Nun ist es wohl passiert – das erste CRISPR-Baby ist da

Irgendwann musste es passieren. Um die baldige Geburt des ersten CRISPR-Babys vorherzusagen, musste man kein Prophet sein. Bereits vor mehr als zwei Jahren, im Mai 2015, stellte das Wissenschafts-Fachmagazin Nature in einem Artikel unter dem gleichnamigen Titel die Frage: „Wo in der Welt könnte das erste CRISPR-Baby geboren werden?“ Mit Blick auf die jeweilige Gesetzeslage war die Antwort: Japan, China, Indien oder Argentinien. Es scheint, dass wir jetzt eine Antwort auf diese Frage erhalten haben. Auch wenn viele Fachleute noch skeptisch und zurückhaltend reagieren und es bis zu einer unabhängigen Untersuchung der Babys noch viele Spekulationen geben wird, so ist klar, dass die Ankündigung des Forschers Jiankui He von der South University of Science and Technology im chinesischen Shenzhen einen dramatischen Einschnitt in den Biowissenschaften darstellt: Der chinesische Forscher behauptet, die ersten genetisch editierten Menschen erschaffen zu haben. Konkret will er ihr Genom derartig verändert haben, dass sie lebenslang immun gegen eine Ansteckung mit HIV sind.

Zur Erinnerung: Mit CRISPR, mit vollem Namen „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“, lassen sich Gensequenzen in Lebewesen punktgenau ersetzen, verändern oder entfernen, und dies schnell, präzise und sehr billig. Das hat seit der Entdeckung dieser Methode vor ca. fünf Jahren unter Wissenschaftlern, Ethikern und Patienten – leider weniger unter Politikern – zu breiter Besorgnis und heftigen Diskussionen geführt. Hier stehen sich einerseits die gewaltigen Möglichkeiten in der klinischen Arbeit und Behandlung bzw. Prävention von Krankheiten und andererseits die Aussicht, dass es unweigerlich dazu kommen wird, dass diese Technologie auch dazu verwendet wird, menschliche Eigenschaften aus nicht-medizinischen Gründen zu verändern (z.B. die Intelligenz oder äusserlicheren Attraktivität eines Menschen), gegenüber. Es wäre sowohl ein wissenschaftlicher als insbesondere auch ein ethischer Dammbruch, wenn sich bewahrheiten sollte, was He behauptet.

Auch wenn bisher völlig unklar ist, ob die CRISPR-Babys Nana und Lulu wirklich existieren, so wissen die Biologen schon länger, dass eine solche „Produktion“ rein technisch möglich ist. Schliesslich ist die Methode schon seit einigen Jahren bei Affen erfolgreich, und so viel unterscheidet uns Menschen genetisch nicht von Affen. Auch längst bekannt ist, dass, während im Westen Genmanipulationen am menschlichen Embryo und das Einpflanzen manipulierter Embryos in den Uterus der Mutter strikt verboten und die Bedenken gegen solche Formen der Eugenetik generell sehr gross sind, man in China eugenischen Bemühungen gegenüber sehr viel offener ist. Doch selbst unter chinesischen Wissenschaftlern ist der Aufschrei nach Hes Mitteilung gross. So teilte Hes Universität in Shenzhen mit, nichts von den Versuchen gewusst zu haben. „Wir sind zutiefst schockiert“, wurde auf der Webseite der Hochschule mitgeteilt. Auch von anderen chinesischen Forschern kam massive Kritik: “Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden”, wie es in einem Schreiben heisst, das 122 Forscher unterzeichneten. Die Versuche seien ein „schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft“. Unklar ist, ob die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS) überhaupt von den Versuchen wusste.

Handelt es sich hier also nur um einen PR-Stunt eines Einzelgängers? Bei allem Aufschrei von Wissenschaftsethikern, gerade aus China, und aller Empörung müssen wir uns klar machen, dass kein globales Verbot von Interventionen in die menschliche Keimbahn existiert. China und andere Länder kennen kein Gesetz, dass dies verbietet. Zudem fand die Bekanntgabe Hes nur einen Tag vor einer grossen internationalen Konferenz über das Editieren des menschlichen Genoms in Hong Kong statt. Die CAS war vor drei Jahren gemeinsam mit der britischen und der US-Nationalakademie angetreten, um einen globalen Konsens über die ethischen Konsequenzen und die Zulässigkeit des Gene-Editierens im menschlichen Genom zu erreichen. Zwischen der von dieser Allianz organisierten Konferenz in Hong Kong und der Bekanntgabe Hes sehen Fachleute einen klaren Zusammenhang. Und wie wir unterdessen wissen, hat sich die Chinesische Akademie der Wissenschaften schon vor einer Weile aus der Allianz zurückgezogen. Ihr war die öffentliche Diskussion um Gen-Editierung im menschlichen Genom wohl dann doch zu brisant.

Dennoch gibt es auch für chinesische Wissenschaftler und die Regierung Chinas durchaus Anreize, sich auf international akzeptierte Weise zu verhalten. Es muss auch ihnen klar sein, dass das Einsetzen eines mit CRISPR behandelten Embryos in den mütterlichen Uterus den internationalen wissenschaftlichen ethischen Konsens verletzen und in der übrigen Welt auf heftigen Widerspruch stossen wird. Und als gewissensloser Schurkenstaat dazustehen und ihren internationalen wissenschaftlichen Ruf zu schädigen, das wollen die Chinesen partout vermeiden.

Doch nicht nur zwischen der chinesischen und westlichen Wissenschaft könnte sich durch die nun hergestellten CRISPR-Babys, sollten diese sich tatsächlich als solche herausstellen, ein Graben auftun. Sie könnten auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft global gefährden, was die Entwicklung wahrhaftig wertvoller Therapien um Jahre zurückwerfen könnte. Denn gute Wissenschaft bedeutet nicht nur Wissen in einem Vakuum zu erzeugen. Vielmehr sind ihr Kontext und ihre Wirkungen von entscheidender Bedeutung für die Gesellschaft im Ganzen und müssen daher auch innerhalb dieser diskutiert werden. Zu einem konstruktiven Dialog haben die verantwortungslosen Experimente von He nicht gerade beigetragen.

So ist auch die Wahl des Genes, das geändert wurde, ungünstig: Das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, ist extrem niedrig, und es gibt auch andere Mittel zur Prävention. Zudem ist AIDS keine unheilbare Krankheit mehr. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass diese nun geborenen Kinder einem drastischen Risiko ausgesetzt wurden. Denn noch wissen die Experten gar nicht, ob ein solcher Eingriff nicht ganz andere, unerwünschte Konsequenzen hat. Wir wissen, dass CRISPR zahlreiche potentielle Editier-Fehler verursachen kann und dass die gewünschten DNA-Veränderungen möglicherweise nicht von allen Zellen eines Embryos aufgenommen werden. Diese Effekte, „off targeting“ und „mosaicism“ genannt, zeigen, dass die Modifikation der menschlichen Keimbahn eine nach wie vor sehr unsichere und riskante Angelegenheit ist. Aber He äussert sich voller Selbstbewusstsein, dass sich bis auf die eine beabsichtigte Modifikation nichts im Genom der Babys verändert hat, d.h. off-target-Effekte ausblieben. Woher kann er das wissen? Mit der Gesundheit von Kindern und den Hoffnungen der Familien zu spielen, um sie als Mittel für einen billigen Werbegag zu nutzen, ist nichts weniger als eine Schande.

Noch zieht die U.S. National Academy of Sciences eine rote Linie, wenn es um genetische Eingreife in die Keimbahn des Menschen zum Zwecke der Verbesserung menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten wie beispielsweise Intelligenz oder Attraktivität geht. Solche stehen allerdings auch nicht unmittelbar an, wie R. Alta Charo, Co-Vorsitzende des NAS-Studienkomitees und Professorin für Recht und Bioethik an der Universität von Wisconsin-Madison, sagt: „Es gibt in der Öffentlichkeit eine Faszination für die am wenigsten wahrscheinlichen Anwendungen von CRISPR, nämlich – Keimbahnbearbeitung zur Verbesserung von Aussehen, Kraft oder anderer Merkmale eines Menschen.“ Wie lange diese am wenigsten wahrscheinliche Anwendung tatsächlich unwahrscheinlich bleibt, werden wir in den nächsten Jahren sehen. Selbst Jennifer Doudna, eine Pionierin der CRISPR-Methode, die noch 2015 grosse Bedenken hinsichtlich der Bearbeitung der Keimbahn geäussert hat, glaubt nun, dass “wir uns auf eine Zeit zubewegen, in der die Menschen die Technologie der Genom-Bearbeitung in menschlichen Embryonen einsetzen werden“. Genau das macht ihrer Meinung nach internationale Richtlinien umso dringlicher. Leider ist der Hauptakteur, mit dem es eine Einigung zu erzielen gilt, auf der Konferenz, die genau dieses diskutieren will, nicht mehr dabei.

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Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Elimination des Gens CCR5 beim menschlichen Embryo kann nur als Demonstration, dass es auch beim Menschen funktioniert, aufgefasst werden. Für die so gezeugten Kinder hat es wohl weder positive noch negative Folgen – ausser Off-Target Effekte würden beispielsweise das Krebsrisiko erhöhen. Man muss es als sehr bewussten Eingriff mit Experimentalcharakter auffassen, denn hätten die chinesischen Forscher eine ernsthafte Erbkrankheit therapiert, wären die offenen Fragen und Ungewissheiten weit grösser gewesen, denn ein möglicher Mosaikzustand mit einem Nebeinander von veränderten und unveränderten Zellen hätte in diesem Fall groteske Auswirkungen haben können.
    Letzlich wurde hier aber eine ethisch/moralische Linie überschritten, handelt es sich doch um ein aus Patientensicht völlig unnötiges Experiment.

  2. Gott spielen können wir nicht
    Das wichtigste an der Debatte um Veränderungen in der menschlichen Keimbahn ist wohl, dass wir Eigenschaften wie Intelligenz, Aussehen oder Sportlichkeit sowieso kaum verändern können. Diese Eigenschaften sind zu komplex, um hier sinnvoll und ohne hohes Risiko mit einer Reihe von gezielten Genveränderungen ein halbwegs vorhersehbares Ergebnis erzielen zu können. Zumal gerade bei zahlreichen gleichzeitigen Eingriffen das Risiko für Nebeneffekte immer größer wird.

    Aber einige wenige Eingriffe, wie z.B. bei Erbkrankheiten, könnten durchaus sinnvoll sein, finde ich. Ich hätte hier keine ethischen Bedenken, wenn der Nutzen die Risiken deutlich übersteigt. Vor allem hätte ich keinerlei Bedenken, dass der Mensch hier Gott spielen würde.

    Wir müssen hier die Dinge aus mehreren Blickwinkeln betrachten.

    Wenn es keinerlei Götter, Seelen und Geist im Menschen gibt, also ganz materialistisch betrachtet, würde ein Mensch nur durch sein Erbgut, seine Umwelt und von seiner Eigendynamik bestimmt. In diesem Fall könnte man nur Menschen verändern, aber nicht Gott spielen, weil es aus dieser Sicht betrachtet nichts Göttliches gibt, das man spielen könnte.

    Wenn man an Götter, Seelen und Geist im Menschen glaubt, wäre das Erbgut des Menschen und die Physiologie des Individuums eher nur eine Anlage, auf dessen Basis sich die Seele des Menschen entwickelt. Im Leben selbst wäre man dann vielfältig göttlich unterstützt, und womöglich sogar im persönlichem Bewusstsein Teil des großen göttlichen Bewusstseins. Göttliche Einflüsse wären dann weniger auf der Keimbahn zu erwarten, sondern sich vor allem im täglichen Leben einstellen. Man würde also aus dieser Weltsicht heraus mit Gen-Editing auch keineswegs Gott spielen.

    Selbst wenn göttliche Einflüsse bei der Vereinigung von Eizelle und Spermium eine wesentliche Rolle spielen würden, und hier nicht nur rein zufällig die Erbanlagen gemischt würden, würde hier Gen-Editing wahrscheinlich gar nicht stören. Vielleicht würden sich dann sogar die Möglichkeiten der göttlichen Unterstützung beim Mixen des Erbguts währen der Zeugung durch Gen-Editing noch verbessern.

    Solange es keine Pflicht wird, seine Kinder genetisch aufzurüsten, und man keinen Ärger bekommt, wenn man behinderte Kinder in die Welt setzt, würde ich hier keine ethischen Bedenken haben. Vor allem würde ich nicht das Gefühl haben, hier Gott ins Handwerk zu pfuschen, wenn ich die Keimbahn meiner Kinder bearbeiten lasse. Der Umgang mit behinderten Menschen, und vor allem der Umgang mit unspezifisch weniger leistungsfähigen Menschen, der muss besser werden.

  3. Zu einem konstruktiven Dialog haben die verantwortungslosen Experimente von He nicht gerade beigetragen.

    Why not?
    Umzusetzen, Mögliches, leitet zu Dialogen oder Diskursen (Wo ist eigentlich der Unterschied?) an. – Das eine meint die Sprache, die Logik, das andere das “Herumlaufen”, auch irriger Art, die Metaphorik meint dasselbe), an.
    Die Begründung, irgendetwas mit HIV-Resistenz, ist so schlecht nicht, wie sie auch viele andere Erklärungen ebenfalls nicht wären.

    Es gilt sich für das erkennende Subjekt mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, dass derartige Bio-Technologie, an die eigene Lebensdatenhaltung geht.

    Gewöhntermaßen wird sich insofern am besten mit Risk-Reward-Überlegungen auseinandergesetzt, insofern wie bspw. mögliche Eltern sich mit der “Ausmerzung” von Erbkrankheit auseinandersetzen, falls möglich.


    Der eigentliche “Gag” besteht darin, dass in puncto Erbdatenhaltung nicht gewusst, was getan wird, so dass unbeabsichtigte Effekte alsbald auf der allgemein sozial zu bearbeitenden Tagesordnung stehen werden.

    Hier, bei : ‘Leider ist der Hauptakteur, mit dem es eine Einigung zu erzielen gilt, auf der Konferenz, die genau dieses diskutieren will, nicht mehr dabei.’, womöglich sind vermutlich “böse” Staaten gemeint, über die der Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle nicht vermuten wird, kein diesbezügliches Verlangen spürt, wäre wieder Nebensächlichkeit festzustellen.

    O.g. ‘Risk-Reward-Überlegungen’ könnten dazu anleiten sich vorzugeben sich nicht so zu beschäftigen.
    Allerdings, wie es so schön oder “schön” heißt, findet das Leben immer einen Weg, vgl. :
    -> https://www.youtube.com/watch?v=67rtd-0syRo

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. Zitat Beitrag von Lars Jaeger: Zu einem konstruktiven Dialog haben die verantwortungslosen Experimente von He nicht gerade beigetragen. Das stimmt. Doch ich behaupte einmal: Der Forscher He wollte das gar nicht. Er wollte etwas ganz anderes: Zeigen, dass GenEditing beim Menschen funktioniert. Mit anderen Worten: Es war ein Experiment um des Experiments willen. Und dieses Experimente hat durchaus ein Resultat erbracht: Soviel ich gelesen haben, wurden in den behandelten Kindern bereits ein Mosaikzustand festgestellt, also ein Nebeneinander von behandelten und unbehandelten Zellen. Das ist für die Kinder nicht schädlich, da die Genmanipulation, die an ihnen vorgenommen wurde, ja auch keine nennenswert positiven Auswirkungen hatte. Doch für die CRISPR-Technologien ist das eine wertvolle Information.
    Fazit: Mit He’s CRISPR-Kindern sind wir im Zeitalter der Menschenversuche angekommen. Für einige Verfechter des Tierschutzes ist das ja sogar gut, denn radikale Tierschützer halten nichts von Tierversuchen und beharren darauf, Erkenntnisse am Tier seien nicht auf den Menschen übertragbar. Nun: He hat Menschenversuche gemacht. Und die sind wohl noch stärker auf Menschen übertragbar als es Tierversuche sind.

  5. He wollte der erste mit CRISPR-Babies überhaupt sein und nicht der erste, der den Sinn dieser Therapie demonstriert, das zeigt der New York Times-Artikel Chinese Scientist Who Says He Edited Babies’ Genes Defends His Work, denn He wählte bewusst eine Gentherapie mit niedrigem Nutzen, aber doch scheinbar so grossem Nutzen, dass er Eltern davon überzeugen konnte, denn er fand die Eltern unter Paaren mit HIV-Infiziertem Mann, die dennoch ein durch HIV ungefährdetes Baby bekommen wollten.
    Dabei ging er nicht völlig transparent vor wie der folgende Satz aus der NYT zeigt (übersetzt von DeepL): Während er [He] beispielsweise in der Einwilligungserklärung für potenzielle Eltern die Genaufbereitung im Text erwähnt, wird die Forschung zunächst als “AIDS-Impfstoff-Entwicklungsprojekt” beschrieben. Auch das medizinische Personal täuschte er: Darüber hinaus berichtete The Associated Press, dass Dr. He’s Labor einigen der medizinischen Mitarbeiter, die bei dem Projekt assistieren, erlaubte, zu glauben, dass sie an konventionellen IVF-Bemühungen beteiligt waren, die auch die Kartierung von Genomen beinhalteten – nichts, was die Bearbeitung von Embryonen beinhaltete.
    He stellte auch keinen Antrag an die chinesischen Regulatoren und liess sich erst kurz vor dem Experiment in eine Versuchsdatenbank eintragen.
    Über den Erfolg liest man: Dr. He sagte, dass in einem der Zwillinge beide Kopien des CCR₅ Gens deaktiviert waren, im anderen Zwilling aber nur eine Kopie.

    Medizinisch war der Versuch trotz der Tatsache, dass der Vater HIV-positiv war, nicht nötig, denn es gibt auch andere Mittel um das Risiko einer HIV-Übertragung auf das gezeugte Kind zu minimieren. Besonders spektakulär ist der Versuch, weil es sich um eine Keimbahntherapie handelt, um genetische Veränderungrn also, die auf die Nachommen und die Nachkommen der Nachkommen übertragen werden.

    Wie denn sähen auch medizinisch vertretbare CRISPR-Therapie am Menschen aus. Dazu kann man sich die Pipeline von Editas anschauen. Dort ist unter anderem auch die Leber Congenital Amaurosis aufgelistet, eine erbliche Form der Blindheit die – unter anderem – durch eine lokale Injektion mit dem CRISPR-Therapeuticum therapiert werden. Der potenzielle Nutzen wäre hier gross, der maximale Schaden bei rein lokaler Therapie wohl überschaubar.

  6. Zwei in Harvard tätige Mediziner und Forscher sehen die Zukunft der In-Vitro-Fertilisation (IVF) in der Sicherstellung genetisch gesunden Nachwuchs, wo auch Risikogene wie CCR5 und ApoE (codiert Alzheimer-Protein) entfernt werden. Allerdings wollen sie vorerst nur Spermien verändern und keine Babies damit erzeugen. Darüber berichtet MIT-Review im Artikel Despite CRISPR baby controversy, Harvard University will begin gene-editing sperm (Zitat, übersetzt von DeepL):
    Keimbahnbearbeitung könnte verwendet werden, sagte Daley und sollte möglicherweise verwendet werden, um die Gesundheit der Kinder von morgen zu beeinflussen. Durch die Bearbeitung von Keimzellen wird es möglich sein, Mutationen zu entfernen, die Krebs im Kindesalter oder Mukoviszidose verursachen. Andere genetische Veränderungen könnten Kindern Schutz vor häufigen Krankheiten bieten. Auf Daley’s Liste der potentiell akzeptablen Gene, die bearbeitet werden sollten, stand CCR5, das Gen, das He [der chinesische Forscher] bei den Zwillingen verändert hatte.

    In Harvard sagt Neuhausser, dass er und ein Forschungsmitarbeiter, Denis Vaughan, in den nächsten Wochen damit beginnen werden, Spermien zu bearbeiten, um ein Gen namens ApoE zu verändern, das stark mit dem Alzheimer-Risiko verbunden ist. Eine Person, die zwei Kopien der Hochrisikoversion des Gens erbt, hat ein Lebenszeitrisiko von etwa 60%, Alzheimer zu bekommen.

    Neuhausser, ein österreichischer Fruchtbarkeitsarzt, der in die USA kam, um seine Forschung und Praxis bei Boston IVF zu betreiben, prognostiziert, dass Embryonen in weniger vielen Jahren mit CRISPR tief analysiert, ausgewählt und in einigen Fällen verändert werden, bevor sie zur Entstehung einer Schwangerschaft verwendet werden. “In Zukunft werden die Menschen in Kliniken gehen und ihr Genom testen lassen und das gesündeste Baby bekommen, das sie haben können”, sagt er. “Ich denke, das ganze Feld wird von der Fruchtbarkeit zur Krankheitsprophylaxe wechseln – zur Vorbeugung von Krankheiten.”

    In den Augen der Harvard-Forscher Daley und Neuhausser war ihr chineschicher Kollege He also nur etwa voreilig, doch in der Zielrichtung durchaus korrekt.

  7. Muss man Keimzellen (Spermien,Eizellen) debuggen bevor man daraus einen neuen Menschen macht (zeugt)?
    Was heute normal ist – Menschen werden im (zufälligen?) Geschlechtsakt gezeugt – könnte im Konsens der Zivilisation von morgen als krudes, unverantwortliches Vorgehen von Prähominiden interpretiert werden. In den USA scheint die Idee, dass man Keimzellen debuggen muss, bevor man sie zur Zeugung neuen Lebens einsetzt, aber schon jetzt verbreitet zu sein. So liest man im Singularity-Artikel CRISPR-Babies: Stumbling over Mankind’s next Giant Leap folgendes (übersetzt von DeepL): Präzises, permanentes und rationales “Debugging” des menschlichen Quellcodes sollte einer der großen prägenden Momente unserer kollektiven Geschichte gewesen sein. Der Mangel an Transparenz, fragwürdiger Anwendung, trüber Ethik und gescheiterten Nachrichten rund um Dr. He’s Arbeit machen es schwierig, vorherzusagen, was als nächstes kommt.

    Frage: Wird die natürliche Zeugung ohne vorheriges Debugging der Spermien und Eizellen schon bald gesellschaftlich geächtet und als unverantwortlich betrachtet? Ist für die Ethiker von morgen die In-Vitro-Fertilisation mit vorheriger Korrektur genetischer Fehler in Spermien und Eizellen moralisch geboten und die natürliche Zeugung geächtet (wir sind doch nicht mehr in der Steinzeit) und moralisch diskreditiert? Möglich ist das durchaus.

  8. Das Buch Debugging Human DNA bringt es auf den Punkt (übersetzt von DeepL): Die DNA unterscheidet sich nicht von der binären Computersprache; es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sprachen. DNA ist nicht nur ein Code, sondern auch ein stets aktiver Schalter.

    Die Erfindung und Verbreitung des digitalen Computers ist wohl die grösste menschliche Errungenschaft nicht nur des 20., sondern auch des 21. Jahrhunderts.
    Zunehmend denken wir – denken fast alle Menschen – in Begriffen, die ihre Herkunft in der Wissenschaft des digitalen Computers haben. Man denke nur an den Begriff “Code”, der heute ubiquitär in ganz unterschiedlichen, nicht nur naturwissenschaftlichen Zusammenhänge verwendet wird. Hier ein paar Schnipsel aus der deutschen Verwendung von Computerbegriffen:

    -Man knackt einen Code oder gar DEN Code (das letzte Geheimnis?) an und für sich (typische Verwendung: Why Cracking the ‘Brain Code’ Is Our Best Chance for True AI)
    – Der Begriff “Code” steht auch zunehmend für den Begriff der Sprache überhaupt.

    – Interface: Dieser Begriff steht inzwischen für jede Schnittstelle zwischen Systemen. Was ist unser Interface zur Welt, unser Interface zum Ehepartner?

    – Debugging: Wir debuggen inzischen alles, inklusive Partnerbeziehungen und natürlich das menschliche Genom.

    Fazit: Menschen denken heute zunehmend in Computerbegriffen – auch wenn es um ihr persönliches Leben geht. Damit taucht plötzlich alles in ein anderes Licht. Aus dem Zufall, der bestimmt, wie ein Kind herauskommt, wird nun plötzlich ein falscher oder richtiger Code, der im Kind wirkt und um falschen Code zu verhindern, muss man das Genom vor der Zeugung debuggen.

  9. Nur ganz am Rande angemerkt hierzu – ‘Zunehmend denken wir – denken fast alle Menschen – in Begriffen, die ihre Herkunft in der Wissenschaft des digitalen Computers haben. Man denke nur an den Begriff “Code” […] – und gegenredend, der Codex meint schriftliche Zusammenfassung, bereits im Altlatein, vgl. auch mit ‘Caudex’ und ‘Log’, jeweils war Schriftliches gemeint, vgl. auch mit ‘Log-Buch’ und ‘Web-Log’.
    Das Holz ist hier zentral.

    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Kodex

    Es ist hier zu unterscheiden zwischen der Persistierung von Gesagtem und Gemeintem, derart sprachlich, wie von Ihnen dankenswerterweise beigebracht, Herr Holzherr, Herr des Holzes sozusagen, ist schon lange, nämlich seit Jahrtausenden von Jahren unterschieden worden, und der Digitalisierung (wörtlich : Fingerung), die es erst seit einigen Jahrzehnten gibt und die nicht mit der Kodierung vermischt werden muss.

    Die Kodierung der Sprache ist aus anthropologischer Sicht der zweite wichtige Schritt des hier gemeinten Primaten, der erste war die Erfindung der Sprache selbst, die Erfindung, dass Sprache vorliegt (!), wenn sich gegenseitig angeraunzt wird, andere Hirne zur Bildung von Inhalt anleitend, vor allem auch Filter setzend, um Geräusch, Rauschen derart zu assoziieren (das Fachwort an dieser Stelle).
    Zuvor ist vom Sprechenden kodiert (ein weiteres Fachwort) worden.

    Der hier gemeinte Primat, auch Trockennasenprimat genannt, ist schon eine alte Haut sozusagen, seine kulturelle Fähigkeiten haben nichts, und Dr. W betont dies gerne noch einmal : nichts, mit der Digitalisierung von Gerät zu tun, sog. Transistoren meinend, zentral.

    Sondern er ist so besonders herausgefordert, der werte hiesige Inhaltegeber rappelt sich hier auch einen ab, wie Dr. W findet, mit beträchtlichem Erfolg.

    MFG + schönen Tag des Herrn noch,
    Dr. Webbaer

  10. Svante Pääbo ( der Paleogenetiker, der das Neandertalgenom entzifferte) wurde in einer TV-Diskussion auf seinen Vergleich der Keimbahnveränderung durch Jiankui He mit der Kernspaltung und Atombombe, gefragt, warum denn genetische Eingriffe nicht genauso kontrolliert würden wie etwa der Atomwaffenbau (für den es gar eine eigene Behörde, die IAEA gibt). Eine Antwort blieb er schuldig, doch kurz darauf sagte er, die Technologie, die nötig sei, um Genome zu verändern sei nicht allzu kompliziert und ein kleines darauf trainiertes Team genüge um so etwas zu tun.
    Genau. Die meisten Menschen haben das noch nicht begriffen: Heute können kleine Teams durch gezielte Eingriffe die ganze Welt verändern. Staaten braucht es dazu nicht mehr.

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