Wie wir uns ernähren werden – Die Zukunft ist vegetarisch mit Fleisch aus dem Labor

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Grenzgänge in den heutigen Wissenschaften
Beobachtungen der Wissenschaft

Nicht nur in Deutschland, dem Vorreiterland der Energiewende (wenn auch unterdessen in dieser Rolle zurückgefallen), haben sich sowohl der Energiemarkt als auch der politische Wille in den letzten Jahren stark verändert. In vielen Ländern der Welt werden die Karten des Energiemixes neu gemischt. Das jüngste Beispiel ist China, wo Präsident Xi Jinping vor einigen Tagen bekanntgab, dass sein Land bis 2060 CO2-neutral zu sein anstrebt. Die politischen Entscheidungsträger haben sich endlich der Aufgabe zugewandt, den Klimawandel zu stoppen. Doch reicht es aus, wenn die Politiker Lippenbekenntnisse abgeben? Wie steht es mit unserer individuellen Verantwortung für die Emission von Treibhausgasen? Was haben wir bisher persönlich geleistet, um diese einzudämmen? Viele Bewohner der Industrieländer fahren immer noch wie selbstverständlich mit grossen Autos umher, verzehren grosse Mengen an Fleisch, essen Avocados aus Thailand und tragen T-Shirts aus Bangladesch. Daran, dass wir nicht nur in die Sommerferien fliegen wollen, sondern zunehmend auch in den Frühjahrs- und Herbsturlaub, hat selbst die Corona-Krise kaum etwas geändert.

Auch unsere Ernährung verursacht eine signifikante Menge an Treibhausgasen. Was wir essen wird angebaut, geerntet, transportiert, gelagert, weiterverarbeitet, bevor es schliesslich im Verkauf landet und dann, erneut nach Lagerung, Kühlung und Zubereitung, von uns konsumiert wird. Die Tierhaltung macht dabei einen besonders grossen Teil der Emissionen aus. Gemäss der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) macht weltweit die Haltung und Verarbeitung von Tieren fast 15 Prozent der Treibhausgasausstösse aus; in Deutschland sind es ca. 12,5 Prozent. Schätzungen für die gesamte Nahrungsmittelproduktion gehen bis zu 30%.

  • Für die Produktion eines Kilos Rindfleisch (ca. 2.500 kcal Nährwert) wird das Treibhaus-effektive Äquivalent von ca. 13 Kilogramm CO2 emittiert,
  • ein Kilo Butter (ca. 7.000 kcal Nährwert) kommt sogar auf 24 Kilogramm CO2,
  • ein Kilo Lammfleisch (ca. 3.000 kcal Nährwert) auf sage und schreibe 39 kg CO2,
  • während ein Kilo Käse (ca. 3.000 kcal Nährwert) durchschnittlich 8,5 Kilogramm CO2 benötigt.
  • Bei Kartoffeln (ca. 860 kcal Nährwert) beträgt dieser Wert gerade einmal 0,4 Kilo CO2, und
  • bei der Produktion von einem Kilo frischem Gemüse (ca. 400 kcal Nährwert) fallen im Schnitt nur 0,15 Kilo CO2 an. Gemüse hat damit unter den Grundnahrungsmitteln die beste CO2-Bilanz.

Hier könnten Methoden der Gentechnik, wenn diese in Europa auch umstritten sind, weitere Verbesserungen bringen. Es gibt zum Beispiel gentechnisch veränderten Reis, dessen Produktion insgesamt weniger Treibhausgase freisetzt und der zugleich mehr Ertrag bringt. Voraussetzung dafür ist, dass hinter diesen Methoden nicht nur die Profitgier der Unternehmen steckt, sondern dass diese auch von Ernährungswissenschaftlern einwandfrei als für unserer Gesundheit zuträglich sowie von Umweltexperten als nicht schädlich für die Biosphäre erwiesen werden.

Transport und Verpackung der fertigen Nahrungsmittel spielen eine eher nebensächliche Rolle für die Umwelt (solange sie nicht per Flugzeug transportiert werden). Allein auf regionale Produkte zu setzen, verbessert den Fussabdruck der Ernährung nur um etwa 4 Prozent (manche Produkte können in Übersee sogar CO2-günstiger produziert werden). Wichtiger ist es, auf saisonale Nahrungsmittel zu achten: Äpfel, die monatelang in Kühlhäusern gelagert werden, sind in ihrer Klimabilanz bei weitem nicht so gut wie frische Äpfel. So beträgt die für das Kühlen benötigte Energie nach sechs Monaten schon 22 Prozent des gesamten Energieeinsatzes.

Laut WWF reduziert sich der CO2-Fussabdruck der Ernährung eines Mitteleuropäers um ca. 25 Prozent, wenn sie oder er auf vegetarische Ernährung umstellt. Bei veganer Ernährung sind es sogar 40 Prozent. Kein Wunder, dass der Weltklimarat in seinem „Sonderbericht zu Klimawandel und Landsysteme“ vom August 2019 eine Kehrtwende beim menschlichen Fleischkonsum fordert. Um die steigende Weltbevölkerung satt zu machen, brauchen wir weiter verbesserte Methoden der Nahrungsgewinnung. Tierhaltung können wir uns für 10 Milliarden Menschen einfach nicht mehr leisten.

Dazu kommt: Seit längerem ist bekannt, dass Fleischkonsum, insbesondere der von verarbeitetem Fleisch, nicht unbedingt gesundheitsfördernd ist. Er erhöht signifikant das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken (da sich im Mikrobiom, der bakteriellen Darmflora potenziell aggressive Bakterien vermehren, die Entzündungen und mit der Zeit mutierende Zellen verursachen), ebenso wie das von Bauchspeicheldrüsen- und Prostatakrebs. Weitere Folge starken Fleischverzehrs sind Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Niereninsuffizienz, chronische Entzündungen, Arthrose und Rheuma, Ärzte raten daher zu einem reduzierten Fleischkonsum.

Müssen wir also in Zukunft auf unser Steak oder Kotelett ganz oder teilweise verzichten? Nein, denn auch im Bereich der Nahrungsmittelproduktion werden wir dramatische technologische Veränderungen erleben. Sie ermöglichen uns, gesünderes und ökologischeres Essen – und dieses wird dazu auch noch schmackhafter sein als das, was wir heute kennen.

Seit es den Menschen gibt, sammelt oder jagt er seine Nahrung oder erzeugt sie im Stall und auf dem Feld. Daran hat auch der Einsatz modernster landwirtschaftlicher Methoden und die Gentechnik nichts geändert. Doch in Zukunft werden wir auf ganz anderen Wegen zu einem grossen Teil unserer fleischlichen Nahrung kommen. Dabei wird der 3D-Druck eine grosse Rolle spielen. Denn mit ihm lässt sich neben Gegenständen des täglichen Gebrauchs auch Essbares herstellen, und dies in gesünderer, kostengünstigerer, schmackhafterer und klimafreundlicherer Form.

Nahrung ist eigentlich nur eine Zusammenstellung von Eiweiss, Fett und Kohlenhydraten plus Vitaminen und Spurenelementen. Diese lassen sich mit geeigneten Verfahren auch technisch zusammenstellen, und dies sogar noch viel effizienter und ernährungsphysiologisch wertvoller als die Natur dies tut. Zudem eignet sich die Herstellung in sterilen Zellkulturen viel besser zur industriellen Fleischherstellung, denn hier ist die Kontrolle von Krankheitserregern und Giftstoffen einfacher. Zudem entfällt das aufwendige und appetitraubende Entfernen von Innereien, Haaren und Knochen. Auch lässt sich der Fettgehalt des Fleisches steuern. Und nicht zuletzt: Die Herstellung künstlichen Fleisches im Labor reduziert die Treibhausgasemissionen um bis zu 95 Prozent.

Schon 2013 stellten Wissenschaftler der Universität Maastricht eine künstliche Frikadelle her. Dafür entnahmen sie Muskelstammzellen von Rindern, versetzten sie mit Nährstoffen, Salzen, pH-Puffern und Wachstumsfaktoren und überliessen sie der Vermehrung. Aus den Zellen wurden Zellstränge, rund 20.000 von ihnen waren für eine 140-Gramm-Frikadelle nötig. „Fast wie Fleisch, nicht ganz so saftig, aber die Konsistenz ist perfekt“, meinten Testesser dazu. Der Aufwand für diesen Prototyp war jedoch immens, die Frikadelle kostete 250.000 Euro.

Sieben Jahre später steht das In-vitro-Fleisch kurz vor der Marktreife. Entsprechende 3D-Bio-Drucker setzen die gezüchteten Zellstränge serienmässig zu Muskelgewebe zusammen. Die Preise lagen im Jahr 2020 um die 8 bis 10 Euro pro Burger (ca. 140 Gramm). Eine Reihe von Start-ups strebt heute an, ihre Produkte schon bald zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt zu bringen. Hier sind einige Beispiele:

  • 2018 gründete die Firma „byflow“ in Kooperation mit dem 3-Sterne-Koch Jan Smink in der holländischen Stadt Wolvega das erste 3D-Druck-Restaurant.
  • Das Designstudio „Dovetailed“ entwickelte einen 3D-Drucker für Obst, der jeden Fruchttyp in jeder Form und Grösse sekundenschnell drucken kann. Die jeweiligen Aromen erzeugen die Forscher mit Fruchtsaft, die Textur aus pulverisiertem Natriumalginat.
  • Das in Kalifornien ansässige Unternehmen „Memphis Meats“ baut derzeit eine Pilotanlage zur Herstellung seiner Rind-, Hühner- und Entenkulturen in grösserem Massstab.
  • In Israel hat die Firma „Redefine Meat“ das gleiche Ziel und setzt dabei auf 3D-Bio-Drucker.

Diese Firmen sind nicht die einzigen. Dutzende andere haben das gleiche Ziel. Und für dieses Ziel steht unterdessen auch eine Menge Investitionskapital bereit.

Wer meint, dass künstlich hergestelltes In-Vitro-Fleisch wenig appetitvoll oder eine Ernährung mit künstlich hergestelltem Fleisch würde den Menschen zu weit weg von der Natur führen, sollte mal einige Stunden in einer Grossschlachtanlage verbringen oder bei einem grossen Agrarproduzenten zuschauen. Im Sommer 2020 wurden wir mit der Tönnies-Krise unfreiwillige Zeugen der furchtbaren Bedingungen der heutigen industriellen Fleischproduktion. Die Massentierhaltung bei den Grossbauern ist kaum appetitlicher. Neben Wildtieren sind im Übrigen auch Bauernhöfe bedeutende Virenschleudern. Und die Monokulturen der heutigen pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion, inklusive der für Tierfutter, gehen mit derart massiven Schädigungen der Natur (Bodenverdichtung, Bodenerosion, Dünger und Pestizide im Grundwasser, Bienensterben aufgrund Pflanzenschutzmitteln) einher, dass der Ruf nach einer „Agrarwende“ immer lauter wird. Anstatt ein Schritt weg von der Natur stellt die künstliche Fleischproduktion einen mächtigen Schritt zum ihrem Schutz dar, also eine Schritt hin zur Natur!

Und was die Schmackhaftigkeit angeht, zuletzt wohl neben der Gesundheit das wichtigste Kriterium für das was wir essen, so arbeiten die alternativen Fleischproduzenten mit Gourmet-Köchen und Metzgern zusammen, aber auch mit Lebensmitteltechnikern, Geschmacksexperten und Herstellern von Aromen und Duftstoffen, um Saftigkeit, Textur und Mundgefühl zu optimieren. Ihr Ziel ist es, den Geschmack des Steaks täuschend echt zu simulieren und durch entsprechende Aromazugaben sogar noch zu verbessern. Erste Tester attestieren einhellig, dass die gedruckten Steaks wie echtes Fleisch schmecken, geschmackvoll, bissfest und faserig wie das Original.

Dem Lebensmittelmarkt steht eine Revolution bevor. Pflanzliche Ernährung ist klimabilanztechnisch recht günstig, anders das Fleisch aus tierischer Produktion. Aus Zellen gezüchtetes und mit 3D Druckern ausgeedrucktes Fleisch und Meeresfrüchte werden die industrielle Tierhaltung dramatisch reduzieren und dabei unsere Essgenuss sogar noch erhöhen. Es wird geschätzt, dass bis 2040 35 Prozent des gesamten Fleisches derart produziert wird. Der Populärphilosoph Richard David Precht zeichnet schon das Bild einer Gesellschaft ohne Nutztierhaltung, aber mit Fleisch, das nicht von der Weide kommt, sondern das wir selber ausdrucken. So können wir die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen und den ökologischen Fussabdruck unserer Ernährung reduzieren. Dabei wird unsere Ernährung zugleich gesünder, ohne dass wie auf Geschmack verzichten müssen.

Lars Jaeger

Veröffentlicht von

www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

14 Kommentare

  1. Es wäre überzeugender, die CO2-Bilanz nicht auf die Masse des unverzehrten Nahrungsmittels zu beziehen sondern auf dessen Zweck, den Nährwert* (kg CO2/kcal).

    * Auch wenn dieser in kcal noch unterkomplex angenähert ist (man denke an Verdaulichkeit, Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, etc.).

  2. Ein Großteil der Landflächen der Erde wird heute von der Landwirtschaft genutzt – und das besonders begehrte Fleisch benötigt sogar besonders viel Fläche relativ zu den Kalorien, die der Fleischverzehr liefert.

    Wenn die bald schon 10 Milliarden Menschen 20 % mehr Landfläche benötigen als die heutige Weltpopulation oder gar noch mehr, weil sich noch mehr Menschen als heute Fleisch leisten können, dann bleibt immer weniger ungenutztes Land und das Artensterben wird allein deshalb weiter zunehmen.

    Aus Umwelt- und Natursicht wäre es tatsächlich das ideale, wenn die Menschen alle Nahrung, die sie benötigen in den Städten, in denen sie wohnen, erzeugen könnten. Und warum soll das nicht möglich sein? Denn Nahrung ist letztlich nichts anderes als durch chemische Prozesse in Nahrung umgewandelte Rohstoffe. In Software-Terminologie würde man von Prozessen sprechen, die Energie und Rohstoffe wie Wasser, Kohlenstoff etc. als Input nehmen und die als Output Nahrung liefern. Und diese Software-Sicht ist korrekt und wie die Digitalisierung zeigt, auch erfolgreich.

    Mit andern Worten: Technologie kann uns ermöglichen, Nahrung ohne Verbrauch von Landflächen anzubauen und ohne Überfischung der Weltmeere zu gewinnen. Und die so erzeugte Nahrung kann sogar ebenso gesund sein wie die heute auf vielen Millionen Quadratkilometern ehemaliger Naturflächen angebaute Nahrung.

    Fazit: Richtig genutzte Technologie kann den Fußabdruck des Menschen markant verkleinern. Wir müssen es nur wollen und in dieses Ziel investieren.

  3. Das Proteinmehl Solein wird aus Bodenbakterien im Fermenter gezüchtet, mit Kohlendioxid und Stickstoff aus der Luft, sowie Wasserstoff aus Solarenergie, und mit einigen Mineralien.
    Das Verfahren ist jeder Art von Landwirtschaft in jeder Hinsicht mindestens um den Faktor 10 überlegen.
    Das kommt daher, dass die Solarzellen der Photosynthese von Landpflanzen um mehr als den Faktor 10 überlegen sind.
    https://science.orf.at/stories/3200087/

  4. Verständnisfrage: Ist der Wert für Käse ein Wert für Kuhmilch-Käse oder ein Mischwert? Für Kuhmilchkäse scheint er mir niedrig zu sein.

  5. Karl Bednarik,
    mit dieser Einstellung leugnen Sie die vielen noch unbekannten Wirkstoffe in der natürlichen Nahrung.
    Die machen doch Naturkost wertvoll. Es kommt nicht nur auf die Vitamine an.

  6. Kunstfleisch hat eindeutig viele ökologischen Vorteile.

    Solche Ideen bringen aber nichts, wenn wir immer das eigentliche zentrale Problem für die Umweltzerstörung weiterhin absichtlich ignorieren: Die Anzahl der Menschen auf der Erde und deren Lebensgewohnheiten – wie z.B. die stark zunehmende Zahl an Haustieren (um nur ein Beispiel zu nennen).
    (DOI: 10.3390/su12083394 Environmental impacts of a pet dog: a LCA case study
    http://www.scinexx.de/news/biowissen/die-oekobilanz-eineshundes )

    Möglicherweise können auf der Erde nur wenige Milliarden Menschen leben (2 – 3) – ohne die Umwelt negativ zu beeinflussen. D.h. solange man in allen Ländern der Erde nicht zu sehr schneller und starker Begrenzung der Geburten bereit ist – kann man sein Rindersteak ohne schlechtes Gewissen essen: Kunstfleisch macht zwar ein gutes Öko-Gewissen, bringt aber langfristig keine positiven Effekte; wenn man das eigentliche Problem ignoriert.

  7. Wie wäre es, wenn wir als Menscheit wieder schrumpfen, sagen wir auf ca. 1 Mrd, das wäre auch regenrativ mit der Energie einfacher, dann wäre wieder mehr Raum für Biodiversität usw usw. Dann wäre alles wieder etwas entspannter.

  8. Neuartige Herstellungsmethoden wie Fleischzüchtung oder das von Karl Bednarik genannte Solar Foods sind extrem spannend und haben enormes Potential die Lebensweise von Menschen global zu verändern. Man sollte allerdings bedenken, dass dies auch mögliche Gefahren beinhaltet. Veränderungen der Ernährung könnten gesundheitliche Folgen haben oder er Umbau der Produktion könnte unerwartete ökologische Folgen haben. Das ist kein Plädoyer nichts zu verändern, da die jetzige Lebensweise sichere Schäden beinhaltet. Es spricht aber dafür die Veränderungen kritisch zu begleiten und zum Beispiel die Sicherheit neuartiger Lebensmittel zu begutachten und neuartige Technologie zu evaluieren.

    Zum Beispiel bei Solar Foods sollte man kontrollieren, ob die erzeugten Lebensmittel sicher sind und ob es erhöhten Materialbedarf gibt. Das sind jetzt nur die beiden Faktoren an die ich denke. Solche Evaluierung sollte möglichst breit angelegt werden, um zu verhindern, dass man Faktoren übersieht und es ist meiner Meinung nach nicht empfehlenswert dies als überwiegende Quelle von Lebensmitteln zu etablieren und den Anbau von Pflanzen zu vergessen, da darin sehr viel Wissen steckt, dass in Krisen nützlich sein kann. Ein solches Solar Foods System erscheint mir doch sehr starke technische Abhängigkeiten zu beinhalten.

    Ergänzung:
    Ein bisschen witzig finde ich die Selbstdarstellung auf der Website von Solar Foods: “Where there is sunlight, there can be food.” Naja, mit Sonnenlicht, Boden und Wasser kann man auch jetzt schon Lebensmittel herstellen. Vielleicht braucht man weniger Fläche, aber ansonsten braucht man das alles auch.

  9. Zitat:

    Es wird geschätzt, dass bis 2040 35 Prozent des gesamten Fleisches derart [im Labor] produziert wird.

    Konsequenz: Da sich der weltweite Fleischkonsum bis 2040 aber ungefähr verdoppelt, bedeutet ein 35%-Anteil von Laborfleisch an der Gesamtfleischmenge, dass im Jahr 2040 weltweit deutlich mehr echtes Fleisch tierischen Ursprungs gegessen wird.

    Hintergrund: Für den Agrarbereich und speziell fürs Fleisch gilt dasselbe wie für die Mobilität (Auto/Truck/Flugzeug fahren/fliegen), die Industrie oder das Baugewerbe : Mehr Auto gefahren, mehr konsumiert, mehr gebaut und mehr gegessen als vor 30 Jahren wird vor allem in den heutigen Schwellen- und Entwicklungsländern.

    1992 wurde an der Konferenz von Rio erstmals zur Treibhausgasreduktion aufgerufen. Doch heute werden nicht weniger, sondern 60% mehr Treibhausgase ausgestossen als 1990. Auch für die weltweite Fleischproduktion und -konsumption gilt: 1990 wurde weltweit nur halb soviel Fleisch gegessen wie heute. Dieser Trend geht weiter, denn es gibt immer noch viele arme Menschen weltweit die nur deshalb wenig Fleisch essen weil ihnen das Geld dafür fehlt.
    Die Graphik Global meat production 1961 to 2018 zeigt, dass sich die weltweite Fleischproduktion seit 1961 versechsfacht hat und dass vor allem in Asien heute viel mehr Fleisch gegessen wird als 1961 oder 1990.

    Fazit: Asien und Afrika haben einen gewaltigen Nachholbedarf, denn dort leben Menschen die grossteils bis heute arm geblieben sind und die bei zunehmenden Wohlstand mehr Auto fahren, mehr fliegen und mehr Fleisch essen. Das ist der Grund, dass Dinge wie der Treibhausgasausstoss oder der Fleischkonsum auch in den nächsten 30 Jahren zunehmen werden.

  10. @Neue Möglichkeiten

    Die Idee mit den Fleischkulturen erscheint mir auf den ersten Blick ziemlich eklig, eher mehr noch als Insekten oder die Bakterienkulturen, die mit Wasserstoff gefüttert werden können. Aber man müsste das sehen, ob die Fleischkulturen ohne Antibiotika auskommen, und dann einfach mal probieren, wie das schmeckt und was das kostet.

    Alles drei ist im Grunde auch kulinarisch interessant. Ausgefallene Eiweiße und Aromastoffe sind doch oft sehr schmackhaft, wenn man sie mal probiert hat, und gelernt hat, wie man damit Gerichte zaubern kann. Die verschiedensten Bakterien bzw. Schimmelpilze, mit denen man z.B. Käse veredeln kann, sind nicht nur sehr lecker, sondern sollen auch gesund dabei sein.

    Neben her ist Bioanbau und tierwohlverträgliche Nutztierhaltung auch längst überfällig. Immerhin haben wir in Deutschland und vor allem in der EU reichlich Überschüsse, da können wir eine Reduktion der Erträge ab Hof in Kauf nehmen. Da Gemüse und Kartoffeln aus Bio-Anbau wesentlich schmackhafter sind, kann man auch deutlich weniger Fleisch essen, das alleine kann die niedrigeren Erträge im Bioanbau schon wieder ausgleichen.

    Und genauso kann das die höheren Preise wieder ausgleichen. Voraussetzung dafür wäre aber noch, dass innerhalb von vielleicht 20 Jahren komplett auf Bio umgestellt wird, etwa indem man pro Hektar entsprechende Zuschüsse zahlt, und das dann die Bioprodukte als Massenware in den normalen Handel kommen.

    Wenn man jetzt noch alles verwerten würde was so weggeworfen wird, und damit u.a. auch Insekten züchtet, und eben noch Fleischkulturen anbietet, wäre auch die weltweite Perspektive besser. Die Bakterienkulturen, die als Energiequelle grünen Wasserstoff verwerten, kämen sogar komplett ohne Ackerland aus, und wären damit beliebig skalierbar. Damit kann man womöglich 15 Mrd Menschen gut ernähren, und gleichzeitig die halbe Welt wieder verwildern lassen. Mal sehen, was da draus wird.

  11. Zitat Lars Jaeger
    Der Populärphilosoph Richard David Precht zeichnet schon das Bild einer Gesellschaft ohne Nutztierhaltung, aber mit Fleisch, das nicht von der Weide kommt, sondern das wir selber ausdrucken.

    Es steckt meiner Meinung nach ein Denkfehler in dieser ganzen Kalkulation von Nährwerten, der schon im Zitat von Richard David Precht und auch im Titel des Artikels enthalten ist. Der Titel dürfte nicht lauten:

    Die Zukunft ist vegetarisch mit Fleisch aus dem Labor“,

    sondern

    Die Zukunft ist vegan mit Fleisch UND MILCH aus dem Labor“.

    Solange man nicht auf Milch und Milchprodukten verzichtet, kann man nämlich nicht auf die Zucht von WEIBLICHEN Nutztieren verzichten, d. h. muss man Tiere zwangsläufig züchten und schlachten, die kein Milch produzieren (sowie auch deren Fleisch verzehren, man kann das Fleisch ja nicht vernichten), und zwar:

    – Das Fleisch der alten Kühen, die nicht mehr kalben und daher nicht mehr Milch produzieren können

    – Das Fleisch der männlichen Kälber, die ja nie Milch produzieren werden.

    Das Fleisch dieser Tiere fällt sozusagen als unerwünschte Nebenprodukt der Milchproduktion.

    Es wundert mich immer, dass man immer die Milchproduktion „vergisst“ und ausblendet, wenn man Vegetarismus aus ethischen Gründen fördern will. Vegetarismus ist zwangsläufig Produktion von Fleisch, Vegetarismus bedeutet Schlachten von Tieren. Man kann mit Vegetarismus keine ethischen Ansprüche erheben.

    Zumindest um eine Halbierung der Fleischproduktion zu erreichen, müsste man das Geschlecht der Kälber von vornherein bestimmen können und keine männlichen Kälber züchten. Es dürfte ja möglich sein.

    Wenn man also die Produktion von Fleisch vermeiden will, muss man zwangsläufig auf Milch (Käse, Butter, Milchprodukte) verzichten, oder sie auch 3D drucken können – ich weiß nicht, ob es möglich ist, aber warum nicht?

    Auf jeden Fall ist die Kalkulation der notwendigen Nährwerte meiner Meinung nach zu überdenken, wenn man nicht auf Milch verzichten oder Milch im Labor nicht drucken kann.

  12. @Joyceline Lopez 06.10. 16:48

    „Wenn man also die Produktion von Fleisch vermeiden will, muss man zwangsläufig auf Milch (Käse, Butter, Milchprodukte) verzichten, oder sie auch 3D drucken können – ich weiß nicht, ob es möglich ist, aber warum nicht.“

    Es gibt ja jede Menge Weiden, die nicht für den Feldanbau von Getreide und anderen Feldfrüchten geeignet sind. Hier kann man nur Gras ernten, und hier bieten sich Kühe an. Wenn man das Laborfleisch nicht mit Gras füttern kann, kann man die Weiden nur durch die Haltung von Grasfressern nutzen.

    Selbst wenn man nur noch weibliche Kühe hat, fällt eben doch eine gewisse Menge an echtem Rindfleisch an, das dann auch gegessen werden kann.

    Auch bei Schweinen muss man bedenken, das diese jede Menge Reste verwerten können, und auch z.B. mit Schweinekartoffeln gefüttert werden können, welche pro Hektar ein vielfaches von Tafelkartoffeln an Ertrag bringen.

    Und wer Eier essen will, der sorgt dann auch für ein gewisses Angebot von Hühnerfleisch.

    Fazit: ein gewisser Fleischkonsum wird erhalten bleiben, eine gewisses Maß an Tierhaltung gehört einfach zur Landwirtschaft. Aber wenig Fleisch essen löst ja auch schon unser Flächenproblem. Zusätzlich kann man auch die mit Wasserstoff gefütterten Bakterienkulturen auch als Futtermittel für die Fleisch-, Milch- und Eierprodution einsetzen. Und insbesondere Abfälle und Reste zur Insektenzüchtung verwenden.

    Ein breiterer Mix aus tierischen Nahrungsmitteln ist sogar kulinarisch interessant, nicht nur ökologisch, finde ich.

    • Ergänzung: organischer/biologischer Anbau, der ohne synthetische Düngemittel auskommen will, benutzt meist Mist/Gülle von Tieren als Düngemittel. Demeter schreibt seinen Betrieben sogar vor, dass pro ha mindestens 0,2 Großvieheinheiten (Definition: http://www.bauernhof.net/glossar/grossvieheinheit-gv/) gehalten werden MÜSSEN.

      Ideale wie die dass alle Menschen vegan werden, werden sowieso nie wahr und weltweit gesehen nimmt der Fleischkonsum in den nächsten Jahrzehnten mit Sicherheit zu, denn viele Arme in Asien und Afrika möchten Fleisch essen, können es sich momentan aber nicht leisten.

      Gäbe es aber überzeugendes Laborfleisch, das billiger wäre als landwirtschaftlich erzeugtes, dann würde das tatsächlich alles ändern, dann würde das Laborfleisch das natürliche verdrängen. Gerade in den weniger wohlhabenden Gebieten. Das ist so ähnlich wie mit dem batterielektrischen Auto. Wenn es einmal günstiger als ein Verbrenner ist, beginnt es zu dominieren. Der Preis von Produkten hat einen viel grösseren Einfluss als vielen bewusst. Ein Preiszerfall kann zum Massenkonsum eines begehrten Produkts führen, ein Phänomen, das man im Ressourcen/Energiebereich als Rebound Effect bezeichnet.

  13. Zitat Tobias Jeckenburger
    Es gibt ja jede Menge Weiden, die nicht für den Feldanbau von Getreide und anderen Feldfrüchten geeignet sind.

    Gibt es in Deutschland wirklich „jede Menge Weiden“?
    Ich zweifle sehr daran. Ich meine gelesen zu haben, dass die Weideflächen gegenwärtig nur 10% der landwirtschaftlichen Fläche ausmachen. Und die Weiden allein reichen lange nicht zur Ernährung aller Tiere, nicht mal im Sommer, wobei ohnehin nur ein Bruchteil der Kühe auf der Weide sind (die meisten sehen in den Kuhfabriken nie einen Grashalm und sehen nie die Sonne in ihrem ganzen Leben): Man muss dazu Futtergetreide zusätzlich anbauen, und es braucht sehr viel Fläche.

    Wenn man übrigens die jetzt vorhandenen Weideflächen einfach verwildern lassen könnten, wäre es schon positiv für die Natur, aber das würde ohnehin hinter und vorne nicht reichen, weder für die Natur, noch zur Nährwertgewinnung für die Menschen.

    Ich meine nämlich, dass Ihre Überlegung nicht stimmt: „Aber wenig Fleisch essen löst ja auch schon unser Flächenproblem.“ Wie soll das gehen? Wie sollte man „weniger Fleisch essen“ wenn wir nicht auf Milch verzichten und wenn man nicht das Geschlecht der Kälber im Voraus bestimmen kann sprich keine männliche Kälber züchten muss? Wie soll das gehen? Das geht doch nicht mit Rindern. Man muss schon zu Ende denken. Soll man doch das Fleisch der Kühe und der männlichen Kälber vernichten, nur um Milch und Milchprodukte konsumieren zu können? Was soll dieser Spruch “weniger Fleisch essen“?

    Weniger Fleisch essen geht bei Rindern nicht, definitiv nicht, weil Rinderfleisch nur ein “Nebenprodukt” der Milchproduktion ist, zumindest in Mitteleuropa.

    Das würde aber ohne Problem mit der Schweinezucht gehen, weil Schweine einzig für das Fleisch gezüchtet werden. Man kann also ohne weiteres auf die “industrielle” Schweinezucht komplett verzichten, man würde den Tieren ungeheuerlichen Quälereien ersparen und der Natur Fläche zurückgeben.

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