Warum wir beim Unerklärlichen in der Natur nicht mehr gleich nach höhere Wesen fragen müssen

Die verhältnismässig einfache Strukturen der Grundgleichungen der Physik, wie man sie in der Newton’schen Gleichung der Mechanik, der Maxwell-Gleichungen in der Elektrodynamik sowie Schrödingers und Diracs Gleichungen in der Quantenmechanik bzw. Quantenfeldtheorie vorfinden, suggerieren, dass sich die Vorgänge der Natur im Allgemeinen gut berechnen und vorhersagen lassen. So glaubten die Physiker lange, dass Unkompliziertheit die Regel sei und die Natur im Grunde recht einfach zu beschreiben und vorherzusagen sei. Nicht zuletzt darauf basierte das in den Naturwissenschaften lange Zeit vorherrschende reduktionistische, oft gar mechanistische Denken und somit eine Naturvorstellung, die von spirituellen Zirkeln immer wieder – und nicht selten zu Recht – angegriffen wurde.

Doch entsprach dieser Glaube eher einem ausserhalb des wissenschaftlichen Motivationsrahmens entstammenden Wunschdenken als dem Ergebnis einer ausgiebigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Phänomenen. Denn bereits die Mathematiker des 18. Jahrhunderts erkannten, dass wenn man das Zweikörperproblem der Gravitation auf lediglich drei Körper erweitert, die resultierenden mathematischen Gleichungen sehr schwierig werden.  Doch bereits das den Menschen des 17. Jahrhunderts seit vielen Jahrhunderten bekannte Würfelspiel zeigt, dass einfache mechanische Prozesse nicht vorhersagbar sein, da die Anfangsbedingungen der Würfel und ihr Aufprall auf Boden und Wand nicht ausreichend genau bekannt sind (und sein können).Unterdessen können wir diese Erkenntnisse verallgemeinern: Viele Phänomene in der Natur entsprechen nicht den einfachen Paradefällen der theoretischen Physik. Mit ihren vielen Freiheitsgraden (unabhängigen und daher ‚frei wählbaren‘ Bewegungsmöglichkeiten eines Systems) sind sie derartig komplex, dass sie alles andere als leicht lösbar und vorhersagbar sind. Entgegen dem Glauben aus dem 18. Jahrhundert lässt sich die Natur – und erst recht der Mensch – kaum aus dem Paradigma einer überschaubaren und beschreibbaren oder gar einfach kontrollierbaren ‚Maschine‘ heraus beschreiben.

So kann ein System von drei Massen bereits ein merkwürdiges Verhalten aufweisen, bei welchem schon minimal kleine Änderungen seiner Anfangsbedingungen zu grossen Unterschieden in seinen zumeist sehr irregulären Bewegungsabläufen führen. Heutige Physiker bezeichnen diese Eigenschaft als ‚deterministisches Chaos‘. In den 1970er- und 1980er-Jahren entdeckten sie und ihre Mathematiker-Kollegen zahlreiche physikalische Systeme und Modelle, welche solche chaotischen Signaturen aufwiesen. Unterstützt durch anschauliche computergenerierte Darstellungen chaotischer Bewegungen, die zuletzt auch Aufmerksamkeit in den Medien und in der Öffentlichkeit fanden, entwickelte sich die Disziplin der ‚Chaostheorie‘.

Ein wachsender Teilbereich dieser Disziplin umfasst heute die Untersuchung so genannter ‚selbstorganisierender Systeme‘. Dies sind Vielkomponentensysteme (allgemeiner, Systeme mit vielen Freiheitsgraden), in denen die einzelnen Teile durch ihre wechselseitigen und sich permanent verändernden Beziehungen derart miteinander vernetzt sind, dass aus dem System selbst heraus spontan komplexe Formen und Strukturen entstehen können. Die formgebenden, gestaltenden und beschränkenden Einflüsse gehen hier also von den Wechselwirkungen zwischen den Elementen des sich organisierenden Systems selbst aus, wobei sich die daraus resultierenden Strukturen nicht mehr auf die Eigenschaften der einzelnen Teile des Systems zurückführen lassen. In solchen Systeme werden folglich höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äussere steuernde Einflüsse eines wie auch immer gearteten ‚Organisators‘ vorliegen. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang auch von ‚Emergenz‘.

Die Entdeckung und Beschreibung emergenter Eigenschaften in der Natur hinterfragen eine wesentliche Säule physikalischer Forschung, auf welcher diese seit dem frühen 17. Jahrhundert steht (deren Motivation aber bereits auf die vorsokratische Philosophie zurückreicht). Anstatt das ‚Geschehen im Grossen‘ auf immer ‚einfacherer Phänomene‘ reduzieren zu können, erkannten die Physiker zunehmend, dass das Gegenteil gilt: Die ‚einfachen Phänomene‘ sind zumeist Idealisierungen und Abstraktionen einer an sich viel komplexeren Wirklichkeit. Wäre es möglich, dass sich einige oder gar viele Phänomene gar nicht auf Grundelemente reduzieren lassen?

Entsprechend regt sich auch aus den Reihen der Physiker immer stärker der Widerstand gegen die reduktionistische Leitidee. Dabei vermögen die Befürworter eines Paradigmenwechsels zu einer ‚neuen nicht-reduktionistischen‘ Physik eine Reihe von wohlbekannten Beispielen für physikalische Phänomene aufzuführen, die sich nicht aus den fundamentalen Eigenschaften und Gesetzen ihrer Teile erklären lassen. Und nicht nur das: die Eigenschaften dieser Systeme sind sogar komplett unabhängig von den Gesetzen, die auf der Ebene ihrer Bestandteile herrschen. Mit anderen Worten, die fundamentalen Gesetze im Kleinen sind irrelevant für die Eigenschaften des Systems als Ganzes. So verfügt ein Gas über Eigenschaften wie Temperatur, Druck oder Entropie, doch für keines seiner Moleküle ergeben diese Bezeichnungen einen Sinn. Auch entstehen viele uns wohlbekannte Eigenschaften von Festkörpern wie Festigkeit oder Elastizität erst im Zusammenschluss vieler Atome. Für die einzelnen Teilchen sind diese Begriffe ebenso sinnlos. Andere emergente physikalische Phänomene umfassen Paramagnetismus (spontane Magnetisierung eines Stoffes in einem externen Magnetfeld), Supraleitung (der widerstandslose Stromfluss in einem Leiter), Suprafluidität (der Zustand einer Flüssigkeit, bei dem diese jede innere Reibung verliert), Phasenübergänge (wie beispielsweise das Gefrieren oder Schmelzen von Wasser), sowie zahlreiche quantenphysikalische Phänomene. Sie finden allesamt in makroskopischen Systemen statt, in denen das Verhalten vieler Teilchen durch wenige Grössen – sogenannte Ordnungsparameter – bestimmt ist, die sehr plötzlich ihre Grösse ändern können, was zu teils verblüffenden du nur schwer erfassbaren Phänomen führt.

So hat sich auf den theoretischen Erkenntnissen zur Physik selbstorganisierender Systeme und Chaostheorie eine neue physikalische Disziplin entwickelt, die die Komplexität und die nicht-lineare Wechselwirkungen in Vielteilchensystem der Natur mit sich daraus ergebenden Phänomene wie Emergenz zu ihrem Kernthema macht: die ‚Theorie komplexer Systeme‘. Ginge es nach ihren Protagonisten sollte die Naturwissenschaft ihr ‚abwärts‘ gerichtetes und einseitiges Ziel reduktionistischer Grundgesetze aufgeben und ‚aufwärts‘ blicken, auf die, ‚verbindenden‘ (emergenten) Gesetzmässigkeiten. In ihren begrifflichen Rahmen lassen sich gar Naturauffassungen aus der Geistesperiode der Romantik (wieder-)erkennen. Die Eigenschaften  selbstorganisierender Systeme entsprechen einem ‚Ganzheitsprinzip‘, welches zentral auch für die romantische Naturrauffassung und ihr irreduzibles Organismus-Konzept war und sich zuletzt im Ausspruch wiederspiegelt, dass das „Ganze mehr ist als seine Teile“. Eine solche ‚holistische‘ Naturbetrachtung tritt mit der Überzeugung auf, dass man die Welt nicht mit einer Untersuchung ihrer einzelnen Teile, nicht durch die Analyse der vielen einzelnen ihrer Aspekte erkennen kann, wie eine reduktionistische Wissenschaftsparadigma dies unternimmt.

Die Definition der Emergenz als Wirkungsprinzip in der Natur eröffnet und beschränkt somit zugleich den Raum für transzendente Wirkungsprinzipien. Die Fähigkeit eines Systems aus sich selbst heraus neue Organisationsformen zu bilden, öffnet den Raum für eine nahezu grenzenlose Kreativität in der Natur, die sich somit der Fesseln eines strikten Determinismus zu befreien weiss. In ihr kann grundsätzlich nicht mehr vorhergesagt werden, welche neuen Formen entstehen. Damit kann die Wissenschaft emergente Phänomene nur noch a posteriori rekonstruieren, aber kaum a priori reduzieren. Emergente Systeme besitzen eine Möglichkeit zur ‚Selbsttranszendenz‘, einer Fähigkeit, ihre Eigenschaften aus sich selber auf eine höhere Stufe zu bringen (ursprünglich entstammt der Begriff der ‚Selbsttranszendenz‘ der Theologie und beschreibt dort die Fähigkeit des Menschen sich selbst zu überschreiten). Trotz des Verlustes der seit der Aufklärung vorherrschenden Vorstellung eines Determinismus in der Natur, wie sie sich durch die weitestgehend durch Rationalität bestimmtem Moderne zieht, lassen sich die ‚kreativen Prozesse‘ in zu Selbsttranszendenz befähigten Systeme in der Natur nichtsdestotrotz zuletzt wissenschaftlich erfassen. Disziplinen wie die Physik komplexer Systeme und die Chaosforschung vermögen aufzuzeigen, dass Emergenz-verwandte Phänomene wie Selbstorganisation und ihre Entstehungsbedingungen durchaus systematischen und objektiv nachvollziehbaren Erklärungen zugänglich sind, auch wenn sich die spezifischen Ausprägungen eines solchen Systems als vollständig kontextabhängig erweisen.

Wir erkennen in emergenten Wirkungsmechanismus somit die Ansätze einer Möglichkeit für eine synergetische Verbindung zwischen einer naturwissenschaftlichen und zugleich transzendenzbezogenen Betrachtung der Natur. Doch schliesst eine Beschreibung selbstorganisierender emergenter Systeme in der Natur das Wirken einer äusseren ‚welt-organisierenden‘ Entität explizit aus, wie sich noch Newton und seine Zeitgenossen die Rolle Gottes vorstellten. Die Natur und ihre Phänomene benötigen in ihrer Formgebung keiner solchen transzendenten Figur mehr. Ob dies auch für den Menschen gilt, muss allerdings offen bleiben.

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Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

45 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Emergenz“ ist ein außerordentlich heikler Begriff, der bei unbedachter Verwendung dazu führt, dass man fälschlicherweise „Neues“, oder „höhere Ebenen“ oder noch mehr, objektivistisch in die Natur projiziert, obwohl es sich nur um menschliche Betrachtungsweisen handelt.

    Ich bin zuversichtlich, dass man jeden Fall von angeblicher Emergenz im Bereich der Physik auflösen kann, wenn man sich die Definitionen auf der „niederen“ Ebene vornimmt.

    Wenn wir etwa die Eigenschaften des Wassers nicht auffinden können in unserer chemischen Darstellung des Wassermoleküls: Was berechtigt uns denn, hier Emergenz zu bescheinigen, wenn das fließende Wasser etwa eine bestimmte Viskosität hat oder Oberflächenspannung etc.? Das sind doch keine „neuen“ Eigenschaften, vielmehr haben wir uns bei der Betrachtungsweise des Wassermoleküls uns einzig auf die Aufzählung bestimmter Merkmale verlegt. Oder aber, die aus den Molekülen hervorgehenden Eigenschaften, sobald sie zum makroskopischen Stoff sich versammeln, seien nicht ableitbar, nicht bekannt, nicht vorhersehbar. Allerdings nur: FÜR UNS. Nicht ableitbar FÜR UNS, weil unsere Molekülbeschreibung sich beschränkt auf die Angabe der Bestandteile innerhalb des Atommodells. Nicht bekannt und vorhersehbar FÜR UNS, weil wir nicht über genügend Werkzeuge verfügen, Makroeigenschaften aus der Molekülstruktur abzuleiten.

    Und so ist es auch mit den anderen angeblichen Emergenzen. Ich bin sehr interessiert an einem Gegenbeispiel.

    Kein Gegenbeispiel allerdings ist das beliebteste „Beispiel“ der Wärme. Hier wird die Sinnes (!) kategorie Warm-Kalt, welche vor aller Physik nur eine menschliche Wahrnehmungsqualität ist, physikalisch erkannt als bzw. reduziert auf die Wahrnehmung der Bewegung von Molekülen. Nur: auf der Ebene der Physik gibt es nie etwas anderes als Moleküle. Und ein Thermometer zeigt nicht eine emergente „Wärme“ an, sondern eben nur den Bewegungszustand der Moleküle.

    • Emergente Phänomene sind durchaus reduzibel nur macht das meist keinen Sinn, weil das emergente System sinnvollerweise durch emergente Grössen beschrieben wird. Eigenschaften von Wasser wie seine Kompressibilität, seine Schallgeschwindigkeit, seine Viskosität oder die Oberflächenspannung mit den Eigenschaften der Konstituenten eines Wassermoleküls, also mit den Eigenschaften von Wasserstoff und Sauerstoff zu beschreiben, macht absolut keinen Sinn. Bei vielen höheren Systemen können sogar Teile/Konstituenten ausgetauscht werden ohne dass sich das System, also die für die Systembeschreibung verwendeten emergenten Grössen wesentlich ändern. Die prinzipielle Reduzibilität bedeutet lediglich, dass es einen Erklärungsweg von den Elementarteilchen bis zu den komplexen Systemen, an denen die Elementarteilchen teilnehmen, gibt. Sie bedeutet aber nicht, dass man das System auf praktikable Art und Weise durch die Interaktionen von Elementarteilchen erklären kann. Praktikabilität spielt an vielen Stellen eine Rolle, sogar bei ganz einfachen Dingen wie etwa der Kryptographie. Wenn sie eine Zahl als Multiplikation zweier sehr grosser Primzahlen bilden, kann es beispielsweise sein, dass man mit heutigen Computern länger rechnen müsste als das Universum alt ist, um die beiden Primfaktoren zu bestimmen. Solche (bildlich gesprochen) “Verschlüsselungen” gibt es auch in der Physik. Theoretisch könnten sie zwar ein Phänomen auschlüsseln bis hinunter zu den Elementarteilchen, praktisch aber geht das nicht.

  2. Emergente Systeme besitzen eine Möglichkeit zur ‚Selbsttranszendenz,
    soll das eine neue Definition für “Leben” sein?

  3. Die Befürworter der Emergenz verwechseln Phänomene mit Eigenschaften. Es gibt zweifellos emergente Phänomene, aber sie beruhen ausnahmslos auf den Eigenschaften der zu Grunde liegenden Komponenten. Das gilt ebenso für das Leben als emergentes Phänomen.

    Die Kräfte der Physik haben symmetrische Wirkung, d.h. sie wirken wechselseitig. Sie können sich mit Nachbarobjekten überlagern und addieren sich, in der Regel vektoriell. Dazu sind sie, außer der Gravitation, antagonistisch anziehend und abstoßend. Daraus ergibt sich eine endlose Fülle an möglichen Phänomenen, potenziert durch die Nichtlinearität der Kräfte.

    Dagegen ist die Erkenntnisfähigkeit des Menschen sehr begrenzt. Die Sinnesfähigkeiten sind beschränkt bezüglich ihrer Qualitäten und des zeitlichen und räumlichen Auflösungsvermögens, das Gedächtnis ist begrenzt und die Intelligenz ist folglich ebenso begrenzt.

    Aus diesen Gründen neigen wir zur Aggregation, zur Bildung von Einheiten zusammenhängender, sich gleichartig verhaltender Elemente mit der Zuordnung zusätzlicher Bezeichnungen. Dadurch wird redundante und irrelevante Information reduziert und nützliche Information handhabbar gemacht. Wir reden bspw. vom Auto und nicht von seinen Einzelteilen. Trotzdem bleiben die Einzelteile maßgebend. Das Auto hat keine zusätzlichen Eigenschaften, die nicht schon im Kraftstoff und in den Metall- oder Kunststoffteilen enthalten wären. Nicht zu vergessen die allgegenwärtige Schwerkraft.

    Ein Massekörper übt eine Schwerkraft auf andere Körper aus. Wenn kein zweiter Körper in der Nähe ist, wird die Schwerkraft nicht wirksam und bleibt unerkennbar, obwohl sie vorhanden ist. Erst ein Probekörper zeigt die Phänomene der Schwerkraft als Beschleunigung.

    • Emergenz ist ein sinnvoller Begriff und meint die Ausbildung von Eigenschaften eines Systems, die durch das Zusammenspiel der Komponenten zustande kommen, wobei aber keine der Komponenten diese Eigenschaft bereits besitzt.
      Warum ist das sinnvoll?
      1) Weil es bedeutet, dass die meisten Dinge in unserer Welt benutzt und manipuliert werden können ohne dass man physikalische Kenntnisse über die Komponenten benötigt. Scheinbar ist die Physik (der Bestandteile) nicht relevant. Sie ist es aber doch, jedoch ist das verborgen hinter einem neuen “Interface”.
      2) Weil eine Hierarchie von Systemen und Untersystemen mit letzter Basis Elementarteilchen nur möglich ist, weil materielle, physikalische Objekte sich selbst organisieren können, was überhaupt erst komplexe Systeme (die man nur über ihre Entstehungsgeschichte verstehen kann) möglich macht

      Anwendung von 2)
      Brentano schrieb 1874 bezüglich Intentionalität:
      Die Bezugnahme auf etwas als Gegenstand ist ein charakteristisches Merkmal aller geistigen Phänomene. Kein physikalisches Phänomene zeigt auch nur etwas Ähnliches wie dieses Zueiander in Bezug setzen von Objekten, das wir Intentionalität nennen.”

      Warum überzeugte Brentano damit die “Denker” seiner Zeit. Weil diese Denker zwar die damaligen Ergebnisse der Physik kannten, aber nicht einmal ahnten wie sich hochorganisierte Systeme allein aufgrund des Wirkens von physikalischen Gesetzen bilden können. Mit anderen Worten, die damaligen Geisteswissenschaftler kannnten oder verstanden all die komplexen Phänomene nicht, deren Eigenschaften wir heute als emergent bezeichnen. Statt dessen kamen sie auf die Idee, solch komplexe Dinge wie der menschliche Geist begründeten eine eigene Welt, die kaum etwas mit der materiellen Welt zu tun habe.

      • Dass Emergenz ein Begriff für ein sinnvolles Konzept zur Gewinnung von Erkenntnis und zur Beschreibung der Welt ist, das bestreite ich nicht. Das habe ich oben schon begründet. Um die komplexe Welt zu begreifen, sind wir gezwungen zur Approximation, Abstraktion, Aggregation, Idealisierung und Generalisierung der Gegenstände und Vorgänge. Daraus resultieren die Begriffe, die Theorien und die Naturgesetze der Wissenschaft.

        Nach meiner Überzeugung ist es aber nur eine scheinbare Emergenz, eben von Phänomenen, nicht von neuartigen Eigenschaften aus holistischen Weltanschauungen. Die Naturgesetze der Welt gelten für die kleinsten Teilchen. Ensembles gleichartiger und verschiedener Teilchen können scheinbar neue Phänomene hervorbringen durch die additive Überlagerung ihrer auch antagonistischen Wirkungen. Daraus resultieren faszinierende Phänomene dynamischer Systeme. Ich denke z.B. an die chladnischen Klangfiguren, oder an Erscheinungen des deterministischen Chaos. Nicht zuletzt lassen neuartige Instrumente auch neuartige, im Sinne bisher nicht beobachtbarer, Phänomene entdecken.

        • Der Begriff “Emergenz” gehört letztlich zur Theorie komplexer Systeme wozu man in der Wikipedia liest:
          Ein komplexes System ist dabei ein System, dessen Eigenschaften sich nicht vollständig aus den Eigenschaften der Komponenten des Systems erklären lassen. Komplexe Systeme bestehen aus einer Vielzahl von miteinander verbundenen und interagierenden Teilen, Entitäten oder Agenten.

          Komplexe Systeme sind von der Welt der Elementarteilchen bis hinauf zur menschlichen Gesellschaft weit verbreitet, ja geradezu dominant.[2] Sie entstehen überwiegend durch Prozesse der spontanen Selbstorganisation und sind meist einer Theorie auf der Basis bekannter mathematischer Funktionen nicht zugänglich. Beispiele sind die Bildung der Atomkerne, der Atome, die Umwandlung von Stoffen von einem Aggregatzustand in einen anderen, die Kristallisation, chemische Reaktionen, die Evolution, die geistigen Prozesse im Gehirn, die Entwicklung der Sozialsysteme usw. In der belebten Natur sind offene Systeme dominant, die die Zufuhr von Energie benötigen, in der unbelebten Natur bilden sich komplexe Systeme meist spontan unter Abgabe von Energie oder auch im thermischen Gleichgewicht.

          Die Theorie der Komplexen adaptiven Systeme beruht vorwiegend auf den Arbeiten des Santa Fe Institute. Diese neue Komplexitätstheorie, die Emergenz, Anpassung und Selbstorganisation beschreibt, basiert auf Agenten und Computersimulationen, die Multiagentensysteme (MAS) einschließen, die zu einem wichtigen Instrument bei der Erforschung von sozialen und komplexen Systemen wurden.

          Die Geisteswissenschaftler, die Dualisten des 19. und 20. Jahrhunderts kennen die Theorie der komplexen Systeme schlicht und einfach nicht oder sie verstehen sie nicht. Letztlich ist das der Grund, dass sie Dualisten bleiben.

  4. Anton Reutlinger,
    …….Phänomene,
    aus Phänomenen lässt sich keine Sinnhaftigkeit ableiten. Der Sinn bleibt immer getrennt vom Phänomen. Er muss gedacht werden. Deshalb ist der Dualismus immer noch eine geigneteDenkmethode, die Welt als Ganzes zu erklären.

  5. @Bote17;
    Phänomene haben keine Sinnhaftigkeit, das ist völlig richtig, denn Phänomene sind Gegenstand und Resultat unserer Wahrnehmung. Darüber können wir nicht befinden, höchstens die Augen und Ohren verschließen.

    Unser Gehirn verarbeitet die Phänomene spontan und augenblicklich, indem Assoziationen gebildet, Erinnerungen aufgerufen, Begriffe zugeordnet werden. Wenn ich ein Haus sehe, das genau wie mein Elternhaus aussieht und mein Standort, der mir meistens gegenwärtig ist, übereinstimmt, dann weiß ich augenblicklich, dass es mein Elternhaus ist und ich kann mich der Erinnerungen und der Vorstellungen nicht erwehren. Darin liegt die Sinnhaftigkeit der Phänomene.

    Die Phänomene bedürfen der Interpretation, die teils bewusst mit Nachdenken, oder teils unbewusst geschieht, als Resultat der Evolution und der kindlichen Entwicklung. Was wir sehen, wird bereits von Zellen in den Augen biologisch ohne unser Zutun verarbeitet. Weitere Verarbeitung findet in mehreren visuellen Zentren im Hinterhauptlappen statt, z.B. Farbensehen, Bewegungssehen, Vordergrund-Hintergrund-Trennung, 3-dimensionales Sehen. Die Gestaltpsychologie Anfang des 20.Jhdts. hat dazu viele Erkenntnisse beigesteuert. Viele Erkenntnisse zur Wahrnehmung ergeben sich aus neurologischen Störungen, wodurch die Sinnhaftigkeit von subjektiven Wahrnehmungen oder Phänomenen spezifisch verfälscht wird.

  6. Anton Reutlinger,
    ……Phänomene und Interpretation,
    jedes Tier interpretiert seine Umwelt. Sogar der Regenwurm kann unterscheiden zwischen seinesgleichen und einem Plastikröhrchen.
    Ich will damit sagen, dass die belebte Natur über Sinne verfügt.

    Was den Menschen von den Tieren unterscheidet, wir interpretieren etwas , “was es gar nicht gibt”, was nur in unserer Vorstellung existiert. Und diese Vorstellung nimmt Gestalt an, in Form von sakralen Bauwerken.
    D.h. wir schaffen uns unsere Welt.
    Was aber, wenn jetzt in diesem sakralen Bauwerk ein Wunder geschieht? Dann nimmt die Interpretation Gestalt an. Wir nennen das Gott.

  7. @Martin Holzherr
    12. Juni 2017 @ 12:07

    Emergenz ist ein sinnvoller Begriff und meint die Ausbildung von Eigenschaften eines Systems, die durch das Zusammenspiel der Komponenten zustande kommen, wobei aber keine der Komponenten diese Eigenschaft bereits besitzt.

    Das ist doch nur eine Frage der Definition, bzw. des Sich-Doof-Stellens. Denn ich weiß doch, dass das Wasserstoffatom im Zusammengang mit dem Sauerstoffatom Wasser bildet. Was ist denn da emergent, wo es doch einfach die triviale Eigenschaft dieser Atome ist, miteinander Wasser zu bilden?

    Ich erkläre es: Die angebliche Emergenz kommt dadurch zustande, dass man darauf besteht, dass die Welt von „unten“ nach „oben“ zu erklären ist als Zusammensetzung von einzelnen Atomen. Bei diesem Verfahren nimmt man die Haltung ein, als sei das Hervortreten irgendeiner chemischen Eigenschaft als „emergent“ zu bezeichnen, weil man sich in jedem einzelnen Fall in die Pose des Dümmlings zurückversetzt, der noch nie von den jeweiligen Effekten chemischer Reaktionen gehört hatte. So als kennte die physikalische Natur das Prinzip “Neu”.

    Aber es geht noch weiter: Warum sind ausgerechnet Materialisten so versessen darauf, eine Real-Emergenz in die Natur hinein zu projizieren, während sich doch die angeblich emergenten Phänomene samt und sonders analysieren lassen als rein im Beobachter befindlich?

    Antwort: Der Materialismus benötigt ihn als Kreativ-Prinzip.

    Peter Janich nannte sie einen „Lückenbüßergott“ der Naturwissenschaften.

    http://www.steiner-verlag.de/titel/58478.html

    Statt dessen kamen sie auf die Idee, solch komplexe Dinge wie der menschliche Geist begründeten eine eigene Welt, die kaum etwas mit der materiellen Welt zu tun habe.

    Die kamen nicht erst auf die Idee, sondern formulierte eine vollkommene Trivialität.

    • die Emergenz erklärt wie sich Hierarchien bilden können, warum es beispielsweise ein eigenständiges Gebiet Chemie oder Biologie gibt. Ein Biologie muss sich kaum um Elementarteilchen kümmern und das liegt daran, dass in der Biologie neue Gesetze und Gesetzmässigkeiten herrschen.

      • Was heißt denn bitte „neu“? Neu für wen? Wenn ein Schreiner einen Stuhl macht, dann ist dessen Funktionalität zum Sitzen nach Ihrer Definition emergent. Aber für wen ist das neu? Doch nicht für den Schreiner! Für das Holz etwa?

        • Wer Stühle macht, entwickelt eigene Begriffe, entwickelt vielleicht gar eine eigene Lehre über sein Gebiet. Aus was der Stuhl zusammengesetzt ist, ist auf dieser Ebene sekundär, solange die stuhlspezifischen Forderungen erfüllt sind.
          Das gleiche Phänomen gibt es aber bereits in der unbelebten Welt. Auch dort gibt es für ein bestimmtes System systemspezifische Konzepte, Begriffe und Grössen und die Systemteile stehen nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses.

          • „Konzepte“, „Begriffe“.

            Hier ist wieder die bekannte Selbstbetrugsmethode zu besichtigen, Atomen und ihren Strukturen ontologisch mit mentalen Begriffen zu belegen, und flugs haben wir wieder das Bewusstsein etc. aus dem Hut hervorgeholt.

            Sie machen sich keinen Begriff (!) davon, wie schmerzhaft und ermüdend es ist, wenn in philosophischen Diskussionen ein solches Verwursten und Durcheinander von Kategorien etc. herrscht, dass die Diskussion keinen Millimeter vorankommen kann.

            Für Sie zum Trost: Andere sind noch weit schlimmer…

          • @fegalo: Man kommt auch ohne den Begriff “Emergenz” aus solange man weiss was ein komplexes System ausmacht. In der Wikipedia liest man als Einleitungssatz dazu:Komplexe Systeme sind Systeme, welche sich der Vereinfachung verwehren und vielschichtig bleiben. Insbesondere gehören hierzu die komplexen adaptiven Systeme, die imstande sind, sich an ihre Umgebung anzupassen.
            Auch Lars Jäger, also der Autor des obigen Beitrags, umschreibt das Problem treffend:Entgegen dem Glauben aus dem 18. Jahrhundert lässt sich die Natur – und erst recht der Mensch – kaum aus dem Paradigma einer überschaubaren und beschreibbaren oder gar einfach kontrollierbaren ‚Maschine‘ heraus beschreiben.
            Anders formuliert: Ein komplexes System ist auf praktikable Art und Weise nicht reduzibel.

    • Aber das Problem mit der Reduzibilität habt ihr Materialisten doch ganz alleine! Ihr seid es doch, die darauf aus sind, die Welt von unten herauf rein aus den Gesetzen der Physik zu rekonstruieren! Ich selbst habe ein solches Anliegen gar nicht, und sehe das für genauso erfolgversprechend an, wie die Berechnung des Meeresspiegels in 100 Jahren.

      Die Alternative zwischen einer überschaubaren und einer irreduzibel komplexen Maschine könnt Ihr auch behalten. Den Materialismus halte ich für intellektuell inzwischen für so unglaublich ausgelutscht, dass ich eigentlich nur noch ein gewisses kulturhistorisches und soziologisches Interesse dafür aufbringen kann.

      Wenn ich es mir nicht schon längst abgewöhnt hätte, dann würde ich für Materialisten noch ein gewisses Bedauern aufbringen, dass sie sich selbst im Weg stehen bei der offenen Erfahrung des Lebendigen im Dasein. Aber warum Bedauern? Jedem stehen die Türen offen, hindurchgehen muss er selbst.

      Zum Schluss: Ihr Materialisten liefert nie! Das jahrzehntelange Gewabbel zwischen reduziblem und irreduziblem Materialismus zum Beispiel ist für jeden denkenden Menschen ein glasklares Indiz, dass in dieser Frage den völlig falschen Baum raufgebellt wird.

      Ob Emergenz, Selbstorganisation oder der blanke Zufall: Immer nur geht es um Versuche, das unabweisbar kreative Element der Natur irgendwie aus den passivischen Mitteln der blanken Physikalität zu „erklären“.

      Sie können jedem Glauben daran abschwören, materialistische Beteuerungen hätten mir gegenüber den Charakter eines Arguments. Dazu habe ich zwei viel zu zuverlässige Quellen, die mir verraten, dass der Materialismus falsch ist. Die eine ist die Erkenntnistheorie und die Logik, gepaart mit Wissenschaftsgeschichte. Die andere ist die Selbstwahrnehmung. Umgekehrt will ich Ihnen den Glauben nicht nehmen. Betrachten Sie die Welt, wie Sie es für korrekt halten. Es liegt mir ferne, Sie umstimmen zu wollen.

      • Zitat: Immer nur geht es um Versuche, das unabweisbar kreative Element der Natur irgendwie aus den passivischen Mitteln der blanken Physikalität zu „erklären“.. Halt: Für den Materialisten gibt es (nur) Natur, für Immaterialisten aber noch irgend etwas anderes. Etwas höheres. Doch dieses höhere braucht es nicht für die Erklärung der Welt. Und was es nicht braucht, das kann man entsorgen.

        • Halt: Für den Materialisten gibt es (nur) Natur, für Immaterialisten aber noch irgend etwas anderes. Etwas höheres. Doch dieses höhere braucht es nicht für die Erklärung der Welt. Und was es nicht braucht, das kann man entsorgen.

          Erstens: Wie kommen Sie darauf, dass Leben, Seele, Geist etc., wie immer Sie es nennen möchten, NICHT Natur sind? All dies IST Natur! Sie dagegen wollen unter Natur nur Physik verstehen. Und zweitens immer wieder: Ihre Beteuerung, man könnte die Welt mitsamt Leben und Bewusstsein allein aus der Materie heraus rekonstruieren, ist eine ewig scheiternde Behauptung. Wie können Sie da immer wieder ankommen mit der These: „Dies braucht es nicht für die Erklärung der Welt“. Sie selbst haben in Wirklichkeit doch gar keine eigenen Erklärungen! Das theoretische Gefummel mit Emergenz und Selbstorganisation etc. ist so was von erbärmlich – verzeihen Sie. Seit Jahr und Tag beruht die Überzeugungsstrategie des Materialismus auf dem Versprechen: Eines Tages werden wir liefern. Aber ihr liefert nicht! Nie! Daher mein Vorschlag: Klappe halten bis zum Tag der Lieferung.

          • Die Naturwissenschaft&Technik liefern immerhin die heutige moderne,technisierte Welt. Wer erwartet, dass sie (jetzt schon) alles liefert, der wird vielleicht mit Philosophien besser bedient sein, die alles in einen Zusammenhang stellen, die damit aber nur eine Sicht auf die Welt liefern, jedoch keine Handhabe.
            Idealistische, Dualistische Philosophien sind solche Theorien, die eine Sicht liefern, aber keine Handhabe, kein Instrument für die Untersuchung dieser Welt.

  8. fegalo.
    ….Überzeugungsstrategie des Materialismus,
    Super, endlich hat jemand Klartext geredet. Meine Zustimmung hast du.

    • @Bote17;
      Irrtum, das ist kein Klartext, sondern Unwissenheit und Voreingenommenheit. Die Materialisten sind nicht so dumm, wie sie von den Antimaterialisten gerne dargestellt werden, nur weil sie selber keine Argumente oder keine Ahnung haben. Es ist einfacher, sich hinter leeren Phrasen zu verstecken, die kritiklos übernommen und nicht prüfbar sind. Dagegen ist Selbstorganisation eine empirisch prüfbare und beschreibbare Tatsache, die nicht auf das Leben beschränkt ist. Die Atome sind das beste Beispiel dafür.

      Das Leben gehorcht allein den Gesetzen der Physik, daran besteht kein Zweifel. Der Materialismus ist irreversibel etabliert. Dass das Leben mit der Sprache der Physik nicht angemessen beschreibbar ist, daran zweifelt auch niemand. Es gibt materielle Strukturen, die eine gewisse Beständigkeit, gewisse Eigenschaften und gewisse Verhaltensformen aufweisen und deshalb ganzheitlich mit eigenen Begriffen beschrieben werden können, um sie besser zu verstehen.

      Wenn das Leben vor dem Tod biologisch gemeint ist, dann ist auch das “Leben nach dem Tod” biologisch zu deuten. Alles andere ist purer Unsinn oder mittelalterliche Scholastik (Universalienstreit) und stiftet nichts als Verwirrung. Es sind die Antimaterialisten, die gerne mit schwammigen oder diffusen Begriffen schwadronieren, um wissenschaftlichen Ansprüchen aus dem Weg zu gehen. Die wissenschaftliche Forschung geht jedenfalls weiter ihren Weg, muss auf ihre ideologischen Gegner keine Rücksicht nehmen und kann die unqualifizierten Angriffe getrost ignorieren.

      • “Dagegen ist Selbstorganisation eine empirisch prüfbare und beschreibbare Tatsache, die nicht auf das Leben beschränkt ist.”

        Wer organisiert sich denn da? Können Atomen transitiv handeln, Akteure sein? Sie applizieren menschliche Metaphern und nehmen diese dann wörtlich.

        “Die wissenschaftliche Forschung geht jedenfalls weiter ihren Weg, muss auf ihre ideologischen Gegner keine Rücksicht nehmen und kann die unqualifizierten Angriffe getrost ignorieren.”

        Das ist doch Geschwätz, hat sich irgendjemand hier gegen wissenschaftliche Forschung ausgesprochen?

        • „Die wissenschaftliche Forschung geht jedenfalls weiter ihren Weg, muss auf ihre ideologischen Gegner keine Rücksicht nehmen und kann die unqualifizierten Angriffe getrost ignorieren.“

          Schon mal von dem Begriff „performativer Widerspruch“ gehört, Herr Reutlinger?

  9. “Idealistische, Dualistische Philosophien sind solche Theorien, die eine Sicht liefern, aber keine Handhabe, kein Instrument für die Untersuchung dieser Welt.”

    Was ist denn für sie die “Welt”? Der Materialist leidet offenbar unter einer Persönlichkeitsspaltung, er lebt wie andere Menschen auch ein Leben mit anderen Menschen, Familie, Freunden, freut sich verliebt sich, geht ins Kino, hat Emotionen und Erlebnisse, genießt die Schönheit der Natur, von Kunst, Musik oder der Frauen (oder Männer), wählt Parteien, engagiert sich unter Umständen politisch oder gesellschaftlich und dann sagt er, die “Welt” sein nur naturwissenschaftlich erforschbar und im Prinzip vollständig mit physikalischen Mitteln erklärbar.

    Sehen sie nicht den Widerspruch? Und sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaft?

    • @Paul Stefan, Zitat:Der Materialist engagiert sich .. politisch oder gesellschaftlich und dann sagt er, die „Welt“ sein nur naturwissenschaftlich erforschbar Mit anderen Worten: Der Materialist hat keine Seele, keine Freunde, keinen Glauben, weil das ein Physikalismus gar nicht zulässt.
      Das stimmt aber nicht: Der emergentische Materialismus ist kein kruder, kein eliminitativer Materialismus. Eher das Gegenteil trifft zu. Mit dem von Bunge&Mahner erarbeiteten emergentischen Materialismus lässt sich die Gesellschaft und die Soziale Arbeit verstehen und gestalten, mit im Kern immer noch idealistischen Ansätzen wie denen von Niklas Luhmann hängen entsprechende Theorien dagegen in der Luft. Auf der Website Plattform für Soziale Arbeit &soziologische Systemtheorie liest man dazu:
      Nach der letzteren [der Ontologie des Systemismus (emergentischer Materialismus) und systemistischen Theorien sozialer Systeme,] werden soziale Systeme durch Handlungen menschlicher Individuen geschaffen, in Gang gehalten, verändert oder zerstört, wobei diese (neuromotorischen) Handlungen angetrieben werden durch emotio-kognitive Prozesse, die, wie etwa im Falle von wahrgenommenen Gefahren oder Anreizen in Bezug auf biologische, (bio)psychische oder (biopsycho)soziale Bedürfnisse, durch äussere Gegebenheiten stimuliert werden können. Kurz, soziale Systeme sind konkrete Systeme mit Individuen als (letzten) Komponenten, und sie sind konkret, weil diese Komponenten konkret sind[i]. Menschliche Individuen sind sozial lebende Lebewesen einer besonderen Art, nämlich neugierige, aktive, beziehungs- und mitgliedschaftsorientierte, lern-, sprach- und selbstwissensfähige Biosysteme, die hineingeboren werden und lebenslang eingebunden sind teils in gegebenen (wie verwandtschaftliche Verhältnisse), teils in frei gewählten sozialen Systemen.

      Niklas Luhmann dagegen fasst soziale Systeme als immaterielle Prozesse auf, was letzlich zu einer Entmenschlichung von sozialen Systemen führt (Zitat):
      Luhmanns Lehre postuliert die Existenz von sozialen Systemen (“Es gibt soziale Systeme”), die diese jedoch nicht als sich verändernde konkrete Dinge, sondern als (immaterielle) Prozesse auffasst. Damit diese von anderen, seiner Auffassung ebenfalls immateriellen Prozessen (den personalen) unterschieden werden können, nimmt er eine, verglichen mit allen bisherigen Versuchen, die Beziehung zwischen Akteur und sozialen Systemen zu klären, extreme ontische Trennung zwischen beiden vor, indem er diese beiden Arten von „Systemen“ als aus sich selbst heraus existierend, d.h. als “autopoietische” Prozesse konzeptualisiert.

      Wichtig scheint mir hier das Urteil über Luhman’s Theorie, dass Luhmann eine extreme ontische Trennung zwischen Akteur (Menschen) und sozialen Systemen konstruiert.
      Das wiederum passt ausgezeichnet zu dem was Christian Hoppe bereits gesagt hat. Der Normalmensch – selbst sie – denkt sich den Menschen nicht geteilt in eine geistige und eine seelische Sphäre, sondern er sieht den Menschen als eine leibseelische Ganzheit. Genau so sieht das der emergentistische Materialismus von Bunge&Mahner. Der Mensch ist ein einziges System und nicht etwa getrennt in etwas Körperliches und etwas Geistiges, das kaum etwas miteinander zu tun hat. Im Gegenteil Körper und Seele wohnen für den emergentischen Materialismus im gleichen System und sind nicht voneinander zu trennen.

  10. Anton Reutlinger,
    …….die Materialisten sind nicht so dumm,
    vielleicht können wir uns so einigen, wenn ich ein wissenschaftliches Problem löse, dann bin ich Materialist.
    Wenn ich über den Tod nachdenke, dann bin ich Idealist. Ein Paradigmenwechsel ist da kein Fehler.
    Überhaupt sind die Begriffe Materialismus und Idealismus nur eine Einteilung um das Problemfeld strukturieren zu
    können.
    …wenn das Leben biologisch gemeint ist…..
    Hier muss die Toleranz mahnen, dass die Gläubigen das Leben nicht nur “biologisch” sehen, sondern biologisch/geistig. Das “Leben nach dem Tode” ist für den Materialisten sprachlicher Unsinn, für einen Gläubigen ist es eine sprachliche Metapher, die besagt, die Seele ist unsterblich und wir sehen uns im Jenseits wieder.

    • “Das „Leben nach dem Tode“ ist für den Materialisten sprachlicher Unsinn, für einen Gläubigen ist es eine sprachliche Metapher, die besagt, die Seele ist unsterblich und wir sehen uns im Jenseits wieder.”

      Auch ein Materialist sollte verstehen können, dass die Rede von einem Leben nach dem Tode kein biologisches Leben meint, selbst wenn er nicht daran glaubt. Ja, Wörter können je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben, unglaublich 😉
      Aber wahrscheinlich gehört dieser Beitrag von Herrn Reutlinger in den blog von Stephan Schleim.

    • @Bote17;
      Gelegentlich sollten wir uns an das Blogthema erinnern. Es geht darum, dass die Natur keine außernatürlichen Wesenheiten benötigt. Auch der Mensch selber ist Natur. Dass der Mensch eine “zweite Natur” hat, die nicht naturwissenschaftlich zu beschreiben ist, steht außer Frage. Dafür sind Psychologie und Philosophie zuständig. Das ändert jedoch nichts an einem naturwissenschaftlichen Verständnis des Menschen, das letztlich auch Grundlage für die Medizin ist und zunehmend vertieft wird.

      Für mich unverständlich ist die antimaterialistische Schizophrenie der Ablehnung einerseits und Akzeptanz andererseits. Kein naturwissenschaftlich oder materialistisch orientierter Anthropologe würde die kulturellen und psychischen Bedürfnisse des Menschen und ihre Bedeutung für das individuelle und soziale Leben leugnen. Dagegen versuchen die Antimaterialisten ständig, die Arbeit und die Erkenntnisse der Neurobiologie zu diskreditieren, ohne dafür stichhaltige Argumente vorbringen zu können. Beispiele sind hier genügend zu sehen, z.B. die unsinnige Behauptung, der Materialismus sei am Ende. Genau das Gegenteil ist der Fall.

  11. Paul Stefan,
    ……sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaft ?……
    Auf jeden Fall verweist die Philosophie auf eine geistige Welt bis hin zur Transzendenz.
    Die Physik hat sich aus der Naturbeschreibung heraus entwickelt und die Naturbeschreibung war ein Teil der Philosophie.
    Es ist immer das gleiche. Das Küken will schlauer sein als die Henne. Oder will sich das Küken nur emanzipieren?

  12. Auch ich halte emergente Systeme nicht für metaphysisch. Sie lassen sich nicht reduzibel aus den Eigenschaften ihrer Grundbausteine herleiten, sind aber dennoch physikalisch beschreibbar. In diesem Sinne auch voraussagbar. Wohl aber wäre es das Aus für den derzeitigen Monismus der Physik, wonach die Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie zur TOE führen würde. Denn diese TOE beschränkt sich darauf, alles vom Kleinsten her erklären zu können, was bei starker Emergenz eben ausgeschlossen ist. Diese TOE liefe bei auch nur einem einzigen stark emergenten System auf physikalischen Dualismus hinaus (physi(kali)schen, nicht metaphysischen).

    Allein schon das Gesetz der großen Zahlen halte ich für solch eine unzweifelbare starken Emergenz. Ich denke da an das Beispiel der Nadel, die auf eine Fläche fallen gelassen wird, auf der parallele Linien gezogen wurde, deren Abstand der Länge zweier Nadeln entspricht. Je häufiger ich die Nadel auf diese Fläche fallen lasse, desto stärker nähert sich das Verhältnis “Nadel berührt eine Linie” zu “Nadel berührt keine Linie” an “eins zu Pi” an. Es ist völlig unerheblich, ob die Fläche aus spiegelglattem Marmor besteht oder aus rauhem Beton, die Nadel aus Plastik oder Stahl, ob der Boden wie die Nadel magnetisch sind usw. usf., das Fallverhalten erklärt sich nicht ansatzweise aus den verwendeten Materialien und deren Eigenschaften. Selbst ein Versuchsaufbau ohne Berücksichtigung der Gravitation wäre denkbar.

    Wenn ich ein Laplacescher Dämon wäre, könnte ich das Fallen der Nadel sicher in jedem Fall voraussagen, doch ändert das nichts am statistischen Fallverhalten. Wäre meine Feinmotorik ebenfalls auf Laplaceschem Dämonen-Niveau, könnte ich sogar das Fallverhalten beeinflussen und meine Nadeln in jedem einzelnen Fall direkt auf einer Linie zum Liegen bringen. Das aber wäre nichts anderes, als würde ich in einer wissenschaftlichen Studie auf das Blindverfahren verzichten. Das “Naturgesetz” des Nadelfalls auf solch eine Unterlage bliebe beim Verhältnis eins zu Pi, und es wäre ein statistisches. Zwingend zwar, doch nicht für den EInzelfall. Der unterliegt ganz anderen Zwängen als der statistische Mittelwert. Egal, ob diese Zwänge erkenn- und händelbar wären. Die Realität des Eins zu Pi ist völlig losgelöst gültig von diesen Zwängen, Bedingungen, Eigenschaften, die den Einzelfall entscheiden. Emergent.

    Selbst wenn sich also das Fallen einer Nadel vollständig aus den Eigenschaften der mikrokosmischen Bestandteile von Nadel und Boden erklären ließe, so hat das statistische Fallverhalten einer Nadel nichts mit diesen Eigenschaften zu tun, sondern ergibt sich aus ganz anderen Eigenschaften, Zwängen, Bedingungen. Nämlich denen des selbstorganisierten Systems. Diese sind aber trotz ihrer “Freiheit” von den Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten ihrer Bestandteile dennoch wissenschaftlich beschreib- und voraussagbar. Ganz ohne höheres Wesen, wie der Titel es sagt.

    Ist ein Beschreiben und Voraussagen auch ein Erklären? Und ist Occams Rasiermesser eine Handhabe nicht nur fürs wissenschaftliche Beschreiben und Voraussagen, sondern auch ein Entscheidungskriterium, was real passiert und was nicht existiert? Ein Mann geht jeden Tag mit seinem Hund in einem kleinen Wäldchen spazieren. Er betritt den Wald an Punkt A und verläßt ihn eine Stunde später an Punkt Z, 2km von A entfernt. Also geht der Mann von A nach B in sehr gemächlichem Schritt von 2kmh. Oder doch nicht? Was ist, wenn er erst dem Hund hinterhergeht, bis der seine Lieblingsbäume B bis X abgeklappert hat, um dann noch schnell zum Kiosk an Punkt Y vorbeizuschauen und dort nen kleinen Klaren zu sich nimmt, bevor er dann zu Punkt Z geht? Und das jeden Tag. Braucht man nicht für die Erklärung. “Und was es nicht braucht, das kann man entsorgen.” Aber die Realität wird so nicht erfaßt. AUch wenn man von oben auf den Wald blickend nichts anderes sieht und jeden Tag voraussagen kann, wann Herrchen und Hund an Punkt Z auftauchen.

    Nehmen wir einmal an, es gebe den Freien Willen. Wie würde ich mich dann verhalten? Muß ein freier Wille unethisch sein? Sobald ich mich nämlich frei dazu entscheide, mein Verhalten einer Ethik zu unterstellen, wird mein Verhalten voraussagbar. Mein freier Wille, wiewohl vorhanden, wird in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht erkennbar, er ist nicht nötig, um mein Verhalten zu analysieren und daraufhin mein Verhalten in bestimmten Situationen vorauszusagen. “Und was es nicht braucht, das kann man entsorgen.” Nein, kann man nicht! Es hat nur nichts bei der Untersuchung und Beschreibung verloren. Weil am Verhalten die Verhaltensregeln untersucht werden. Die Ethik etwa. Daß der freie Wille bei vielen Menschen zu vergleichbaren Verhaltensmustern führt, ist angesichts des Gesetzes dergroßen Zahlen wiederum kein Wunder und erlaubt eben keinen Rückschluß auf die Eigenschaften jener “Substanz”, aus der sich die voraussagbaren Verhaltensweisen emergent aufbauen.

    Der methodische Atheismus des Wissenschaftsbetriebes ist kein Atheismusbeweis, will es nicht einmal sein. Es ist eher Agnostizismus. Der wissenschaftliche methodische Atheismus ist eine wichtige, notwendige Konvention. Zum einen, damit wissenschaftliche Erkenntnis unabhängig von weltanschaulicher Voreinstellung erreicht wird, und zum anderen daß wissenschaftliche Erkenntnis auch unabhängig von weltanschaulicher Voreinstellung anerkannt, akzeptiert und übernommen werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnis kommt selbst ohne eine atheistische Weltanschauung aus. “Und was es nicht braucht, das kann man entsorgen.” Nein! Irgendeine Weltanschauung wird der Realität der “Welt” schon am nächsten kommen (wenn nicht gar mehrere, von verschiedenen Seiten her, in verschiedenen Aspekten unterschiedlich gut). Dennoch ist auch die beste Weltanschauung für das Treiben von Wissenschaft und für jede Einzelne Theorie unnötig.

    Nicht das moderne Wissenschaftsverständnis der letzten vierhundert Jahre, schon gar nicht Occams Messer fordern, daß das “Auskommen ohne die Hypothese Gott” deren Entsorgung zu bedeuten habe. DIes ist eine Einstellung der Aufklärung; hier wird Wissenschaft zur Ideologie gemacht und mißbraucht. Erst hier wird Gott zum Lückenbüßer gemacht. Zuvor war es keine Infragestellung Gottes, wenn sich die Planeten nach fest beschreibbaren Regeln verhalten (egal, ob geozentrisch oder heliozentrisch) und voraussagen lassen. Feste Verhaltensregeln der Materie und deren Herleitung sind keine Aussage über Gott, weder positiv noch negativ. Erst der ideologische Anspruch der atheistischen Aufklärung “wenn erklärlich, dann gottlos” hat das Theistenargument groß gemacht “wenn unerklärlich, dann Gott”. Die Aufklärung hat sich den Popanz erschaffen, den sie kritisiert. Und noch heute fallen Vertreter des Atheismus wie des Theismus darauf herein.

  13. ANton Reutlinger,
    ……Neurobiologie diskreditieren,
    nichts liegt mir ferner. Meine Beiträge sind mehr humoristisch und meine Schlussfolgerungen spitzfindig.
    Das mache ich nur um den Widerspruchsgeist zu wecken und die Diskussion lebhaft zu gestalten. Fassen Sie es nicht als Geringschätzung auf. Wenn ich sie verletzt haben sollte, dann bitte ich um Entschuldigung.

    Valkonen,
    ……Laplacscher Dämon,
    den gibt es nur , wenn man die Welt als Teilchen begreift, die man zählen und berechnen kann. Ich denke dieser Gedanke ist nicht zwingend notwendig. Wenn alles nur Energie ist, dann kann nur noch statistisch beschrieben werden, wie die Welt ist.
    Sehr gut dieser Gedanke !!!!
    Erst der ideologische Anspruch der atheistischen Aufklärung „wenn erklärlich, dann gottlos“ hat das Theistenargument groß gemacht „wenn unerklärlich, dann Gott“. Die Aufklärung hat sich den Popanz erschaffen, den sie kritisiert. Und noch heute fallen Vertreter des Atheismus wie des Theismus darauf herein.

    • @Bote17;
      Im allgemeinen antworte ich nur Beiträgen, die ich für diskussionswürdig halte. Sehen Sie meine Antwort unter diesem Aspekt.

      Zwischen der naturwissenschaftlichen und der geistigen (kognitiven und psychischen) Sicht des Menschen bedarf es einer Brückenbildung. Diese Brücken zwischen biologischen Vorgängen und kognitiv/psychischen Phänomenen sind noch nicht gefunden. Es braucht dazu weitere neurobiologische und neuropsychologische Forschung. Man darf aber nicht annehmen, es gäbe keine solche Brücke, nur weil noch keine nachweisbar ist. Einige Pfeiler sind bereits vorhanden, insbesondere in Form von Korrelationen zwischen psychischen Phänomenen und zugehörigen neurologischen Beobachtungen. Diese Brücken gibt es nicht als einheitliches Bauwerk, dazu ist der Forschungsgegenstand (Gehirn) viel zu komplex. Es gibt aber bereits viele molekularbiologische Bausteine dafür.

      Wenn man schon an der Möglichkeit der Existenz einer solchen Brücke zweifelt, dann finden sich auch Argumente, z.B. der Untergrund ist zu weich oder die Strömung ist zu stark. Wenn man dagegen von der Notwendigkeit der Existenz überzeugt ist, weil es starke Hinweise dafür gibt und weil eine Alternative sehr unwahrscheinlich und unplausibel ist, dann wird sie früher oder später gefunden.

      Wenn solche Brücken gefunden werden, dann werden sie das Verständnis des Menschen erhellen und können das Leben bereichern. Andererseits kann die Möglichkeit des Missbrauchs durch gezielte Manipulation nicht ausgeschlossen werden. Aber das gibt es schon heute durch die Kommunikation.

  14. @ Anton Reutlinger

    “@Bote17;
    Im allgemeinen antworte ich nur Beiträgen, die ich für diskussionswürdig halte. Sehen Sie meine Antwort unter diesem Aspekt.”

    Hui, deutliche Worte zu meinem Kommentar.

    “Wenn man schon an der Möglichkeit der Existenz einer solchen Brücke zweifelt, dann finden sich auch Argumente, z.B. der Untergrund ist zu weich oder die Strömung ist zu stark. Wenn man dagegen von der Notwendigkeit der Existenz überzeugt ist, weil es starke Hinweise dafür gibt und weil eine Alternative sehr unwahrscheinlich und unplausibel ist, dann wird sie früher oder später gefunden.”

    Was, wenn es keine starken Hinweise gibt? DIe behaupteten gefundenen Pfeiler werden doch nur als Brückenpfeiler interpretiert. Und was, wenn das behauptete “sehr unwahrscheinlich” der Alternative nicht auf einer vorlegbaren stochastischen Analyse beruht, sondern wie das “unplausibel” auf der Vorentscheidung der eigenen Weltsicht? Dann bleibt am Ende nur als Argument übrig, daß “man [..] von der Notwendigkeit der Existenz [jener Brücke] überzeugt ist”, schon von vornherein. Die eigene Weltsicht mit heutiger Unkenntnis zu belegen ist ungeeignet. Die eigene Weltsicht mit morgigem Wissen zu begründen (“dann wird sie früher oder später gefunden”) halte ich für noch schlimmer. Ich empfehle dazu einen anderen neuen Blogeintrag unter dieser Adresse scilogs/spektrum.de von Stephan Schleim:
    https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/hirnforschung-oder-religion-wer-ist-hier-dualist/

    Ich für meinen Teil singe mit Schleim lieber das Lied des Agnostikers.

    Was die Sache betrifft, so zweifle ich nicht mal an dieser Brücke. Ich fände es vielmehr fatal, wenn nicht alles in dieser Welt nach innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten abliefe. Ein Roman, in dem nicht sämtliche Ereignisse völlig einsichtig aus sich selbst ablaufen, aus Ursachen im Roman selbst, und in dem die handelnden Figuren nicht konsistent mit sich selbst agieren, ein solcher Roman wäre Pfuschwerk. Ein guter Romanautor versteckt sich völlig hinter seinem Werk, macht sich unsichtbar. Alles, was dort geschieht, “mußte so kommen” wegen der Ausgangsbedingungen. Wäre es anders, würde ich beim Lesen solcher inkonsistenter Patzer-Stellen immer wieder aus der Welt herausgerissen, in die ich mich da gerade vertiefe, in die ich eintauche. So ein Romanautor wäre ein Stümper.

    Pertti

    • @Pertti Valkonen;
      Auch auf Beiträge, mit denen ich im wesentlichen einverstanden bin, antworte ich im allgemeinen nicht. Was sollte es da zu diskutieren geben und wir sind nicht in einem Chatforum.

      Mir scheint jetzt jedoch, Sie widersprechen sich etwas selber, wenn Sie richtigerweise feststellen, dass starke Hinweise deutbar und deshalb zweifelhaft sind, gleichzeitig aber feststellen, dass es fatal wäre, wenn es in der Welt nicht mit rechten Dingen zuginge. Oder wenn in dieser Welt nicht alles nach innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten abliefe, was ebenfalls als Hinweis gelten kann. Grundsätzlich haben wir in der Naturwissenschaft gar nichts anderes als Hinweise, sei es aus Beobachtungen oder logischen Überlegungen, die wiederum auf Beobachtungen beruhen (Experiment)!

      Agnostizismus bedeutet nichts anderes als Unwissenheit, oder umgangssprachlich ausgedrückt, man will sich nicht auf eine Seite festlegen. Das mag für allgemeine Weltanschauungen und für Bereiche gelten, wo man sich selber nicht auskennt, aber der Wissenschaftler muss zumindest in seinem Fachbereich Stellung beziehen. Ist ein Wissenschaftler vorstellbar, der sich nicht zu seinen eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen bekennt? Man sollte Agnostizismus nicht mit Skepsis verwechseln.

  15. @ Anton Reutlinger.

    * “Auch auf Beiträge, mit denen ich im wesentlichen einverstanden bin, antworte ich im allgemeinen nicht.”

    Hab den Smiley vergessen. Ich liebe solche Art ungewollter Komik; und diese Steilvorlage konnte ich mir nicht entgehen lassen.

    * “Mir scheint jetzt jedoch, Sie widersprechen sich etwas selber, wenn Sie richtigerweise feststellen, dass starke Hinweise deutbar und deshalb zweifelhaft sind, gleichzeitig aber feststellen, dass es fatal wäre, wenn es in der Welt nicht mit rechten Dingen zuginge.”

    Nee, das ist ja nur mein persönliches Dafürhalten, daß es fatal wäre. Keine Istzustandsbeschreibung. Eine persönliche Auffassung (z.B. aufgrund seiner Weltsicht) kann und darf ja jeder haben und auch bekunden. Etwas anderes und Schlimmeres wäre es, dies anderen gegenüber als Argument einzusetzen.

    * “Agnostizismus bedeutet nichts anderes als Unwissenheit, oder umgangssprachlich ausgedrückt, man will sich nicht auf eine Seite festlegen.”

    Nein, das heißt es nicht. Ein Agnostiker ist einer, der nur dann etwas behauptet, wenn diese Behauptung auch durch Fakten, Argumente, … gesichert ist. So, wie eine Hypothese nur dann zur Theorie werden kann, wenn sie verifiziert wurde, und zwar besser, sauberer, umfassender … als jede andere Hypothese. Dies ist die einzige “Akklamation durch die Mehrheit der Forscher”, die eine Theorie in den Sattel verhilft.

    Stephan Schleim hat es denn auch anders definiert, was einen Agnostiker ausmacht.
    “Agnostisches Prinzip: Positiv formuliert kann das Prinzip so ausgedrückt werden: Folge in Verstandesfragen so weit deiner Vernunft, wie sie dich tragen wird, ohne Rücksicht auf andere Überlegungen. Und negativ: Gebe in Verstandesfragen nicht vor, dass Schlussfolgerungen sicher sind, die nicht bewiesen wurden oder nicht beweisbar sind.”

    Mit Standpunktlosigkeit oder Unentschiedensein hat das nichts zu tun.

    * “aber der Wissenschaftler muss zumindest in seinem Fachbereich Stellung beziehen.”

    Klar – soweit die Faktenlage, die Empirie… – sprich: die Verifizierung – es erlaubt und trägt und abdeckt.

    * “Ist ein Wissenschaftler vorstellbar, der sich nicht zu seinen eigenen Erkenntnissen und Überzeugungen bekennt? Man sollte Agnostizismus nicht mit Skepsis verwechseln.”

    Oh, keine Bange, ich gestehe selbst einem Agnostiker zu, persönlich DInge für möglich, ja wahrscheinlich zu halten, die heute nicht hinreichend oder auch nicht einmal ansatzweise abgedeckt sind. Das unterscheidet eine persönliche Überzeugung von einer faktischen Behauptung. Genau das ist es aber, was ich meine: ein “dann wird sie früher oder später gefunden” ist eine Überzeugung, ein Standpunkt. Aber nichts, das man jemandem als ein Dasistso hinhalten kann. Genau als solches wurde dieser Halbsatz aber eingesetzt, nicht als bloßes Bekenntnis zu seinen eigenen Überzeugungen.

    Wo die Gefahr liegen sollte, Agnostizismus mit Skeptizismus / Skepsis zu verwechseln, kann ich nicht recht erkennen. Ein Wischiwaschi-Standpunkt-Scheuender ist letztlich nur ängstlich, ein Agnostiker á la Schleim (und meiner Wenigkeit) weiß um sein eigenes sachliches Unvermögen – wenn nicht gar um das derzeitige Unvermögen des aktuellen Forschungsstandes.

  16. @Pertti Valkonen;
    Ohne diese Diskussion auf die Spitze treiben zu wollen, dazu eine Anmerkung. Sie schrieben “Ein Agnostiker ist einer, der nur dann etwas behauptet, wenn diese Behauptung auch durch Fakten, Argumente, … gesichert ist.”.

    Bestimmt nun der Agnostiker, was Fakten sind und welche Argumente Gültigkeit beanspruchen können? Was genau sind Fakten? Sind seine eigenen Behauptungen Fakten und diejenigen eines Anderen nicht? Welche Kriterien gelten für die Eigenschaft “gesichert”? Man dreht sich hier ständig im Kreis. Der Agnostizismus erscheint mir so wie der radikale Skeptizismus als eine unhaltbare Position, die in der Beliebigkeit endet.

    • “Bestimmt nun der Agnostiker, was Fakten sind und welche Argumente Gültigkeit beanspruchen können? Was genau sind Fakten? Sind seine eigenen Behauptungen Fakten und diejenigen eines Anderen nicht? Welche Kriterien gelten für die Eigenschaft „gesichert“? ”

      Wenn da jetzt stehen würde: „Ein Materialist ist einer, der nur dann etwas behauptet, wenn diese Behauptung auch durch Fakten, Argumente, … gesichert ist“, dann könnten Sie vielleicht zustimmen.
      Wo ist der Unterschied?

      “Zwischen der naturwissenschaftlichen und der geistigen (kognitiven und psychischen) Sicht des Menschen bedarf es einer Brückenbildung. Diese Brücken zwischen biologischen Vorgängen und kognitiv/psychischen Phänomenen sind noch nicht gefunden.”

      Es kann eben sein, dass es sie nicht gibt oder wenn es sie gibt, dass wir Menschen sie nicht verstehen können. Wer versteht schon z.B. die Quantenphysik?

      ” Wenn man dagegen von der Notwendigkeit der Existenz überzeugt ist, weil es starke Hinweise dafür gibt und weil eine Alternative sehr unwahrscheinlich und unplausibel ist, dann wird sie früher oder später gefunden.”

      Und wer bestimmt nun, was ein starker Hinweis ist oder nicht?

  17. * “Bestimmt nun der Agnostiker, was Fakten sind und welche Argumente Gültigkeit beanspruchen können?”

    Diese Frage zu einem Agostiker? Menschen können durchaus aus ihrer Überzeugung heraus Sachen “bestimmen”, was als Fakten, Argumente, anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse und Tatsachen gelte, nur weil diese Sachen ihrer Überzeugung entsprechen, aber gar nicht wirklich abgesichert/verifiziert sind. Genau dies zu vermeiden ist Ansatz, Ziel und Streben eines Agnostikers. Wenn, dann erwarte ich von einem Agnostiker eher, daß er weniger für gesichert hält, als im Wissenschaftsbereich anerkannt ist, eben sobald er sich hierin nicht kundig genug gemacht hat, um sich darüber zu äußern.

    Eine Debatte über “was sind Fakten, Tatsachen, wissenschaftliche Erkenntnisse, hinreichende Verifizierungen” könnte letztlich für jede beliebige Gruppierung von Menschen geführt werden; was das bezogen auf den simplen Ansatz “nur das als gesichert zu behaupten, was gesichert ist” bringen soll – außer Verzettelung, Ablenken, “Man dreht sich hier ständig im Kreis” … – kann ich nicht erkennen.

    * “Der Agnostizismus erscheint mir so wie der radikale Skeptizismus als eine unhaltbare Position, die in der Beliebigkeit endet.”

    Ein vielleicht nicht weiser, aber hoffentlich kluger Mensch sagte einmal vor vielen tausenden, ääh, Sekunden: “Man sollte Agnostizismus nicht mit Skepsis verwechseln.” Vielleicht sollten wir den zum Gespräch hinzuholen, um das zu klären, ob der Agnostizismus tatsächlich sowas wie radikaler Skeptizismus ist. Ich für meinen Teil könnte mir durchaus vorstellen, daß es so ne Art radikalen Agnostizismus gibt, der dem Skeptizismus gleich kommt. Aber wenn wir von Agnostizismus sprechen, meinen wir doch kaum irgendwelche randständigen Sondererscheinungen, sondern das Gros.

    • @ Herr Valkonen :

      Vielleicht sollten wir den zum Gespräch hinzuholen, um das zu klären, ob der Agnostizismus tatsächlich sowas wie radikaler Skeptizismus ist. Ich für meinen Teil könnte mir durchaus vorstellen, daß es so ne Art radikalen Agnostizismus gibt, der dem Skeptizismus gleich kommt.

      Hier setzt es natürlich einen Bonus-Punkt.

      Das eine meint das andere, jeweilig, also das Selbe.

      Wichtich ist den Sprung zur Idee zu schaffen, dass erkennende Subjekte, Weltteilnehmer versus Weltbetreiber, Entwicklung im Ganzen unverstandener Art unterworfen sind, im Subjekt steckt die Unterwerfung drinnen, Objekte sind btw entgegen Geworfenes, dann können Agnostizismus und Skepsis (“Skeptizismus” – wichtich hier der Ismus) gleichgesetzt werden.
      Dass diese Entwicklung nicht zur Gänze verstanden werden kann, von Weltteilnehmern.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • PS @ Herr Valkonen :

        Der Agnostizismus erscheint mir so wie der radikale Skeptizismus als eine unhaltbare Position, die in der Beliebigkeit endet.

        Ganz schlapp angemerkt, hier, bei den Scilogs.de , treiben sich auch Schlappies herum.

        Der Agnostizismus, der gerade auch die skeptizistische szientifische Methode meint, ist natürlich nicht beliebig, erarbeitet auch bspw. die Sittlichkeit, möglichst sozialkonform, und die Gegenrede ist rein definitorisch oder nihilistisch.

        MFG
        Dr. Webbaer (der sich, zu später Stunde, ganz gut bedient sieht, von Ihren kleinen Nachrichten)

  18. Doch schliesst eine Beschreibung selbstorganisierender emergenter Systeme in der Natur das Wirken einer äusseren[‚] welt-organisierenden[] Entität explizit aus, wie sich noch Newton und seine Zeitgenossen die Rolle Gottes vorstellten.

    Aber nicht “einer äusseren ‚welt-organisierenden‘ Entität “, das sich “Newton und Zeitgenossen” nicht vorgestellt haben.

    Denn es muss einen Motor, einen Weltbetrieb, geben, der mal so, mal so, genannt wird.
    Spinoza war hier buchstäblich nah dran.

    Die Naturlehrer oder Physiker sind insofern immer auch der Meta-Physik verpflichtet, die Überschrift (‘Warum wir beim Unerklärlichen in der Natur nicht mehr gleich nach höhere Wesen fragen müssen’) kam hier nicht so-o gut an.

    MFG
    Dr. Webbaer

  19. Dr. Webbaer,
    ……Physiker sind der Metaphysik verpflichtet,
    gut erkannt. Physiker sind welt/erkenntnisoffen. Sie betrachten eine Auffassung eher als Arbeitshypothese und “tun so als ob”.
    Wenn es dem Tode zugeht, dann muss der Physiker und auch der Agnostiker Farbe bekennen. Aber das ist eine andere Baustelle.

    • @ Kommentatorenfreund ‘Bote17’ :

      Wäre Dr. Webbaer Physiker und philosophischer Wissenschaftstheoretiker, würde er vermutlich ganz ähnliche Texte absetzen wie der hier geschätzte Herr Dr. Lars Jaeger, am Ende gewinnt sowieso immer der Jäger, es gibt eigentlich für Ihren Kommentatorenfreund nur eines anzumängeln hier, nämlich, diesen politischen Drive, der dem hiesigen dankenswerterweise bereit gestellten WebLog-Artikeln innig scheint.

      Es ist nicht cool dankenswerterweise bereit gestellte naturphilosophische Arbeit mit ‘Warum wir beim Unerklärlichen in der Natur nicht mehr gleich nach höhere Wesen fragen müssen’ zu übertiteln.

      Die Meta-Physik fragt genau derart, hat genau derart zu fragen (und zu spekulieren), die “unsichtbare Hand”, der Weltbetreiber ist in seiner Existenz zwingend vorhanden.

      Er kann vor allem nicht durch erkennende Subjekte und ihre Verlautbarung ersetzt werden.
      >:->

      MFG
      Dr. Webbaer (der bei (per se zu habender) agnostischer Beschau dieses Weltenlenkers allerdings nicht die “irdische” Religion benötigt)

  20. Dr. Webbaer,
    …..übertiteln,
    Sie haben mit ihrem Scharfsinn genau das formuliert, was ich geahnt habe. Dieser Blog ist tendenziös.

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