Gutes Lesen – Erfolg der Lehrer oder der Gene?

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Es gibt ja viele Dinge für die unsere Gene gerne verantwortlich gemacht werden. Auch unsere Intelligenz. Oder eben das Fehlen davon. Dabei ist die Definition von Intelligenz schon gar nicht so einfach. Sind das logisch-mathematische Fähigkeiten? Sprachliche Fertigkeiten? Oder doch was ganz anderes? Und so wundert es auch nicht, dass der große Nachweis von Intelligenz-Genen bislang ausgeblieben ist, auch wenn man einzelne Gene ausmachen konnte die einen geringen Einfluss darauf haben.

Versuche mit Zwillingen deuten darauf hin, dass die Lesefähigkeit durch Gene prädestiniert sein könnte. Und Lesefähigkeiten sind in der Welt in der wir Leben nun mal extrem wichtig. Fast alles Wissen geben wir heute in Textform weiter. Sei es in Blogposts wie diesen, über die Wikipedia, über wissenschaftliche Veröffentlichungen oder recht schnöde in der Tageszeitung. Und dank des Internets hat der Text als solches auch wieder an Popularität gewonnen. Und auch Dinge wie Jugendstraffälligkeit korrelieren mit mangelnder Lesekompetenz.

Allerdings deuten andere Untersuchungen mit nicht-verwandten Kindern auch darauf hin, dass es eben doch auf die Fähigkeiten des Lehrers ankommt ob ein Kind später richtig lesen kann oder nicht. Prinzipiell ist das Problem eben, dass es schwierig ist herauszufinden ob die gefundenen Effekte auf genetische Grundlagen zurückgehen oder auf eine gemeinsame Umwelt.

Um dieses Problem zu minimieren macht man solche Studien zum Einfluss von Gegen gegenüber dem Einfluss der Umweltfaktoren üblicherweise mit Zwillingen. Eineiige Zwillinge teilen sich 100 % ihrer Gene während zweieiige Zwillinge sich 50 % der Gene teilen (lassen wir die große Unbekannte, die Epigenetik, mal außen vor). Damit kann man überprüfen ob die sichtbaren Effekte auf Umweltfaktoren oder Gene zurückgehen. Solche Zwillingsstudien haben in der Vergangenheit bis zu 82 % der Unterschiede in den Lesefähigkeiten auf genetische Faktoren zurückgeführt und dabei festgestellt, dass Unterschiede wie die familiären Bedingungen oder eben auch Lehrer kaum eine Bedeutung haben.

Diese Zusammenhänge könnten aber auch genauso gut daran liegen, dass die Unterschiede in den Umweltfaktoren innerhalb der Stichprobe zu klein waren um das wirklich beurteilen zu können. Denn in dem Fall wirkt der genetische Effekt in der Statistik größer als er wirklich ist. In einer neueren Studie, die im April in Science erschienen ist, hat man insgesamt 280 eineiige Zwillingspaare und 526 zweieiige Zwillingspaare während der ersten und zweiten Klasse aus Florida untersucht. Insgesamt sind diese dabei sogar repräsentativ für die ethnische und soziale Struktur des Bundesstaats. Wieso das wichtig sein könnte hat ja dieser Blogpost gezeigt.

Als Maßstab für die Lesefähigkeiten diente in der Studie der “Oral Reading Fluency Test” (ORF). Und sie hatten nicht nur die ORF-Werte für die Zwillingspaare, sondern auch die der Klassenkameraden. Aus den Steigerungen der allgemeinen ORF-Werte der Klasse im Laufe der Schuljahre haben die Forscher dann einen Index gebildet der als Maßstab für die Qualität des Unterrichts bzw. der Lehrer erstellt.

Und das Ergebnis davon ist: Weder Lehrer noch Genetik alleine sind ausschlaggebend für Lesefähigkeiten. Stattdessen liegt es an den Fähigkeiten des Lehrers in wie weit die genetischen Faktoren ausgespielt werden können. Also selbst jemand der gute, genetische Vorraussetzungen hat wird diese nicht nutzen können wenn der Lehrer nicht die Rahmenbedingungen dafür bietet. Aber das heisst auch andersrum: Gute Lehrer können Schülern helfen ihr (genetisches) Potential auszuschöpfen. Das deckt sich auch mit dem allgemeinen Interaktionsmodell von Umwelt & Genen: Genetische Einflüsse brauchen passende Rahmenbedingungen um ausgespielt werden zu können.

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Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

2 Kommentare

  1. Helfen hilft

    Dass die Hilfe beim Lesenlernen einen Einfluss auf den Lernerfolg hat, überrascht nicht. Witzig finde ich, dass man mittels Zwillingsstudien und dem ORF-Test die diesbezügliche Qualität der Lehrer testen kann.

    Ich mag mich täuschen, aber ich denke, dass bei dem einen oder anderen falsche Vorstellungen darüber bestehen, was es bedeutet, wenn es heißt, dass Unterschiede in der Intelligenz zu 50% oder 80% auf den Einfluss der Gene zurückgeführt werden können.

    Angenommen, wir könnten eine ideale Umwelt für eine Gruppe von Heranwachsenden schaffen, dann müssten am Ende alle Intelligenzunterschiede doch allein auf den Einfluss der Gene (95%) und den Zufall (5%) zurückgeführt werden (Messfehler lasse ich mal außen vor).

    Das heißt, es gibt nichts anderes als die Instruktionen des Genoms, die die Entwicklung des Gehirns steuern. Und wenn im Zuge der Hirnentwicklung eine ungünstige Umwelt keinen optimalen Input erlaubt und darum die Entwicklung insgesamt suboptimal verläuft, so ist es dennoch allein das Genom, welches für die Bildung der “intelligenten” Hirnstrukturen sorgt (plus Zufall, natürlich).

    Oder nicht?

  2. Würde man die Umwelt in sämtlichen Faktoren gleich halten können müsste es so sein, da stimme ich zu. Allerdings wird man das nicht hinbekommen, denn schon bei den Eltern fangen die Unterschiede an.

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