Wieso ehrlich sein wenn wir keinen freien Willen haben?

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Vielleicht ist die Überschrift etwas hart, aber im Kern ist es genau das was Wissenschaftler vermuten: Wenn Menschen davon überzeugt sind das ihre Handlungen durch ihre Gene oder andere Dinge vorherbestimmt sind dann sollten sie weniger Grund haben moralisch zu handeln weil sie ja die perfekte Ausrede für ihr Verhalten haben.

Dieser Hypothese haben sich Psychologen der Universitäten aus Minnesota und British Columbia angenommen und überprüft ob Menschen mehr schummeln wenn sie glauben dass ihre Handlungen nicht allein aus ihrem freien Willen resultieren. Dazu haben sie 2 Experimente mit Studenten durchgeführt.

Im ersten Experiment sollten die Probanden eigentlich recht einfache Rechenaufgaben (wie 1+8+18-12+19-7+17-2 = ??) lösen. Diese Aufgaben wurden auf einem Monitor dargestellt und die Versuchspersonen sollten die Antworten einfach eintippen.
Dabei gab es jedoch einen Trick (Psychologische Experimente bestehen glaube ich immer darin die Versuchspersonen zu verarschen):

Die Versuchsleiter sagten den Probanden dass ihr Computerprogramm einen Fehler hätte: Wenn man nicht nach dem Erscheinen der Frage die Leertaste drücken würde dann würde das korrekte Ergebnis ebenfalls auf dem Bildschirm dargestellt und selbstverständlich hätten die Wissenschaftler keine Möglichkeit nachzuprüfen ob die Versuchsteilnehmer die Taste gedrückt hätten oder nicht.

Natürlich war das alles komplett erlogen und es wurde festgestellt in wie vielen der 20 Fragen die Probanden die Taste drückten um nicht zu schummeln. Und bevor die Teilnehmer die Fragen beantworten mussten sollten sie Ausschnitte aus Francis Cricks, ja der Biologe, “The Astonishing Hypothesis” lesen. Die Testgruppe bekam dabei einen Auszug in dem Crick darlegt dass Wissenschaftler sich einig seien dass es keinen freien Willen gibt. Die Kontrollgruppe bekam einen neutralen Auszug zu lesen.

Danach kann man nun vergleichen wie oft die verschiedenen Gruppen geschummelt haben. Und dabei kam heraus dass die Gruppe, die vorher den Text gelesen hatte in dem der Freie Willen bestritten wird, häufiger schummelte als die Kontrollgruppe. Was schon mal ein gutes Indiz dafür ist dass es Menschen leichter fällt zu schummeln wenn sie damit konfrontiert sind dass es den freien Willen nicht gibt. Doch da man hier zum betrügen selbst gar nicht aktiv werden musste sondern einfach nur nichts tun sagt das vielleicht wenig über aktives Betrügen aus.

Deshalb haben die Psychologen noch ein zweites Experiment durchgeführt in dem man aktiv betrügen muss.

Dabei sollten die Probanden 15 Fragen aus verschiedenen Bereichen innerhalb von 15 Minuten beantworten. Und für jede korrekte Antwort sollten die Versuchspersonen 1 $ bekommen. Doch hier wurden die Versuchspersonen in 5 Gruppen eingeteilt: In 2 Gruppen wurden die Tests von den Wissenschaftlern ausgewertet und die Teilnehmer danach bezahlt. In der einen Gruppe bekamen die Versuchspersonen gar nichts zu lesen und machten danach den Test. Und in der anderen Gruppe bekamen sie wieder Aussagen die gegen freien Willen sprechen zu lesen.

Dadurch hat man dann schonmal einen Grundwert wie viel Geld die Probanden bei einer neutralen Auswertung so mitnehmen und ob alleine das Lesen der deterministischen Statements die Leistung beeinflusst.

In den 3 verbleibenden Gruppen bekamen die Teilnehmer entweder neutrale Statements zu lesen oder welche die sich für oder gegen den freien Willen stark machen. Als es dann an den Test ging verließen die Wissenschaftler unter einem Vorwand den Raum und sagten den Probanden sie sollten die Tests selbst auswerten und sich auch selbst bezahlen.
Danach sollten sie die Tests durch den Aktenvernichter schieben da sie die Ergebnisse aus Datenschutzgründen nicht behalten dürften. So konnten die Psychologen nachher Messen wie viel Geld in den einzelnen Gruppen mitgenommen wurde.

Und auch hier zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Gruppen die neutrale oder pro-freier Wille-Statements gelesen hatten nahmen in etwa so viel Geld mit wie die beiden Testgruppen die von den Psychologen ausgewertet wurden. Doch die Gruppe mit den deterministischen Statements nahm sich eine signifikant größere Menge Geld.

Cheating

Da die Tests ja zerstört wurden können die Forscher nicht sagen wie stark die einzelnen Probanden betrogen haben sondern nur dass sie mehr Geld genommen haben. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit dass nur ehrliche und dazu besonders kluge Leute in genau dieser Gruppe waren sehr klein.

Von daher scheint die Überschrift gar nicht so abwegig: Wer davon überzeugt ist dass er keinen freien Willen hat wird vielleicht schneller unmoralisch handeln.


Vohs, K., & Schooler, J. (2008). The Value of Believing in Free Will: Encouraging a Belief in Determinism Increases Cheating Psychological Science, 19 (1), 49-54 DOI: 10.1111/j.1467-9280.2008.02045.x

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Veröffentlicht von

Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

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