Supermacht Wissenschaft – Wer gestaltet eigentlich unsere technologischen Zukunft?

Die aktuelle Entwicklung in der Biotechnologie (rund um die Geneditier-Technologie CRISPR) führt uns erneut vor Augen: Aus dem Wunsch der Wissenschaftler, die Welt zu verstehen, ist längst der Wille des Menschen nach ihrer Gestaltung nach seinem eigenen Willen geworden. Immer neue Innovationen führen uns in Dimensionen von Möglichkeitsräumen, die nur wenige Jahre zuvor noch unvorstellbar erschienen. Und dies geschieht immer schneller. War das Leben 1993 so viel anders als 1970? Doch was hat die Gegenwart im Jahr 2017 noch mit 1993 gemein? Es müssen keine hundert Jahre mehr vergehen, bis sich unser Alltag so verändert hat, dass er kaum mehr wiederzuerkennen ist.

In seinem berühmtem Roman Brave New World von 1932 beschreibt Aldous Huxley das unheimliche Zukunftsszenario einer Gesellschaft, die aus zahlreichen genetischen Kasten besteht. Es gibt heute kaum einen Artikel in den Medien über CRISPR, der keinen Bezug auf Huxleys Dystopie nimmt. Denn CRISPR lässt dieses Szenario auf einmal sehr viel realistischer erscheinen. Was dabei vergessen wird: Huxley Roman spielt im Jahr 2540! So lange wird es sicher nicht brauchen, bis Geneditierung und damit Szenarien wie von Huxley beschrieben Wirklichkeit werden.

Der Fortschritt ist sogar so rasend schnell geworden, dass wir die Zukunft bereits eingeholt haben. Um uns herum machen Wissenschaftler unglaublichste Technologien möglich, und wir befinden uns wie in einer Blase, in der wir noch der alten Zeit verhaftet sind und Mühe haben, die Neuerungen überhaupt wahrzunehmen, bevor sie sich allzu deutlich vor unseren Augen abzeichnen (und dann reiben wir uns erstaunt die Augen und fragen, wie das denn alles möglich ist), geschweige denn zu verstehen, was sie bedeuten und wie sie unsere Gesellschaften verändern werden. Dabei ist CRIPSR mit seinen Möglichkeiten des präzisen, schnellen und kostengünstigen Eingriff in unser Genom (und dass aller Tiere und Pflanzen) und den damit verbundenen Hoffnungen (z.B. in der Medizin oder Landwirtschaft) einerseits und den mit ihr verbundenen Gefahren (Menschenzucht) andererseits nur eine von zahlreichen Schlüsseltechnologien, die unser Leben schon in wenigen Jahren fundamental prägen werden. Wer weiß schon, dass bereits heute …

  • … so genannte Nano-Maschinen gebaut werden, die nur wenige Moleküle groß sind, und Nanobots, Roboter so groß wie Viren, in lebenden Organismen eingesetzt werden, um dort beispielsweise Krebszellen bekämpfen zu können.
  • … so genannte Quantencomputer gebaut werden, die Geheimdienste und die Arzneientwicklung ebenso revolutionieren werden wie das Finanzwesen und viele andere Bereiche unserer Wirtschaft.
  • … unser Gehirn mit Computer verbunden werden kann, was Querschnittsgelähmte wieder gehen und Roboter allein mit Hilfe unserer Gedanken steuerbar werden lässt.
  • … Menschen sich mit Hilfe von neuen Neuro- und Bewusstseinstechnologien in Maschinen verkörpern können – und dabei das Gefühl haben, sie seien selbst die Maschine.
  • … im Tierversuch Gehirne zusammengeschaltet werden, so dass sie wie ein einziges Gehirn agieren.
  • … Erinnerungen in tierische Gehirne transferiert werden.
  • … Krebs und HIV mit ganz neuen gentechnischen Methoden behandelt werden und vielleicht schon bald besiegt werden können.
  • …CRISPR/Cas9 potentiell gezielt Augenfarbe, Körpergröße oder sogar Intelligenz manipulieren kann. Wissenschaftler sprechen schon von der Möglichkeit von „CRISPR-Babys“.
  • … Künstliche Intelligenz unserem kognitiven System unterdessen nicht nur in rechnerischen, sondern auch schon in intuitiven Fähigkeiten überlegen ist.
  • … Big Data Algorithmen kombiniert mit künstlicher Intelligenz Krankheiten vorhersagen können, bevor der Betroffene selbst davon weiß.
  • … Biologen bereits Bakterien mit zu 100 Prozent künstlichen Genen hergestellt haben.
  • … der aus Douglas Adams’ Roman Per Anhalter durch die Galaxis bekannte „Babelfisch“, der simultan fremde Sprachen in die Sprache des Trägers übersetzt, in ersten Einsätzen erfolgreich erprobt wird.
  • … Fleisch in 3D-Druckern ausgedruckt wird

Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Die Liste der Schlüsseltechnologien, die unser Leben massiv beeinflussen werden, ist länger, faszinierender und oft auch beängstigender als je zuvor.

Blicken wir auf die auf die Wissenschaftsgeschichte der letzten 400 Jahre zurück, so erkennen wird, dass neue Technologien schon immer mit Ambivalenzen verbunden waren. Neben Computern, Laser und moderner medizinischer Diagnostik brachte uns die Quantenphysik auch die Atombombe. Das Internet kommt sowohl mit aufregenden neuen Möglichkeiten des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Austauschs als auch mit ganz neuen Möglichkeiten der persönlichen Überwachung und Eingriffen in unsere Privatsphäre. Und vom modernen Hunger nach Energie führt ein direkter Weg zum Klimawandel. Wir verdanken unseren Wohlstand und den Komfort unserer modernen Lebensqualität maßgeblich dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. Gleichzeitig konfrontiert uns dieser mit existentiellen Problemen: Umweltzerstörung, Klimaveränderungen, Überbevölkerung, Nahrungsengpässe, Wirtschaftskrisen und nukleare Bedrohung, um nur die offensichtlichsten zu nennen. Fast noch erschreckender sind die Veränderungen, die sich abseits unserer Wahrnehmung abspielen. Dazu gehört die Gefahr, dass wir unser Selbstverständnis und damit das Wesen des Menschen selbst grundlegend verändern. Und wir haben keine Ahnung, was uns dann erwartet.

Doch wer oder was gestaltet eigentlich den technologischen Fortschritt? Derselbe Blick in die Vergangenheit zeigt uns auch, dass sich der technologische Fortschritt bisher zumeist selber gesteuert hat. Dabei folgt der Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Technologien weitestgehend einer entweder militärischen oder kapitalistischen Verwertungslogik. Mit der dramatischen Beschleunigung des technologischen Fortschrittes und seiner Entwicklung an derart vielen Fronten zugleich scheint es unwahrscheinlich, dass sich dies ändern wird. Im Gegenteil: Das Reaktionsvermögen der gesellschaftlichen Entscheidungsträger – auch in Anbetracht eines bei ihnen ohnehin schwach entwickelten Bewusstseins für den Entwicklungsstand der Wissenschaften – ist bedeutend zu langsam, um in die sich immer weiter beschleunigende Dynamik des technologischen Wandels steuernd einzugreifen.

Doch auch wenn CRISPR  den Biologen und Gen-Ingenieuren (und Finanzinvestoren dahinter) all ihre Wünsche zu erfüllen verspricht, wirft eine Technologie, die das Wesen den Menschen verändern kann oder potentiell ganze Spezies verändern und ausrotten kann, auch wenn dies zunächst Krankheitserreger sind, ganz neue ethische Fragen auf, die Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger erst beginnen zu verstehen. Können wir wirklich wollen, dass Eltern über Eigenschaften ihres Nachwuchses bestimmen? Was würde es bedeuten, wenn gentechnisch optimierte Menschen denjenigen, die ihren Gen-Mix nach dem Millionen Jahre alten „Zufallsverfahren“ der genetischen Rekombination der elterlichen Gene erhalten haben, hinsichtlich kognitiver oder körperlicher Fähigkeiten deutlich überlegen sind? Und was passiert, wenn uns eine künstliche Intelligenz nicht mehr nur in einigen kognitiven Bereichen, sondern in allen Domänen überlegen ist.

Können wir hoffen, dass der Mechanismus des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs den technologischen Fortschritt so steuert, wie es für uns am besten ist? Wollen wir also die Pharma- und Gentechnikfirmen über den Einsatz von CRISPR entscheiden lassen, oder Google über die Entwicklung einer höheren künstlichen Intelligenz oder Facebook über die Normen des persönlichen Datenschutzes? Wir würden den Bock zum Gärtner machen. Die Aussichten auf Milliarden-Geschäfte konstituieren Interessenkonflikte, die kaum zu bewältigen sind. Die kapitalistische Verwertungslogik ist eine gewaltige Kraft in unserer heutigen Welt, die zumeist jeglicher Differenzierung und ethischer Reflexion bei der Entwicklung und dem wohlüberlegten Einsatz neuer Technologien entgegenwirkt. Wenn es ein schlimmer Gedanke ist, dass wir durch CRISPR unsere genetische Zukunft kontrollieren könnten, dann sollten wir uns vielleicht mal überlegen, was es bedeuten würde, diese Macht zu besitzen und sie nicht mehr kontrollieren zu können. Das wäre dann wirklich unheimlich, nahezu undenkbar.

Für die Beurteilung der Entwicklung zukünftiger Technologien ist es von größter Bedeutung, die Kräfte zu kennen und zu benennen, die freie Märkte davon abhält, zu besten Entscheidungen zu kommen:

  • Externalitäten: Die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Person (oder eines Unternehmens) können sich auf andere (ggfs. alle anderen) Menschen oder Gruppen auswirken, ohne dass die handelnde Person die vollen Kosten dafür trägt. Beste Beispiel für Externalitäten sind öffentliche Güter, die keinen Marktpreis haben, wie ökologische Ressourcen oder die allgemeine Gesundheit. Umwelt zu verpesten kostet auch heute noch wenig bis nichts, der klimaschädliche Ausstoß von CO2 ist nach wie vor nicht mit größeren Kosten für die Produzenten verbunden, das Sicherheitsrisiko bei der Kernkraftnutzung oder beim Erdgas-Fracking trägt weitestgehend die Allgemeinheit, und die massive Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft führt zwar zu höheren Erträgen bei den Agrarunternehmen, lässt aber resistente Keime zu einen globalen Gesundheitsrisiko werden.
  • „Rent seeking“: Oft gelingt es mächtigen Gruppierungen, die politischen und ökonomischen Regeln zu ihrem eignen Vorteile zu verändern (oder zu belassen). Solches Streben nach staatlich garantierten Vorteilen, ohne dass damit der gesamte gesellschaftliche Wohlstand vermehrt wird und oft gar vermindert, heißt bei den Ökonomen „rent seeking“.
  • Informationsasymmetrien: Bereits 1970 zeigte Ökonom Georg Akerlof in seinem Aufsatz The Market for Lemons („Der Markt für Zitronen“), dass freie Märkte nicht optimal funktionieren können, wenn Käufer und Verkäufer nicht den gleichen Zugang zu Informationen haben. In vielen Märkten unseres alltäglichen Lebens besteht eine solche Asymmetrie: im Arbeitsmarkt, dem Markt für Finanzprodukte, dem Markt für Gesundheitsgüter und Nahrungsmittel, dem Energiemarkt, sowie – besonders bedeutend in unserem Kontext – dem „Markt“ für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien. Ein Muster, dass sich bzgl. letzterem immer wieder zeigt und das Akerloff im Detail beschreibt (wofür er 2001 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde), ist: Lügen, inklusive dem systematischen Säen von Zweifeln an etablierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, gehören für Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft einfach dazu.
  • Kognitive Verzerrungen: Die klassische ökonomische Theorie geht davon aus, dass wir wissen, was gut für uns ist. Dabei hat die Verhaltensökonomik längst aufgezeigt, dass wir oft weit unüberlegter und weniger rational handeln, als es uns die Verfechter des freien Marktes versuchen glauben zu machen. So lassen wir uns oft von kurzfristigen Trieben leiten, anstatt von langfristigen, wohlüberlegten Erwägungen. Ein gutes Beispiel ist das Rauchen oder der Konsum von Alkohol und Drogen (der aus gutem Grund staatlich reguliert und gesetzlich beschränkt ist). Wir nehmen also nicht nur in Kauf, anderen Schaden zuzufügen, sondern lassen uns durch Manipulationen auch sehr leicht zu selbstschädigenden Verhalten verleiten.

Dabei geht bei Fragen wie der geeigneten Verwendung von CRISPR oder der Entwicklung einer möglichen überlegenden künstlichen Intelligenz (KI) um weit als ein paar Milliarden Dollar Gewinn für ein paar Unternehmen: Es geht um nichts weniger als das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Die Möglichkeiten von Technologien wie CRISPR oder KI stellen in letzter Hinsicht jeden einzelnen Menschen, jeden von uns, in Frage. Wie wir mit ihnen umgehen, bestimmt die Zukunft unserer individuellen Würde und Freiheit, sowie zuletzt unseres Menschseins an sich.

Die ethische Bewertung und politische Gestaltung zukünftiger Technologie muss weit über die kommerziellen oder militärischen Interessen einzelner Personen, Unternehmen oder Staaten hinausgehen. Fest steht schon heute: Unsere Gesellschaft wird sich durch zukünftige Technologien fundamental ändern. Aus diesem Grund haben unsere heutigen Entscheidungen eine ungeheure Hebelwirkung. Und bei all dem bleibt uns nur ein recht kleines Zeitfenster, bevor sich Technologien und gesellschaftliche Normen etabliert haben, die wir eigentlich gar nicht wollen, die sich dann aber kaum noch ändern lassen. Deshalb ist ein aktiver breiter gesellschaftlicher (und natürlich demokratischer) Dialog so dringend notwendig.

Dies erfordert demokratisches Engagement eines jeden von uns – was die Pflicht zur Information einschließt. Noch immer ist viel zu wenig von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten und andere Meinungsmacher Weltzusammenhänge und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen wollen. Zudem müssen wir eine Haltung der intellektuellen Redlichkeit bei Politikern und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern einfordern. Das heißt, bewusste Unwahrheiten, Informationsverzerrungen und -verschmutzung oder Informationsfilter zum Zwecke der Durchsetzung partikularer Interessen auf moralischer wie politischer Ebene konsequent zu bekämpfen. Gerade in einer Zeit, in der „Fake-News“ ihre destruktive propagandistische Macht entfaltet und erschreckend viele Politiker noch immer ernsthaft den Klimawandel oder die Darwin’sche Evolutionstheorie bezweifeln, gewinnt dieser Punkt an Bedeutung. Das Gebot der intellektuellen Redlichkeit gilt aber ebenso für die Empfänger von Information. Intellektuelle Redlichkeit bedeutet auch, sich auf unangenehme Wahrheiten einzulassen, ohne sich etwas vorzumachen. Wir müssen uns darin üben, nicht allzu schnelle Schlüsse zu ziehen, Vorurteile abzubauen und uns wenn nötig auf komplexe Zusammenhänge einzulassen, ohne alles gleich vereinfachen zu wollen. Und zuletzt müssen wir auch unangenehme Wahrheiten zulassen. Ein jeder von uns sollte sich bei der Gestaltung unserer technologischen Zukunft um einen breiten rationalen, informations- und faktenbasierten Diskurs bemühen.

Denn: Bei einem verantwortungsvollen Gebrauch der Naturwissenschaften und ihrer Technologien könnten uns in der Zukunft paradiesische Zustände winken, bei verantwortungslosem Gebrauch die unwiederbringliche Zerstörung unserer humanistischen Errungenschaften und ein Leben in einer irdischen Hölle.

Dazu mehr im neuen Buch des Autors: Supermacht Wissenschaft. Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle von Lars Jaeger, Gütersloher Verlagshaus. Erscheint am 28. A

Supermacht Wissenschaft von Lars Jaeger

ugust 2017

Veröffentlicht von

wwww.larsjaeger.ch

Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nur wenige der vielen Entdeckungen, Erfindungen und Entwicklungen, die es jetzt im Labor gibt oder die in wissenschaftlichen Arbeiten klar beschrieben wurden, werden unser aller Leben bestimmen. Das war zwar schon früher ansatzweise so, ist aber heute viel stärker der Fall, denn die Umsetzung einer Erfindung in ein massentaugliches Produkt ist heute in den meisten Fällen nicht einfacher als vor 100 Jahren. Früher gab es nur wenige das Leben ändernde Erfdinungen und Entdeckungen und diese alle massentauglich zu machen, war den vielen Ingenieuren und Kapitalisten, die es schon vor 100 Jahren gab, durchaus möglich. Heute aber gibt es quasi gleich viel oder mehr Erfindungen/Entdeckungen als Ingenieure und Venture-Kapitalisten – diese stehen vor der Qual der Wahl. Sie müssen das herausselektieren, was am meisten Erfolg, vor allem kommerziellen Erfolg verspricht. Beispiele zum eben beschriebenen Phänomen könnte ich seitenweise auflisten. Hier nur ein Beispiel: Das elektronische Papier (Anzeige, die ohne Stromzufuhr stabil bleibt) gibt es gleich in mehreren Technologien. Doch wirklich durchgesetzt hat es sich kaum. Die Macht der bestehenden Displaytechnologien (LCD, LED) ist dazu zu gross und es gibt zuwenig Kapital um einer bestimmten Form von elektronischem Papier zum Durchbruch zu verhelfen.

    Von den vielen oben aufgeführten neuen Technologien oder auch nur Labor-Durchbrüchen werden es nur ganz wenige zu Massentechnologien schaffen. Aber nur was es zur Massentechnologie schafft, wird überhaupt für den Durchschnittsbürger erschwinglich werden, nur das kann er kaufen und nur das kann sein Arzt einsetzen um seinem Patienten zu helfen. Ich sehe deshalb bereits eine Zukunft voraus, in der es wenige billige, für alle erschwingliche Massentechnologien geben wird, während durchaus revolutionäre Neuerungen und Erkenntnisse einer Schicht von Reichen vorbehalten bleiben wird, weil nur diese die Technologieanwendung finanzieren können.

    Schon in naher Zukunft werden wir wohl in einer Art selbst geschaffenem Multiversum leben, in dem viele verschiedene Welten koexistieren. Ähnlich wie heute schon in Indien in Bezug auf die Lebensweise und die Wohlfahrt seiner Bürger. In Indien findet man nicht selten Elend neben Palästen, Hungernde neben Übersatten. Und niemand stört sich daran, weil das immer schon so war. In Zukunft könnte das nicht nur für Indien sondern für die ganze Welt gelten. Auf der einen Seite, die Mainstreamer, die sich mit den massentauglichen Gewinnertechnologien begnügen müssen, auf der anderen Seite die Reichen, die sich ganz spezielle, auch exotische Wünsche erfüllen können, weil die Technologie dazu im Prinzip vorhanden ist und die Reichen auf ihre speziellen Wünsche zugeschnittene “Massanfertigungen” dieser Technologien finanzieren können.

    • “Und niemand stört sich daran, weil das immer schon so war. ”

      Das stimmt nicht.In Indien gibt es starke Gegenbewegungen, sowohl von links als auch von rechts. Mitten im Herzen Indiens gab es lange Zeit ein großes Gebiet, das als maoistisch befreite Zone galt, weil entsprechende Rebellen dort die Staatsmacht ausgehebelt hatten.

  2. Die Künstliche Intelligenz, einmal mit der Fähigkeit schlusszufolgern, nachzudenken und selbstständig Ziele zu generieren, ausgestattet, könnte alles ändern – inklusive der Wissenschaft und Technologie selbst, denn dann entfiele die menschliche Langsamkeit – eine Langsamkeit, die bedeutet, dass vieles was heute vom Prinizip her verstanden ist, noch Jahrzehnte bis zur möglichen Realisation in einer massentauglichen Technologie braucht. Anstatt der heute 50 Jahre veranschlagten Zeit bis zur Kolonisation des Marses, wäre dies dann in 10 Jahren möglich, anstatt 30 Jahre bis zu einem völlig autonomen Verkehrssystem, in dem autonome Taxis, Busse, Züge und Flugzeuge mit optimalen Fahrplänen und stets entsprechend der Nachfrage verkehren, wäre dies sofort realisierbar. Eine neue Welt auf Knopfdruck quasi, denn die künstliche Intelligenz kann anders als der Mensch pausenlos arbeiten, denken, Ziele verfolgen. Pausenlos, Tag und Nacht und in hunderten von parallelen Instanzen. Dein Wunsch sei mein Befehl würden echt intelligente Roboter dann nicht nur sagen, sondern auch befolgen und in dies instantan in die Tat umsetzen. Das würde jedem, der über ein intelligentes System verfügt, sehr grosse Macht verleihen. Und wenn jeder Zugang dazu hätte, wäre die Welt tatsächlich aus den Fugen. Die Singularität wäre dann nicht mehr weit. Die Singularität könnte mit dem Tag zusammenfallen, in dem eine künstliche Intelligenz sich selbt als Quantencomputer mit Milliarden von QBits realisiert und wo diese künstliche Intelligenz aufersteht als in Sekunden alle denkbaren Probleme lösende Superinstanz.

  3. Interessanter Artikel.
    Es ist so gut wie ausgeschlossen, daß der Mensch eine überlegene Gruppe züchten könne, in Aushebelung der “zufälligen” Vorgänge der Evolution. Auf welchem Weg auch immer, das würde schnell in die Lebensunfähigkeit solcher Gruppen führen. Wir können diesen Weg eine Zeitlang gehen, sollten uns aber nicht über die Folgen wundern.

    Technik ist auch kein Selbstläufer, vielmehr hängt sie an der Gesamtentwicklung. Und da gibts seit einiger Zeit bedenkliche Tendenzen, die Ökonomisierung der Bildung, der Ausschluß immer größerer Gesellschaftsteile, die Arroganz der Eliten, die Aushebelung der Meinungsfreiheit, die freiwillige Selbstverblödung an vielen Stellen…

    Tückischerweise folgt der Niedergang der Technologie mit erheblicher Verspätung auf den Niedergang der sozialen Intelligenz, dafür aber umso unweigerlicher, mit dem Effekt, daß das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wenn auch das technische Wissen verfällt. Spätrom läßt grüßen.

    Volle Zustimmung, der zweite Teil des Artikels zeigt auf, welche Werte wichtig sind, damit der heutige technische Höhepunkt nicht der Hochmut ist, der dem Fall vorausgeht. Eine Herausforderung, die es in sich hat und für deren Gelingen es nicht viele historische Beispiele geben dürfte.

    • DH,
      …..Und da gibts seit einiger Zeit bedenkliche Tendenzen,

      anders gesagt, wohin treibt die Menschheit?
      solange die Menschheit heterogen ist, werden sich die bedenklichen Tendenzen gegenseitig aufheben. In Afrika haben wir “back to the jungle”, in den USA “up to the sky”, in China “growth that never ends”, in Rußland Restauration, in Europa “believe in commerce” , in Nahost ? ? ? .
      Die Evolution hat auf jeden Fall Grenzen. Wenn die wissenschaftliche Evolution die emotionale Seite des Menschen missachtet, wird sie ihr zum Opfer fallen.

      • “Wenn die wissenschaftliche Evolution die emotionale Seite des Menschen missachtet, wird sie ihr zum Opfer fallen.”

        So isses. Instinkt ist ohnehin Teil der Evolution, ohne gäbs auch keine Wissenschaft.
        Nahost könnte einer der Orte sein, wo sich in längerer Zukunft die Werte der Aufklärung erhalten werden, wär nicht neu, das Bäumchen-wechsle-dich zwischen Europa und Nahost hatten wir schon mehrfach.

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