Von bizarren Wespen: Wie aussagekräftig sind Ergebnisse der Verhaltensforschung?

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WASP, das ist nicht nur der Name einer amerikanischen Heavy Metal-Band sondern auch das Kürzel was „White Anglo-Saxon Protestants”, also weiße, angelsächsische Protestanten, beschreibt. Und das ist so die Bevölkerungsgruppe die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die Elite in den Vereinigten Staaten bildeten. Etwas gröber gefasst ist da die Bevölkerungsgruppe die sich WEIRD, und damit nicht nur wortwörtlich bizarr, nennt. WEIRDs sind „Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic”.

Und auch wenn der Fokus der WEIRDs nicht ganz so eng ist wie bei den WASPs sind sie, bezogen auf die Weltbevölkerung, alles andere als repräsentativ. Denn der Großteil der Weltbevölkerung kommt weder aus der westlichen Welt, noch ist er gebildet, reich oder Demokrat. So weit so gut. Aber ein Blogpost auf „Ionian Enchantment” und ein Paper in der letzten Ausgabe von „Behavioral & Brain Sciences” werfen Fragen auf: Was bedeutet diese Bevölkerungsgruppe für wissenschaftliche Ergebnisse?

Denn nicht nur der Großteil der Forscher selbst gehört zu den WEIRDs sondern auch der größte Teil der Versuchspersonen die in der Verhaltensforschung eingesetzt werden gehören zu den WEIRDs. Was nicht zwingend falsch ist, auch diese Untergruppe könnte für die Gesamtheit der Menschheit ja repräsentativ sein. Aber leider scheint das nicht der Fall zu sein. In dem Paper und auch in dem Blogpost wird als Beispiel dafür die Müller-Lyer-Illusion angeführt die hier auch in dem Bild zu sehen ist. Die obere Linie erscheint kürzer als die untere.

Allerdings gilt das eben nicht für alle Menschen. Während die WEIRDs dieses Phänomen recht konsistent sehen tritt es in anderen Kulturräumen und anderen Bevölkerungsgruppen nicht auf. Ein Beispiel dafür sind die San. Deren Kultur basiert noch ganz traditionell auf jagen & sammeln. Und für die sehen die Linien gleich lang aus. Genauso wie für süd-afrikanische Bergleute. Und wenn man sich einfach mal den Vergleich über verschiedene Kulturräume anschaut sieht man, dass die WEIRDs eine absolute Ausnahme am oberen Ende darstellen.

Der PSE ist ein Wert dafür wie stark unterschiedlich lang die Linien wahrgenommen werden. Dazu aufgetragen verschiedene Test-Populationen. Außerdem wurde unterschieden in Erwachsene und Kinder.

Was in letzter Konsequenz bedeutet, dass sämtliche Erklärungsmodelle die auf der Müller-Lyer-Illusion fussen eben nicht für die Menschheit an sich gelten können, sondern nur für WEIRDs. Besonders wenn man sich klar macht, dass Jäger & Sammler viel näher an der evolutionären Menschheitsgeschichte orientiert sind als die WEIRDs die eine Ausnahme sind. Es fehlt dort also an einer ausreichend durchmischten Stichprobe die für Versuche benutzt wird.

In dem Blogpost auf „Ionian Enchantment” werden auch Gründe genannt wieso es zu dieser Verschiebung der Stichprobe kommt: Der gesamte Wissenschaftsbetrieb, gerade in den Verhaltenswissenschaften, führt dazu. Die meisten solcher Versuche werden in westlichen Ländern von WEIRDs selbst geplant und durchgeführt. Die Versuchspersonen rekrutieren sich meist aus Studenten die ihrerseits wieder nur WEIRDs sind und bilden so am Ende eine sehr homogene Gruppe. Und solche Studien enthalten am Ende dann eben keine Einblicke in die menschliche Natur. Sondern in die Natur der WEIRDs.

Um diesen Problem zu entgehen muss man nicht nur die Menge der Versuchspersonen weiter durchmischen um ein repräsentatives Bild einzufangen. Sondern auch die Forscher müssen sich aus anderen Kulturräumen rekrutieren. Wenn man Leute Experimente designen lässt die nicht WEIRD sind werden sie ganz andere Fragen stellen, andere Lösungsansätze ausprobieren und so zu ganz anderen Lösungen kommen. Andernfalls werden WEIRDs Lösungen für WEIRDs ausprobieren und somit WEIRDs näher betrachten.

Diesen Vorgang kennt man aus der Medizin übrigens bereits etwas länger. Unter dem Stichwort „Racial Medicine” kennt man bereits Medikamente die in manchen Gruppen, unterschieden durch Kulturräume, Hautfarben etc., besonders gut oder besonders schlecht wirken. In dem Fall hat das natürlich meist nichts mit Merkmalen wie der Hautfarbe sondern mit anderen genetischen Dispositionen zu tun die besonders häufig an das betrachtete Merkmal gekoppelt sind. Doch auch dort wird es zum Problem wenn man immer nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe als Testreferenz heranzieht anstatt als Basis eine heterogene Gruppe zu betrachten.

The weirdest people in the world?

Joseph Henrich,Steven J. Heine and Ara Norenzayan (2010).
Behavioral and Brain Sciences, Volume 33, Issue 2-3, June 2010 pp 61-83
http://journals.cambridge.org/action/displayAbstract?aid=7825833

Bilder:
Müller-Lyer-Illusion: Wikipedia CC-BY-SA
Graph: Ionian Enchantment

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Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

3 Kommentare

  1. Vielen Dank!

    Ein klasse Blogpost, vielen Dank! Denn es ist ja einfach wahr: Noch immer tendieren wir (!) dazu, uns vorschnell für “die” Menschen zu halten – und stülpen damit unsere überwiegend westlich geprägten, männlichen (etc.) Vorstellungen vorschnell “dem Menschen” über.

    Ein Beispiel, das mich seinerzeit zum Grübeln brachte: Immer wieder wird behauptet, Darwins Entdeckung der gemeinsamen Abstammung von Affen und Menschen habe “den Menschen gekränkt”. Frans de Waal hat jedoch wunderbar aufgezeigt: Für (shintoistisch & buddhistisch) geprägte Japaner war und ist das kein Problem. Hier galten Affen schon länger als enge Verwandte und Verbündete des Menschen – das bei uns als Spottbild verstandene Drei-Affen-Bild bezeichnet im japanischen Buddhismus ehrenswerte Verbündete (ähnlich Schutzengeln)! Und so waren es auch japanische Primatologinnen und Primatologen, die bei Affen Kulturfähigkeiten nachwiesen, wofür sie von ihren westlichen Kollegen lange verlacht und beschimpft wurden!

    Absolut lesenswert dazu: Frans de Waal, “Der Affe und der Sushi-Meister”

    Wenn wir ehrlich zu uns selber und unserer Wissenschaftsgeschichte sind, so müssen wir einräumen, dass sich hinter der vermeintlichen Objektivität oft Ignoranz oder Arroganz verborgen haben (und weiter verbergen). Danke für den Blogpost, der darauf aufmerksam macht!

  2. Nice

    Good post. (Though I had to suffer through a Google Translate English version; I suspect I only got the gist).

    Small correction: while some San are still hunter-gatherers, quite a few have no settled down. (Which was much less true in 1966 when the study Henrich et. al. report on appeared).

  3. @Michael Meadon

    I hope the computer translated version was still readable. But all those who are abled to read english should prefer your excellent posting that deals with the topic.

    And thanks a lot for the correction 🙂

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