Biodiversität – Viel hilft viel

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Seit einigen Jahren befindet sich die weltweite Biodiversität im freien Fall. Forscher sind sich darüber einig, dass Biodiversität wichtig für das Funktionieren aller Ökosysteme ist – allerdings wusste bisher niemand, wieviele verschiedene Arten im Ökosystem mindestens leben müssen, damit das Ökosystem nicht leidet. Eine neue Studie, veröffentlicht von Isbell et al. in Nature, behebt diesen Mangel – indem 17 Biodiversitätsdatensätze aus vielen verschiedenen Versuchen ausgewertet wurden.

Dies ist die erste Studie, die den Nutzen mehrerer Spezies (in diesem Fall Grasland-Pflanzenarten) für unterschiedliche Ökosysteme in mehreren verschiedenen Dimensionen betrachtet: Zeit, Raum, Ökosystem-Funktionen und Umweltveränderungen. Unter Ökosystem-Funktionen sind verschiedene “Dienste” der Pflanzen für ihre Umgebung zusammengefasst, zum Beispiel, wieviel Kohlenstoff durch diese Art im Boden gebunden wird.

Ingesamt waren 147 Grasland-Pflanzenspezies in den Datensätzen vertreten. Zuerst wurde jede Dimension einzeln betrachtet, und dann “einfach” die Anzahl der jeweiligen dem Ökosystem zuträglichen Spezies gezählt. Am einfachsten war es, sich zu Beginn anzuschauen, wieviele Pflanzenspezies in allen vier Dimensionen den Ökosystemen zuträglich waren – hier bereits 27%, auch seltene Arten waren in allen vier Dimensionen gleichzeitig vertreten.

Um genaueres über die Interaktion Ökosystem-Spezies zu erfahren, betrachteten die Forscher jede Dimension einzeln: Die Ergebnisse dazu im folgenden Bild.

Von links nach rechts: Anzahl der verschiedenen Zeiträumen in Jahren, Anzahl der Orte, Anzahl der verschiedenen Ökosystem-Funktionen, Anzahl der Umweltveränderungen. Schwarze Streifen sind Medianwerte und die Striche sind verschiedene lineare Modelle, basierend auf den jeweiligen Studien. Bild-Quelle: [1]

Betrachtet man diese Einzeldimensionen, steigt die Anzahl der Spezies, die für das jeweilige Ökosystem nützlich sind – zum Beispiel sind bei fünf verschiedenen Orten bis zu 100% der Spezies von Nutzen, und knapp 80% der untersuchten Spezies hatten neun verschiedene Funktionen für das jeweilige Ökosystem (und so weiter – mehr ist in den Graphen!).

Die in meinen Augen aber wichtigste Kurve der Studie aber steckt im nächsten Graph.

Alle 147 untersuchten Spezies, aufgetragen gegen alle möglichen untersuchten Kontexte (aus allen vier Dimensionen). Gestrichelte Linie: Mögliches Maximum, 147 Spezies. Bild-Quelle: Wieder [1].

Hier zeigt sich sehr schön, dass sich bei ca. 300 Kontexten die Anzahl der zum Ökosystem beitragenden Spezies bei ungefähr 120 einpendelt. Heißt dass jetzt, dass jedes Ökosystem “nur” 120 Spezies benötigt? Nein, weil die untersuchten Spezies auf Wegen ihr Ökosystem beeinflussen, die noch unbekannt sind, oder schlichtweg in den 17 Studien nicht berücksichtigt wurden. Außerdem sollte man im Hinterkopf behalten, dass es nicht immer die gleichen 120 Arten waren.

Wie kann man sich diese Ergebnisse verdeutlichen? Schauen wir uns Schach an. Wenn man gegen Menschen wie mich spielt, schafft man’s leicht, nur mithilfe der Dame zu gewinnen. Tritt man aber gegen erfahrenere Spieler an, so muss man alle Figuren einsetzen – und zwar je nach Gegenspieler oder Strategie in verschiedenen Wegen, manchmal offensiv, manchmal defensiv. So sieht’s auch mit Arten in Ökosystemen aus – unter Umständen schafft man es, mit einigen wenigen Arten das System am Leben zu erhalten. Meistens jedoch braucht man soviele Arten wie möglich, was Konsequenzen für den Artenschutz hat.

Welche Konsequenzen? Diese Studie zeigt, wie wichtig mehrere Dimensionen in der Einschätzung einer möglicherweise bedrohten Art sind. Dies liefert Munition für Umweltschützer, denn jede Studie, die die Zerstörung eines Lebensraums als verkraftbar einschätzt, lässt sich mithilfe der heute besprochenen Veröffentlichung anfechten – es gibt wahrscheinlich kaum (Un-)Bedenklichkeitsstudien, die mehr als 20 Kontexte aufzuweisen haben.

Diese Studie ist extrem wichtig für alle Menschen, die im Umweltschutz arbeiten, zeigt sie doch auf, wieviele verschiedene Dimensionen und Kontexte in Betracht gezogen werden müssen, wenn es um Arterhalt geht.

[1] Isbell, F., Calcagno, V., Hector, A., Connolly, J., Harpole, W., Reich, P., Scherer-Lorenzen, M., Schmid, B., Tilman, D., van Ruijven, J., Weigelt, A., Wilsey, B., Zavaleta, E., & Loreau, M. (2011). High plant diversity is needed to maintain ecosystem services Nature DOI: 10.1038/nature10282

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Veröffentlicht von

Philipp hat einen Bachelor in Biologie, ein Graduate Certificate in IT und studiert momentan für seinen Master in IT in einem übertrieben großen Land voller Spinnen und Schafe. Für die Bierologie schreibt er zumeist über Biologie, Evolution und allem was an den Rändern der Gebiete noch so angeschwemmt wird.

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