Wege aus der Klimakatastrophe – Wie eine nachhaltige Energie- und Klimapolitik gelingt

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Grenzgänge in den heutigen Wissenschaften
Beobachtungen der Wissenschaft

(Fast) jeder Mensch hat sein oder ihr ganz persönliches Aha-Erlebnis, wenn es um den Klimawandel geht. Der eine hat mit Bewässerungsschlauch und Giesskanne vergeblich versucht, seinen Garten unbeschadet durch mehrere Dürre-Sommer zu bringen. Der andere wundert sich, dass er daheim von einer Tigermücke gestochen wird, die ursprünglich nur in den Tropen und Subtropen zu finden war. Ein Dritter musste mitansehen, wie sein Haus überschwemmt wurde, weil zum ersten Mal seit Menschengedenken ein Bächlein nach einem Starkregenereignis zum reissenden Strom geworden war. Und ein Vierter ist Teil der wachsenden Menge von Menschen, die die wissenschaftlichen Studien zum Klimawandel studiert haben und aktiv vor seiner Gefahr warnen.

Wer zum Beispiel zum Morteratsch-Gletscher im Oberengadin wandert, dem grössten Gletscher der Schweizer Ostalpen, dem wird der Klimawandel schmerzhaft konkret. Inmitten der beindruckenden Szenerie der Berge wird dort dem Wanderer ein dramatisches Geschehen erfahrbar: Wo der Wanderweg auf die einst kilometerlange und viele hundert Meter breite Gletscherzunge zuführt, informieren Schilder darüber, bis zu welcher Stelle das Eis sich in den vergangenen Jahrzehnten ausgedehnt hatte. Seit 1870 hat er sich jedes Jahr um durchschnittlich 18 Meter zurückgezogen, 2015 waren es sogar 164 Meter! Über zweieinhalb Kilometer geht man auf einem Untergrund entlang, der noch vor einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag von dutzenden Metern Eis bedeckt war.

Fakt ist: Der Klimawandel ist keine am Horizont drohende Gefahr mehr. Er ist in unserem Alltag angekommen und bedroht unsere Lebensgrundlagen. Überschwemmungen, Artensterben, Völkerwanderungen, Dürren, Supertornados – er ist keine am Horizont drohende Gefahr mehr, sondern längst in unserem Alltag angekommen. Die wesentlichen konkreten Zusammenhänge dafür sind seit den 1980er Jahren bekannt: Von Menschen produzierte Treibhausgase – allen voran das Kohlendioxid CO2 – bewirken eine stetige Erwärmung unserer Welt. Damals lagen bereits konkrete Handlungspläne auf dem Tisch, doch eine starke industrielle Lobby verhinderte deren Umsetzung und hintertrieb gezielt die Reputation der Wissenschaftler. In weniger konkreter Form existierte sogar bereits 1895 die konkrete Vermutung eines Zusammenhangs zwischen CO2-Anteil in der Atmosphäre und der globalen Durchschnittstemperatur. Erste direkte Belege für eine steigende CO2-Konzentration und einer dadurch verursachten globalen Erwärmung konnte dann ab den späten 1950er Jahren der US-amerikanische Forscher Charles David Keeling vorlegen.

Heute sieht das Bild der Akzeptanz ganz anders aus. Wer gegen den Klimawandel aktiv wird, wird nicht mehr ausgegrenzt. Die nach anfänglicher Kritik fast durchweg positive Resonanz auf die heutige „Fridays for Future“-Bewegung zeigt das zum Beispiel. Mehr noch: Politik und Wirtschaft überbieten sich in dem Bestreben, die Klimakatastrophe zu verhindern. Im Herbst 2020 kündigten sowohl die EU als auch China einen Fahrplan zu einer CO2-neutralen Wirtschaft bis 2050 bzw. 2060 an. Kurz darauf bekannte sich auch die deutsche Automobil-Industrie zu diesem Ziel. Nach der Abwahl Donald Trumps folgten endlich auch die USA dieser Linie (dies mit der lauten Stimme Joe Bidens).

Und auch in der Forschung ist man sehr viel weiter gekommen: Die CMIP6-Modelle der Klimaforscher, deren erste Ergebnisse im August 2021 im AR6-Report veröffentlicht wurden, sind in ihrem Anspruch an die Modellgenauigkeit noch einmal wesentlich ehrgeiziger als ihre Vorgänger-Modelle. Zum Beispiel wird in einigen von ihnen die räumliche Auflösung der Gitter, auf denen das globale Klima modelliert wird, auf unter 100 Kilometer gebracht. Damit lassen sich die Effekte der Wolkenbildung auf das lokale und globale Klima besser erfassen. Zugleich steigt die zeitliche Dichte der Messungen deutlich an. „Dieser Bericht ist unschätzbar für die künftigen Klimaverhandlungen und politischen Entscheidungsträger», sagte der Präsident des IPCC, der Süd-Koreaner Hoesung Lee. Etwas dramatischer drückte es Erich Fischer, Klimaforscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und einer der leitenden IPCC-Autoren, aus: „Der Klimazustand hat sich rasch weiterverändert, und das Zeitfenster, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, geht allmählich zu“. Was bezeichnend für den Bericht ist, dass sich im Vergleich zu den Verhandlungen über den AR5-Report vor fast acht Jahren sowie all den Diskussionen zu noch früheren Versionen die Debatten offensichtlich viel reibungsloser verliefen. Die IPCC-Autorenschaft setzte sich diesmal wohl klar gegen den bisher immer stattgefundenen Widerstand aus der Politik und anderen Bereichen gegen klare Formulierungen durch. Zudem wurde die Wissenschaftlichkeit des Berichts nicht mehr angetastet. So wird nun auch die Verantwortlichkeit klar dargestellt: Der Mensch ist gemäss IPCC klar und deutlich für die gesamte beobachtete Erderwärmung seit der vorindustriellen Zeit verantwortlich (1,6 Grad auf dem Land, 0,9 Grad über dem Meer, 1,1 Grad im globalen Mittel)!

Nach dreieinhalb Jahrzehnten, in denen sich Stillstand, Rückschritte und einige wenige, mühsam erkämpfte Fortschritte in der Bekämpfung des Klimawandels einander ablösten, geht es nun also zu wie beim Domino: Die Widerstände gegen die globale Energiewende, die unser Klima retten soll, fallen – einer nach dem anderen. Jahr für Jahr werden sogar die optimistischsten Prognosen zu den Möglichkeiten neuer Technologien von den aktuellen Entwicklungen eingeholt und übertroffen. An Ideen, technologischen Möglichkeiten und konkreten Initiativen mangelt es nicht. Fast alle drehen sich um den zentralen Faktor des Klimawandels: Energie. Denn mit Ausnahme einiger Teile der Landwirtschaft (die allerdings auch einen grossen Beitrag liefern) lassen sich alle Einflüsse, die der Mensch auf das Klima nimmt, auf Energieerzeugung und -verbrauch zurückführen. Angetrieben durch die erstaunlichen technologischen Fortschritte auf den Gebieten Photovoltaik, Windkraft und Batterie-Energiespeicherung sowie Nanotechnologie und künstlicher Intelligenz stehen wir heute an der Schwelle zur schnellsten und tiefgreifendsten Umwälzung auf dem Energiesektor der letzten 150 Jahre.

Mein neues Buch führt Sie durch die Welt der Energie und des Klimas auf unserem Planeten und liefert Fakten:

  • Was ist überhaupt Energie?
  • Wie erzeugen, transportieren und speichern wir Energie?
  • Warum beeinflusst unsere Art des Energieverbrauchs das Klima?
  • Wie funktionieren die Klimamodelle der Wissenschaftler und kann man ihnen wirklich trauen?
  • Was dürfen wir vom technologischen Fortschritt erwarten?
  • Welche Möglichkeiten haben wir, Energie ohne negative Klimaeffekte zu erzeugen?
  • Können wir uns das leisten?

Die Antworten, die dieses Buch gibt, widerlegen die Meinungen der wenigen Klimaskeptiker und  -leugner, die teils immer noch für grosse Verwirrung sorgen. Und die präsentierten Tatsachen zeigen: Yes, we can! Die Lage ist tatsächlich sehr ernst, aber wir können einen Weg beschreiten und sind teils schon dabei, den verheerenden Klimatrend umzukehren – und das gar ohne signifikante Wohlstandsbeschränkung. Nach drei Jahrzehnten Tiefschlaf und sträflich verpasster Gelegenheiten hat sich endlich eine erfolgversprechende Dynamik eingestellt. Viel haben wir auf unserem Weg in die Klimaneutralität schon erreicht – zum Beispiel wurde 2020 in Deutschland nahezu gleich viel regenerativer wie fossiler Strom verwendet. Nun kommt es darauf an, dass uns mitten in der Energiewende nicht die Luft ausgeht und wir weiterhin die ökonomischen und politischen Herausforderungen, die mit ihr kommen, meistern. Denn unsere Reise in eine Treibhausgas-freie Zukunft hat längst begonnen. Die Lage ist sehr ernst, aber wir haben durchaus Konzepte, den verheerenden Klimatrend aufzuhalten und umzukehren.

So verfügen wir schon heute über die technischen Möglichkeiten (und in der Zukunft umso mehr), um den verheerenden Klimatrend ohne signifikante Wohlstandsbeschränkung umzukehren. Die Hindernisse liegen vor allem in ökonomischen und politischen „Sachzwängen“ und partikulären wirtschaftlichen Interessenskonflikten. Diese zu überwinden, darum geht es in der zukünftigen Energiepolitik.

 

Lars Jaeger, Wege aus der Klimakatastrophe – Wie eine nachhaltige Energie- und Klimapolitik geling, Springer Verlag, ISBN: 978-3-662-63549-0, Erscheinungstermin: Sept. 2021 https://www.springer.com/de/book/9783662635490

Veröffentlicht von

www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

13 Kommentare

  1. Wie kann es gelingen die Länder, die -außer den USA- zu den größten CO2-Emittenden zählen dazu zu bringen ihre Emissionen gleich und sofort nicht mehr weiter zu erhöhen und dann mit den Reduktionen zu beginnen?

    Mit einem Blick auf die Grafik (Stand 2019)
    https://ourworldindata.org/co2-emissions#co2-emissions-by-region
    sieht man ja wo der Hase läuft und wo er hinrennt.
    Wenn man dann dort auf “table” geht und unten den Zeitraum 1990 bis 2019 anschaut, sieht man an den Steigerungsraten, dass auch und gerade die Schwellenländer ganz gigantische Steigerungen hinlegen, nicht nur Indien und China mit ihren schon jetzt extrem hohen Absolutwerten. Ich habe über 100 Länder mit Steigerungsraten zwischen 100% und über 1000% gezählt.
    Während dessen stehen Europa gesamt oder auch EU-27 und EU-28 und Deutschland alleine doch sehr gut mit dem bisher schon Erreichten da.

    Wie kürzlich schon John Kerry sagte ist der Kampf gegen den Klimawandel nur dann zu gewinnen, wenn China und Indien mitmachen. Kerry war in China und wollte es zum Mitmachen gewinnen, erhielt aber eine herbe Abfuhr.
    Hinzu kommen aber auch die vielen Schwellenländer, die -wie zu sehen- ihren CO2-Ausstoss enorm erhöhen. Die dürfen das aufgrund des Pariser Abkommens auch noch, aber das ist doch fatal für die Gesamtmenge des CO2 in der Atmosphäre. Wie soll die denn kleiner werden, wenn die relativ wenigen Industrieländer zwar reduzieren, aber ganz viele andere Länder ihre Emissionen kräftig steigern? Ich gehe davon aus, dass sich die Industrieländer beim Pariser Abkommen von den Schwellenländern und China über den Tisch ziehen gelassen haben. Anders lässt sich diese krasse Differenz zwischen Länder die die Emissionen steigern und den Industrieländern, die dekarbonisieren, wohl kaum erklären. Die Reduktionen sind offensichtlich bisher schon deutlich geringer als die Steigerungen und werden das wohl in Zukunft auch so bleiben. Es sieht nirgends nach einem Umsteuern aus.

    Was nun? Kann die Außenpolitik denn da nicht mal richtig ansetzen?
    Die Innenpolitik in den Industrieländer läuft ja schon in die richtige Richtung, mal abgesehen von den USA (+6% seit 1990), wie die Zahlen zeigen.

  2. ” um den verheerenden Klimatrend ohne signifikante Wohlstandsbeschränkung umzukehren. ”
    Wohlstand geht überhaupt nur mit Ökologisierung, die Zerstörung desselben erreicht man zielsicher mit “weiter sie bisher”.
    Wohlstand liegt auch gar nicht vor, jedenfalls nur teilweise.
    Um wieder davon sprechen zu können, muß er viel besser verteilt werden, sonst geht gar nichts.
    Die Theorie des “degrowth” halten viele für fortschrittlich, tatsächlich ist sie nur die Fortschreibung des neoliberalen Wachstumsbegriffs und als solche ungeeignet für mögliche Lösungen.

  3. Zu Zeit leben 8 Mrd. Menschen auf der Erde – in einem Jahrhundert werden es 12 Mrd. sein.
    Dadurch werden allein durch die Anzahl der Menschen alle Ökosysteme so belastet, dass sie schwer geschädigt oder zerstört werden.

    Die klimatische Veränderung durch CO2 wird dann das kleinste Problem der Menschheit sein.

  4. Bei der Focussierung auf das CO2 geraten die anderen Treibhausgase aus dem Blick. Die Kältemittel der Klimaanlagen und Kühlschränke. die sind auch für das Ozonloch verantwortlich.
    Darauf sollte mal wieder hingewiesen werden.

  5. Zitat Lars Jaeger:

    So verfügen wir schon heute über die technischen Möglichkeiten (und in der Zukunft umso mehr), um den verheerenden Klimatrend ohne signifikante Wohlstandsbeschränkung umzukehren. Die Hindernisse liegen vor allem in ökonomischen und politischen „Sachzwängen“ und partikulären wirtschaftlichen Interessenskonflikten.

    Ja, technologisch/ökonomisch wäre es für Deutschland/Europa möglich jedes Jahr 3 bis 5 Prozent weniger Kohle, Erdöl und Erdgas zu verbrauchen. Doch der politische Wille zu einem schnellen Umbau fehlt: Deutschland verringerte in den letzten 30 Jahren seine Treibhausgasemissionen nur gerade um 1.1% pro Jahr und Armin Laschet und Olaf Scholz, die beiden Bundeskanzleraspiranten mit den grössten Siegeschancen bestehen beide darauf die deutschen Kohlekraftwerke erst 2038 abzustellen und die CDU unter Merkel (und später wohl Laschet) betreibt zudem eine Politik des Wechsel von Kohle auf Erdgas, was Nullemissionen bis 2050 sehr schwierig bis unmöglich macht, denn ein Bekenntnis zu Erdgas, eine Verbandelung mit Erdgas kann nicht ohne weiteres 20 Jahre später wieder gekündigt/geschieden werden.

    Analyse des deutsch/europäischen Energiewandels der letzten 30 Jahre:
    – Deutschland und Europa setzten früh auf Wind und Sonne als Mittel um weniger Kohle, Erdöl und Erdgas während sonnigen und windigen Wetterphasen zu verbrauchen
    – In Deutschland und Europa konnten sich frühe Pläne zu einem vollständigen Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Erdgas bei der Stromerzeugung nicht durchsetzen: Diese Pläne hätten es bei Einsatz von Erneuerbaren nötig gemacht, dass etwa die Windenergie Nordskandinaviens, der Atlantikküste/Nodrmeerküste und des Balkans über ein europäisches Supergrid in Europa verteilt worden wäre um wetterunabhängig immer emissionsfreien Strom zur Verfügung zu haben. Statt dessen wollte Deutschland weiterhin (fast) allen Strom im Inland erzeugen, was aber bei fehlenden oder zu teuren Stromspeichern bedeutete, dass nur Kohle- und Erdgaskraftwerke die Versorgungssicherheit gewährleisten konnten.
    – Deutschland baute Wind- und Solarenergie zuerst zügig aus nur um den Ausbau abzubremsen sobald es zunehmend Phasen gab in denen mehr erneuerbarer Strom produziert wurde als momentan konsumiert wurde.
    – Weltweit stiegen die Treibhausgasemissionen in den letzten 30 Jahren um mehr als 60%. Die Menschheit erzeugt zwar CO2 seit der Industrialisierung (Beginn 1780). Doch in den letzten 30 Jahren wurde mehr CO2 ausgestossen als während der gesamten Industrialisierung vorher. Dies ist ein Resultat der Globalisierung.

    Zwischendiagnose Umwelt/Politik: Im Konflikt zwischen Umwelt und nationaler Politik gewann/gewinnt in Deutschland und Europa immer die nationale Politik (die angeblich nationalen Interessen) und nicht die Umwelt.

    Ein gigantisches Unterfangen: Die Welt 100% erneuerbar versorgen
    Gemäss ENGINEERS: YOU CAN DISRUPT CLIMATE CHANGE (Kasten: Disrupting Climate Change Is a Math Problem) gilt:
    Um 160 TW Spitzenleistung [gesamte Weltstromversorgung 2050] für die solare Erzeugung zu erzeugen, würden wir etwa 2,4 Millionen Quadratkilometer Land benötigen
    Zum Vergleich:
    – 2.4 Millionen Quadratkilometer weltweit für Solarpanel im Jahr 2050
    – 1.6 Millionen Quadratkilometer weltweit für den Reisanbau im Jahr 2020
    – 1.6 Millionen Quadratkilometer weltweit sind urbanisiert im Jahr 2020
    – 0.5 Millionen Quadratkilomter weltweit sind asphaltiert (Strassen,Flugplätze,..)

    Eine nur über Solarpanel mit Energie versorgte Welt hat also mehr Flächen für Solarpanel als alle Reisfelder der Erde zusammen – und dies obwohl Reis das Hauptnahrungsmittel von mehr als einer Milliarde Menschen ist.

    Man bedenke: Reisfelder werden mit Samen angepflanzt, die vom Gewicht/Volumen her 1000 Mal kleiner sind, als was am Schluss geerntet wird, Solarpanel aber wachsen nicht von allein. Sie benötigen genauso viel Rohstoffe bei “Geburt” wie später im Betrieb.

    Zum Rohstoffverbrauch von Wind- und Solarfarmen
    Wind und Sonne benötigen 4 bis 6 Mal so viel Kupfer pro Megawatt Leistung wie Kohle- oder Atomkraftwerke.
    1 Megawatt Solarpanel benötigt 5.5 Tonnen Kupfer (Zuleitungen eingerechnet). Die 160 Terawatt Solarpanel, die nötig sind um die Welt im Jahr 2050 allein über Solarpanel mit aller benötigten Energie zu versorgen, benötigen also 5.5*160*10^6 Tonnen = 880 Millionen Tonnen Kupfer. Doch 2021 wurden nur 23 Millionen Tonnen Kupfer gefördert.
    Es wird 38 Mal so viel Kupfer benötigt wie 2021 Kupfer weltweit gefördert wurde um die Welt im Jahr 2050 allein über Solarpanel mit Energie zu versorgen
    Windenergieanlagen benötigen genau so viel Kupfer wie Solaranlagen.

    Zwischendiagnose “Grüne Rohstoffe”: Um die Welt im Jahr 2050 zu 100% mit allein Wind+Sonne zu versorgen ist eine Steigerung der Kupferförderung von 5 bis 10% jedes Jahr über die nächsten 30 Jahre nötig.

    Übrigens: Auch batteriebetriebene Elektroauto benötigen 4 Mal so viel Kupfer wie konventionell betriebene, denn sowohl der Elektromotor als auch die Batterien benötigen Kupfer.

    Global Nullemissionen im Jahr 2080?
    Die Welt kann schon rein technisch/ökonomisch nicht bis 2050 klimaneutral werden, denn die benötigten Rohstoffe und Investitionen sind zu gross um das überhaupt erreichen zu können. Dies gilt nicht nur wenn auf Erneuerbare gesetzt wird, sondern auch dann nicht, wenn die Welt plötzlich nur noch Atomkraftwerke bauen würde. Denn wie man in Disrupting Climate Change Is a Math Problem nachlesen kann würde eine rein nukleare Energieversorgung bis im Jahr 2050 jedes Jahr 3 grosse Atomkraftwerke pro Tag für die nächsten 30 Jahre bedeuten.

    Zwischendiagnose globale “grüne” Stromversorgung:Nur noch grüner Strom weltweit ist möglich – aber nicht schon im Jahr 2050

    Behauptung/Vermutung: Wenn nicht mindestens 10 bis 20% der Weltbevölkerung bis 2050 nahe an Nullemissionen sind, dann wird die Welt auch 2080 nicht Nullemissionen erreichen. Das gilt sogar dann, wenn ganz neue Technologien wie die Kernfusion auftauchen. Denn jeden Tag beispielsweise mehrere Kernfusionsreaktoren installieren ist unter den gegenwärtigen Produktionsbedingungen kaum möglich.

    Schlussbemerkungen: Bis vor kurzem war ich noch optimistisch und teilte die Zeit bis zur vollständigen Dekarbonisierung in drei je 30-jährige Phasen ein.
    1. Phase von 1990 bis 2020: Bewusstwerdung aber Steigerung der Treibhausgasproduktion um mehr als 60%
    2. Phase von 2020 bis 2050: Dekarbonisierung der reichsten Länder (Deutschland, Europa, USA, Japan) und weltweit fast gleich viel Emissionen im Jahr 2050 wie im Jahr 2020.
    3. Phase von 2050 bis 2080: Dekarbonisierung der gesamten Welt mit nur noch 10 bis 20% der Treibhausgasemissionen im Jahr 2080 im Vergleich zu 2020/2050.

    Ich hielt dieses Szenario für realistisch, weil 1) technisch realisierbar 2) wegen dem technologischen Fortschritt 3) wegen dem steigenden politischen Willen.

    Doch dieses Szenario – Nullemissionen weltweit im Jahr 2080 – ist nur möglich, wenn die wohlhabenden Länder bereits im Jahr 2050 weitgehend emissionsfrei sind, denn auf Emissionen vollkommen zu verzichten ist in Ländern mit starkem Wirtschaftswachstum sehr schwierig. Und Entwicklungs- und Schwellenländer sind nun mal angewiesen auf starkes Wirtschaftswachstum.

    Doch die Langsamkeit mit der Deutschland/Europa dekarbonisiert hat meinen Optimismus etwas gedämpft. Heute denke ich: Damit die Welt im Jahr 2080 keine Treibhausgase mehr emittiert müssen mehrere Wunder geschehen. Vor allem politische Wunder, weniger technische Wunder.

  6. Wie man inzwischen weiß, wurde die Idee des Treibhauseffekts schon 1856 von Eunice Newton Foote formuliert:

    ““An atmosphere of that gas would give to our earth a high temperature; and if as some suppose, at one period of its history the air had mixed with it a larger proportion than at present, an increased temperature…must have necessarily resulted.”

    „Eine Atmosphäre dieses Gases würde unserer Erde eine hohe Temperatur verleihen; und wenn sich, wie manche annehmen, die Luft in einem bestimmten Zeitraum ihrer Geschichte zu einem größeren Anteil als bisher mit ihr vermischt hätte, […] hätte dies zwangsläufig zu einer erhöhten Temperatur geführt.“

    Foote gilt damit als die weltweit erste Forscherin, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Luft und der Erwärmung der Erdatmosphäre erkannte und damit eine wichtige Komponente des Treibhauseffekts identifizierte.”

    https://de.wikipedia.org/wiki/Eunice_Newton_Foote

  7. Die Autoindustrie will auf ihre letzte große Erfindung, das SUFF, auf keinen Fall verzichten, deswegen reitet jetzt so ein nur kurze Zeit auf diesem Planeten verweilendes 60-90 kg schweres Menschlein auf einem 2,7 t schweren “E-tron”. Es wird eben darum ihre letzte Erfindung sein. Das einigermaßen verträgliche Fahrzeug e-up ist seit einem Jahr nicht mehr bestellbar und die Produktion läuft demnächst aus. Die Kunden wollten es nicht haben, deshalb war es in den letzten Monaten das meistverkaufte E-Auto. Der gerade angelaufene Strafprozess zeigt, dass gerade die einflussreichsten und gebildetsten Menschen in der Praxis die dümmsten Sachen zur zuverlässigen Vernichtung ihrer Nachkommen einleiten.
    Daher kann ich Ihren Optimismus nicht teilen. Eine Kostprobe, wie unsere Automanager so ticken: ca. 2011 sagte ich zum Plattformstrategiechef Dr. Kell von BMW. “Wenn Sie jetzt E-Autos machen wollen, müssten Sie sich um die Batteriezelle kümmern, das ist das Kern-Know-How”. Er als Antwort:”Das ist gar kein Problem. Wir stärken 2 Hersteller und spielen sie dann gegeneinander aus.”
    Es scheint viele reiche und einflussreiche Menschen zu geben, die meinen, ihre Kinder und Enkel seien aus mir unerfindlichen Gründen vor den Folgen, die uns blühen, gefeit.

  8. Herr Jäger, in Ihrem Buch schreiben Sie Dinge, die nicht mit dem aktuellen und leicht nachprüfbaren Stand übereinstimmen.

    Sie schreiben, dass der Meeresspiegel zur Zeit um fast 4 mm steigt mit steigender Tendenz.
    Doch das trifft nicht zu, es sind “nur” 3,3 mm/Jahr nach Satellitenmessungen auf hoher See https://sealevel.colorado.edu/
    und 1,7 bis 1,8mm/Jahr laut Tidenmessungen an den Küsten:
    https://tidesandcurrents.noaa.gov/sltrends/slrmap.html
    (im Text unter der Karte).
    Ein neuer Satellit wird demnächst auch Messungen an den Küsten vornehmen können.

    Die Beschleunigung des Meeresspiegelanstieg hat diese Studie kürzlich als nicht zutreffend festgestellt:
    https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/jogs-2020-0101/html

    Sie schreiben, dass Jakarta wegen steigendem Meeresspiegel umgesiedelt werden muss, doch wie schon mehrfach in den Medien berichtet:
    https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/jakarta-in-indonesien-eine-millionen-metropole-versinkt-im-meer-a-1232208.html
    hat das nichts mit dem Meeresspiegel zu tun.
    Die Studien bzw. Messungen zu den Inseln und Atollen, die deren Nicht-Gefährung durch den steigenden Meeresspiegel überraschenderweise festgestellt haben sowie die Studie, die die Ursachen für die stabilen und wachsenden Inseln geklärt hat, sollten bekannt sein.

    Sie schreiben, dass die Eisverluste Grönlands von 33 Gt in den 1990er-Jahren auf 254 Gt im Jahr 2019 angestiegen sind. Doch die Eisverluste Grönlands, angegeben mit dem Wert der Total Mass Balance habe seit der größten Schmelze im Jahr 2019 deutlich nachgelassen, und 2017 sowie 2018 gab es keine Eisverluste, wie hier in Fig. 2 klar zu sehen:
    http://polarportal.dk/en/news/2020-season-report/
    Der lineare Trend seit 2012, der leider nicht in der Grafik eingezeichnet ist, ist eindeutig positiv. Die Tendlinie (selbst mit Excel ausgerechnet) beginnt 2012 bei -460 Gt und liegt 2019 bei -100 Gt. Auch dieses Jahr gab es nur geringe Verluste, die geschätzt bei -150 Gt liegen.

    Der Klimawandel verursacht durch die Treibhausgase ist ja nicht strittig, aber die aktuellen und nachprüfbaren Daten zum bisherigen Verlauf und den Zusammenhängen sollten korrekt sein.

  9. Ich bin 23, studiere Pferdewissenschaft, und arbeite bei FFF. Die sind soooo lieb. Krieg auch 50,- Taschengeld. Im Monat. Jetzt sogar ein iPhone 5S bekommen. Boah, sind die cool ey! Melden sich per SMS wo ich zum Schildermalen kommen soll. Also geh ich morgens um 5 Uhr los zum Center und warte 3 Stunden bis der Chef ankommt, um die Tür aufzuschließen. Sein Ferrari ist sooo cool. Mit Turbo. Das mit dem Klima ist schon schlimm. Arschkalt vor der Tür. Ob ich ein Fahrrad krieg?

  10. Wenn sich das Eis auf dem Gletscher bereits seit 1870 zurückzieht, kanns nicht am CO2 liegen.
    Nur mal als Einwurf, nicht als genereller Widerspruch zur Klimaerwärmung gemeint.

    • @Matthias
      “…kanns nicht am CO2 liegen.”
      __________________________________________
      Aber an der Temperatur.

  11. Danke für den Text und ich freue mich schon auf das Buch. Ich habe eine Frage zu “Welche Möglichkeiten haben wir, Energie ohne negative Klimaeffekte zu erzeugen?”, vielleicht kann mir hier wer diese beantworten.

    Ich hatte zwar mal Physik studiert, allerdings kurz vor der Diplomarbeit abgebrochen, verstehe mich daher als naturwissenschaftlicher Laie, insofern tue ich mir manchmal schwer 🙂 – zB:

    Meine Frage: Wenn die menschliche Zivilisation eine Energiebedarf aktuell von rund 600 EJ hat und gemäß Zweiten Hauptsatz, Energie irgendwann immer in Wärme umgewandelt wird. Dann produziert die Menschheit mehr oder weniger pro Jahr etwa 600 EJ an Wärme.

    Das ist im Vergleich zur Wärmeproduktion durch Treibhausgase klein. So sollen die Ozeane 2020 20 Zetajoule an zusätzlicher Wärme aufgenommen haben ( https://www.scinexx.de/news/geowissen/ozeane-erreichen-rekordtemperaturen/ bzw. https://link.springer.com/article/10.1007/s00376-021-0447-x ).

    Wenn ich jetzt von den 600 EJ ausgehe und ein historisches Wachstum von 2% , annehme, komme ich auf das Jahr 2200, indem der Mensch durch seine Technologie, also durch deren Abwärme seiner Energienutzung, der Erde soviel Wärme zufügt, wie heute durch Treibhausgase.

    Jetzt schreibt Reiner Kümmel, von der Universität Würzburg, in “The Impact of Entropy Production and Emission Mitigation on Economic Growth”, dass die Wärmeemissionen auf jeden Fall sehr klein zu der empfangenen Wärme durch die Sonne bleiben muss: “Anthropogenic heat emissions are roughly equal to the global consumption of fossil and nuclear fuels [24], which increased from 5400 Mtoe/year in 1973 to 11670 Mtoe/year in 2013 [25]; the latter is equivalent to 1.55×10^13 W. If, in the course of economic growth, the total global anthropogenic energy current through the biosphere, which originates from all the individual sources of heat emissions, should increase by a factor of 20 relative to the year 2013 and reach about 3×10^14 W, thus becoming a few tenths of a percent of 1.2×10^17 W, which Earth’s biosphere receives from the Sun, one expects climate changes even without the anthropogenic greenhouse effect [26]; see also [27]. Thus, even if mankind will succeed in reducing global, annual, energy-related CO2 emissions from the 30 billion tons in 2010 to about 10 billion tons by 2050, the “heat barrier” remains as the ultimate challenge from entropy production. It will arise with continuing industrial growth in the biosphere.” – https://www.mdpi.com/1099-4300/18/3/75/htm

    Wenn ich wiederum vom heutigen Wert ausgehe und diesen mit 2% wachsen lasse, komme ich ungefähr auf das Jahr 2150, wonach wir diese “Hitzemauer” erreicht haben. Ab da wird eine neue Erderwärmung abgeleitet, nicht durch Treibhausgase, sondern durch unsere Energienutzung.

    Selbst eine Energie, die man heute als ohne negative Klimaeffekte betrachtet, wäre dann klimaschädlich – nicht so sehr wie bei fossilen Energieträgern, aber vorhanden und bei weiterem Wachstum, würde diese vom heutigen Standpunkt verschwindend geringe Klimaschädlichkeit selbst der “perfekten” Energieträge irgendwann klimaschädlich werden.

    Wo ist mein Denkfehler bzw. wenn da keiner vorhanden ist, wäre die nächste große Hürde unser Wachstum. Das wäre nicht neu, nur dass uns unser Energiewachstum, selbst bei erneuerbaren Energien oder etwa der Kernfusion, uns in die Schrankenweist.

  12. Die Hindernisse liegen vor allem in ökonomischen und politischen „Sachzwängen“ und partikulären wirtschaftlichen Interessenskonflikten.

    Kurz und knapp gesagt und doch sind es riesige Hürden.
    Es gibt die notwendige Technik, es gibt die notwendigen Konzepte, und es gibt die formalen, psychologischen und soziologischen “Beharrungskräfte”. Man sieht es sehr deutlich im aktuellen Wahlkampf in Deutschland. Auch der Politiker, der verstanden hat was zu tun wäre, traut sich (mit Recht) nicht, der Wählerschaft reinen Wein einzuschenken. Denn auch die Mehrheit der Bürger, die verstanden hat, worum es geht, fehlt die Fantasie für eine völlig neu gedachte Welt, und sie haben Angst vor Veränderungen. Der Paradigmenwechsel muss zuerst in den Köpfen stattfinden, sonst scheitert er.
    Es geht nicht mehr um Arbeitsplätze, sondern um sinnvolle, ökonomisch und ökologisch nachhaltige Arbeit. Es geht nicht mehr um quantitatives Wachstum sondern um eine Erhöhung der Lebensqualität. Mehr Produkte, mehr Konsum hat wenig bis garnichts mit einer besseren Lebensqualität zu tun. Langlebige, wartungsfreundliche Produkte, Kreislaufwirtschaft und Sharing Economy im lokalen, regionalen und globalen Maßstab sind politisch zu fördern und zu priorisieren. Es braucht entsprechende mulitilaterale Handelsabkommen und Normen, welche die externen Kosten nicht nachhaltiger Produktion berücksichtigen. Mindestens China, Indien, USA und Europa müssen sich schleunigst in diesen Punkten einigen. Das wäre ein Anfang. Nicht so leicht, aber unabdingbar.

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