Technologische Allmachtsphantasien – Der „Silicon Valley Dream“

In den 1970er-Jahren gelang den Biologen ein bedeutender Durchbruch: Die Entdeckung so genannter Restriktionsenzyme versetzte sie in die Lage, „Gen-Transplantationen“ durchzuführen. Es war die Geburtsstunde der Gentechnik. Künstliche Gene produzierten bestimmte Proteine, mit denen sich dann entsprechende menschliche Krankheiten behandeln liessen. Mit dieser Form des „genetischen Engineering“ erregten die Biowissenschaften mit einem Schlag die Phantasie und das Interesse der Unternehmer. Ein Pionier dieser Entwicklung war Molekularbiologie Herbert Boyer. Dieser traf sich im Jahr 1976 mit dem Manager und Finanzinvestor Robert Swanson, um ihm seine Ergebnisse zu erläutern. Das Ergebnis dieser Unterhaltung: Beide gründeten zusammen ein Unternehmen, das die Forschungsergebnisse Boyers in konkrete medizinische Produkte umsetzen sollte. Südlich von San Francisco, dort, wo zeitgleich zahlreiche neue Computerfirmen entstanden, gründeten sie die Firma „Genentech“. Nur wenige Jahre später (1982) brachte Genentech mit Insulin das erste gentechnisch hergestellte Medikament auf den Markt. Swanson und Boyer verkauften im Jahr 1990 ihre Firma für 2,1 Milliarden US-Dollar an das Schweizer Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche. Damit war Boyer zum ersten Wissenschaftsmilliardär der Geschichte geworden.

Die meisten „Tech-Milliardäre“, wie sie heute heissen, wohnen in genau diesem Tal südlich von San Francisco, in dem Genentech entstand. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war diese Gegend hauptsächlich Farmland. Die Werbeslogans des „Valley of Heart’s Delight” bezogen sich auf Aprikosen und Pflaumen statt auf High Tech. 1971 betitelte der Journalist Don Hoefler von der „Electronic News“ das ca. 2.000 Quadratkilometer kleine Tal in einem Aufsatz als Silicon Valley, nachdem sich dort gerade die ersten Firmen der noch jungen Halbleiterindustrie angesiedelt hatten. Heute beheimatet es viele der grössten High-Tech-Firmen der Welt.

Bio-, Gen-, Ernährungs- oder Gesundheitstechnologien, Nano- oder Neurotechnologien, Künstliche Intelligenz, Robotik, Virtuelle Realität, soziale Medien, Automobil- und Verkehrstechnologien und natürlich digitale Technologien und das Internet – in allen diesen Bereichen ist das „Tal der unbegrenzten Möglichkeiten“, wie Silicon Valley auch euphorisch genannt wird, weltweit führend. In einer Mischung aus Wissenschaftszentrum, Attraktor für Hochbegabte, risikoaffinem Unternehmertum und renditehungrigen Investoren hat es das „Valley“ wie sonst keine Gegend der Welt zur Meisterschaft in Fragen der technologischen Machbarkeit geschafft.

Im Silicon Valley wird die zukünftige Technologie der Menschheit geschmiedet. Nirgendwo sonst werden Visionen schneller Realität als dort. Wo sonst als im Silicon Valley könnten wir also mehr über die Geisteshaltungen von Kreativen, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Wirtschaftsführern und Unternehmern erfahren, und damit auch über die technologische Gestaltung unserer Zukunft? Hier sieht man sich als globaler Motor des Fortschritts – und den Fortschritt für per se als gut. Für diese Visionen stehen Milliarden und Abermilliarden von Dollars zur Verfügung, die in ihrer angestrengten Suche nach attraktiven Renditen danach streben, schon die nächste „Eine Billionen-Dollar-Technologie“ auszumachen.

Einer der bedeutendsten Investoren und Firmengrüner im Silicon Valley ist Peter Thiel. Thiel bekennt sich offen zum Libertarismus, der wohl extremsten Version einer marktliberalen Haltung. Die Libertarismus-Bewegung setzt sich für die teilweise bis vollständige Abschaffung des Staates ein. Thiel selbst äusserte gar die Auffassung, dass Demokratie und das Frauenwahlrecht dem Land schaden, da sie dem Libertarismus und dem Durchmarsch des Kapitalismus im Weg stehen. Des Weiteren ist Thiel ein bekennender Transhumanist. Transhumanisten wollen durch Wissenschaft den Tod abschaffen, z.B. durch Einfrieren des Körpers, durch den Einsatz von Nanobots, die konstant Zellreparaturen in unserem Körper vornehmen, oder dadurch, dass wir den kompletten Inhalt unseres Gehirns auf eine Festplatte laden und dadurch digital weiterleben. Ihr letztendliches Ziel ist es, den Menschen durch Technologien höhere körperliche und kognitive Fähigkeiten zu verschaffen, bis hin zur Erschaffung eines ‚Supermenschen‘. Es überrascht nicht, dass Thiel auch befürwortet, dass Computer eine Form der starken künstlichen Intelligenz entwickeln sollen, die dem Menschen weit überlegen sein wird.

Vorreiter beider Ideen, eines Uploads unseres Gehirns auf eine Festplatte und der Singularitätsutopie einer „Supoer-Intelligent“, ist eine weitere schillernde Figur des Silicon Valley: Ray Kurzweil. Kurzweil gilt als einer der führenden, aber auch umstrittensten Futurologen. Interessant ist er aber insbesondere deshalb, weil er bei Google die Rolle eines technologischen Chefstrategen einnimmt und als  Hauptinitiator  von Googles Eintritt in die Biotechnologie angesehen werden kann.

Thiel und Kurzweil mögen uns exzentrisch erscheinen, aber sie haben grosse Macht. Kurzweil als Chefstratege bei Google und Thiel mit seinem Venture Capital Fonds „Founders Fund“ investieren signifikante Geldsummen in Firmen, die sich mit Biotechnologie, Robotik, digitalen Technologien und künstlicher Intelligenz beschäftigen. Einen weiteren grossen Teil seines Milliardenvermögens investiert Thiel in Organisationen wie „Humanity Plus“ (der weltweiten Vereinigung der Transhumanisten), dem von Kurzweil gegründeten „KI Think Tank“, seiner Manager-Ausbildungsstätte „Singularity University“, sowie dem „DeepMind Artificial Intelligence Project“ (mittlerweile ebenfalls Teil von Google). Ironischerweise investiert er auch in die Firma „Palantir“, die es staatlichen Behörden ermöglicht, grosse Datenmengen ihrer Bürger zu verarbeiten (er ist grösster Anteilhaber dieser Firma und sieht darin keinen Widerspruch zu seinen libertären Ansichten). Teile der von Thiel geförderten Institute stehen der neofaschistischen „Alt-Right“-Bewegung in den USA nahe. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, die Überlegenheit der weissen Rasse durchzusetzen. Auch wenn Thiel selber kein „Alt-Right“-Anhänger ist, so erkennt man, wie gefährlich Teile seines politischen Programms sind. Und seine Macht wächst: Thiel hat Donald Trump im Wahlkampf stark gefördert und besitzt nun grossen Einfluss im Team des US-Präsidenten.

Eine Allianz von Tech-Evangelisten aus Unternehmern, Politikern und Wissenschaftlern erschafft eine neue Welt. Wer in diesem Prozess jedoch aussen vorbleibt, sind wir, die Bürger. Und während all dies passiert diskutieren wir diesseits des Atlantiks noch in Arbeitsgruppen über die Implikationen der „Industrie 4.0“, ein Begriff, der von der deutschen Bunderegierung „erschaffen“ wurde (das Wort „industry 4.0“ ist in seiner englischsprachigen Entsprechung unbekannt).

Die High-Tech-Branche des Silicon Valley und Menschen wie Peter Thiel beweisen uns, dass es keine ökonomischen Schranken mehr gibt. Unser Leben droht innerhalb weniger Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahre umzustürzen, die Grenzen des Vorstellbaren werden dabei immer wieder überschritten. Doch kann der freie Markt diese technologischen Prozesse und Umstürze überhaupt noch geeignet steuern? Die Antwort ist: Nein. Reale marktwirtschaftliche Prozesse entsprechen leider nicht dem idealen Bild der ökonomischen Modelle, das Thiel und andere propagieren. Adam Smith und seine Jünger irren, wenn sie annehmen, dass freie Märkte automatisch zu optimalen Ergebnissen (z.B. zu Wohlstand für alle) führen. Was sie nicht auf dem Schirm haben, sind fünf Kräfte, die verhindern, dass das von den Ökonomen propagierte „marktwirtschaftliche Gleichgewicht“ sich als gesellschaftlich akzeptabler Zustand auch tatsächlich einstellt. Für die Beurteilung der Entwicklung zukünftiger Technologien ist es von grösster Bedeutung, diese Kräfte zu kennen und zu berücksichtigen.

  • Kognitive Verzerrungen: Neue Technologien sind immer auch verbunden mit partikularen Interessen, und – wie man im Fall Peter Thiel sieht – Ideologien.
  • Informationsasymmetrien: Sie öffnen Tür und Tor für Manipulationen. Dass Rauchen ungesund ist, wussten die meisten Menschen schon in den 1980er Jahren. Doch welcher Nicht-Fachmann (oder sogar Fachmann) kann heute schon die Implikationen von KI oder der Gen-Schere CRISPR genau einschätzen?
  • Externalitäten: Private Unternehmer und Investoren profitieren in unvorstellbaren Ausmassen von neuen Technologien und werden zu Multi-Milliardären, die Gesellschaft trägt die Risiken.
  • Rent Seeking: Staatliche Regulierungsbestrebungen (z.B. für einen persönlichen Datenschutz im Internet) werden durch entsprechendes Lobbying verhindert.
  • Ungleiche Allokation der Produktionsgüter: Diese geraten immer mehr in die Hände Weniger. Dies ist der Punkt, auf den sich die neuen Technologien besonders stark auswirken. Denn Technologien verändert auch die Wirtschaft. Die neue Wettbewerbsrealität der Plattform-Ökonomie im Internet heisst „The winner takes it all“ und erzeugt wirtschaftliche Machtkonzentration in einem bisher unbekannten Ausmass. Besitzt in den sozialen Medien (Facebook), bei der Internetsuche (Google) oder in der Bürosoftware (Microsoft) ein Unternehmen erst einmal eine Vormachtstellung, so wird diese schnell zu einem kaum mehr zu brechenden Monopol.

Es existiert immer eine Interessensdivergenz zwischen Unternehmen und Allgemeinheit. Sollen die Renditeaussichten der Technologie-Investoren oder die Ideologie der Transhumanisten wirklich über unserer aller Zukunft entscheiden? Schon werden statt als Resultat eines demokratischen Prozesses von Konzerne die Prinzipien entworfen, nach denen unsere Gesellschaft funktionieren soll, wenn Facebook es seine Mission nennt, „die soziale Infrastruktur zu entwickeln, die den Menschen die Macht gibt, eine globale Gemeinschaft zu bauen, die für uns alle funktioniert.“

Wir sind dabei den Bock zum Gärtner zu machen.

Veröffentlicht von

www.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

19 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was Peter Thiel, Ray Kurzweil und die Big Five (FAAMG) wollen ist doch keine Befehlsausgabe,sondern es sind nur Ambitionen. Ambitionen, die schon heute am deutschen und europäischen Gesetzgeber scheitern oder in ihre Schranken gewiesen werden.
    Genau gleich in China, nur vielleicht mit umgekehrten Vorzeichen: Während in Europa der Gesetztgeber den Schutz der Privatsphäre fordert, ist es in China genau umgekehrt. Der chinesische Staat verlangt dort die Aufhebung der Privatsphäre und die Herausgabe der persönlichen Daten an den chinesichen Staat.

    Wir fallen nicht mehr zurück in die Zeiten des ungezügelten Kapitalismus – diese Gefahr besteht nun wirklich nicht.
    Unbestritten ist aber, dass die neuen Technologien potenziell einen unheimlichen Machtzuwachs bedeuten. Und klar, gibt es viele ganz unterschiedliche Akteuere, die diesen Matchzuwachs nutzen wollen.

    In China beispielsweise ist es jetzt schon absolut klar, dass der chinesiche Staat und die kommunistische Partei die Kontrolle über die neuen Technologien in den Händen halten wird. Firmen wie Facebook, Google, etc, werden nur zu den Bedingungen, die die chinesiche Regierung aufstellt, überhaupt in China operieren können.
    Gerade las ich an verschiedenen Stellen, auch im Zusammenhang mit dem jüngsten Afrika-Kongress der chinesichen Regierung, dass die Realisierung der diversen von China geplanten Seidenstrassen (One Road One Belt,OBOR), auch bedeutet, dass die chinesiche Überwachungstechnologie und die chinesische Form des Autoritarismus sich über die ganze Welt oder mindestens über das ganze OBOR-Territorium (also auch Afrika) verbreiten wird. Künstliche Intelligenz und Kommunikationstechnologie wird also im OBOR-Territorium den dortigen Machthabern dienen (die Chinesen mischen sich ja nicht in die Politik ein, sie helfen nur).

    In den USA und Europa mit ihren Marktwirtschaften dagegen wird einiges der mit den neuen Technologien verbundenen Macht tatsächlich bei den grossen (und kleinen?) Firmen landen. Doch auch in den USA und in Europa ist der Staat nicht inexistent. Mit Gewissheit werden die westlichen Geheimdienste die Technologien in Anspruch nehmen und es ist nicht einmal abwegig anzunehmen, dass auch westliche staatliche Geheimdienste von Firmen verlangen Hintertüren in ihre Produkte einzubauen.

    Man sieht also: Das in Deutschland so populäre Schreckgespenst des ungezügelten Kapitalismus mit seinen rücksichtslosen, ausbeuterischen Grossfirmen verblasst geradezu gegen die Realität der zunehmenden staatlichen Macht, die keine Sekunde zögert, die neuen Technologien für die bessere Kontrolle ihrer Bürger zu nutzen.

  2. Zitat: Besitzt in den sozialen Medien (Facebook), bei der Internetsuche (Google) oder in der Bürosoftware (Microsoft) ein Unternehmen erst einmal eine Vormachtstellung, so wird diese schnell zu einem kaum mehr zu brechenden Monopol.
    Das scheint tatsächlich so. Doch es ist mindestens in den USA nichts neues. Die beherrschende Stellung früherer Unternehmen wie AT&T wurde in den USA durch Antimonopolgesetze gebrochen und das mit grossem Erfolg: Von der früheren AT&T ist fast nichts mehr übriggeblieben.
    Tatsächlich wundern sich einige, dass die Antimonopolgesetze der USA nicht auch auf google, Facebook, Amazon und andere angewendet wurden oder werden. Es gibt nur eine überzeugende Antwort darauf: Die US-Regierung schon unter Obama und jetzt unter Trump hält sich bewusst zurück. Sie will die gerade erst entstanden neuen grossen Firmen nicht oder noch nicht zerlegen.

  3. Präziser und treffsicherer Artikel.
    Der Aspekt mit dem Frauenwahlrecht sollte nicht unterschätzt werden, er zeigt die ultrareaktionäre Haltung, die letztendlich hinter der scheinbar ultramodernen Technik-Fassade lauert.
    Die wird nicht folgenlos bleiben, man kann auf Dauer nicht am technischen Fortschritt arbeiten, wenn man gedanklich in der Steinzeit verweilt.
    Auch die transhumanen Vorstellungen muß man jetzt nicht völlig von der Hand weisen, aber da steckt schon viel drin, was sich doch sehr esoterisch anhört. Und da wir hier von einflußreichen Personen reden, ist auch dieses einer der Gründe, warum Verschwörungstheorien Konjunktur haben, bei solchen Vorbildern.

  4. Der nützliche Nebeneffekt des Transhumanismus ist eine bessere Molekularbiologie, die ein längeres und gesünderes Leben ermöglicht.
    Bevor noch jemand schreiben kann: “Nur für die Reichen.”
    Nur zum Beispiel: Autos und Computer gab es am Anfang auch nur für die Reichen.
    Massenprodukte werden durch die vollautomatische Serienproduktion immer billiger.
    Das gilt auch für die Synergie zwischen Mikroelektronik, Nanotechnologie und Molekularbiologie, die zum Beispiel die schnelle und billige Analyse von Makromolekülen ermöglicht, was für die personalisierte Medizin nützlich ist.

  5. Peter Thiel ist auch im Silicon Valley ein Aussenseiter und er ist wohl die einzige Silicon Valley Figur, die sich sogar hinter Trump gestellt hat. Verschroben, vielleicht auch abgehoben sind aber viele dort, selbst Leute, die zuerst gut rüberkommen. Ein gutes Beispiel dafür ist Elon Musk, dem von seinen engsten Bekannten – noch positiv dargestellt – ein überbordendes Selbstvertrauen zugeschrieben wird, der aber negativ gesehen, an seine Ideen derart stark glaubt, dass er Ungläubige aufs schwerste beleidigen kann wie im Falle des thailändischen Höhlendramas geschehen, wo er einen Taucher, der seine Lösung nicht einsetzen wollte als Pädophilen beschimpfte.

  6. Ja, im Silicon-Valley wird die Welt total neu gedacht. Und ein grosser Teil der Restwelt glaubt den überlebensgross gesehenen Valley-Figuren, lebt in der Welt, die mit ihren Produkten entsteht. Und ja, viele Umbrüche und neue Lebensweisen und -Stile sind technologiegetrieben. Internet, Mobilfunk und soziale Medien haben mehr verändert als viele grossen Theorien und neue technologisch/wissenschaftliche Entwicklungen wie das Anhalten des Alterungsprozesses oder ein noch höheres Lebensalter (George M.Church soll Mäusen bereits das doppelte Lebensalter gegeben haben) werden es noch weit mehr verändern. Es lässt sich unschwer ein Erlösungsversprechen ablesen aus dem was von den Silicon-Valley-Technologien und den Versprechungen der Silicon-Valley-Figuren kommt. Es ist eine diesseitige Eschatologie entstanden (Zitat Wikipedia): Eschatologie [ɛsça-] (aus altgriechisch τὰ ἔσχατα ta és-chata ‚die äußersten Dinge‘, ‚die letzten Dinge‘ und λόγος lógos ‚Lehre‘) ist ein theologischer Begriff, der die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen (individuelle Eschatologie) und der gesamten Schöpfung (universale Eschatologie) beschreibt. Man versteht darunter auch die Lehre von den sogenannten letzten Dingen und damit verbunden die „Lehre vom Anbruch einer neuen Welt“.
    Und ja, eine sich im baldigen hier&jetzt erfüllende Eschatologie muss diesseitig und damit technologisch/wissenschaftlich basiert sein.
    Nur vergessen viele darob, dass trotz „erlösenden“ Technologien, der Mensch ein biologisches Wesen bleibt. Das bedeutet unter anderem,dass der Mensch nach Autonomie strebt aber zugleich immer eingebunden ist in eine Gesellschaft und Umwelt. Wenn sich die Kräfteverhältnisse aber grundlegend ändern und beispielsweise einzelne Individuen übermächtig werden, dann entstehen neue Gefahren – Gefahren auf die die Menschheit nicht vorbereitet ist und die unberechenbar sind.Die diesseitige Erlösung kann damit im schlimmsten Fall zur Erlösung vom Diesseits führen.

  7. Fortschritt verlangt nach weiterem Fortschritt oder aber er frisst seine Kinder wie die Revolution ihre eigenen Kinder frisst.
    Wenn im Jahr 2100 10% der Menschen älter als 100 Jahre alt sind und die Weltbevölkerung 12 Milliarden erreicht um voraussehbar im Jahr 2200 24 Milliarden zu erreichen dann stellen sich viele Fragen:
    Werden die über 100-jährigen in dieser Zukunftswelt noch arbeiten? Oder werden im Jahr 2100 nur noch die Workaholics arbeiten weil es keine bezahlten Arbeiten mehr gibt und braucht? Und woher nehmen wir die Lebensmittel und den Platz für 12 und später 24 Milliarden Menschen. Kommt Nahrung dann aus dem Reaktor oder von der Biofarm? Oder ist die Biofarm im Jahr 2100 nichts anderes als ein Hologramm hinter dem sich der Bioreaktor verbirgt? Und was wird mit der Umwelt, wie entwickelt sich der Klimawandel und wird es mehr, weniger oder überhaupt keine fossilen Rohstoffe mehr brauchen? Werden die Alten gegen die Jungen rebellieren? Werden die über 100- jährigen , die aussehen wie 20 jährige mit den biologisch 20 jährigen um ihre Lebens- und Heiratspartner konkurrieren? Werden die dann 100-jährigen hinter den Kamagnen stehen, die verlangen, dass man alle Menschen sterilisiert? Das wird im 22. Jahrhundert vielleicht die grosse politische Frage sein und ein Skandal könnte dann sein, dass der 50-jährige, der die Kampagne anführt als 150-jähriger entlarvt wird, der selbst schon 150 leibliche Kinder und 1 Million indirekte Nachkommen hat.
    Und so weiter und so fort? Man sieht: Im Jahr 2100 einer Zukunftswelt wie oben skizziert wir kein noch so kluger Politologe auf die Idee kommen noch einmal ein Buch mit dem Titel “Das Ende der Geschichte” schreiben, denn ein derartiges Jahr 2100 wird mehr Konfliktpotenzial bieten als unsere gegenwärtige Zeit. Nur müssen und dürfen die Konflikte dann nicht mehr militärisch ausgetragen werden und vielleicht sieht ja dann die Lösung vieler Konflikte so aus, dass man die physische Welt verlässt und in der virtuellen Welt einer Computersimulation weiterlebt, hat doch die virtuelle Welt unendlich viel Ressourcen (mindestens so lange wie der Strom fliesst), die wirkliche aber nur begrenzte.

  8. Der Aspekt mit dem Frauenwahlrecht ist noch aus einem anderen Grund interessant, zunächst klingt das wie die singuläre Spinnerei eines Hardcore-Neoliberalen, wie kommt man überhaupt auf so etwas?
    Wenn der Libertarismus die Extremvariante des NL ist, müßte auch diese frauenfeindliche Haltung die Extremform einer Haltung sein, die auch im durchschnittlichen NL zu finden ist, dort dann in abgeschwächter Form.
    Auf den ersten Blick absurd, hat sich der NL doch erfolgreich das Mäntelchen der Frauenfreundlichkeit umgehängt.
    Nur will das nicht so recht zur Realität passen, zumal der Elite-Feminismus von heute lediglich auf Seiten privilegierter Frauen steht, und anderen Frauen nicht nur gleichgültig gegenübersteht, sondern ihnen zum Teil massiv schadet.
    Darüberhinaus war offene Frauenfeindlichkeit früher nicht gerade selten und konnte auch gezeigt werden, im Gegensatz zu heute, wo dies nicht mehr möglich ist.
    Einiges davon hat sich auch tatsächlich abgebaut, aber gleich die gesamte?
    Das ist wenig realistisch, so schnell geht das nicht, also haben sich die verbliebenen Frauenfeinde wohl ein neues Feld gesucht, und da kommt nur eines in Frage, die neoliberale Idenditätspolitik.
    Die bietet die Möglichkeit, sich hinter der Maske des Guten zu verstecken und den lautstarken Frauenfreund zu geben, zur Verschleierung der eigentlichen Haltung, primär wegen der Möglichkeit, Karriere zu machen mit einer Haltung, die die Karriere eigentlich verunmöglichen würde.
    So betrachtet ist die frauenfeindliche Haltung aus dem Libertarismus weder singulär noch dem Neoliberalismus wesensfremd.
    Vielmehr ist sie systemimmanent und zwangsläufig, nur sind die meisten Neoliberalen schlau genug, das nicht offen zuzugeben…

  9. Eine Zusatzfrage wäre:
    Warum sind die Männer häufiger als die Frauen für den Transhumanismus?
    Ähnlich verhält es sich auch bei den MINT-Fächern.
    Natürlich benötigt man die MINT-Fächer und ein wenig Science-Fiction-Phantasie zum Entwerfen des Transhumanismus.

  10. @DH (Zitat): So betrachtet ist die frauenfeindliche Haltung aus dem Libertarismus weder singulär noch dem Neoliberalismus wesensfremd.
    Peter Thiel als Homosexueller, Libertarier und Frauenfeind ist doch nicht der Prototyp des Libertären. Um einen Vergleich zu machen: Thilo Sarrazin ist ein Sozialdemokrat, aber daraus kann man nicht schlussfolgern, was Sarazin sagt und schreibt sei repräsentativ für die Sozialdemokratie.
    Allerdings gibt es relativ wenig Frauen in der Libertäten Bewegung – auch wenn Frauen wie Aynd Rand den Libertarianismus stark beeinflusst haben. Pamela J. Hobarts Artikel Why Aren’t More Women Libertarians? geht auf diese Frage ein.
    Unter anderem findet sie folgenden Grund: men have evolved to bear traits that go to further extremes than women. Oder auf deutsch: Männer glauben stärker als Frauen an auch extreme Ideen, wenn diese Ideen nur genügend logisch daherkommen. Und klar ist Libertarismus eine Form von theorielastigem Extremismus.
    Auch einige konkret extremen Ideen wie totales Recht des Individuums auf Abtreibung oder Drogenkonsum werde von vielen Frauen in Frage gestellt (Zitat): Einige Frauen (einschließlich Mütter) lehnen wirklich die Arten von reproduktiven Freiheiten ab, die Libertarier tendenziell unterstützen, einschließlich der Gesetze zur Abtreibung und der Entkriminalisierung von Verhaltensweisen (z.B. Drogenkonsum), die für schwangere Frauen als riskant empfunden werden.

    Im Kern bedeutet Libertarismus die Negierung des Staates,denn der Staat schränkt die Freiheit ein und diese stehe über allem. Das ist eine extreme und auch nie realisierte Idee. Es gibt tatsächlich wohl weniger Frauen die in solche Ideen verliebt sind als Männer, denn Verliebsein in Ideen ist wohl tatsächlich etwas typisch männliches.

  11. Thiel hat Donald Trump im Wahlkampf stark gefördert und besitzt nun grossen Einfluss im Team des US-Präsidenten.

    Gerne mal zu belegen suchen, denn diese Aussage schätzt Dr. Webbaer als falsch ein.

    Donald J. Trump ist ja alles andere als ein Libertärer, der gar Richtung Anarchokapitalismus (das an dieser Stelle einzuführende Fachwort) geht.
    Sondern unser Mann kann auch sozialdemokratisch, gar protektionistisch (internationale Handelsverträge sind gemeint, die er neu aushandelt) und Arbeitnehmer-gebunden.
    Alles schön nationalstaatlich, gar im Sinne von “America first!”

    Peter Thiel findet halt Donald J. Trump gut, weil der sagt, was er meint, dem Kollektivismus, auch dem theozentrischen, entgegensteht und verständig erscheint.
    So jedenfalls die Einschätzung Ihres Langzeit-Kommentatorenfreundes, Herr Jaeger (ohne deutsche Umlaute).

    I.p. Stärke der Märkte, auch im optimierenden Sinne, vgl. mit ‘dass freie Märkte automatisch zu optimalen Ergebnissen (z.B. zu Wohlstand für alle) führen’, wird hier gegengeredet : Die Märkte erzeugen Gleichgewichte, die wünschenswert sind, sie optimieren.

    Korrekt bleibt allerdings ebenfalls, dass im Rahmen, ein weiteres Fachwort, der Nationalstaat hier eingreifen darf, im Sinne des Wahlvolks, im ursprünglichen (und nicht mittlerweile tagespolitisch sozusagen verdorbenen) Sinne des Keynesianismus. [1]
    Aus liberaler, aus neo- oder vielleicht besser ordoliberaler Sicht.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Heutzutage kommt es im politischen Tagesgeschäft, Mandatsträger wollen ja wiedergewählt werden, hier sozusagen zu keynesianistischen Missbrauch.

  12. @ Kommentatorenkollege Herr Holzherr :

    Wir fallen nicht mehr zurück in die Zeiten des ungezügelten Kapitalismus – diese Gefahr besteht nun wirklich nicht.

    Nun ist ja der sog. Kapitalismus die Sicht der Kollektivisten mit besonderem internationalem Anspruch (aber auch die Sicht der Kollektivisten mit besonderem nationalem (!) Anspruch), gemeint ist sicherlich die Marktwirtschaft oder das liberale Gesellschaftssystem, die liberale Demokratie, die von beiden kollektivistischen Seiten oft lieblos als ‘Kapitalismus’ bezeichnet wird.
    Dr. Webbaer schreibt gerne von aufklärerischen Gesellschaftssystemen.

    Was allerdings stark einwirkt auf Nationalstaaten, sind die Interessen globaler, globalistischer Groß-Unternehmen.
    Hier besteht eine große Gefahr, nämlich die des Machtmissbrauchs.
    Dr. Webbaer könnte hierzu einiges schreiben, überlässt dies abär gerne dem werten hiesigen Inhaltegeber.

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

  13. Bonuskommentar hierzu :

    “In Zeiten wie diesen”, hebt Zuckerberg an, “ist die wichtigste Sache, die wir bei Facebook tun können, eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, um den Menschen die Macht zu geben, eine globale Gemeinschaft zu bauen, die für uns alle funktioniert.” Nachdem es sich Facebook zum Ziel gesetzt habe, “Freunde und Familien” zu vernetzen, sei es jetzt an der Zeit, eine “sichere, informierte, gesellschaftlich engagierte und inklusive Community” zu errichten. [Quelle]

    Nun weiß natürlich der Schreiber dieser Zeilen nicht, was “Zuck” wirklich gesagt hat, denn Quellenarbeit, auch die englische Sprache meinend, will Dr. Webbaer an dieser Stelle nicht versuchen.

    Allerdings, allerdings, weist der Schreiber dieser Zeilen auf die Gefährlichkeit des Internationalismus hin, die Staaten auflösend ist und Imperien (!) gebären könnte.
    Imperien sind schlecht, gelten als schlecht, dies könnte nicht nur Nationalisten mit besonderem Herrschaftsanspruch klar sein.
    Es gilt i.p. Nationalismus, der nicht per se schlecht ist, und Internationalismus, der nicht per se schlecht ist, einen Mittelweg zu finden.

    “Zuck” ist im Politischen, wie Dr. Webbaer findet, nicht so der Bringer.

    Mini-Anekdote :
    Dr. W unterhielt sich vor vielen Jahren mal intensiver mit sog. Trekkies, deren Leitbild, eben ähnlich wie bei ‘Star Trek’ ein Globalstaat war, der dann mit anderer Zivilisation, sozusagen mit human geballter Kraft, zu verhandeln weiß.
    Diese Idee ist falsch und killt sozusagen die Kompetivität des hier gemeinten Primaten (vs. Bären), denn Vereinheitlichung bedeutet Stagnation.
    Andere Zivilisationen würden insofern, wenn sie verständig und bewährt sind, womöglich auch eher aufgrunzen (oder was die Aliens so tun, um Belustigung auszudrücken), wenn sie von einem terrestrischen Globalstaat hören, vielleicht sogar ein wenig, ein ganz klein wenig, an die Borg denken.

  14. @Martin Holzherr
    Bei Sarrazin würde ich widersprechen, der ist durchaus ein folgerichtiger Vertreter der Sozialdemokratie.
    Nicht der gesamten, aber eines (teils ultra-)reaktionären Milieus, das in der Sozialdemokratie weit verbreitet ist, v.a. in Süddeutschland.
    Dennoch habe ich mich ein wenig holprig ausgedrückt und den Eindruck vermittelt, daß Frauenfeindlichkeit ein spezifisches Merkmal des NL sei.
    Worauf ich tatsächlich raus will, ist, daß der NL- unter anderem- auch klassischen Reaktionären einen breiten Platz in seiner Denkweise gibt, bei gleichzeitiger Vorgabe einer modern scheinenden Oberfläche.
    Die Einschließung des klassisch Reaktionären beinhaltet dabei alle möglichen reaktionären Denkmuster, insbesondere diejenigen, die sich nicht mehr offen zeigen können.
    Frauenfeindlichkeit ist dabei nur eines von mehreren reaktionären Denkmustern, Ähnliches gibt es z.B. auch in Bezug auf das Thema der Migration. Und natürlich ganz besonders im Bereich der Wirtschafts-und Sozialpolitik, die ebenfalls an vielen Stellen ziemlich rückständig daherkommt.
    Frauenfeindlichkeit ist also nicht spezifisch neoliberal, findet aber ein Stück weit ihren Weg in den NL, auf dem Umweg über das reaktionäre Denken, als eines von vielen reaktionären Denkmustern.
    Wenn dann einzelne Extremisten besonders harte Thesen vertreten, beschreibt das, soweit stimme ich zu, keineswegs den gesamten NL, kommt aber auch nicht völlig aus dem Nichts.

  15. Stagnation, Herr Bednarik, ist kein wünschenswerter Zustand, insofern kann sie nicht als wünschenswerter Zustand erreicht werden.
    Ja, der Schreibär dieser Zeilen kennt bestimmte kulturmarxistische Sicht, die den Zustand des allgemeinen Glücks, unter Ausschluss der dann noch nicht Glücklichen, erreichen will, als Narrativ zuvörderst, im utopisch-kollektivistischen Sinne; es sind gerade die (nur) Gutmeinenden, die den Verständigen am schlechtesten gegenreden können.
    Wer (ver)mag bspw. sich einer Frau Claudia Roth, die den “Kulturmarxismus” zu leben scheint, ehrlich zu sein scheint, auch weil sie ihn nicht versteht, entgegenzusetzen?

    MFG
    Dr. Webbaer

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