Trump und die Wissenschaften – ein Konflikt der Grundsätze

Im letzten Jahr hat die Pan-Amerikanischen Gesundheitsorganisation die Masern als fünfte durch Impfungen vermeidbare Erkrankung (neben Pocken, Kinderlähmung, Röteln und die entsprechenden Erkrankungen des Embryos) als auf dem amerikanischen Kontinent offiziell ausgerottet erklärt. Dies sei das Ergebnis umfassender Impfaktionen gegen Masern, Röteln und Mumps, die in Nord- und Südamerika sowie der Karibik seit 22 Jahren durchgeführt worden seien, hiess es in der Erklärung. Ein ausserordentlicher Erfolg der modernen Medizin, sollte man meinen. Bevor umfassende Impfungen im Jahr 1980 begannen, starben weltweit fast 2,6 Millionen Menschen pro Jahr an Masern. Auf dem amerikanischen Kontinent gab es während der 1970er Jahren mehr als 100‘000 Tote, die auf Masern zurückgingen. Viele weitere Menschen trugen schwere langfristige Gesundheitsschäden davon. Dennoch existiert bis heute in einigen Teilen der amerikanischen (und deutschen) Bevölkerung eine ausgeprägte Impfskepsis, die in unzähligen impfkritischen Internet mit sehr persönlichen und emotionalen Berichten angefeuert wird (in den allermeisten Fällen handelt es sich bei diesen Darstellungen nicht um anerkannte Impfschäden, welche tatsächlich nur sehr selten auftreten, sondern um irgendwelche Pseudo-Zusammenhänge).

Geht es nach dem neuen US-Präsidenten Donald Trump, so soll sich diese Skepsis noch weiter verstärken. Dazu beabsichtigt er, den erklärten Impf-Skeptiker Robert F. Kennedy Jr. zum Chairman einer Kommission zur Impfsicherheit und wissenschaftlicher Integrität zu berufen. Kennedy hat in der Vergangenheit in zahlreichen Publikationen, Äusserungen und sogar in einem eigenen Buch immer wieder einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus propagiert, und dies, obwohl ein solcher in unzähligen wissenschaftlichen Studien nie aufgezeigt werden konnte.

Die eine Studie, auf die sich Kennedy mit seinen Ausführungen meint beziehen zu können, stammt aus dem Jahr 1998. Darin stellte der britische Arzt Andrew Wakefield fest, dass acht Kinder einer Gruppe (von insgesamt 12) innerhalb eines Monats nach einer Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln nach Angaben ihrer Eltern auffällige Symptome von Autismus entwickelten. Bei diesen Kindern wurden mittels einer Endoskopie gastrointestinale Probleme diagnostiziert. Aus diesen Beobachtungen folgerte Wakefield, dass der Impfstoff eine Darm-Entzündung verursacht hat, die ihrerseits schädliche Stoffe entstehen liess. Diese sollten dann in den Blutkreislauf und schliesslich ins Gehirn gewandert sein, um dort Autismus zu verursachen. Von Kontrollgruppen, die Hinweise darauf geben, ob das Auftreten von Autismus nach dem Erhalt des Impfstoffs mit diesem kausal verbunden war oder beide rein zufällig zusammenfielen, fehlte in der Studie jede Spur. Es lohnt sich, die Statistik dieses Falles etwas genauer zu betrachten, weil hier ein besonders grober Verstoss gegen wissenschaftliche Redlichkeit vorliegt. Pro Monat erhielten 1997 ca. 50.000 britische Kinder im Alter von 1 bis 2 Jahre diesen Impfstoff. Zugleich kam Autismus in England mit einer Häufigkeit von 1 zu 2000 Kinder vor. Das bedeutet, dass pro Monat ca. 25 Kinder rein zufällig innerhalb eines Monats nach Verabreichung des Impfstoffes eine Autismus-Diagnose erhielten. Die besagte Studie mit acht Kindern war also vollständig wertlos! Auf dem gleichen elementaren statistischen Fehler beruht die Schlussfolgerung von Naturheilpraktikern, die schildern, dass fast alle Kinder mit allergischen Reaktionen, die zu ihnen kommen, geimpft seien, und daher doch ein Zusammenhang zwischen beidem existieren muss.  Da mehr als 90% der Kinder geimpft sind, ist es nicht erstaunlich, dass auch der allergrösste Teil der Allergiker in diese Gruppe fällt. Doch wenn die meisten Kinder, die unter Allergien leiden, geimpft sind, heisst das noch längst nicht, dass die meisten Geimpften auch allergische Reaktionen zeigen.

Dennoch werden die Wakefield-Studie und andere Berichte von vermeintlichen Schäden durch Impfungen von Impfgegnern wie Kennedy (sowie von Trump selbst) immer noch prominent herbeigezogen, und dies entgegen all der Hunderte von seriösen Studien, die das Gegenteil belegen – sowie der Tatsache, dass Wakefields Studie zuletzt sogar als Betrugs identifiziert wurde: Die Kinder waren von ihm vorher sorgfältig ausgesucht worden, und er hatte von Anwälten, die einen Schadensersatzprozess gegen Impfstoffhersteller anstrebten, Zahlungen in Höhe von 400‘000 englischen Pfund erhalten, worauf ihm die Arztlizenz entzogen wurde und das Magazin den Artikel offiziell zurückzog. Wakefields Geschichte liest sich wie ein Mafia-Roman. „Wissenschaftliche Integrität“ sieht anders aus.

Aber auf diese kommt es der neuen US-Administration wohl auch gar nicht an. Wir müssen unsere Einschätzung von unmittelbar nach der US-Wahl wiederholen: Selbstgerechtigkeit statt epistemischer Bescheidenheit, alleinigem Wahrheitsanspruch statt reflektierendem Zweifel, die zweckdienliche Lüge statt kompromissloser Suche nach Wahrheit – Donald Trump steht in einem starken Gegensatz zu so ziemlich allem, was Wissenschaftler in ihrem Wertekanon und ihren Vorstellungen von Integrität und intellektueller Redlichkeit vertreten. Ab Freitag dieser Woche ist Schlimmes zu befürchten: Seine Präsidentschaft scheint sich den Kampf gegen die wissenschaftliche Methode selbst auf ihre Fahnen geschrieben zu haben.

Nun fragt sich so mancher Leser vielleicht bereits: Lohnt es sich überhaupt noch, sich darüber aufzuregen? Haben wir uns nicht schon genug über das „Drama Donald Trump“ empört und lamentiert? Sind das jetzt noch wirklich News? Die Antwort von Wissenschaftlern muss lauten: Nein, es sich nicht genug. Gerade sie sollten ihre Stimme laut und hörbar erheben, wenn das untergraben zu werden droht, was ihnen am heiligsten ist: intellektuelle Integrität. Dabei müssen wir auch erkennen: Der Weg von intellektueller Unaufrichtigkeit, d.h. wider besseres Wissen zu denken (oder zu glauben), zu ethischer Korrumpierbarkeit, d.h. wider besseres Wissen zu handeln, ist niemals weit. Und letzteres von Seiten der Führerschaft der freien Welt beobachten zum müssen, bedeutete nichts weniger als die Gefahr eines katastrophalen Rückschritts in der Gestaltung einer offenen und humanen Weltgesellschaft, dem gemeinsamen Traum von Wissenschaft, Demokratie und Humanismus (sowie des Kapitalismus, den so mancher vielleicht nicht ganz so gerne in dieser Reihe sieht).

Nicht zuletzt für die zukünftige Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Möglichketen bedarf es des wissenschaftlichen Idealismus, dieser Kombination aus kompromisslosem Wahrheitsstreben und dem intellektuellen Bekenntnis zur Bescheidenheit in Anbetracht unseres immer begrenzt bleibenden Wissens. Zugleich sehen wir uns bei der Gestaltung unserer Zukunft einer enormen Komplexität ausgesetzt, seien dies die abstrakten Methoden der Quantenmechanik oder Teilchenphysik, die schier unendlich erscheinende Komplexität der neuronalen Architektur unseres Geistes, die atemberaubend vielschichtige Interaktion der Gene mit unserem Körper und dem Gehirn, oder die Tatsache, dass sich durch nicht-lineare Rückkopplungen die Eigenschaften des Klimas auf unserem Planeten völlig anders darstellen als die gewohnten linearen Trends, nach denen sich politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger normalerweise richten. Und da gibt es nun einfach einmal keinen Platz für „einfache Lösungen“ à la Trump wie „Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen“, „Impfen verursacht  Autismus. Das konnte ich beim Kind einer meiner Mitarbeiterinnen beobachten“,  oder „Stoppt alle Flüge nach Afrika, um Ebola zu bekämpfen“.

Nun wissen die Wissenschaftler selbst am besten: Ihre Methode per se ist alles andere als perfekt. Immer wieder hat sie uns Fehler machen lassen und uns auf die ein oder andere Weise in Schwierigkeiten gebracht  – und wird dies auch weiterhin tun. Aber sie ist die mächtigste und dabei zugleich bescheidenste Methode, über die wir zur Erkenntnisgewinnung über die Natur und zur Verbesserung unserer Lebensbedingungen verfügen. Zugleich erinnert sie uns immer wieder an unser limitiertes Wissen. Sie nicht in ihrer ganzen Kapazität zu verwenden, wäre nicht nur töricht, sondern fahrlässig. Es ist zu befürchten, dass die neue US-Regierung beides sein wird. In einer Zeit, in der wir die ethischen und anthropologischen Konsequenzen einer immer weiteren Naturalisierung unseres Welt- und Selbstbildes und, damit einhergehend, die Implikationen zukünftiger wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Möglichkeiten, welche die Menschheit nachhaltig zu verändern drohen, zu beurteilen haben, müssen wir verfolgen, wie die politischen Entscheidungsträger in den USA auf den wissenschaftlichen Erkenntnisstand und das intellektuelle Niveau von Vorschulkindern zurückfallen.

Veröffentlicht von

wwww.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Jäger,

    daß die politischen Entscheidungsträger in den USA auf den wissenschaftlichen Erkenntnisstand und das interlektuelle Niveau von Vorschulkindern zurückgefallen sind – dem würde ich nicht widersprechen.

    Ich sehe aber nicht, daß es gerade das ist, was schadet.

    Denn es gibt genug Entscheidungsträger mit hohem wissenschaftlichen Erkenntnisstand und interlektuellem Niveau, die trotzdem Schaden anrichten (z.B. so schräge Figuren wie Putin und Erdogan). Wissenschaftlicher Erkenntnisstand und hohes interlektuelles Niveau ist daher keine Garantie dafür, daß jemand keinen Schaden anrichtet.

    Wissenschaftlich denken ist keine Garantie dafür, daß jemand das Richtige tut. Das zu behaupten ist falsche Propaganda.

    Was richtig ist, bestimmt sich – vereinfacht gesagt – für jeden individuell aus seiner Verbundenheit mit allen anderen Menschen. Diese Verbundenheit bestimmt rückwirkend sein Selbst, sein Ich, und aus diesem Verhältnis zwischen dem Ich und allen Anderen entstehen Wertvorstellungen und Grundüberzeugungen über Gut und Böse bei jedem individuell. Dieses Wechselspiel wird von der Rationalität des Menschen so gut wie nicht bestimmt, und ist daher wissenschaftlich unzugänglich. Rationalität bewirkt hier nicht viel, allenfalls macht es uns das Nichtwissen über das Gute und Richtige bewußt.

    Das Gute und Richtige ist (subjektiv) das, was einem Sachverhalt einen Sinn gibt.

    Wissenschaft kann keinen Sinn geben.

    Sind etwa Gesellschaften, in denen es die Wissenschaft zu höchsten Blüte gebracht hat, und in der jedem Menschen die Intelligenz zahlloser Experten zur Verfügung steht, besser, friedvoller ? Nein, wenn den Menschen der Sinn ihres Lebens fehlt oder verlorengegangen ist, dann gibt es einen Ersatz-Sinn intelligenter Leute von oben, wissenschaftlich (neuerdings wissenschaftlich-digital) vermittelt, und der besteht fast immer darin, den Menschen einen Sinn einzureden, der in der Ausgrenzung und Gewalt gegenüber Anderen besteht. Da ist Wissenschaft in höchster Blüte u n d Gewalttätigkeit wird sein wie im finsteren Mittelalter.

    Das ist alles ziemlich vereinfacht dargestellt, es sind nur einzelne Aspekte. Aber Trump würde auch Schaden anrichten wenn sein „wissenschaftlicher Erkenntnisstand“ hohes Niveau hätte. Was ich sagen will ist: Wissen und Erkenntnisse nutzen Null und gar nichts, wenn ihnen nicht auf höchst unwissenschaftliche Weise und unter Rückgriff auf ganz unwissenschaftlich erworbene Einsichten und Erfahrungen ein Sinn gegeben wird.

    Bei Trump besteht sein Sinn darin, der Größte, Beste, Liebenswerteste zu sein. Wenn ihm das versagt wird, schlägt er um sich. Das kann die Welt an den Abgrund bringen. Lieben wir ihn doch einfach alle, damit das nicht passiert. Rational gesehen doch ein ganz einfach zu lösendes Problem !

    Grüße
    Fossilium

    • Ja, es kommt auf die Haltung zum Wissen an. Der Schüler und Student früherer Zeiten versenkte sich in religiöse Schriften um Anleitung für das “Richtige” zu erhalten. Wenn es um die Gesundheit und das Wohl der heutigen Menschheit geht, so ist es die Wissenschaft, die uns wertvollen Rat geben kann.

    • “Sind etwa Gesellschaften, in denen es die Wissenschaft zu höchsten Blüte gebracht hat, und in der jedem Menschen die Intelligenz zahlloser Experten zur Verfügung steht, besser, friedvoller ?”

      Ja.

  2. Trump’s geheimes Motto lautet:”La Réalité, c’est moi”. Deshalb verwundert es nicht, dass er – unter anderem – auch mit der Wissenschaft Probleme hat. Dass jemand so unbescheidener wie Trump, der selbst bestimmt was wahr ist, zum Präsidenten gewählt wird, wirft ein erhellendes Licht auf unsere Zeit.

  3. Hallo Herr Holzherr,

    es ist gerade mal ein Lebensalter her, daß auch bei uns aus einer breiten gesellschaftlichen Mitte der Schrei nach einem Führer erklungen ist, der so manche Ähnlichkeiten mit Trump aufwies. Wir sind nicht besser als die Amerikaner und unsere Zeit ist auch nicht besser und der ganze Fortschritt der Wissenschaft hat in dieser Hinsicht nichts gebracht. Wo ist der Wissenschaftler, die uns sagt, woran das liegt ?

    Grüße Fossilium

  4. Zugegeben: nicht nur Trump, sondern sogar Ärzte und Pharmakologen fällt es schwer, taugliche von untauglichen Studien zu unterscheiden. Und es zeigt sich immer wieder, dass medizinische und pharmakologische Studien in fast 50% der Fälle nicht reproduzierbar sind, was bei klinischen Studien auch daran liegt, dass die Studien oft nicht signifikant sind, weil es zuwenig Teilnehmer gab.
    Hier braucht es so etwas wie Metawissen, also in diesem Fall kein medizinisches oder pharmakologisches Wissen, sondern ein Wissen, mit welchen statistischen Problemen medizinische Studien zu kämpfen haben. In meinen Augen ist Metawissen das, was heute echte Bildung ausmacht, wenn man unter Bildung eine kognitive Überlegenheit aufgrund überlegenem Wissen/Metawissen meint. Metawissen bedeutet beispielsweise zu wissen wie Physiker oder Philosophen denken oder zu wissen was die Optionen für eine rein regenerative Energieversorgung sind. Ein US-Präsident sollte Metawissen besitzen, mindestens aber um seine eigenen Wissenslücken wissen und einen Entscheidungsprozess leiten können, der diejenigen Wissenslücken schliesst, die für eine Entscheidung wichtig sind.

  5. Herr Jaeger, Sie fragen: “Nun fragt sich so mancher Leser vielleicht bereits: Lohnt es sich überhaupt noch, sich darüber aufzuregen?”

    Ich frage mich, ob es sich noch lohnt, sich darüber aufzuregen, dass es in allererster Linie das Wissenschaftssystem selbst ist, dass seinem Anspruch nach “kompromissloser Suche nach Wahrheit” schon lange nicht mehr gerecht wird.
    Was Sie den Wertekanon, Integrität und intellektuelle Redlichkeit nennen, beschrieb der Wissenschaftsjournalist Christian Weber anlässlich des 75. Geburtstags von Stephen Hawking: “… dass er [Stephen Hawking] als vermeintlicher genialischer Geist im gelähmten Körper ein verzerrtes Bild der Forschung vermittelt. (…) dass moderne Naturwissenschaft vor allem Teamarbeit ist, ein mühsamer Prozess, in dem viele Forscher kleine Erkenntnisfortschritte langsam zu einem genaueren Bild der Welt zusammenfügen.“

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/stephen-hawking-der-popstar-der-physik-1.3319653

    Thomas S. Kuhn schrieb in seiner Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ein sehr anderes Bild der Wissenschaft, nämlich dass es stets die großen Ideen waren, die zu einem neuen Bild der Welt geführt haben, und dann die “Aufräumarbeiten” begannen, um vorhandene Erkenntnisse mit weiteren Bausteinen, die sich mit dem neuen Bild der Welt ergaben, in diesen neuen Rahmen zu integrieren.
    Die “moderne” Wissenschaft dagegen hat die großen Ideen abgeschafft und die “Aufräumarbeiten” zum neuen und alleinigen Erkenntnisweg hochstilisiert – nicht, weil es dafür eine aus wissenschaftlicher Sicht notwendige Maßnahme war oder weil die Natur dies zu ihrer Erforschung fordert, sondern aus ideologischen Gründen. Und weil die Wissenschaftler dieser Ideologie dogmatisch folgen und nicht mehr das Streben nach Erkenntnis oder gar Wahrheit ihr Arbeiten bestimmt, fährt sie langsam aber sicher den “Karren gegen die Wand”, feiert aber ihr Kleinsterfolge, als wären es wegweisende Durchbrüche.

    Es ist nicht so, dass dies inzwischen nicht auch verschiedenen Wissenschaftlern aufgefallen wäre : https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/skeptizismus-agnostizismus-oder-wer-rettet-die-wissenschaft/
    Doch der Fehler wird an der falschen Stelle gesucht, und die Rettungsvorschläge scheitern daran, dass man ein Problem eben nicht mit den Mitteln lösen kann, mit denen es entstanden ist.

    Es ist nicht Donald Trump, der eine Gefahr für die Wissenschaften darstellt. Ihre größte Gefahr liegt in der Ideologie unserer politisch korrekten Gesellschaftsordnung. Trump ist Unternehmer, er ist es auch als Präsident. Weshalb sollte er also in ein Wissenschaftssystem investieren, das , wie unsere postmoderne Gesellschaft, sich selbst und seine Strukturen auflöst?

    Statt, wie es allerdings üblich ist, den Feind außerhalb zu suchen und zu bekämpfen, um vom eigenen desolaten Zustand abzulenken, wäre es an der Zeit, sich darauf zu besinnen, wieder eine Wissenschaft ohne ideologische Fesseln zu betreiben.

    Ich fasse es nicht, wie es möglich geworden ist, dass nach nur dreihundert Jahren, als es den Wissenschaften endlich gelungen war, sich von den Fesseln der Religion zu befreien, sie sich selbst und auch noch freiwillig in ein solches Korsett zwängt. Aber:
    “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit”
    Marie von Ebner-Eschenbach

  6. @Trice

    Da Herr Jaeger das Kapitel „Trump und die Wissenschaften“ sicherlich schon abgehakt hat, melde ich mich mal zu Wort. Sie schreiben:

    »Thomas S. Kuhn schrieb in seiner Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ein sehr anderes Bild der Wissenschaft, nämlich dass es stets die großen Ideen waren, die zu einem neuen Bild der Welt geführt haben, … «

    Das ist zweifellos richtig. Doch Gottseidank sind „große Ideen“ und damit verbundene wissenschaftliche Revolutionen ziemlich selten, man käme sonst gar nicht nach mit den neuen Weltbildern.

    Wann oder was war eigentlich die letzte wiss. Revolution (laut Kuhn oder überhaupt)? Ich weiß es nicht.

    Aber es fällt auf, dass es immer wieder Publikationen gibt, in denen so etwas wie ein Paradigmenwechsel in Aussicht gestellt wird. Die kalte Fusion hätte vielleicht zu einem Paradigmenwechsel führen können, oder die Entdeckung, dass Arsen in der DNA Phosphor ersetzen kann (Arsen-basiertes Leben!). Aktuell halten manche die Epigenetik für eine Sache, die die Evolutionsbiologie revolutionieren könnte. Großes Aufsehen hat auch der Befund erregt, dass das menschliche Genom zu 80% funktional genutzt wird (was den Menschen unter den Säugetieren auch aus genetischer Sicht zu was ganz Besonderem macht).

    Kurz und gut, » [d]ie „moderne“ Wissenschaft […] hat die großen Ideen« keineswegs »abgeschafft«, große Ideen gab’s schon einige, aber sie haben sich allesamt als untauglich erwiesen. Fürs erste bleibt es also bei den „Aufräumarbeiten“ durch das wissenschaftliche Fußvolk, doch immerhin werden einige von ihnen dafür mit dem Nobelpreis belohnt.

    LG

  7. @Balanus: Weltbilder

    “Doch Gottseidank sind „große Ideen“ und damit verbundene wissenschaftliche Revolutionen ziemlich selten, man käme sonst gar nicht nach mit den neuen Weltbildern. ”

    Große wissenschaftliche Ideen sind zum Glück relativ selten, aber neue Weltbilder gibt es auch ohne sie – religiöse, ideologische …

    “Wann oder was war eigentlich die letzte wiss. Revolution (laut Kuhn oder überhaupt)? ”

    ‘Laut Kuhn ‘ bin ich mir nicht so sicher, aber ich vermute, er meinte die RT. Allerdings halte ich auch heisenbergs, Schrödingers und Feynmans Theorien für große Ideen. In der Jubiläumssendung “Scobel” (1. 12. 2014) sagte der Physiker Jürgen Renn sinngemäß, sie seien immer noch mit den Konsequenzen von Einsteins RTn beschäftigt, seine Entdeckung gebe immer noch Stoff für ungeheuer viele neue Erkenntnisse.

    “Aber es fällt auf, dass es immer wieder Publikationen gibt, in denen so etwas wie ein Paradigmenwechsel in Aussicht gestellt wird.”

    Der Begriff ‘Paradigmenwechsel’ hat inzwischen ein genauso inflationäres Schicksal erlitten wie der Begriff Genie (dessen beste Definition vom Psychologen William James stammt: es sei vermutlich kaum mehr als die Fähigkeit, auf ungewöhnliche Weise wahrzunehmen).
    Es wurde Kuhn ja auch von seinen Kritikern vorgeworfen, er habe den Begriff Paradigma nicht eindeutig genug präzisiert. Aber weil er eben doch etwas Besonders kennzeichnete, musste er natürlich auch “eingereiht” werden, um in die postmoderne Landschaft zu passen.

    “Kurz und gut, » [d]ie „moderne“ Wissenschaft […] hat die großen Ideen« keineswegs »abgeschafft«, ”

    … doch, hat sie, denn sie lässt sie z einer Veröffentlichung nicht mehr zu. Mit der Begründung, dass sie nicht in die derzeitige wissenschaftliche Landschaft passen, 😉

    “große Ideen gab’s schon einige, aber sie haben sich allesamt als untauglich erwiesen. ”

    Wenn sie untauglich waren, waren es keine großen Ideen.

    Ich verstehe ja, dass es schwer zu akzeptieren ist, dass die Ideen von Einstein oder Darwin heutzutage keine Chance mehr haben sollen, und rückblickend erscheint es auch völlig unverständlich. Aber wie Maeterlinck einmal sagte: “At every crossing on the road that leads to the future, each progressiv spirit is opposed by a thousand appointed to guard the past. ” Und jede Epoche und jede Gesellschaft hat ihre eigenen Hüter.

    Schauen Sie, nachdem ich dank Ihrer zufälligen Hilfe die Variablen-Eigenschaften kenne, habe ich einen Text aufgesetzt, einen Entwurf des Regelwerks. Den habe ich Frau Prof. Schwank zugeschickt und _meinem_ Wissenschaftler (Tim) in Bamberg.
    Frau Schwank fragte mich, wovor ich denn Angst hätte – und beiden sagte ich, ich hätte Angst, für eine Spinnerin gehalten zu werden. Frau Schwank war perplex, weil sie auf den Gedanken gar nicht gekommen war, Tim sagte, der Text sei überzeugend, er sei logisch aufgebaut, stringent und in sich konsistent – und im übrigen beruhe er auf Empirie, wo sei mein Problem?
    Ich hatte eine ganz große Idee – mit der Entdeckung, dass die beiden Arten des Denkens auf der Arbeitsweise des jeweiligen Gehirns beruhen, und ich mit dem Regelwerk die Arbeitsweise erklären kann. In Schwanks und Tims Augen kann ich deshalb offenbar nichts mehr falsch machen. Trotzdem wissen beide, dass in der heutigen modernen (Natur)Wissenschaft keine Chance besteht, mit einer richtigen Idee, wenn sie zu groß ist, durchzukommen – und Prof. Mausfeld hat es ja ebenfalls bestätigt.

    “Fürs erste bleibt es also bei den „Aufräumarbeiten“ durch das wissenschaftliche Fußvolk, ”

    Ja, ich dachte mir schon, als ich Kuhn las, dass diese Aussage die Wissenschaftler verletzen müsste. Aber sehen Sie, deshalb hat sich ja jetzt, in unserer postmodernen Wissenschaft, das Prinzip der Gleichheit Aller durchgesetzt und durchsetzen können – jeder soll die gleichen Chancen haben, seine Arbeit zu veröffentlichen, jeder arbeitet nur noch im Team – und deshalb darf es auch keine großen Ideen Einzelner mehr geben, denn sie würden die Forderung nach Gleichheit verletzen. Zumal große Ideen erst einmal ohne Empirie veröffentlicht werden müssen, um als Grundlage für empirisches Arbeiten zu dienen, und nicht empirisch überprüft werden kann, wie man à la Einstein, Darwin, Gauss, Heisenberg zu dieser großen Idee gekommen ist.

    “doch immerhin werden einige von ihnen dafür mit dem Nobelpreis belohnt.”

    Ja, natürlich. Den gibt es doch auch nur, wenn sich in der Praxis, also empirisch bestätigt hat, woran man gearbeitet hat (deshalb sind die meisten Nobelpreisträger auch so alt). Einstein hat doch den Nobelpreis auch nicht für seine große Idee der RT bekommen, sondern für eine Arbeit über Photovoltaik – was ebenfalls eine Leistung war.
    Aber die Belohnung mit dem Nobelpreis erhalten nicht nur die jeweiligen Wissenschaftler, sondern auch das Team – denn keiner arbeitet mehr ohne.

  8. @ Balanus

    Noch ein Nachtrag zu den vermeintlich ‘großen’ Ideen, die zu einem Paradigmenwechsel hätten führen können:

    “Die kalte Fusion hätte vielleicht zu einem Paradigmenwechsel führen können, oder die Entdeckung, dass Arsen in der DNA Phosphor ersetzen kann (Arsen-basiertes Leben!). Aktuell halten manche die Epigenetik für eine Sache, die die Evolutionsbiologie revolutionieren könnte. Großes Aufsehen hat auch der Befund erregt, dass das menschliche Genom zu 80% funktional genutzt wird (was den Menschen unter den Säugetieren auch aus genetischer Sicht zu was ganz Besonderem macht).”

    Der Unterschied zu den wirklich großen Ideen ist bei den genannten wie allen anderen, ähnlichen, dass sie in irgendeiner Form auf oder mit bereits vorhandenem Wissen aufbauen oder es weiterentwickeln.

    Eine wirklich große Idee eröffnet einen gänzlich anderen Blick auf die Welt und die Natur. Aber mit ihr, wenn sie sich durchsetzt(e), wurden die bisherigen Konzepte auf diesem Gebiet verworfen, bzw. mussten neu eingeordnet werden.

    Neuartige große Ideen bedeuteten einen ungeheuren Schub für die Wissenschaften, selbst wenn es zunächst nicht zu erkennen war.

    In unserer Gesellschaft muss dagegen alles einen Nutzen haben – und in erster Linie für uns selbst und für die Wirtschaft. Anton Zeilinger schrieb einmal, wenn er damals gefragt worden wäre, welchen Nutzen die Quantenphysik hätte, hätte er geantwortet: keinen.
    Deshalb gibt es Nobelpreise auch nur für etwas Nutzbringendes …

  9. @Trice

    »Wenn sie [große Ideen] untauglich waren, waren es keine großen Ideen.«

    Hinterher ist man immer schlauer. Aber, und das ist mein Punkt, sie wurden als umwälzende Forschungsergebnisse publik gemacht, obwohl (oder gerade weil) sie nicht in die wissenschaftliche Landschaft passten.

    Im Übrigen, woher will man denn wissen, ob eine Idee groß ist, solange sie nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat? Um beurteilen zu können, ob große Ideen nur deshalb nicht publiziert werden, weil sie nicht in die wissenschaftliche Landschaft passen, muss man ja erst mal Kenntnis von diesen großen Ideen haben. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

    In die derzeitige wissenschaftliche Landschaft passt ja vieles nicht, aber wie man sieht, hat das diverse Publikationen nicht verhindert. Wenn nun eine Zeitschrift aus eben diesen Gründen eine Publikation abgelehnt, dann ist das noch kein Beleg für eine große Idee, die ihrer Zeit weit voraus ist.

    Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich rede nicht von Ihrer Arbeit, sondern ich beziehe mich ganz allgemein auf Ihre Aussage: » Die „moderne“ Wissenschaft dagegen hat die großen Ideen abgeschafft«.

    Wie gesagt, von Ideen, die nicht bekannt geworden sind, kann man schlecht behaupten, dass sie unterdrückt wurden oder werden. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat es, so scheint‘s, keine wirklich umwälzende wissenschaftliche Idee mehr gegeben, die in der Folge zu einem neuen Verständnis der materiellen Welt geführt hätte. Dem rasanten wissenschaftlichen Fortschritt hat das allem Anschein nach keinen Abbruch getan.

    »Ich verstehe ja, dass es schwer zu akzeptieren ist, dass die Ideen von Einstein oder Darwin heutzutage keine Chance mehr haben sollen, und rückblickend erscheint es auch völlig unverständlich.«

    Es geht hier nicht ums „akzeptieren“. Eine solche Behauptung lässt sich anhand von Fakten halt nicht belegen oder wenigstens überprüfen. Und was man nicht überprüfen kann, kann man auch nicht widerlegen.

    Vielleicht war es vor 100 bis 150 Jahren für Leute von außerhalb des Wissenschaftsbetriebs einfacher, in einem wissenschaftlichen Fachblatt zu publizieren, das kann ich nicht beurteilen. Heutzutage ist es sicherlich kaum möglich.

    • @Balanus;
      Sowohl Darwin als auch Einstein haben ihre “großen Ideen” in vielen persönlichen Gesprächen, in Fachkonferenzen und in einer umfangreichen Korrespondenz mit Kollegen aus aller Welt über Jahre entwickelt. Die nach außen erscheinenden “großen Ideen” waren das Resultat vieler kleiner Ideen im Kopf der Wissenschaftler und in den Köpfen ihrer Vorgänger. Weder Darwin noch Einstein waren einsame Genies, hätten das selber auch nie behauptet.

      Heute dagegen werden schon die kleinen Ideen der Öffentlichkeit bekannt gemacht und werden in den Allerweltsmedien diskutiert. Außerdem gibt es heute zahlenmäßig viel mehr Wissenschaftler und Institutionen als vor hundert Jahren, welche die Welt mit Publikationen überschütten. Nicht nur Laien verlieren dabei den Überblick und die Orientierung. Viele kleine Ideen von heute können sich morgen zusammen als große Ideen entpuppen.

      Pseudowissenschaftler glauben oftmals, ihre unreifen Einfälle wären schon große Ideen und hätten das Recht auf Anerkennung in der Öffentlichkeit. Wenn die überspannte Erwartung nicht erfüllt wird, dann wird gegen die böse Wissenschaftswelt polemisiert, die angeblich gegen neue Ideen intrigiert und sie unterdrückt, um ihre alten Interessen zu verteidigen. Dass Wissenschaftler ihre Überzeugungen verteidigen, das ist wohl eine Selbstverständlichkeit, denn wenn sie keine Gründe dafür hätten, dann wären es nicht ihre Überzeugungen. Wer neue Ideen durchsetzen will, muss eben überzeugende Argumente liefern, nicht nur Behauptungen.

  10. @Balanus: Große Ideen

    “Im Übrigen, woher will man denn wissen, ob eine Idee groß ist, solange sie nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat? Um beurteilen zu können, ob große Ideen nur deshalb nicht publiziert werden, weil sie nicht in die wissenschaftliche Landschaft passen, muss man ja erst mal Kenntnis von diesen großen Ideen haben. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.”

    Im Prinzip schon, wenn man nicht darüber redet. Aber wenn mir von Wissenschaftlern, in deren Fachgebiet mein Ansatz (zumindest der, den ich in Büchern veröffentlicht habe) sagen, das sei eine große Idee, dann kann ich schon davon ausgehen, dass sie es auch ist. Wenn mir dann dieselben Wissenschaftler sagen, dass sie eben deshalb nicht in die wissenschaftliche Landschaft passt, dann gehe ich davon aus, dass sie diese Landschaft gut genug kennen, um das beurteilen zu können.
    Es sind auch nicht die Zeitschriften, die dieses Argument bringen, wenn sie meine Arbeit ablehnen, sondern es heißt, sie passe nicht ins Profil der Zeitschrift, was aber in keinster (mir gefällt ja der Superlativ, köstlich) Weise die Qualität der Arbeit betreffe.

    Nebenbei: ich spreche nur von meinem Ansatz, die Wissenschaftler, die meine Arbeit kennen, nennen sie eine Theorie.

    Wenn Sie von rasantem wissenschaftlichen Fortschritt sprechen, bin ich da gar nicht so sicher, dass das der Fall ist. Ich sehe momentan nur, dass die Wissenschaften rasant in eine Richtung davon galoppieren, die in eine Sackgasse führt. Es wird allerdings dauern, bis man das merkt – die fatalen Folgen im Umgang mit komplexen Problemen hat Dörner damals untersucht, und gezeigt, dass sie sich erst in Jahrzehnten bemerkbar machen. Und selbst dann dauert es noch sehr lange, bis ein Umdenken stattfindet – das ja auch davon abhängt, ob man noch Möglichkeiten sieht, wieder aus dem Loch herauszukommen.

    “Vielleicht war es vor 100 bis 150 Jahren für Leute von außerhalb des Wissenschaftsbetriebs einfacher, in einem wissenschaftlichen Fachblatt zu publizieren, das kann ich nicht beurteilen.”

    War es. Mendel z. B. hatte noch in Fachblättern veröffentlichen können, Jean Piaget sogar, als er noch Schüler war.

    “Heutzutage ist es sicherlich kaum möglich.”

    Stimmt, auch wenn es heißt, es käme auf die Qualität der Arbeit an. Aber man muss sich ja nur einmal die Richtlinien zur Manuskriptgestaltung anschauen, die sind nachgerade Exzesse prädikativen Denkens, das die Qualität der eigentlichen Arbeit dagegen schon fast zweitrangig wird und man sich fragen kann, was denn wichtiger ist, der Inhalt oder die formale Gestaltung.

    Aber nur mal als Beispiel: ich war ja nicht die erste, die auf die Idee kam, dass jeder Mensch auch ein mentales Geschlecht hat. Das war Frau Schwank. Nur machte sie die Entdeckung leider im falschen Fachgebiet und konnte deshalb auch gerade noch soweit gehen, von zwei verschiedenen kognitiven Strukturen zu sprechen, was dazu führt, dass jeder, der ihre Theorie kennt, von “Denkstilen” spricht. Sie ist deshalb zeitweilig ausgeflippt, nur ist ihr Problem, dass kognitive Strukturen durch Erfahrung erworben werden, während wir davon ausgehen, dass sie nicht erworben werden können. Das aber kann sie nicht sagen, weil sie angeben müsste, wie man denn dann zu ihnen kommt.
    Weshalb, glauben Sie, arbeitet Schwank mir zu, wenn sie nicht wüsste, dass ich diese Lösung habe?
    Sie ist Wissenschaftlerin, ihre Idee ist eine große Idee – und trotzdem schafft sie es dank der wissenschaftlichen Landschaft nicht, publik zu machen, was mit zwei Arten gemeint ist. In Fachzeitschriften umschreibt sie es mit: das Gehirn lenke die Augen gemäß seinem Interesse – das Gehirn, nicht die Erfahrung. Liest kein Mensch!
    Das richtige Fachgebiet für ihre Entdeckung ist die kognitive Psychologie, weshalb sie ja auch mit Dörner und Hoffmann Kontakt hatte. Da ging nichts weiter, weil Schwank ihnen mehr nicht sagen konnte, und Dörner und Hoffmann auch nur versuchen konnten, Schwanks Theorie mit ihrer eigenen zu verbinden, was nicht gelang. Bis ich kam und von einer Regel sprach. Da wussten alle, dass das die Lösung ist. Weshalb Dörner auch sagte, er brauche die Formel.
    Nun ist es keine Formel sondern ein Regelwerk, und auch noch mal um ein paar Nummern größer.
    Wie soll man innerhalb der derzeitigen wissenschaftlichen Landschaft auf so etwas kommen? Kollektives Bewusstsein wäre eine Möglichkeit …vielleicht gibt es sowas ja irgendwann einmal, nur vermutlich nicht beim Menschen.

  11. @Balanus: Wissenschaftssystem

    In der Diskussion ist leider das eigentliche Problem untergegangen:

    ich habe meinen Ansatz als Lösung des ADHS-Problems zehn jahre lang in der Xing-Community diskutiert, in Internet-Foren mit dem Thema ADHS, Lehrerfortbildungen dazu durchgeführt, Vorträge gehalten, usw.: Jeder , der diese Menschen und diese Kinder kennt weiß, dass mein Ansatz die Lösung des Problems ist. Die Vorsitzende des Verbandes ADHS Deutschland e.V. ist meine Freundin, sie war mit mir bei Frau Schwank, weil sie wie alle gehofft hat, es käme endlich zu einer Lösung. Mir ist angeboten worden,rund hundert Kinder für Studien zusammen zu bringen, nur damit ich die Lösung veröffentlichen kann. Wenn ich sagte, es geht nicht, das bringt nichts, weil ich mit diesen Studien auch nicht mehr zeigen kann, als Schwank mit ihren, und dass ich mit der “Ursache” nicht durchkomme, wollte mir niemand glauben. Wenn ich sagte, was Mausfeld mir gesagt hat: die Zeit sei dafür noch nicht reif, die Wissenschaft brauche noch fünfzig Jahre, bis sie da ist, wo ich jetzt bin, wurde _mir_ vorgeworfen, wieso die Zeit nicht reif sein könne: das Thema brenne allen auf den Nägeln – wieso, wenn es die Lösung gibt, kann man sie nicht publik machen? was mache ich falsch?

    Was bitte, soll ich den Leuten sagen, die mir vorwerfen, dass die Kinder medikamentös behandelt werden, dass sie Schwierigkeiten im Beruf, in der Partnerschaft, im leben haben, weil niemand versteht, was mit ihnen ist und wieso sie sind, wie sie sind?
    Mir wird die Schuld daran gegeben, nicht den Wissenschaftlern und ihrer tollen wissenschaftlichen Landschaft, die diese Lösung nicht zulässt, weil sie mit der Arbeitsweise des Gehirns zu tun hat, und man lieber Milliarden ins Human Brain Project steckt, von dem jetzt schon jeder weiß, dass es zur Kenntnis der Arbeitsweise nichts beitragen wird.
    Es ist zum Ko….

  12. @Balanus:

    Diesen Irrtum sollten wir noch ausräumen: “Wie gesagt, von Ideen, die nicht bekannt geworden sind, kann man schlecht behaupten, dass sie unterdrückt wurden oder werden.”

    Aber falsch an dieser Aussage ist, dass man sie gar nicht unterdrücken muss, wenn man ein System so einrichtet, dass sie erst gar nicht bekannt gemacht werden können. Wenn es keine Fachzeitschrift mit einem entsprechenden Profil gibt, hat sich das Problem doch schon erledigt.
    Als ich mich damals an Mausfeld wandte, sagte er ich könne ihm meinen Text zuschicken, aber er werde mir eine ehrliche Antwort geben. Als ich ihn nach sechs Wochen anrief, sagte er, er habe mir eine ehrliche Antwort versprochen, und die bekäme ich auch. Wäre die ehrliche Antwort gewesen: Sie hatten zwar eine nette Idee, nur ist sie leider nicht brauchbar – oder etwas in dieser Art, damit hätte ich umgehen können. Ich hätte zwar wissen wollen, wo mein Fehler bzw. Irrtum liegt, doch ich hätte sein Urteil akzeptiert.
    Aber mir zu sagen, ich hätte zwar eine bahnbrechende Entdeckung* gemacht, nur leider passe sie nicht in die wissenschaftliche Landschaft, weshalb es bedauerlicherweise auch keine Fachzeitschrift gibt, in der sich meine Arbeit veröffentlichen ließe, das empfinde ich als inakzeptabel – zumal, wenn man weiß, dass man damit billigend in Kauf nimmt, was den vermeintlich “betroffenen” Kindern weltweit in Unkenntnis der Ursache angetan wird.

    * Frage: Woher konnte Mausfeld wissen, dass es sich um eine bahnbrechende Entdeckung handelte, obwohl ich sie doch noch gar nicht öffentlich gemacht hatte?
    Na gut, er sagte auch, man müsse die Materie kennen, um zu verstehen wovon ich spreche …

  13. @Trice

    Ich hatte es schon vermutet, liebe Trice, Sie schließen von Ihrem Einzelfall auf dem Felde der Psychologie/Philosophie auf die Wissenschaft als Ganzes. Das sollte man nicht tun.

    »Ich sehe momentan nur, dass die Wissenschaften rasant in eine Richtung davon galoppieren, die in eine Sackgasse führt.«

    Was denn für eine Sackgasse? Die Richtung ist doch seit 300 Jahren immer die gleiche, nämlich in Richtung Wissensvermehrung (wenn sich der eine oder andere auf diesem Weg vergaloppiert, dann liegt das in der Natur der Sache).

    Ich kenne Dörners Buch nicht, aber das Problem mit den komplexen Problemen ist halt, dass nur selten das zeitliche Auftreten aller Einflussgrößen von Anfang an bekannt ist. Mit (noch) unbekannten Variablen lässt sich schlecht eine valide Prognose erstellen (oder geht‘s bei Dörner um etwas ganz anderes?).

    Da Sie das „mentale Geschlecht“ ansprechen: Hierbei handelt es sich schon um ein ziemlich schwieriges Konzept, das eben entsprechend aufwendig empirisch zu untermauern wäre. Von außen betrachtet stellt sich das, was Sie als mentales Geschlecht bezeichnen, ja erstmal nur als eine (unbewusst) bevorzugte Strategie beim Lösen bestimmter Probleme dar. Dass es sich hierbei um zwei unterschiedliche phänotypische Ausprägungen innerhalb der Spezies Mensch handeln soll, wie eben beim sexuellen Geschlecht, ist zunächst einmal nicht jedem unmittelbar einsichtig. Da müssten also noch evolutionsbiologisch, entwicklungsbiologisch, neurobiologisch und genetisch recht dicke Bretter gebohrt werden. Und da habe ich noch nicht mal die Komplikationen mit dem Problem ADHS und dessen pharmakologische Beeinflussbarkeit angesprochen, die ja auch noch irgendwie hineinspielt.

    »Diesen Irrtum sollten wir noch ausräumen: „Wie gesagt, von Ideen, die nicht bekannt geworden sind, kann man schlecht behaupten, dass sie unterdrückt wurden oder werden.“

    Aber falsch an dieser Aussage ist, dass man sie gar nicht unterdrücken muss, wenn man ein System so einrichtet, dass sie erst gar nicht bekannt gemacht werden können. Wenn es keine Fachzeitschrift mit einem entsprechenden Profil gibt, hat sich das Problem doch schon erledigt.«

    Vorausgesetzt, es gibt tatsächlich große Ideen, die nur deshalb nicht publik werden, weil es keine entsprechenden Rubriken in den Fachblättern gibt, wie z. B. ‚Perspektiven‘ oder ‚Ausblick‘ oder ‚Opinion‘ oder wenigstens ‚Essay‘, wo man auch mal ganz neue, unorthodoxe Ansätze ausführen kann. In der „Zeitschrift für Neuropsychologie“ findet man durchaus hin und wieder Aufsätze, die keine empirischen Forschungsergebnisse referieren: „In diesem Essay wird die Ansicht vertreten, dass Musizieren oder Musikhören günstige Effekte auf das kognitive Funktionen haben kann und dass diese günstigen Effekte genutzt werden können, um kognitive Leistungen im Alter zu stabilisieren und den kognitiven Abbau zu verhindern oder zu verringern“ (Musizieren und das alternde Gehirn. Lutz Jäncke. 2013, 24: 113-121).

    Ein weiteres Beispiel eines „Opinion Papers“ im aktuellen Heft trägt den Titel: „New Approaches to the Diagnosis and Treatment of Learning Disabilities in an International Context“.

    Die genannten Aufsätze erheben zwar nicht den Anspruch, eine umwälzend neue Idee zu verkünden, aber immerhin beruhen sie nicht direkt auf einer empirischen Forschungstätigkeit.

    Daraus schließe ich, dass, wenn man selber seine große Idee nicht publiziert kriegt, man daraus nicht folgern kann, dass die gesamte Wissenschaft ein massives Problem mit neuartigen Ansätzen hätte. @Anton Reutlinger hat es schon angesprochen, was Sie zwangsläufig als Schwäche oder Webfehler des Wissenschaftssystems wahrnehmen müssen, gilt andernorts als ihre Stärke und als Garant für ihren langfristigen Erfolg. Wobei gewisse Reibungsverluste durchaus einkalkuliert sind.

    »Wenn ich sagte, was Mausfeld mir gesagt hat: die Zeit sei dafür noch nicht reif, die Wissenschaft brauche noch fünfzig Jahre, bis sie da ist, wo ich jetzt bin, …«

    Nicht nur Sie sind Ihrer Zeit voraus, auch Mausfeld und alle anderen Wissenschaftler aus Ihrem Umfeld, die das ebenso sehen, müssen ihrer Zeit voraus sein. Denn sonst könnten sie das gar nicht beurteilen. Pech nur, dass ausgerechnet in den Redaktionen der Fachblätter Leute sitzen, die blind sind für das wirklich Neue (Sie merken, die ganze Sache ist mir nach wie vor ziemlich unverständlich, ich hoffe, Sie kommen damit klar…).

  14. @Balanus

    Ich antworte in zwei “Etappen”, sonst wird die Antwort zu lang, ok?

    „Sie schließen von Ihrem Einzelfall auf dem Felde der Psychologie/Philosophie auf die Wissenschaft als Ganzes.“

    Ich frage mal andersherum: Von wie vielen weiteren Fällen, in denen es um eine große Idee geht, erfahren wir denn? Es ist das, womit ich konfrontiert bin und von dem mir gesagt wird, dies sei eben die derzeitige wissenschaftliche Landschaft.

    „Hierbei [mentales Geschlecht] handelt es sich schon um ein ziemlich schwieriges Konzept, das eben entsprechend aufwendig empirisch zu untermauern wäre.“

    Es ist schwierig, ja, aber auch deshalb, weil es eben erst einmal _nicht_ empirisch untermauert werden _kann_ . Zugrunde liegt dem mentalen Geschlecht, und das sage ich schon die ganze Zeit, das kausale Regelwerk, von dem es zwei Varianten gibt.
    Das eigentliche Pech ist, dass ich eigentlich gemeint habe, es würde zumindest in der Mathematik bekannt sein. Dass es niemand kennt hatte ich nicht erwartet, und dass ich so lange gebraucht habe, um herauszufinden, dass es dabei um Kausalität geht, macht die Sache nicht einfacher. Nur: ein Regelwerk kann man nun einmal nicht empirisch untersuchen, sondern nur indirekt auf sein Zutreffen hin.

    „Von außen betrachtet stellt sich das, was Sie als mentales Geschlecht bezeichnen, ja erstmal nur als eine (unbewusst) bevorzugte Strategie beim Lösen bestimmter Probleme dar.“

    Nein, das war von Anfang an klar, dass es um das gesamte Erleben, Verhalten, Denken und Sein geht. Das Problemlösen ist nur am Rand betroffen. Niemand würde von einer Störung des Verhaltens sprechen, wenn es nur ums Problemlösen ginge. Man kann aber mit Untersuchungen zum Problemlösen den Unterschied im Denken feststellen – was nicht erklärt, weshalb wir -meinesgleichen – uns anders verhalten als die Mehrheit. Impulsivität z. B. hat nichts mit Problemlösen zu tun, aber schon die Art und Weise, in der wahrgenommen wird, unterscheidet sich grundlegend von der übliche prädikativen.

    „Dass es sich hierbei um zwei unterschiedliche phänotypische Ausprägungen innerhalb der Spezies Mensch handeln soll, wie eben beim sexuellen Geschlecht, ist zunächst einmal nicht jedem unmittelbar einsichtig. Da müssten also noch evolutionsbiologisch, entwicklungsbiologisch, neurobiologisch und genetisch recht dicke Bretter gebohrt werden.“

    Nett, dass Sie es ansprechen, denn der Gag ist, dass man in der ADHS-Forschung genau da dran ist – nur mit dem kleinen Unterschied, dass man es unter dem Störungs-Blickwinkel tut. Heißt: wenn im Striatum die Dopamintransporterdichte sehr hoch ist, kann das sowohl als Beleg für eine Störung als auch als notwendige Voraussetzung für eine andere Art, die Welt zu erleben interpretiert werden. Derzeit gilt es als Beleg für eine Störung bzw. Krankheit.

    „Und da habe ich noch nicht mal die Komplikationen mit dem Problem ADHS und dessen pharmakologische Beeinflussbarkeit angesprochen, die ja auch noch irgendwie hineinspielt.“

    Wo ist das Problem? Wenn Sie Mädchen tagtäglich zum Frühstück Testosteron-Pillen verabreichen, beeinflusst das das Verhalten und Erleben der behandelten Mädchen mit Sicherheit auch.

    “»Ich sehe momentan nur, dass die Wissenschaften rasant in eine Richtung davon galoppieren, die in eine Sackgasse führt.«
    „Was denn für eine Sackgasse? Die Richtung ist doch seit 300 Jahren immer die gleiche, nämlich in Richtung Wissensvermehrung (wenn sich der eine oder andere auf diesem Weg vergaloppiert, dann liegt das in der Natur der Sache). „”

    Der Punkt ist nicht, dass sich der ein oder andere vergaloppiert, sondern die Richtung stimmt nicht mehr: seit zwei Jahrzehnten tritt die ADHS-Forschung auf der Stelle, es gibt keine neuen Erkenntnisse mehr, und es kann sie auch nicht geben, weil wenn man nach etwas sucht, dass es nicht gibt, in diesem Fall die Ursache einer Krankheit, die eine ist.
    Das Human Brain Project hatte ich schon angesprochen. Dass es nicht als Flop gesehen wird, liegt daran, dass es „nutzenbringende“ Ergebnisse für die Pharmakologie oder die Informationstechnologie gibt. Der eigentliche Zweck des Projekts war aber doch wohl das bessere Verständnis der Arbeitsweise des Gehirns. Und da ist man auch nicht weiter gekommen, seit 2004 das berühmt-berüchtigte Manifest veröffentlicht wurde. Und schauen Sie sich die gedankliche Akrobatik an, die die Physiker inzwischen betreiben …

    Aber es kommt hat etwas Nutzbringendes heraus – und das man keine neuen, neuartigen, revolutionären Einblicke mehr gewinnt die die Abläufe ohnehin nur stören würden, dass fällt offenbar kaum auf.

    „Ich kenne Dörners Buch nicht, aber das Problem mit den komplexen Problemen ist halt, dass nur selten das zeitliche Auftreten aller Einflussgrößen von Anfang an bekannt ist. Mit (noch) unbekannten Variablen lässt sich schlecht eine valide Prognose erstellen (oder geht‘s bei Dörner um etwas ganz anderes?).“

    Ja! Dörner untersuchte, wie Menschen denken, wenn sie komplexe Probleme lösen sollen. Im „Tanalandprojekt“ sollten sie als Entwicklungshelfer die Lebenssituation einer Population verbessern, deren Lebensraum der Sahelzone nachempfunden worden war – von den zwölf Personen, die daran teilnahmen, haben elf das Gebiet nach anfänglichen Erfolgen im Laufe von rund 30 Jahren unbewohnbar gemacht – und wollten es nicht glauben. Am Lohhausenprojekt nahmen mehr als 40 Versuchspersonen teil, sie sollten „Bürgermeister“ sein. Wie gesagt, es ging Dörner nicht um die Lösung der Probleme, sondern um die Frage, wie funktioniert das Denken. Er stellte damals verallgemeinernd fest, dass das menschliche Denken nicht auf den Umgang mit komplexen Problemen ausgerichtet sei, denn es reduziere auf eine zentrale Variable (und deren Einzelheiten,) extrapoliere linear statt exponenziell, erledige Dinge eins nach dem anderen und gehe Schritt für Schritt vor …

    (…sagte Merkel mal: man müsse bei diesem komplexen Problem Schritt für Schritt vorgehen. Haben Sie den Eindruck, dass Trump Schritt für Schritt vorgeht? )

    Einige wenige von Dörners Probanden machten diese Fehler nicht, kamen also deutlich besser zurecht. Das war der Grund, weshalb ich mich an Dörner gewandt habe – weil ich dachte, wenn einer versteht, was ich meine, dann er.

  15. @Balanus: Teil 2

    ” ‘Wenn es keine Fachzeitschrift mit einem entsprechenden Profil gibt, hat sich das Problem doch schon erledigt.«
    Vorausgesetzt, es gibt tatsächlich große Ideen, die nur deshalb nicht publik werden, weil es keine entsprechenden Rubriken in den Fachblättern gibt, wie z. B. ‚Perspektiven‘ oder ‚Ausblick‘ oder ‚Opinion‘ oder wenigstens ‚Essay‘, wo man auch mal ganz neue, unorthodoxe Ansätze ausführen kann.”

    Von welcher Größenordnung, was die Ideen betrifft, reden wir?

    “„In der „Zeitschrift für Neuropsychologie“ findet man durchaus hin und wieder Aufsätze, die keine empirischen Forschungsergebnisse referieren: „In diesem Essay wird die Ansicht vertreten, dass Musizieren oder Musikhören günstige Effekte auf das kognitive Funktionen haben kann und dass diese günstigen Effekte genutzt werden können, um kognitive Leistungen im Alter zu stabilisieren und den kognitiven Abbau zu verhindern oder zu verringern“ (Musizieren und das alternde Gehirn. Lutz Jäncke. 2013, 24: 113-121). Die genannten Aufsätze erheben zwar nicht den Anspruch, eine umwälzend neue Idee zu verkünden, aber immerhin beruhen sie nicht direkt auf einer empirischen Forschungstätigkeit.”

    Meiner beruht sogar auf einer Empirie, was aber letztlich unwesentlich ist, da das, was ich erst einmal veröffentlichen müsste, das kausale Regelwerk ist. Denn darauf baut mein Ansatz auf. Das aber fällt nicht mehr in den Fachbereich der Psychologie und interessiert die Psychologen auch nicht, also komme ich in „meinem“ Fachbereich beim Unterschied von funktional vs. prädikativ über „Denkstile“ nicht hinaus.

    Doch wenn ich das Regelwerk* veröffentlichen könnte – und aus meiner Sicht würde reichen es in natürlicher Sprache zu veröffentlichen -, kann ich mit ihm zeigen, wie ein menschliches Gehirn arbeitet – das prädikative und das funktionale. Und wenn sich das veröffentlichen ließe, könnte ich zeigen, dass Menschen, denen fälschlich das Etikett ADHS angeheftet wird, zur funktionalen Minderheit gehören.

    “„Daraus schließe ich, dass, wenn man selber seine große Idee nicht publiziert kriegt, man daraus nicht folgern kann, dass die gesamte Wissenschaft ein massives Problem mit neuartigen Ansätzen hätte.“”

    Wie gesagt, es kommt auf die Größe an. Und auf ein paar andere Kleinigkeiten: Es ist ja nicht so, dass es nicht bereits Lösungen und Theorien zu den verschiedenen Themen gibt – und wer gibt schon gern zu, auf dem falschen Bein hurra geschrieen zu haben. Dörner sagte mir in unserem ersten Telefonat einen Gesprächstermin zu, ich solle ihm nur Zeit geben, meine Unterlagen zu lesen – ich solle ihn am kommenden Montag anrufen.. und dann am Mittwoch, am Freitag, am Dienstag … das ging über zwei Monate lang so. Ich denke, er hat gehofft, ich würde aufgeben. Als ich es nicht tat und massiv wurde, bekam ich den Termin, die Frage, ob ich die Formel habe und die Zusage, dass er meine Annahme untersuchen würde … ich habe acht Monate lang anrufen dürfen, bis ihm keine Ausflüchte mehr einfielen.

    “@Anton Reutlinger hat es schon angesprochen, was Sie zwangsläufig als Schwäche oder Webfehler des Wissenschaftssystems wahrnehmen müssen, gilt andernorts als ihre Stärke und als Garant für ihren langfristigen Erfolg. Wobei gewisse Reibungsverluste durchaus einkalkuliert sind. ”

    Sagen wir lieber: als Garant für den kurzfristigen Erfolg. Denn derzeit beruht das Wissenschaftssystem, was die Methoden betrifft, ausschließlich auf der prädikativen Variante. Das mag genügen, wenn es um Fragen, wie den günstigen Effekt des Musizierens auf kognitive Funktionen geht oder um die Frage, ob Latrophilin 3 Hyperaktivität auslöst. Aber wenn man wissen will, wie das menschliche Gehirn arbeitet oder das Universum funktioniert, genügt es eben nicht.

    “Nicht nur Sie sind Ihrer Zeit voraus, auch Mausfeld und alle anderen Wissenschaftler aus Ihrem Umfeld, die das ebenso sehen, müssen ihrer Zeit voraus sein. Denn sonst könnten sie das gar nicht beurteilen.”

    Warum sollten sie es nicht beurteilen könne? Sie beschäftigen sich doch mit diesem Thema. Also werden sie die Materie schon kennen.

    “Pech nur, dass ausgerechnet in den Redaktionen der Fachblätter Leute sitzen, die blind sind für das wirklich Neue”

    Wer sagt, dass sie blind sind? Es ist nur so, dass gerade die älteren Wissenschaftler es noch verstehen. Wenn, dann sind es die jüngeren, die im modernen Wissenschaftsbetrieb groß geworden sind, die haben schon eher Verständnisprobleme.

    Im Übrigen: außer Tim gehört keiner von denen, die meinen Ansatz kennen, zu meinem Umfeld.

    “Sie merken, die ganze Sache ist mir nach wie vor ziemlich unverständlich, ich hoffe, Sie kommen damit klar…”

    Sie sind ja nicht der einzige. In der Xing-Community haben es die meisten ja auch nicht verstanden.
    Imgrunde ist es ja so, dass man bei einer Angelegenheit von dieser Größe nicht alles bis ins Kleinste ausarbeiten kann – deshalb hat Kuhn ja von “Aufräumarbeiten” gesprochen, was letztlich eben auch heißt, dass die Idee noch jede Menge Fragen aufwirft, die noch nicht beantwortet wurden.
    Eine neuartige, große Idee schafft einen neuen Rahmen, einen neuen Blickwinkel – nicht reproduzierbare Ergebnisse.

  16. @ Balanus:

    Entschuldigung, fast hätte ich vergessen, mich für den Hinweis auf die Fachzeitschriften zu ‘unorthodoxen’ 😉 Ansätzen zu bedanken. Wenn man halt so viel schreibt …. nachträglich ein herzliches Danke, und

    viele Grüße,
    Trice

  17. @Trice / Teil 1

    »Ich frage mal andersherum: Von wie vielen weiteren Fällen, in denen es um eine große Idee geht, erfahren wir denn?«

    Eben, da wir keine Kenntnis von weiteren verhinderten großen Ideen haben, können wir auch nicht behaupten, es gäbe sie und sie würde systematisch vom Wissenschaftsbetrieb verhindert.

    Es [das Konzept vom mentalen Geschlecht] ist schwierig, ja, aber auch deshalb, weil es eben erst einmal _nicht_ empirisch untermauert werden _kann_ .

    Was heißt hier „erst einmal“? Gut, die theoretische Untermauerung durch das „kausale Regelwerk“ steht noch aus, weil es bislang noch nicht formalisiert werden konnte und von daher eher an ein metaphysisches Regelwerk erinnert.

    Aber es wird ja behauptet, dass es diese beiden „mentalen Geschlechter“ tatsächlich gibt, also wirklich existieren und nicht bloß ein gedankliches Konstrukt sind. Also müssen empirische Belege für diese Tatsachenbehauptung her, sonst hängt die ganze Sache in der Luft.

    »Das Problemlösen ist nur am Rand betroffen.«

    Ich schreib zwar vom Lösen „bestimmter“ Probleme, aber ich kann das auch weiter fassen. Das Gehirn ist generell das Organ zum Lösen von Problemen, die eben dann auftauchen, wenn ein Organismus sich frei in der Umwelt bewegen kann.

    Und wenn ein Organismus sich aktiv frei bewegen kann, dann zeigt er Verhalten. Und wenn er Verhalten zeigt, dann kann er Gegenstand der empirischen Forschung sein.

    »Wo ist das Problem? Wenn Sie Mädchen tagtäglich zum Frühstück Testosteron-Pillen verabreichen, beeinflusst das das Verhalten und Erleben der behandelten Mädchen mit Sicherheit auch.«

    Testosteron verändert aber, soweit ich weiß, nicht die Hirnaktivität, wie es etwa ein Serotonin-Aufnahmehemmer tut.

    Ein Psychopharmakon kann nahezu schlagartig das Verhalten verändern, und somit womöglich auch das „mentale Geschlecht“, das ja nur anhand des Verhaltens bestimmt werden kann.

    Wenn es durch ein Steroid kurzfristig zu Verhaltensänderung kommt, so bleibt dennoch das biologische Geschlecht unverändert.

    Mit anderen Worten: Das mentale Geschlecht beruht auf oder zeigt sich am Verhalten, anders ist es gar nicht feststellbar. Psychopharmaka können das Verhalten aber beeinflussen und verändern. Im Extremfall könnte es also sein, dass ein funktionaler Typ wie ein prädikativer erscheint. Die umgekehrte Variante, dass also ein prädikativer Typ wie ein funktionaler erscheint, sollte konzeptionsgemäß eigentlich nicht möglich sein.

    Das biologische Geschlecht hingegen kann (jenseits der Fortpflanzung und Brutpflege) in der Regel nicht anhand des Verhaltens erkannt werden, denn es beruht auf oder zeigt sich an der phänotypischen Ausprägung des Genotyps. Durch eine vorübergehende Testosterongabe (etwa über drei Monate) erscheint ein Mädchen nicht wie ein Junge, das biologische Geschlecht bleibt unverändert und klar erkennbar.

    Problem erkannt?

    »Der Punkt ist nicht, dass sich der ein oder andere vergaloppiert, sondern die Richtung stimmt nicht mehr: seit zwei Jahrzehnten tritt die ADHS-Forschung auf der Stelle, es gibt keine neuen Erkenntnisse mehr, und es kann sie auch nicht geben, weil wenn man nach etwas sucht, dass es nicht gibt, in diesem Fall die Ursache einer Krankheit, die [k]eine ist.«

    Was Sie hier schildern, ist wohl ein spezielles Problem der Medizin und Psychotherapie. Etliche Krankheiten und Syndrome gibt es nur per Definition. Was gestern noch als normal galt, gilt heute als Störung, und umgekehrt.

    Von diesen Fällen auf die gesamte Wissenschaft zu schließen, halte ich für falsch.

    Was das Human Brain Project anbelangt: Wenn das menschliche Gehirn so arbeitet, wie Sie das annehmen, dann wird man das früher oder später herausfinden—vorausgesetzt, es ist empirisch erforschbar. Und es ist ja nicht so, dass auf dem Weg dorthin nichts Brauchbares gefunden würde, die gewonnenen Daten sind ja nicht wert- und nutzlos, und irgendwann wird man Ihr Modell brauchen, um die Daten erklären zu können. Ihre Enkelkinder könnten es noch erleben.

  18. @Trice / Teil 2

    » … da das, was ich erst einmal veröffentlichen müsste, das kausale Regelwerk ist.
    […]

    Doch wenn ich das Regelwerk* veröffentlichen könnte – und aus meiner Sicht würde reichen es in natürlicher Sprache zu veröffentlichen -, kann ich mit ihm zeigen, wie ein menschliches Gehirn arbeitet – das prädikative und das funktionale.«

    In welcher Reihenfolge sind Sie denn zu Ihren Erkenntnissen gekommen? Hatten Sie zuerst das Regelwerk, und erkannten dann, dass es mentale Geschlechter geben muss, oder war es umgekehrt, sind Sie von den mentalen Geschlechtern auf die Existenz des kausalen Regelwerks gekommen. Oder lässt sich das rückblickend nicht so klar trennen?

    Ich habe ja nach wie vor den Verdacht, dass Sie einerseits anhand des Regelwerks zeigen wollen, wie das menschliche Gehirn arbeitet, andererseits aber erst auf Grundlage des Gehirns mit seinen beiden mentalen Geschlechtern darauf gekommen sind, wie das kausale Regelwerk beschaffen sein muss.

    » . . . „Nicht nur Sie sind Ihrer Zeit voraus, auch Mausfeld und alle anderen Wissenschaftler […], die das ebenso sehen, müssen ihrer Zeit voraus sein. Denn sonst könnten sie das gar nicht beurteilen.“

    »Warum sollten sie es nicht beurteilen könne? Sie beschäftigen sich doch mit diesem Thema. Also werden sie die Materie schon kennen.«

    Ich glaube, ich habe mich hier nicht klar ausgedrückt. Was ich sagen wollte, war: Wenn Wissenschaftler A einem Kollegen B bescheinigt, dass der mit seinen Erkenntnissen fünfzig 50 Jahre der Zeit voraus sei, dann muss A verstanden haben, um was es bei B geht, er muss auf den gleichen Erkenntnisstand gelangt sein wie B. Somit sind beide, A und B, mit Ihrem Wissen allen übrigen Kollegen um Jahre voraus.

    Wenn die Erkenntnisse von B für die Forschung von A relevant sind, dann müsste sich das eigentlich in den Publikationen von A niederschlagen. Man kann schließlich schlecht entgegen den eigenen Überzeugungen publizieren—bloß weil man der Meinung ist, die Zeit sei noch nicht reif für die Wahrheit. Das wäre wissenschaftlich ziemlich unredlich.

  19. @ Balanus Teil 1

    “»Von wie vielen weiteren Fällen, in denen es um eine große Idee geht, erfahren wir denn?«
    Eben, da wir keine Kenntnis von weiteren verhinderten großen Ideen haben, können wir auch nicht behaupten, es gäbe sie und sie würde systematisch vom Wissenschaftsbetrieb verhindert. ”

    Es muss ja noch nicht einmal eine große Idee imsinne eines Heureka sein. Dörner hat viel veröffentlicht, auch zu seiner Psi-Theorie. Nur als die zu groß wurde, weil er mit ihr als „Bauplan für eine Seele“ das gesamte Spektrum menschlichen Erlebens und Verhaltens zeigen wollte, da wurden seine Arbeiten nicht mehr angenommen. Sein Kollege Anderson hat es geschickter angestellt: ACT-R ist mindestens genauso groß, aber Anderson hat delegiert: an seiner Theorie arbeiten weltweit hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt, deren Arbeiten in das ACT-R-Modell integriert werden.

    ” ‘Es [das Konzept vom mentalen Geschlecht] ist schwierig, ja, aber auch deshalb, weil es eben erst einmal _nicht_ empirisch untermauert werden _kann_ . ‘
    Was heißt hier „erst einmal“? Gut, die theoretische Untermauerung durch das „kausale Regelwerk“ steht noch aus, weil es bislang noch nicht formalisiert werden konnte und von daher eher an ein metaphysisches Regelwerk erinnert. ”

    Das trifft so nicht zu. Formalisieren heißt ja, einen Zusammenhang mithilfe von Formeln und grafischen Zeichen allgemein formulieren. Wenn es die dazu notwendige Mathematik nicht gibt, ist es deshalb noch nicht metaphysisch. Newton musste ja auch erst einmal die Infinitesimalrechnung entwickeln und führte dazu neue Begriffe wie Variable und Funktion ein. Im Prinzip könnte ich so auch vorgehen, aber als Nichtmathematikerin will ich keine mathematischen Begriffe einführen. Es reicht, dass ich einen in meinen Ansatz zur Beschreibung der Arbeitsweise des Gehirns eingeführt habe.

    “Aber es wird ja behauptet, dass es diese beiden „mentalen Geschlechter“ tatsächlich gibt, also wirklich existieren und nicht bloß ein gedankliches Konstrukt sind. Also müssen empirische Belege für diese Tatsachenbehauptung her, sonst hängt die ganze Sache in der Luft.”

    Aber genau dafür benötige ich das Regelwerk. Denn _nur_ am Verhalten kann ich es nicht festmachen, es muss sich auch im Aufbau und in der Arbeitsweise des Gehirns wiederfinden lassen.

    “»Das Problemlösen ist nur am Rand betroffen.«
    Ich schreib zwar vom Lösen „bestimmter“ Probleme, aber ich kann das auch weiter fassen. Das Gehirn ist generell das Organ zum Lösen von Problemen, die eben dann auftauchen, wenn ein Organismus sich frei in der Umwelt bewegen kann. ”

    Da bin ich bei Ihnen.

    »Wenn Sie Mädchen tagtäglich zum Frühstück Testosteron-Pillen verabreichen, beeinflusst das das Verhalten und Erleben der behandelten Mädchen mit Sicherheit auch.«
    Testosteron verändert aber, soweit ich weiß, nicht die Hirnaktivität, wie es etwa ein Serotonin-Aufnahmehemmer tut.
    Ein Psychopharmakon kann nahezu schlagartig das Verhalten verändern, und somit womöglich auch das „mentale Geschlecht“, das ja nur anhand des Verhaltens bestimmt werden kann.
    Wenn es durch ein Steroid kurzfristig zu Verhaltensänderung kommt, so bleibt dennoch das biologische Geschlecht unverändert.
    Mit anderen Worten: Das mentale Geschlecht beruht auf oder zeigt sich am Verhalten, anders ist es gar nicht feststellbar. ”

    Eben deshalb brauche ich das Regelwerk, um es auch im Aufbau des Gehirns und an der „Informationsverarbeitung“ feststellen zu können.

    “Psychopharmaka können das Verhalten aber beeinflussen und verändern. Im Extremfall könnte es also sein, dass ein funktionaler Typ wie ein prädikativer erscheint. Die umgekehrte Variante, dass also ein prädikativer Typ wie ein funktionaler erscheint, sollte konzeptionsgemäß eigentlich nicht möglich sein.”

    Dass ein prädikativer Typ sich wie ein funktionaler denkt, das geht sowieso nicht. Aber je nachdem, was man ihm an Drogen verabreicht, könnte er sich vorübergehend schon so verhalten.
    Aber: mit Psychopharmaka ist auch nicht möglich, einen funktionalen Typ in einen prädikativen umzuwandeln. Was bis zu einem gewissen Grad gelingt – solange das Medikament wirkt – ist, einen ADHS-Typ als extreme Ausprägung des funktionalen Typs funktional denken und sich verhalten zu lassen (den Anteil der ADHS-Betroffenen schätzt man auf ca 8%, der Prozentsatz der zum funktionalen Geschlecht gehörenden Menschen ist deutlich höher nach den Untersuchungen von Schwank).

    “Das biologische Geschlecht hingegen kann (jenseits der Fortpflanzung und Brutpflege) in der Regel nicht anhand des Verhaltens erkannt werden, denn es beruht auf oder zeigt sich an der phänotypischen Ausprägung des Genotyps. Durch eine vorübergehende Testosterongabe (etwa über drei Monate) erscheint ein Mädchen nicht wie ein Junge, das biologische Geschlecht bleibt unverändert und klar erkennbar.
    Problem erkannt?”

    Ich schon, aber bei Ihnen bin ich mir jetzt nicht sicher, weil Sie auf etwas schauen, um das es nicht geht – aus meiner Sicht. Ich frage mal, wie Tim damals gefragt hat: WOZU zwei Geschlechter, wenn eines für den Zweck genügt? Schließlich gibt es ja auch Parthenogenese, funktioniert ja auch.
    Aber zwei physische Geschlechter sind u.a. im Hinblick auf Vielfalt bei den Nachkommen das bessere Konzept – Ergänzung im Gegensatz. Die erkennbaren (und nicht so ohne weiters erkennbaren) Geschlechtsunterschiede sind Mittel zum Zweck.
    Also: wozu zwei mentale Geschlechter, wenn man die „normale“ Art des Problemlösens genügt? Prof .Joachim Hoffman [1] schrieb einmal: „Die Biologie kennt letztlich allein den Zweck der Selbsterhaltung. Reizverarbeitung dient nicht der Erkenntnis, sondern dem Überleben.“ Das war der Grund, weshalb ich mich an Dörner wandte: Weil er in seinen Untersuchungen festgestellt hatte, dass die Mehrheit seiner Teilnehmer mit der Lösung komplexer Probleme _nicht_ zurechtkamen, eine Minderheit, die ganz anders vorging, allerdings schon. Dafür kommt die Mehrheit im Umgang mit alltäglichen Problemen besser zurecht – Ergänzung im Gegensatz.
    Das mentale Geschlecht bleibt ebenfalls unverändert. Da müssten Sie schon die gesamte DNA austauschen, um das zu ändern. Schlimmer als die Psychopharmaka sind deshalb auch die Trainingsmethoden, mit denen man versucht, die Aufmerksamkeit zu verändern …haben Sie mal beobachtet, wie Mädchen normalerweise einen Ball werfen, im Unterschied zu Jungen? Wie Frauen einen Pullover ausziehen, im Unterschied zu Männern? Und nun stellen Sie sich vor, Sie trainieren tagtäglich mit einem Jungen, den Ball zu werfen wie ein Mädchen, den Pullover so auszuziehen, die Blusen usw. anders zuzuknöpfen, usw. Sie erhalten kein Mädchen, aber einen psychisch gestörten Jungen. Und man erhält mit den derzeitgen Behandlungsmethoden auch keine ‘normal’ denkenden, sondern gestörte Kinder.

    “»Der Punkt ist nicht, dass sich der ein oder andere vergaloppiert, sondern die Richtung stimmt nicht mehr: seit zwei Jahrzehnten tritt die ADHS-Forschung auf der Stelle, es gibt keine neuen Erkenntnisse mehr, und es kann sie auch nicht geben, weil wenn man nach etwas sucht, dass es nicht gibt, in diesem Fall die Ursache einer Krankheit, die [k]eine ist.«
    Was Sie hier schildern, ist wohl ein spezielles Problem der Medizin und Psychotherapie. ”

    Also, an unserer Diskussion kann man den Unterschied prädikativ vs. funktionale schon sehr deutlich unterscheiden, :-). Nochmal: Sie schauen auf etwas, um das es nicht geht: Mir geht es nicht um das spezielle Problem, sondern darum, wie man mit ihm _umgeht_. Auch beim Thema ADHS streiten sich ja die Geister, ob es normal, gestört – wenn ja wodurch – oder krank – wodurch verursacht – ist? Was ich moniere ist, dass trotz dieses Stillstandes niemand auf den Gedanken kommt zu fragen: Sehen wir das Phänomen unter dem falschen Blickwinkel? Stattdessen wird erklärt: dann gibt es eben nicht eine einzelne Ursache, sondern es sind mehrere Faktoren, die zusammenkommen müssen, um das Verhalten auszulösen. Die wenigen, die sagen: es ist normal, werden ignoriert oder desavouiert.

    “Von diesen Fällen auf die gesamte Wissenschaft zu schließen, halte ich für falsch.”

    Wie gesagt, es geht auch hier nicht um die Fälle selbst, sondern darum, wie mit der Tatsache, dass man nicht mehr vorankommt, umgegangen wird: Nicht der Blickwinkel wird gewechselt, aus dem das Phänomen betrachtet wird, man deutet es einfach um.

    “Was das Human Brain Project anbelangt: Wenn das menschliche Gehirn so arbeitet, wie Sie das annehmen, dann wird man das früher oder später herausfinden—vorausgesetzt, es ist empirisch erforschbar. ”

    Es ist empirisch erforschbar, aber um herauszufinden, wie das Gehirn arbeitet, dafür braucht man die Kenntnis des Regelwerks. Derzeit geht man so vor, für jedes einzelne lokale Ereignis, das man untersucht, eine dazugehörige Regel zu finden, um es mathematisch zu beschreiben. Aus tausendundeiner lokalen Regel werden Sie aber nie ein Regelwerk basteln können.

    “Und es ist ja nicht so, dass auf dem Weg dorthin nichts Brauchbares gefunden würde, die gewonnenen Daten sind ja nicht wert- und nutzlos,”

    Das bestreite ich ja auch nicht. Aber Wissenschaft, das ist für mich das Streben nach Erkenntnis, das Wissenwollen um der Erkenntnis willen, und nicht primär der Nutzen, den man sich verspricht.

    “Und irgendwann wird man Ihr Modell brauchen, um die Daten erklären zu können. Ihre Enkelkinder könnten es noch erleben.”

    Ja, aber dazu muss ich es erst einmal veröffentlichen können.

  20. @Balanus Teil 2

    “In welcher Reihenfolge sind Sie denn zu Ihren Erkenntnissen gekommen? Hatten Sie zuerst das Regelwerk, und erkannten dann, dass es mentale Geschlechter geben muss, oder war es umgekehrt, sind Sie von den mentalen Geschlechtern auf die Existenz des kausalen Regelwerks gekommen. Oder lässt sich das rückblickend nicht so klar trennen?”

    Es lässt sich ganz klar trennen: Erst kam die Empirie: ich habe anhand des Kanizsa-Dreiecks http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/kanizsa-taeuschung/6386
    die Teilnehmer meiner Selbsthilfegruppe und meines Arbeitskreises gefragt, was sie auf den ersten und was, bei längerem Hinsehen sie auf den zweiten Blick sehen würden. Ich ging davon aus, dass ich die kreativen Antworten von den ADHS-Teilnehmern erhalten würde und sachliche Antworten von den anderen. Tatsächlich war es aber genau umgekehrt. Darauf, dass es zwei verschiedene Arten geben müsse kam ich erst, als ich nach drei Tagen vergeblicher Suche nach einer Erklärung der Antworten mich gefragt habe, warum ich auf diese Frage damals meine Antwort gegeben hatte: Alle ‚normal‘ Denkenden beantworten die Frage direkt, meinesgleichen – ich eingeschlossen – antwortete auf den Zweck, den wir der Frage unbewusst unterstellt hatten, bzw. sie fragten nach dem Zweck. Ergo: Normal Denkende brauchen die Kenntnis des Zwecks nicht, ihnen genügt die Kenntnis der Anfangsbedingungen. Dann las ich Dörners Bauplan für eine Seele, in dem er zwei Regeln beschrieb, von denen die eine vorschreibt, das Verhalten an den Anfangsbedingungen festzumachen, und die andere vorschreibt, dass Anfangsbedingungen und Ziel eins sind, und das Verhalten am Ziel bzw. Zweck festgemacht werden muss.

    “Ich habe ja nach wie vor den Verdacht, dass Sie einerseits anhand des Regelwerks zeigen wollen, wie das menschliche Gehirn arbeitet, andererseits aber erst auf Grundlage des Gehirns mit seinen beiden mentalen Geschlechtern darauf gekommen sind, wie das kausale Regelwerk beschaffen sein muss. ”

    Was heißt „Verdacht?“ Die Kenntnis einer Regel bzw. eines Regelwerks fällt einem doch nicht in den Schoß, man muss sie von etwas ableiten.
    Genau so war es ja auch. Das heißt, gekommen bin ich darauf durch einen Zufall, und dann habe ich erst einmal ein paar Tests durchgeführt, um sicher zu sein. Ich wäre nie aber darauf gekommen, dass ich für die Erklärung zweier Arten des Denkens eine Regel bzw. ein Regelwerk brauchen würde. Das wurde mir erst klar, nachdem a) Dörner mich nach_der_ Formel fragte, und b) Tim wissen wollte, woran ich denn festmache, was zwei mentale Geschlechter konstituiert. Anfangs habe ich auch nur von den beiden Regeln bzw. davon, dass es Varianten einer Regel sind, gesprochen. Erst als ich die sehr mühsam aus den Lehrbüchern bzw. Erkenntnissen und Theorien der Psychologen und den Neurowissenschaften über die Arbeitsweise des Gehirns extrahieren musste, merkte ich, dass ich mit nur einer Regel nicht hinkam. Aber wiedergefunden habe ich sie und ihre Variationen immer. Ich habe nie an der Regel selbst etwas ändern müssen.
    Das Problem war nur, dass ich ständig gefragt wurde, was das für eine Regel sei. Ich habe zwar einen Zusammenhang mit Kausalität gesehen, aber dass es sich um die Beschreibung von Kausalität als einem Regelwerk handelt, darauf bin ich erst durch die Bemerkung eines Mathematikers gekommen.

    “» . . . „Nicht nur Sie sind Ihrer Zeit voraus, auch Mausfeld und alle anderen Wissenschaftler […], die das ebenso sehen, müssen ihrer Zeit voraus sein. Denn sonst könnten sie das gar nicht beurteilen.“”
    »Warum sollten sie es nicht beurteilen könne? Sie beschäftigen sich doch mit diesem Thema. Also werden sie die Materie schon kennen.«
    Ich glaube, ich habe mich hier nicht klar ausgedrückt. Was ich sagen wollte, war: Wenn Wissenschaftler A einem Kollegen B bescheinigt, dass der mit seinen Erkenntnissen fünfzig 50 Jahre der Zeit voraus sei, dann muss A verstanden haben, um was es bei B geht, er muss auf den gleichen Erkenntnisstand gelangt sein wie B. Somit sind beide, A und B, mit Ihrem Wissen allen übrigen Kollegen um Jahre voraus.”

    Das ist ja der Gag: in diesem Fall sind im Prinzip alle auf demselben Erkenntnisstand. Das Wissen bzw. die Kenntnis der Materie haben alle Psychologen, nur eben in Form einer Vielzahl einzelner, voneinander unabhängiger Theorien. Alles, was ich gemacht habe, war, diese in den Rahmen des Regelwerks an der richtigen Stelle „einzupassen“ – danach war es keine große Kunst mehr, zu erkennen, wie die Dinge zusammengehören. Aber eben deshalb passt mein Ansatz nicht in die wissenschaftliche Landschaft – und bis die sich ändert, könnte es leicht noch fünfzig Jahre dauern.

    “Wenn die Erkenntnisse von B für die Forschung von A relevant sind, dann müsste sich das eigentlich in den Publikationen von A niederschlagen.”

    Es schlägt sich in allen Arbeiten nieder, die auf diesem Gebiet gemacht wurden. Das habe ich oben ja schon geschrieben, sonst hätte ich die Regeln ja gar nicht ableiten können. Schwierig war nur, sie aus den Beschreibungen abzuleiten, da die Erkenntnisse ja in einem ganz anderen theoretischen Zusammenhang erhoben worden sind.
    Da aber jeder Wissenschaftler sein bestimmtes Spezialgebiet hat und ich die einzelnen Erkenntnisse aus vielen dieser Spezialgebieten zusammengefasst und in den besagten Rahmen gesetzt habe ( weil ich zu dem Zeitpunkt schon eine Vorstellung davon hatte, wie dieser Rahmen aussieht), deshalb konnte ich sie in einen Zusammenhang bringen.
    Aber jeder Wissenschaftler schaut ja über sein eigenes Spezialgebiet hinaus auch auf die Arbeiten anderer Kollegen innerhalb seiner Disziplin, bzw. der angrenzenden Disziplinen. Daher kennt er die Arbeiten der anderen Kollegen ebenfalls. Weshalb Mausfeld ja auch sagte, nach den geltenden Regeln müsste ich jetzt sämtliche dieser Arbeiten, anhand derer ich mithilfe des Regelwerks gezeigt habe, wie das Gehirn arbeitet, noch einmal unter Laborbedingungen und mit eigener Aufgabenstellung wiederholen. Das ist nicht nur utopisch, ich müsste auch dann erst einmal das Regelwerk präsentieren, um darauf aufbauend zu zeigen, wie die nachfolgenden Replikationen der Untersuchungen da hineinpassen.

    Deshalb ist es für mich evident, dass man so, wie derzeit vorgegangen wird, indem man diverse Einzelheiten untersucht und mathematisch beschreibt, nicht zu einer einheitlichen Gehirntheorie kommen kann.

  21. @Trice

    Ich beschränke mich auf wenige Punkte:

    »Weshalb Mausfeld ja auch sagte, nach den geltenden Regeln müsste ich jetzt sämtliche dieser Arbeiten, anhand derer ich mithilfe des Regelwerks gezeigt habe, wie das Gehirn arbeitet, noch einmal unter Laborbedingungen und mit eigener Aufgabenstellung wiederholen.«

    Hm, also mir erscheint das nicht zwingend. Wenn Sie gezeigt haben, dass die vorliegenden Daten mit ihre Theorie vom kausalen Regelwerk und der Arbeitsweise des Gehirns vereinbar sind, dann sollte es eigentlich genügen, wenn in einer neuen Studie mit entsprechendem Design gezeigt werden kann, dass die bisherige Annahme von der, ich sag mal, mentalen Eingeschlechtlichkeit nicht zu halten ist und aufgegeben werden muss.

    »Es [das Gehirn] ist empirisch erforschbar, aber um herauszufinden, wie das Gehirn arbeitet, dafür braucht man die Kenntnis des Regelwerks.«

    Aber Sie haben im Grunde doch bereits herausgefunden, wie die beiden Gehirntypen arbeiten (nicht im Detail, aber vom Prinzip her). Und zwar ohne vorherige Kenntnis des Regelwerks, dieses Regelwerk ist, wenn ich es recht verstanden habe, ja erst im Zuge der Erkenntnis von den Arbeitsweisen der beiden Gehirntypen entstanden (es ist sehr gewöhnungsbedürftig, von zwei Varianten des menschlichen Gehirns zu schreiben).

    »Aber Wissenschaft, das ist für mich das Streben nach Erkenntnis, das Wissenwollen um der Erkenntnis willen, und nicht primär der Nutzen, den man sich verspricht.«

    So war es von mir gemeint, als ich sagte, die gewonnenen Daten (aus dem Human Brain Project) seien nicht wert- und nutzlos.

    Aber es gibt auch Bereiche, wo der reelle Nutzen wenn nicht primär, dann doch mindestens ebenso wichtig ist wie der ideelle (z. B. Pharmakologie, Medizin, Agrarwissenschaften, und, und, und…).

    »Aber zwei physische Geschlechter sind u.a. im Hinblick auf Vielfalt bei den Nachkommen das bessere Konzept – Ergänzung im Gegensatz.«

    Vielleicht ist das so, aber wirklich verstanden hat man das noch nicht (in der Mainstream-Wissenschaft), warum die Zweigeschlechtlichkeit evolviert ist, denn sie hat auch ihre Nachteile.

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