Studieren in Australien – ein Zwischenfazit

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Bierologie

Wie im letzten Artikel versprochen heute die Gründe warum ich in letzter Zeit so wenig zur Bierologie beitrage – ich bin vor ca. 2 Monaten (wow, schon so lange her?) nach Australien gezogen, um hier meinen Master in Informatik zu machen.

Zuerst einmal – eigentlich hab ich son neumodisches Ding namens Bachelor of Science in Biowissenschaften – und zumindest hier in Australien kann jeder mit irgendeinem Bachelor ein Graduate Certificate absolvieren, was ihn oder sie dann ermächtigt, den kompletten passenden Master of Science anzugehen. Also bin ich momentan noch am Graduate Certificate zugange, aber aufgrund der extrem kurzen Semester hier hab ich das Certificate zu Weihnachten in der Tasche. Nächstes Jahr fang ich dann mit dem eigentlichen Master an. Da ich meine Bachelor-Arbeit in einer Bioinformatik-Arbeitsgruppe geschrieben hatte will ich "später" zurück in die Bioinformatik gehen – und die angebotenen Master spezialisiert auf Bioinformatik boten mir zuwenig. Grob gesagt will ich lieber Algorithmen designen als zum hundertsten Mal lernen, wie man mit BLAST umgeht.

Studieren

Eingeschrieben bin ich an der Bond University an der (in der?) Gold Coast, südlich von Brisbane, also an der Ostküste Australiens. Die Bond Uni ist die einzige private Uni in Australien, was mehrere Folgen hat: Erstens wird kaum Forschung betrieben, die Uni ist stark auf Lehre ausgerichtet. Zweitens sind die Studiengebühren sehr hoch. Drittens konnten die Gründer die Semester frei einteilen, das Jahr hat hier drei Semester, die alle im Vergleich zu Deutschland sehr kurz sind. Auf jeden Fall kommt es mir so vor – ich bin in der 5. Woche, und in der 7. sind schon die midterm exam. Die Trimester-Struktur spiegelt von den Zeiten anscheinend das System der US-Universitäten, was zur Folge hat, dass unter den Auslandsstudenten (die ungefähr 60% der Gesamtstudierenden ausmachen) wiederum ungefähr die Hälfte aus den USA kommt. Deutsche liegen meiner Erfahrung nach bei 10 % der Auslandsstudenten, leider kann ich keine genaue Statistik auf den Seiten der Uni finden. Interessant finde ich das erklärte Ziel der Universität, niemals über 5000 eingeschriebene Studenten zu kommen. Aus mir unbekannten Gründen ist der momentane Träger der Uni die katholische Kirche, gegründet wurde sie 1987 von dem Geschäftsmann Alan Bond (der wegen Betrugs 1997 bis 2000 im Gefängnis saß, da er mehr als eine Milliarde Dollar (!!) veruntreut hatte – "das muss man erstmal schaffen" scheinen sich die Richter da gedacht haben, und ihm zur Belohnung das Strafmaß von 7 auf 3 Jahre veringert; inzwischen ist er wieder auf Platz 157 der 200 reichsten Menschen der Welt).

  • Aufwand:

    Hält sich noch in Grenzen, als einziger Biologe ohne wirklich nachweisbares Vorwissen in Form von absolvierten Kursen muss ich Einführungskurse im Sinne von "Introduction to Programming" nehmen, eigentlich kann ich ja programmieren. Aber auch nicht schlimm – lern ich halt Java. Auch wenns hässlich ist. Und überladen. Durch die geringe Größe der Uni sind alle Kurse sehr klein gehalten – in meinem größten Kurs sind 30 Studenten, mein Durchschnitt liegt aber eher bei 10 pro Kurs. Als geplagter Bachelor-Student war die freie Kurswahl angenehm – und in einem Fall reichte eine kurze Nerd-Debatte mit dem Professor, um in den Kurs zu kommen ohne die Voraussetzungen erfüllt zu haben. Insgesamt scheinen die Professoren eher locker zu sein, keiner möchte mit vollem Titel angesprochen werden, die meisten stellen sich mit Vornamen vor. Wie es sich für Informatik anscheinend geziemt ist der maximale Frauenanteil an Kursen auf 1 eingependelt. Von der Bewertung hab ich bis dato nicht viel gesehen – es gibt zwei Assignments, also Hausarbeiten die je nach Kurs unterschiedlich umfangreich ausfallen (für Networks & Applications hab ich drei Seiten gebraucht, bei einem anderen Kurs bin ich bei 10 Seiten angelangt). Dazu kommt noch ein midterm exam und ein final exam, über die ich noch nichts aussagen kann.

  • Campusleben:

    In der Einführungswoche für internationale Studenten gabs viel zu tun, viele der Programmpunkte waren mir dann aber doch zu blöd, wer zahlt denn 40 AUS$ um nen Hypnotiseur bei der Arbeit zuzusehen? Die Uni scheint sich aber zu bemühen. Clubs gibts auch mannigfaltig, von der African Students Association über den Beer Appreciation Club über die International Christian Group, bis zum Young Womens Network (ratet, in welchem Club ich bin!). Durch die geringe Größe der (Campus-)Uni scheint sich eine billig operierende Mensa nicht zu lohnen, stattdessen gibt es zwei Cafes (eine Mahlzeit ca. 10 AUS$) und eine Kneipe, in der regelmäßig Veranstaltungen anliegen. Das Hauptaugenmerk der Uni scheint auf Wirtschafts- und Jurastudenten zu liegen, in den 5 Einführungstagen hab ich gradmal 3 IT-Studenten getroffen. "Harte" Wissenschaften wie Physik oder Mathematik werden gar nicht erst angeboten, wie bei den meisten privaten Unis.

Leben

Wer will schon studieren wenn er leben kann?

  • Natur:

    In meinem Leben habe ich noch nicht sowas erlebt wie die australische Tier- und Pflanzenwelt. Anfangs war jeder Vogel und jeder Baum komplett neu für mich – Gruppen von Flughunden hab ich in der Dämmerung für große Vögel gehalten, bis mal einer direkt vor meinem Gesicht vorbeiflog. Durch den Umzug auf die Südhalbkugel werd ich dieses Jahr zwei Sommer haben, auch nicht schlecht. Spinnen gibt es viel, und kleine Exemplare hab ich noch nicht gesehen. Schlangen gibt es hier in meinem Bezirk kaum, die gefährlichen brown snakes z.B. gibt es entweder eine Stunde nördlich oder südlich. Schön auch die typisch australische Gelassenheit was die Gefahren der Tierwelt angeht. Zwei kurze Unterhaltungen dazu: Beim Schwimmen im Meer, ich: "Gibts hier eigentlich Haie?" – Antwort: "Überall, schwimm einfach nicht zu weit raus." 

    Andere Situation, auf dem Jetski von Bekannten in einem künstlichen Lagunensystem auf dem Weg zum Meer: "Fall hier ja nicht runter, hier leben viele Fische und deshalb gibts hier überall Haie." – "Wieso sagt ihr mir das nich vorher?" – "Du wärst ja nicht mitgekommen."

  • Politisches:

    Dadurch das die einzelnen Bundesstaaten wesentlich mehr Macht als die deutschen Bundesländer haben kommts zu verwirrenden Komplikationen – wenn ich zwanzig Minuten nach Süden fahre bin ich in New South Wales, wo es die Unterteilung in Sommer- und Winterzeit gibt. Hier in Queensland aber nicht, ich muss also meine Uhr um eine Stunde umstellen. Als letzte Woche die Uhren umgestellt wurden kamen prompt einige meiner Kommilitonen zu früh in der Uni an. Weitere unsortierte Beispiele: Nicht alle Bundesstaaten haben Antidiskriminierungsgesetze (es sei dahingestellt, wie nützlich solche Gesetze sind). South Australia hat als einziger Bundesstaat Dosen- und Pflaschenpfand. Die großen Staaten auf dem Kontinent unterstehen direkt der Queen, die territories wie z.B. Christmas Island nur indirekt. Die politischen Entwicklungen vor allem im Hinblick auf Aborigines und Ausländer zu beschreiben sprengt jedoch den Rahmen. Soll ja nur ein Zwischenbericht sein!

  • Kosten:

    Lebenserhaltungskosten sind in Australien im Vergleich zu Deutschland hoch. Der Australische Dollar ist momentan auf Rekordhöhe, aber auch so sind Lebensmittel teuer. Die Miethöhe ist meines Erachtens nach vergleichbar mit Deutschland. Alkohol generell ist teuer! Kiste Bier kostet umgerechnet ca. 30 bis 40 Euro. Dafür hat man dann auch das Privileg die leeren Flaschen direkt in den Mülleimer zu werfen. Bücher (Belletristik) sind auch teuer, die Reclam-ähnliche Penguin Popular-Reihe beginnt bei 10 AUS$, also ca. 7 bis 8 Euro pro Buch. Taschenbücher fangen bei 25 AUS$ an. Von Hardcovern kann ich mir anderswo eine Niere kaufen.

  • Medien:

    Man merkt schon wo Rupert Murdoch, Gründer und Besitzer von News Corporation (Fox News!), seine Wurzeln hat. Es gibt zwar zwei öffentlich-rechtliche Sender, der Großteil des Fernsehprogramms besteht jedoch aus privaten Sendern und kann getrost in der Tonne verschwinden. Wer Fox News kennt, weiß wie sich die privaten Medien hier aufführen. Ein paar Beispiele aus den Nachrichtensendungen: Als auf Channel 9 von einem Räuber berichtet wurde, der in Polizeigewahrsam 13-mal (!!!) von den Wachen mit Tasern beschossen wurde meinte die Moderatorin ganz lapidar: "Naja, aber der ist ja auch Krimineller und als solcher muss man schon mit sowas rechnen". Da ist mir das Gesicht vom Kopf gefallen.

    Im Vorfeld der gerade angelaufenen Commonwealth-Games (eine Art Olympische Spiele für alle Commonwealth-Mitgliedsstaaten) war auf allen privaten Sendern die übliche hanebüchene Terroristen-Angsthascherei in Dauerschleife zu sehen. Bis auf einen vereinzelten Vorfall ist aber noch nichts passiert, man hört so gut wie nichts mehr. Als absehbar war, das da nichts passieren wird, verlagerten sich die Sender auf das Schlechtmachen der Vorbereitungen in Indien – in den für die Athleten errichteten Dörfern leben doch tatsächlich wilde Katzen! Und Spinnen! Und die Sicherheit ist schlecht (ist sie aber nicht)! Aufgrund der Berichterstattung sind einige australische Athleten tatsächlich nicht zu den Spielen erschienen.

    Gut auch wenn die privaten Sender reißerische Stories um Gewalt bringen – da werden die Tonspuren von Handyaufnahmen einfach durch Hollywood-Soundeffekte ersetzt, und keiner scheints absurd zu finden. Wenn Menschen irgendwelcher Straftaten verdächtigt werden, sei es Vergewaltigung oder mit einem Spielzeuggewehr auf seinem Rasen rumzurennen um den Nachbarn Angst einzujagen, gibts die volle Namensnennung inklusive nicht verpixeltem Gesicht, vorzugsweise gefilmt vor dem Haus der Verdächtigen.

    Normale Auslandspolitik wird bei den privaten Nachrichten kaum angerissen. Die von den öffentlich-rechtlichen Sendern produzierten Dokumentationen und Nachrichten sind jedoch immer hochqualitativ, nur guckt da keiner hin. Von den Printmedien hab ich (noch!) keine Ahnung.

  • Internet:

    Überraschend für mich ist die grottenschlechte Internetverfügbarkeit in Australien, was wahrscheinlich am Flaschenhals der Überseeverbindung Australiens zum Rest der Welt liegt. Die meisten Provider bieten keine richtigen Flatrates an, sondern nur 10-100GB pro Monat, aufgetrennt in Peak (also zur normalen Tageszeit) und Off-Peak Limits. Wer da drüber rutscht zahlt extra oder dessen Internetverbindung wird herabgedrosselt. Auch die Internetverbindung in der Uni ist wesentlich schlechter als gedacht – im WLAN hab ich ein Maximum von 150 kb/s, was beim Ubuntu-Upgrade nicht sehr hilfreich ist. Mal schauen wie das Internet sich entwickelt, denn im Moment läft die Umsetzung des National Broadband Plans, in dessen Folge alle Haushalte Australiens an Hochgeschwindigkeitsinternet angeschlossen werden, die teuerste Aktion die die australische Regierung jemals gestartet hat. Gespannt bin ich auch wie sich die dümmliche Internetfilterung auswirken wird, wenn der Plan denn überhaupt noch durchgesetzt wird.

  • Nachtleben:

    Das Wichtigste zuletzt! Anscheinend können sich Australier unter Alkoholeinfluss absolut nicht benehmen, die Sicherheitsvorkehrungen in Clubs und Bars sind extrem hoch. Wer in die meisten Bars hineinwill muss seinen Pass einscannen lassen, dazu wird ein Profilfoto von den Türstehern aufgenommen! Ich wart ja noch drauf, das ich Blutprobe und Fingerabdrücke abgeben muss. Schlägereien scheinen der Statistik nach häfig zu sein, meiner persönlichen Erfahrung nach nehmen sich da Deutschland und Australien nix, zwei angedrohte Schlägereien in ca. 6 Abenden "draußen" deckt sich mit meiner Erfahrung aus Deutschland. Die Türsteher sind meines Erachtens auch wesentlich unentspannter als in Deutschland, vielleicht war das aber nur die Situation in Münster. Alkohol kostet schon so ne Menge, aber in den Kneipen wirds nochmal richtig teuer bei ca. 4-5 Euro pro Bier. Rauchverbot gibts überall, es gibt auch kaum Raucher hier. Auf den Trick mit Raucherclubs scheint noch keiner gekommen zu sein.

Zusammenfassend gesagt: Ich würds wieder machen! Mehr als interessante Erfahrungen, ich komm dazu den ganzen Tag Englisch zu reden (und zu denken), bis ich kapiert hab das die Autos von rechts kommen lebe ich in ständiger Gefahr und das Wetter ist auch nicht schlecht. Ich treffe Menschen aus aller Herren Länder (seien es Backpacker oder Studenten) und lerne über ihren Alltag, ihre Träume und Ziele (warum will jeder Computerspiele programmieren?).  Und wenn ich den Lebenslauf-hörigen Menschen Glauben schenke ist es sogar gut für die Karriere.

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Veröffentlicht von

Philipp hat einen Bachelor in Biologie, ein Graduate Certificate in IT und studiert momentan für seinen Master in IT in einem übertrieben großen Land voller Spinnen und Schafe. Für die Bierologie schreibt er zumeist über Biologie, Evolution und allem was an den Rändern der Gebiete noch so angeschwemmt wird.

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