Coca Cola und Malaria

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Artemisinin, ein Wirkstoff gewonnen aus der Pflanze Artemisia annua (dem Einjährigen Beifuß), ist als Mittel gegen Malaria seit 1971 bekannt. Chinesische Wissenschaftler hatten damals den Wirkstoff aus der Pflanze extrahiert und seine Wirkung gegen Plasmodium falciparum, den Erreger der Malaria tropica, nachgewiesen. Amerikanische Wissenschaftler konnten das damals nicht auf sich sitzen lassen, versuchten einen synthetischen Ersatz zu erschaffen, scheiterten aber – der Wirkstoff war wesentlich schwächer als Artemisinin (”Time and money was wasted developing artemotil”).
Artemisinin tötet fast alle asexuellen Stadien von P. falciparum, induziert allerdings in Teilen seinen eigenen Abbau, indem bestimmte Enzyme aktiviert werden. Deshalb verabreicht man inzwischen Artemisinin Combination Treatments (ACTs), d.h. Artemisinin gekoppelt mit anderen Stoffen, zum Beispiel Malariamittel, die im Körper langsamer abgebaut werden. Die WHO empfiehlt inzwischen ACTs uneingeschränkt als Behandlungsmittel der ersten Wahl.

In weiten Teilen Chinas wird versucht, eine ähnliche Wirkung zu erzielen, indem man die Blätter oder die Wurzel von A. annua aufkocht und als Tee trinkt. Eine vor 2 Wochen veröffentlichte Studie hat dies an mit Plasmodium chabaudi chabaudi-infizierten Mäusen getestet – mit folgendem Ergebnis: “Mice treated with A. annua tea died after eleven days”. Ich habe leider keinen Zugriff auf den Volltext und kann die Studie deshalb nicht bewerten; aber Artemisinin ist nicht löslich in Wasser, vielleicht wirkt der Tee ja gar nicht? Eine Liste von Argumenten für den Tee findet sich hier – so soll kochendes Wasser bei der Teezubereitung das Artemisinin zerstören.

Zurück zum Thema – blöderweise sind ACTs relativ teuer, weshalb in den ärmeren Teilen Afrikas meist Chloroquin oder ähnliche, inzwischen bald unwirksame, Medikamente verkauft werden. Eine kleine Statistik dazu (Quelle):
In der Studie von “Medicines for Malaria venture” und des Gesundheitsministerium von Uganda hat herausgefunden, dass 174 verschiedene Mittel mit verschiedenen Dosierungen zum Verkauf angeboten waren, davon viele abgelaufene Medikamente. Weniger als 14% der untersuchten Privatapotheken hatten ACTs im Angebot, und wenn, waren diese bis zu 60 mal teurer als andere Mittel. Was also tun um ACTs bezahlbar in die hinterste Ecke zu bringen?
Ein Panel des U.S. National Academies’ Institute of Medicine schlug 2004 einen interessanten Weg vor. Wenn die Leute von Coca Cola es schaffen, ihre Dosen in die hinterletzten Ecken der ganzen Welt zu bringen, dann können wir das auch! Mit einem Modell, ähnlich dem des Cola-Vertriebs. Pharmazeutische Großhändler in den betroffenen Ländern bekommen ACTs zum Spottpreis, die Differenz zum Originalpreis wird den Herstellern von Spenden (Bill Gates Stifung etc.) bezahlt. Die Großhändler verkaufen das dann weiter, wobei gehofft wird, dass der Preis an untersten Stufe der Verkaufsreihe nicht zu sehr angestiegen ist; dann würde sich die Sache auch nicht lohnen.
Eine Testreihe wurde 2008 von der Clinton Stiftung in Tansania durchgeführt, wo Großhändlern ACTs billig verkauft wurden, mit der Erlaubnis, sie in zwei Bezirken Tansanias zu verkaufen. Interessanterweise wurden die ACTs am Ende der Verkaufskette nicht viel teuer bzw. billiger als veraltete Medikamente angeboten, also ein Erfolg für das Coca-Cola-Modell – wenn auch ein kleiner.

Ich persönlich bin sehr gespannt ob die ganze Sache zieht, und wie sich die Preisspanne im größeren Maßstab verändert.
Gerade die letzten Monate haben gezeigt, was ein unkontrollierter Markt so zustande bringt.


White, N. (2008). Qinghaosu (Artemisinin): The Price of Success Science, 320 (5874), 330-334 DOI: 10.1126/science.1155165

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Philipp hat einen Bachelor in Biologie, ein Graduate Certificate in IT und studiert momentan für seinen Master in IT in einem übertrieben großen Land voller Spinnen und Schafe. Für die Bierologie schreibt er zumeist über Biologie, Evolution und allem was an den Rändern der Gebiete noch so angeschwemmt wird.

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