Rettet die Wirbellosen

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Vor einiger Zeit lief ja in den REWE-Supermärkten eine Aktion zusammen mit dem WWF. Pro 5 € auf der Rechnung des Einkaufs gab es eine Packung mit Tier-Sammel-Aufklebern. Eine nette Idee und auch eine Alternative für alle Fussball-Hasser. Allerdings wohl nicht für Biologen. Denn mir ist gleich aufgefallen, dass die armen Wirbellosen in der Sammlung völlig unterrepräsentiert sind. Und das wo doch alleine die Insekten als Teil der Wirbellosen mindestens 80 % der weltweiten Biodiversität ausmachen und von menschlichen Einflüssen angetrieben genauso von dem Aussterben bedroht sind, wie die Wirbeltiere. Mit genau diesem Tenor habe ich den WWF auch angeschrieben, um meinen Unmut darüber zum Ausdruck zu bringen:

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Herzlichen Glückwunsch zu ihrem Kooperation mit den REWE-Supermärkten. Es ist zu hoffen, dass sie es mit der Kampagne schaffen, mehr Leute auf Naturschutz- und Biodiversitäts-Fragen aufmerksam zu machen. So erfreulich und unterstützenswert ich dieses Anliegen finde, nichts desto trotz muss ich fragen, ob der Fokus der Kampagne nicht etwas verschoben ist. Von den 103 Einzeltierstickern, die sich bei mir mittlerweile angesammelt haben sind nur 12 Arten aus der Gruppe der Wirbellose, denen stehen 20 Säugetiere, 9 Fische, 13 Vögel, 15 Amphibien und 5 Reptilien, also 62 Vertebraten, gegenüber. Auch finden sich unter den bedrohten bzw. bereits ausgestorbenen Arten bislang nur Vertebraten.

Auch wenn dies keine komplette Sammlung ist, kann man mit einer so großen Stichprobe zumindest Rückschlüsse über die Gesamtverteilung der einzelnen Gruppen treffen. Und danach sind die Wirbellosen in ihrer Sticker-Sammlung leider dramatisch unterrepräsentiert. Und das ist schade, besonders weil die Kampagne untertitelt ist mit «Entdecke sie Alle».

Sowohl von der reinen Artenanzahl, als auch von der Gesamtpopulationsgröße her machen die Vertebraten jedoch nur einen extrem geringen Prozentsatz der globalen Biodiversität aus. Alleine die zahllosen Spezies innerhalb der Insecta machen nach Schätzungen über 80 % der globalen Artenvielfalt aus. Dementsprechend schade ist es, dass diese Vielfalt hier so zu kurz kommt.

Ich kann es in Grenzen sogar noch verstehen, dass man mit Tieren wie Panda, Tiger & Co vermutlich leichter das Interesse von Menschen erhaschen kann, so sollte es doch auch eine Aufgabe von Naturschützern sein, über die Schönheit, fantastischen Eigenarten und die Bedrohung von weniger betrachteten Arten aufzuklären.

Innerhalb der Wirbellosen gibt es so viele spannende Arten: Nicht nur die Cephalopoden, von denen sich viele durch ihre Farbanpassungen und das versprühen von Tinte bei Bedrohung auszeichnen, sind spannend. In die Wirbellosen fallen genauso auch die Bärtierchen, die sogar ohne Raumanzug eine Reise durchs Weltall überleben, die vielen Insekten, welche sich durch ihre Dienste bei der Pflanzenbestäubung auszeichnen und deren Symbiosen im Laufe der Evolution zu wundervollen Anpassungen wie bei den Prachtbienen geführt hat, die staatenbildenden Insekten, wie Termiten oder die Blattschneiderameisen, die sich durch Pilzzuchten auszeichnen. Und die Liste liesse sich noch weit fortführen.

Auch sind nicht nur die Wirbeltiere in ihrem Lebensraum bedroht. Genauso trifft es die Wirbellosen, die ebenfalls als Indikator für den Zustand von Ökosystemen dienen können, man denke nur an all jene Wirbellosen, die Korallenriffe bilden und die durch einen Temperaturanstieg und die Versäuerung der Meere zunehmend in Gefahr geraten.

Ich fände es schade, wenn wir einen Großteil der Biodiversität verlieren würden, weil sie auf den ersten Blick nicht so süß und publikumswirksam wie Panda & Co sind.

Mit freundlichem Gruß,

Bastian Greshake

Und mittlerweile habe ich auch von Vera Weißmann, aus dem Team Artenschutz und TRAFFIC des WWF, eine Antwort zu der Kampagne bekommen. Freundlicherweise hat mir Frau Weißmann gestattet, ihre Antwort auch für euch zu veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Greshake,

vielen Dank für Ihre Anfrage und Ihr Interesse am Natur- und Artenschutz.

Inhaltlich haben Sie völlig Recht, ein Großteil der weltweit vorkommenden Arten sind Arthropoden während im Stickeralbum „Tier-Abenteuer“ die verschiedenen Gruppen der Wirbeltiere im Fokus stehen.

Wir, der WWF, wollen die einzigartige biologische Vielfalt dieser Erde mit all den faszinierenden Tieren, Pflanzen und Lebensräumen sowie einer ausreichend großen genetischen Vielfalt innerhalb der Arten bewahren. Neben der Projektarbeit für den Naturschutz in vielen Regionen weltweit, leistet der WWF Öffentlichkeitsarbeit.

In dem Zusammenhang sprechen wir oft von bekannten großen Arten wie zum Beispiel dem Panda, dem Tiger oder dem Gorilla. Dahinter steckt aber unbedingt, dass wir diese Arten in ihrem natürlichen Lebensraum schützen und damit ja auch alle anderen Arten, die dort leben.

Große charismatische Arten und insbesondere beispielsweise Raubtiere erfreuen sich meistens großer Faszination und Beliebtheit, was dann für die Öffentlichkeitsarbeit des Naturschutzes nach dem Motto „ Wir schützen nur was wir lieben“ genutzt werden kann. Zudem ist es natürlich wichtig unbedingt auch weiter Neugier für unbekanntere Arten zu wecken. Sicherlich finden sich überall spannende Details, die Interesse wecken können.

Bezüglich des Stickeralbums haben wir REWE jedoch nur beim Konzept beraten und waren bei der Umsetzung nicht in allen Schritten beteiligt. In unserem eigenen WWF-Kinderprogramm Young Panda hingegen verfolgen wir genau den von Ihnen beschriebenen Ansatz auch mal ein Monatsheft zu scheinbar unspektakuläreren Themen wie beispielsweise Boden oder Insekten usw. zu produzieren und so für den Naturschutz zu motivieren.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Herzliche Grüße

Vera Weißmann

Wie in meiner Mail schon geschrieben: Ich habe prinzipiell Verständnis dafür, wenn man versucht, das Thema Artenschutz so einer weiteren Zielgruppe schmackhaft zu machen. Gleichzeitig wäre so eine Aktion aber natürlich auch eine tolle Möglichkeit, um mehr Leute auf die vernachlässigten, nicht weniger bedrohten, Arten aufmerksam zu machen. Was ist eure Meinung dazu? Geht das Konzept auf? Ist es sinnvoll und legitim, mit den beliebten, meist flauschigen, Arten Werbung zu machen (oder gleich nur Bier für die Regenwaldrettung den Hals runterzuspülen)?

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Veröffentlicht von

Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

6 Kommentare

  1. Find ich gut

    Ich halte das durchaus für legitim, denn es stimmt, dass man natürlich nicht nur den Lebensraum einzelner Tiere schützt, da diese natürlich alle in einem Ökosystem mit vielen anderen leben – und ein Panda ist nun mal auch für Kleinkinder charismatischer als ein Bärtierchen (obwohl die echt genial sind).

    Das mag uns vielleicht stören, aber wir beschäftigen uns ja auch irgendwie mit nichts anderem. Für die Allgemeinheit ist die Strategie über einzelne “putzige” Tiere die bessere.

  2. Ich halte das nach „strengen“ Maßstäben für … unehrlich.

    Letztendlich vermittelt man dem Konsumenten das falsche Bild von einem Regenwald voller Pandas und Raubkatzen und verlockt ihn zu spenden. Damit bastelt man weiter an dem Bild der lieben, flauschigen Idylle der Natur.

    Der Zweck mag die Mittel heiligen, aber wenn ich mir das genau überlege, ist das fast Beschiss. Will man die Leute aufklären und ihnen damit begreiflich machen, warum das alles schützenswert ist, oder ist man lediglich daran interessiert, schnelle Ergebnisse zu produzieren, indem man an Emotionen appelliert?

    Wahrscheinlich geht es nicht anders, als den letzteren Weg zu beschreiten, weil sich sonst keiner veranlasst fühlt, überhaupt etwas zu geben. Wohin das im Extremfall führt, sieht man ja an den verlogenen und unwissenschaftlichen Positionen der grünen NGOs, wenn es um grüne Gentechnik geht. Da zählt eben nicht die Wissenschaft, sondern nur die Unbeliebtheit der Technologie in der Bevölkerung. Im Prinzip ist das genau dasselbe wie der Fall der plüschigen Vertebraten als Werbeträger, eben nur genau umgekehrt.

  3. lionheart2100@gmx.de

    welche insecta sind denn akut vom aussterben bedroht? für mich klingt das – wie warscheinlich für viele – ziemlich neu.

    mehr infos wären nett.

    ansonsten ist es klar, dass man mit insekten nicht gerade freunde gewinnt. PR ist und bleibt eben PR. der durchschnittsbürger hasst insekten – damit gewinnt man keine spendengelder.
    obwohl der kompromiss bei irgendwelchen sonnenanbeter aufjedenfall zufinden wäre.
    pro quoten insect 😉

  4. @Lionheart: Die IUCN RedList (http://www.iucnredlist.org) führt gut 260 Insektenarten als „(Critically) Endangered“. Das mag jetzt nicht nach beeindruckend vielen Arten klingen, allerdings sollte man sich vor Augen halten, dass der Grossteil der Diversität in den Insecta noch gar nicht erfasst ist und deshalb viele Arten (auch durch humane Einflüsse) aussterben, bevor sie überhaupt beschrieben wurden. Und es sind ja nicht nur die Insecta, auch wenn sie eine der größten Gruppen sind, die Wirbellosen haben noch mehr zu bieten. 😉

    @ Soeren und Martin: Ich bin da halt auch sehr Zwiegespalten. Ich würde mir wünschen, dass man es schafft auch die breite Bevölkerung von der Schönheit, aber auch der wichtigen Rolle von Wirbellosen in Ökosystemen zu überzeugen. Andererseits muss man sich auch fragen, ob das überhaupt machbar ist und ob es nicht besser ist über den „Beschiss“ mit niedlichen Tieren überhaupt in der Richtung zu arbeiten, anstatt gar nichts zu tun. Ich finde das wirklich schwierig.

  5. Naja, Beschiss ist vielleicht das falsche Wort. Man sagt eben nur nicht alles. Wünschenswert wäre vieles, aber willst Du der breiten Bevölkerung zB. im Zoo statt einen kleinen Prospekt erstmal einen dicken Band zur Ökologie und Zoologie in die and drücken? DAS könnte tatsächlich schwierig werden^^

  6. Man muss nicht jedem die Standardwerke zu Zoologie und Ökologie in die Hand drücken, aber man muss auch nicht nur niedliche Tiere in Zoos halten 😉

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