branche interessant. Hoechstens als Projektmitglied von nicht-IT Abteilungen eines Konzerns. Anyhow, es darf Informatik nicht mit Medienkompetenz verwechselt werden.

      Den Unterschied zwischen verschluessten Webseiten und Unverschluesselten im Browser zu sehen, eine Powerpoint Praesentation zu erstellen oder Backups von privaten Bildern zu machen, eine Email zu schreiben anstatt einen Brief zu senden oder online eine Route zum Ziel zu finden anstatt eine Landkarte in die Hand zu nehmen hat fuer mich nichts mit Informatik zu tun. Das nenne ich “Medienkompetenz”. Die Informatik machte dies zwar moeglich und ist hier metaphorisch wie die Biologie zur Asperin zu sehen.¹ Jedoch sollte dies auch so gelehrt werden.

      Was ich immer wieder beobachte ist wie Menschen (aus der Branche) sich in Technik verlieren, da Sie sich viel zu einfach innerhalb der Tools, Schnittstellen, Theorie, Definitionen oder praktisch informationell abgebildeten Fachinhalte ueberwaeltigt fuehlen.

      Man sollte den Schuelern lieber als Pflichtveranstaltung das Abstrakte Gebiet der Informatik vorstellen (von aussen zeigen) und dann erklaeren und die breite Anwendung verdeutlichen.
      Danach sollte es denn freie Wahl der Schueler bleiben sich tiefergehend damit zu beschaeftigen oder bei dem Basisfach “Mediennutzung” zu bleiben. Egal wie, Informatik sollte keine Schwammbegriff fuer PC sein.

      my 2 cents

      1: Mir ist bewusst, dass hier der Fund durch Erklaerung belegt wird und Informatik immer eine Loesung als Ziel hat. Jedoch bietet sich das Bild an um den Unterschied von Informatik zu Medium/Software zu verdeutlichen.

      • Man sollte den Schuelern lieber als Pflichtveranstaltung das Abstrakte Gebiet der Informatik vorstellen (von aussen zeigen) und dann erklaeren und die breite Anwendung verdeutlichen.

        Versteht ja niemand, von Ihnen und Tech-Nick vielleicht einmal abgesehen, Lehrer sollen in den frühen Siebzigern nicht einmal die Mengenlehre verstanden haben, zumindest nicht en gros.

        Medien liegen als direkter Nachrichtenversand, gerne auch persistierend, deutlich über den Schichten der Mathematik und es könnte, so nett der hiesige Inhaltegeber auch aussieht, der Schreiber dieser Zeilen trat zu früherer Zeit ähnlich auf, dies natürlich nur ganz am Rande angemerkt, schon gesellschaftlich Sinn machen abzugrenzen.

        MFG
        Dr. W (der sich nun aber ausklinkt)

  2. Danke für Deinen Kommentar, Christian!
    Ziemlich genau die gleichen (negativen) Gedanken und Befürchtungen hatte ich auch, als ich von den Plänen in Baden-Württemberg gelesen habe. Wenigstens gibt es das Fach (aktuell) in Hessen noch, auch als Studienfach “Lehramt an Gymnasien Informatik” bzw. “Bachelor of Education Informatik” an den Universitäten.
    Um den Kommentar von Denis N. teilweise aufzugreifen: einige Themen der Informatik sind natürlich recht speziell. Das gilt allerdings für sehr viele andere Fächer auch (z.B. Physik, Chemie, Biologie – viele Themen darin brauchen die meisten Schüler auch nicht “für das spätere Leben”). Die grundlegenden Ansätze der Informatik – etwa das Finden sinnvoller Abstraktionen, die Verallgemeinerung von Problemen und damit die Suche nach “der grundlegenden Fragestellung” – im Gegensatz zum “Ausrechnen der Aufgabe 7” -, und der weitgehende Zwang zu einem eher sauberen und strukturierten “Aufschreiben” (Syntax der Programmiersprachen) sind aber auch dann durchaus wichtig und lernenswert, wenn man später nicht Informatik studieren will. Ebenso ein gewisses Grundverständnis von unserer aktuellen Technik, auch um zu Erkennen, dass – vielleicht sogar warum – Computer zwar vieles sehr viel schneller als Menschen können, aber einiges für sie echt schwierig ist.

  3. Hallo Christian,

    ich kann den Frustg gut nachvollziehen! In Sachsen-Anhalt gibt es das Fach Informatik im Bereich der Lehrerbildung noch, dafür ist der Bereich Medienbildung rausgestrichen worden! Diese Medienbildung war zwar auch eher auf dem Niveau einer PPT-Schulung, aber wenigstens gab es etwas, das man hätte verbessern können. Statt dessen gibt es nun Inklusion (was unbestreitbar ebenfalls sehr wichtig ist!).
    Ich sehe die Gründe dafür, wie du auch, im Mangel an Finanzmitteln und der Angst vor der Anschaffung teurer Technik und der laufenden Kosten zum Erhalt derselben. Da ist es einfacher man setzt einen gesunden Grad an Vorwissen oder Selbstmotivation bei den Schülern/Studenten voraus und hoffe, dass sich alle Probleme von selbst lösen. “Selbst” heißt in diesem Fall durch engagierte Dritte.
    Lösbar ist das Ganze leider nicht, da die Einsicht fehlt. Und in der bolognia-orientierten Welt wahrscheinlich auch die Zeit. Aber die Kurzsichtigkeit der Gegenwart trägt ihre Früchte ja erst in späteren Legislaturperioden…

  4. Christian Spannagel schrieb (4. Juni 2015):
    > Informatik ist aber eine eigene Disziplin mit einer eigenen Fachsystematik. […] Für die Vermittlung dieser Inhalts- und Prozesskompetenzen muss man Fachexperte sein, der selbst Ahnung davon hat.

    Gewiss. Doch was hätte das vordergründig damit zu tun, was in Schulen unterrichtet würde, oder zumindest werden sollte??

    Gibt es eventuell (schon) irgendwelche empfehlenswerte, womöglich sogar zur Lehrkräfte-Weiterbildung geeignete Online-Tutorien

    – „JavaScript-Programmierung mit meinem Browser XYZ: Erste Schritte“,
    – „JavaScript-Programmierung mit meinem Browser XYZ: Datenstrukturen“,
    – „JavaScript-Programmierung mit meinem Browser XYZ: Netzwerk- und Parallelprogrammierung“;

    – „Wie erstelle ich eine “App´´?“

    • Frank Wappler schrieb (4. Juni 2015 16:01):
      > Gibt es eventuell (schon) irgendwelche empfehlenswerte, womöglich sogar zur Lehrkräfte-Weiterbildung geeignete Online-Tutorien
      > – „JavaScript-Programmierung mit meinem Browser XYZ: Erste Schritte“ […]

      Während dazu offenbar noch keine (positiven) Beispiele bekannt sind, lässt sich doch wenigstens ein bestimmtes Negativbeispiel finden:das JavaScript-„Hallo Welt“-Programm der Wikipedia (alert(“Hallo Welt!”);), wo sich auch etliche ähnliche, und dass heißt nicht zuletzt: ähnlich Barriere-beladene, mangelhaft bildende Code-Stücke anderer Programmiersprachen finden.

      Wenn Wikipedia, wie man es sich um die Jahrtausendwende vorstellen und noch erhoffen konnte, dann wäre dort eben auch auffindbar dokumentiert (selbstverständlich ggf. mit als [[user:option]] wahlfreier Darstellung), was in aller Welt man denn mit diesem Code-Stückchen denn anstellen müsste, um es tatsächlich laufen zu lassen. Erst dann wäre es eine reine Formsache, diesen (ersten, und doch so wichtigen) Schritt der Informatik für die eigenen Bedürfnisse zu erschließen.

      Dass die mediale Elite von solchen Barrieren offenbar keine Notiz nimmt, rundet das Vorhaben ab …

  5. @Denis Eine der Aufgaben von Schule ist es, die nachwachsende Generation auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen, mündige Bürger zu werden, die Verantwortung für sich und für andere übernehmen können.

    In einer vernetzten, digitalen Welt werden massenweise Daten gesammelt und algorithmisch verarbeitet. Diejenigen, die Daten haben, bekommen und verarbeiten können, haben Macht. Insofern MUSS jede Bürgerin und jeder Bürger grundlegende Kenntnisse über informatische Methoden haben, sie müssen wissen, was ein Algorithmus ist und was es heißt, Daten mit Computern automatisiert zu verarbeiten. Sie müssen sich auskennen mit Netz- und Webtechnologien und sollten mindestens eine Programmiersprache zumindest grundlegend kennen gelernt haben (ohne den Anspruch zu haben, dass sie dann später Software entwickeln wollen).

    Nur wer über all diese Dinge informiert ist, kann heute und in Zukunft verantwortungsvoll mitbestimmen. Es geht letztlich um die Ermächtigung bzw. Empowerment der Bevölkerung.

    Zu deiner ersten Frage: Ich weiß, dass IT nicht gleich Informatik ist. Aber IT gibts nicht ohne Informatik. Und ich wundere mich, wie ein “IT-starkes Baden-Württemberg” zu solchen Entscheidungen bzgl. des Schulfachs Informatik kommen kann. Wenn man das Schulfach nicht hat, kann man nur schwer Schülerinnen und Schüler dazu begeistern, später in diesem Berufsfeld tätig zu werden (außer denen, die es von sich aus schon wollen). Wir importieren dann einfach die Experten aus Bayern und Sachsen.

    • Hallo Christian!

      Ich stimme Dir und auch den anderen Kommentatoren (Guido, DanielG) vollkommen zu. Die von Euch angesprochenen Punkte sind sehr wichtig und prägen zurzeit sowohl unsere Gegenwart als auch die nahe Zukunft. Ich persönlich finde beides (Medienbildung/Medienkompetenz und Informatik) sehr wichtig, allerdings kommt es wirklich drauf an, welche Lernziele an den Schulen verfolgt werden sollen. Sollen die Schüler die Informatik-Konzepte kennen lernen oder vielleicht doch nur “wie man einen PC bedient” und “bisserl Javascript”?

      Von der anderen Seite her betrachtet, sind die von Dir angesprochenen Themen eher gesellschaftlich-technischer Natur. Dass Daten algorithmisch verarbeitet werden, um beispielsweise Nutzerprofile zu erstellen oder das Konsumverhalten zu überwachen – das ist nur eine Art “Nebeneffekt” bzw. eine Anwendung aus der Informatik. Da stimme ich DanielG zu, weil “Die Informatik machte dies zwar moeglich und ist hier metaphorisch wie die Biologie zur Asperin zu sehen.” Analog dazu könnte man ja argumentieren, dass Raketen einerseits Tod und Zerstörung bringen, andererseits Menschen und Material in das Weltall transportieren – also nützlich sind.

      So gesehen ist ein interdisziplinäres Fach notwendig, welches den Schülern die von euch angesprochenen Inhalte vermittelt. Laut dem Focus Online-Artikel plant das Kultusministerium “[…]keine Streichung der informationstechnischen Grundbildung. Vielmehr werde der Themenbereich aufgewertet durch eine erstmalige „durchgängige Verankerung informationstechnischer Kompetenzen“.” Entsprechend müsste man für das Lehramt ein Fach “Medienbildung/Medienkompetenz” einführen, da sonst Informatik vollständig aus dem Programm verschwinden wird. Da sehe ich langfristig ein Problem, da der Nachwuchs vom gesellschaftlichen Standpunkt aus betrachtet auf Informatikunterricht/-bildung nicht ganz verzichten können.

  6. Diejenige die Medienbildung rein ohne Informatik machen werden, werden es genau so schlimm wie die reine Anwendungsorientierung, die viel zu oft an der Schule gemacht wurde. So schlimm wie ein Lehrer der nur die Befehle ein nach dem anderen vorliest und von der Klasse ausführen lässt.

    Um eine Medienbildung richtig zu leisten, muss man Konzepte der Informatik erklären können und realisiert präsentieren und realisieren lassen. Die Sünde, meiner Meinung nach, ist in der Lehrerbildung: dort sollten eine verbindliche Medienkompetenz durch Informatikkonzepten eingeführt werden.

    Aktuell ist aber der Auftrag zu der pädagogischen Hochschulen: Querschnittkompetenz-Medien, mit einer genauso schwammige Modulverteilung wie die anderen: alle sollten es machen, irgendwie, irgendwo, durch irgendjemand. Ein bestes Vorbild für die Procrastination, wie sie bisher in der Mehrheit der Schule gemacht wurde.

  7. Natürlich braucht es Medienkompetenz: Wie man ein Plugin in den Browser zur Verschlüsselung installiert. Damit ich aber weiß, ob ich dem Plugin vertrauen kann, muss ich wissen, was Quellcode ist, warum offener Quellcode wichtig ist, und warum ich einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mit SHA trauen kann, warum SHA nicht so leicht zu knacken ist. Das bringt einem der Deutschlehrer, der nebenbei Medienkunde macht, nicht bei, und der Mathelehrer auch nicht. Die Schüler sollen außerdem nicht Informatik lernen, weil sie das später vertiefen (in einem Studium), sondern weil das Fach inhaltlich wichtig ist und allgemeinbildene Aspekte hat – Teamarbeit, Umgang mit Fehlern, formales Denken, Experiment, Modellierung und so weiter.

    Ich halte das auch für eine Sparmaßnahme. Medienbildung wird jeder schnell unterrichten können, das ist eine Prognose und ein Kommentar zu den Inhalten. Man muss also überlegen, ob Informatik an allgemeinbildenden Schulen wichtig ist. Und dafür gibt es sehr viele Gründe.

  8. Wenn jemand auf die Idee kommt, Informatik könne als Teil der Medienbildung vermittelt werden, dann können eigentlich nur zwei Fälle zutreffen: Derjenige hat keine Ahnung, was Informatik ist, oder kein Geld.

    Andere Sicht:
    Die mediale Bildung heranwachsenden Personals, die sogenannte Medien- oder Webkompetenz, muss nicht -wie etwa auch der Buchdruck in seinen Einzelarten- die Informatik oder andere Formalwissenschaft betreffend an den Lernenden herangetragen werden.

    Indirekt wird die Informatik dennoch an den Lernenden herangetragen, denn Informatik ist Formkunde.

    Dass die politische Schicht, die politische Elite, hier keine Ahnung hat, rundet das Vorhaben ab.

    An der Menge gemessen, dann wohl bundesdeutsch letztlich nicht so-o verkehrt, wer ehrlich ist, will die Informatik auch keinem gewöhnlichen Primaten zumuten.

    MFG
    Dr. W

  9. Ich erkenne in diesem Schritt einen Trend zum Soft-Skilling. Bestimmte Kreise habe etwas gegen Fächer, die zählbares ergeben und zählbares verlangen. Also verschwindet Fach um Fach und wird gegen etwas getauscht, das eben keinen endlichen Automaten oder Zustandsmaschine mehr beinhaltet, sondern irgendwie die Rolle der ___ in der Gesellschaft erklären soll.

    • …sie meinen bestimmt “KreisXe”, oder so…
      das ist sicherlich ein Teil des Problems…das andere, wahrscheinlich gravierendere, ist, dass Inhaber eines MSITP Zertifikats mit Informatikern verwechselt werden und Informatik bei Nichtexperten, die nun mal leider solche Entscheidungen treffen, mit Mausschubserei verwechselt wird. Als IHK-Prüferin für Fachinformatiker (sorry, FachinformatikXe) kann ich davon das ein oder andere Lied singen. Mich wundert in diesem Land nix mehr in Sachen IT, auch nicht, dass einer der meistüberschätztesten Gitarristen dieses Planeten eine geheime Identität als Informatiker hat.

  10. “Informatik” als Fach gibt es in Baden-Württemberg bisher an Gymnasien nur in der Kursstufe, also den beiden Jahren vor dem Abitur. Der entsprechende Bildungsplan [1] ist auch nicht gerade extrem weitgehend, aber was will man erwarten wenn er mit “Unterschied zwischen Bit und Byte” anfängt/anfangen muss.

    In den Jahren vorher gibt es – bisher – “nur” den Bildungsplan “Informationstechnische Grundbildung” [2], der sich aber zumindest in den Plänen bis Klasse 6/8 nicht wesentlich von dem unterscheidet, was hier von “Medienbildung” befürchtet wird: Wie setzte ich Google ein, um eine Powerpoint-Präsentation zu machen? Warum soll man im Chat oder auf Facebook nicht alles preisgeben?
    Ebenfalls für Ende Klasse 8: “Die Schülerinnen und Schüler kennen […] die geschichtliche Entwicklung der Rechenmaschinen und Informationsmedien im Überblick” – man beachte das Wort “kennen”. Nicht “anwenden”, “mit modernen Varianten vergleichen” oder sowas – sie müssen nur mal gehört haben, dass es Abacus und Leibnizsche Rechenmaschine gab.
    Erst für Klasse 10 ist dann vorgesehen: “Die Schülerinnen und Schüler können […] Programme oder Programmiersprachen zur Berechnung und Lösung entsprechender Probleme einsetzen und numerische und grafische Lösungen sachgemäß interpretieren” — wobei ich stark vermute, dass hier “Einsatz graphischer Taschenrechner” gemeint ist.

    Wichtig auch aus der Einleitung des Bildngsplans ITG: “Die Informationstechnische Grundbildung soll im Zusammenspiel verschiedener Fächer beziehungsweise in Projekten bis zum Ende der Sekundarstufe I aufgebaut werden.”, also tatsächlich “Powerpoint” iim Deutschunterricht, “Informationen suchen” in Erdkunde und Biologie, …

    Eine Umbenennung ist also kein großer Verlust, “Informatik” als eigenständiges Fach gibt es in der Sekundarstufe I (5.-10- Klasse) bisher ohnehin nicht. Alle Befürchtungen dieses für die Zukunft sind schon Realität.

    (Und wäre es so schwer gewesen, vor dem Schreiben einer Polemik sich den ist-Zustand anzuschauen?)

    Übrigens: wer ein eigenes Fach “Informatik” fordert muss erklären, was er dafür von den bisherigen Fächern streichen will. Oder die erbosten Eltern ertragen “mein Kind hat schon einen genügend vollen Stundenplan”. Viel Spaß dabei 🙂

    [1] http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_Inf_wb_bs.pdf
    [2] http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_ITG_bs.pdf

  11. Pingback:Markierungen 06/06/2015 - Snippets

  12. >Übrigens: wer ein eigenes Fach “Informatik” fordert muss erklären, was er dafür von den bisherigen Fächern streichen will.

    Bayern hat gezeigt, dass das geht.

    • aber auch *nur* im Naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium (NTG) und auch da nur in den letzten beiden Klassenstufen. Wobei Mathematik tatsächlich in BW zwei Wochenstunden mehr hat in Klasse 5-10 als Bayern, was aber durch geringere Stundenzahl im Naturwissenschaftlichen Bereich (gegenüber NTG) ausgeglichen wird. Bleiben eine Wochenstunde mehr in den Fremdsprachen, eine weniger in Religion, eine mehr in Sport, Wirtschaftskunde/Gemeinschaftskunde und Geographie. Die vier Wochenstunden für das Fach Informatik in Bayern müssten also vor allem aus letzteren kommen…

      Auch wenn ich durchaus einem Fach Informatik nicht abgeneigt gegenüberstehe: Erst in Klasse 9/10 von “Powerpoint-Schulung” wegzukommen halte ich für zu spät, ebenso finde ich die Beschränkung auf den NTG-Zug schade.
      Real ändert Baden-Württemberg aber durch die Umbenennung der ITG in Medienbildung erstmal nichts. Leider auch nicht zum positiven.

      Quellen:
      Stundentafel Bayern: http://www.gesetze-bayern.de/jportal/portal/page/bsbayprod.psml;jsessionid=83C33272E3758B522A2201C5275D7ADF.jp21?showdoccase=1&doc.id=jlr-GymSchulOBY2007V10Anlage2
      Stundentafel BW: http://www.bildung-staerkt-menschen.de/unterstuetzung/schularten/Gym/kontingentstundentafel
      exemplarisch aufgeteilt (theoretisch haben die Schulen in BW viel Freiraum, praktisch durch die Niveaukonkretisierungen n den Stufen eher nicht): http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Publikationen/GBW_2011_07/07-g8g9-bsp1.html

      • Das ist leider ein Missverständnis. Informatik gibt es am bayerischen Gymnasium für *alle* in 6 und 7 (Klassen, Attribute, Attributwerte, Objektorientierung, Algorithmik, Internet), und für den naturwissenschaftliuchen Zweig dann zusätzlich in 9 und 10. (Und, wie die Naturwissenschaften auch, optional in 11 und 12 bis zum Abitur.) Powerpoint-Schulung ist dabei nie ein Ziel. Fazit: Wenn man will, kann man ein neues Fach einführen.

  13. Die Bildungsmacher wollen sich wohl keine Hacker “zurechtbilden”, die am End noch den Ast absägen könnten, auf dem sie sitzen o_O

  14. @Engywuck “(Und wäre es so schwer gewesen, vor dem Schreiben einer Polemik sich den ist-Zustand anzuschauen?)”

    Ich bin seit mehreren Jahren als Informatikdidaktiker an der PH Heidelberg tätig, insofern kenn ich den Ist-Zustand ziemlich gut. 😉

    Bislang durften wir Informatiklehrer_innen ausbilden, auch ohne das Schulfach Informatik. Das war insofern gut, dass diese Lehrer_innen dann zumindest im Bereich ITG auch informatische Konzepte mit einbringen konnten (wenn auch beschränkt). Jetzt wird aber auch die Informatik als reguläres Studienfach im WHRPO-Lehramt gestrichen, man kann es nur als Erweiterungsfach studieren (und das wird vermutlich kaum jemand machen). Auch beim Begriff ITG konnte man sich zumindest ein wenig Informatik hinzudenken, bei Medienbildung fällt das schon schwerer. Insofern finde ich es berechtigt, vom Verschwinden der Informatik zu sprechen, insbesondere deswegen, weil es eigentlich an der Zeit wäre, das Fach einzuführen. Andere Länder machen es vor: In England beispielsweise gibt es nun Computing ab der ersten Klasse…

  15. Schon allein die Schnapsidee, Informatik und Medien seien irgendwie das Gleiche, zeigt, dass es wohl doch um Verständnisprobleme geht. Also doch eher “keine Ahnung”.

  16. Mir scheint Baden-Würtemberg ist jetzt genau dort wo die Schweiz vor 5 Jahren war als der Informatikunterricht ebenfalls zu einem Teil des Medienunterrichts wurde und wo das Höchste an vermittlten Informatikkenntissen die Behandlung von Exceldatentypen, Powerpoint-und Wordkonzepten war.
    Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Es verbreitet sich zunehmend die Meinung, ein Gymnasisast, ja sogar ein Grundschüler müsse mehr sein als ein Anwender und eine minimale Programmierpraxis sei unabdingbar damit Gymnasiasten überhaupt wüssten um was es in der Informatik gehe. Das ETH-Ausbildungs-und Beratungszentrum für Informatik berichtet unter dem Titel Nachhaltige Vermittlung von Wissen im Bereich Informatik über den neuen Trend.

    • Martin Holzherr schrieb (8. Juni 2015 10:12):
      > […] ein Gymnasisast, ja sogar ein Grundschüler müsse mehr sein als ein Anwender und eine minimale Programmierpraxis sei unabdingbar damit Gymnasiasten überhaupt wüssten um was es in der Informatik gehe. Das ETH-Ausbildungs-und Beratungszentrum für Informatik berichtet unter dem Titel Nachhaltige Vermittlung von Wissen im Bereich Informatik [ http://www.abz.inf.ethz.ch/ ] über den neuen Trend.

      Dort liest man:

      An alle, die sich für grundlegende Informatikkonzepte interessieren – egal ob jung oder alt – richtet sich die ABZ-Veranstaltungsreihe Open Class. [ http://www.abz.inf.ethz.ch/openclass ]

      Und dort wiederum:

      404 It looks like you are lost! Try searching here

      Usw. usf.
      What else is new?.

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