Striche und ihre Bedeutung

BLOG: Babylonische Türme

Vom Nutzen und Missbrauch des Verständigungsmittels Sprache
Babylonische Türme

Italienische Städte leihen der deutschen Bildungsmisere ihren Namen. Pisa und Bologna markieren Stationen auf dem Weg in die allgemeine Volksverdummung. Einen besonders originellen Beitrag zu der Diskussion dazu leistet der Beschluss des Parteirats von Bündnis 90/Die Grünen zur Unterstützung des Bildungsstreiks. Das Papier schließt mit sechs Forderungen, von denen die Dritte lautet:

[Wir fordern:] Die Demokratisierung der Schul- und Hochschulen durch paritätisch besetzte Gremien!

Der Strich hinter Schul ist ein sogenannter Ergänzungsstrich, wie zum Beispiel in Ein- und Ausgang. Er zeigt an, dass ein gleicher Bestandteil von Zusammensetzungen eingespart wurde. Hebt man die Einsparung auf, so wird klar, dass der Beschluss von „Schulschulen und Hochschulen“ spricht.

Ein Schulschiff dient der Ausbildung des nautischen und technischen Personals in der Marine. Aber eine Schulschule? Fehler solcher Art findet kein Spellchecker, da hilft nur genaues Gegenlesen. Immerhin hat der Parteirat das Papier einstimmig beschlossen … Wie auch immer: Wir können den Grünen ausdrücklich dafür danken, dass sie eine bessere Bildung nicht nur fordern, sondern uns auch die Dringlichkeit unmittelbar vor Augen führen.

Äh, oder voraugen führen? Bastian Sick, lesen Sie mit?  Wink

Martina Grüter

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

12 Kommentare

  1. @Frau Grüter

    Sie sagen:

    “….. ausdrücklich dafür danken, dass sie eine bessere Bildung nicht nur fordern, sondern uns auch die Dringlichkeit unmittelbar vor Augen führen.

    Was will uns das sagen, außer das da jemand der gerechtschreibung nicht genügt?

    Gruß Uwe Kauffmann

  2. von Schülern und Neandertalern

    Liebe Martina Grüter,

    herzlich willkommen im Club. Es freut mich sehr, dass sich hier jemand mit Sprache beschäftigen wird.

    Seit ich bei Scilogs schreibe, habe ich bezüglich meiner eigenen Sprachfähigkeiten einige neue Erfahrungen gemacht. Ich hatte mir das einfacher vorgestellt. Doch die Unbestimmtheit der Zielgruppe, die Geschwindigkeit der Wortwechsel und vor allem der technische Prozess der digitalen Texterstellung einschließlich des Uploads hat mich Vorsicht gelehrt.

    Grammatik, Orthografie und Semantik stellen mir immer wieder ein Bein. Gott sei Dank (da ist schon so ein Fettnapf, schließlich bin ich Atheist und dürfte so etwas überhaupt nicht sagen), also, Gott sei Dank habe ich eine Kollegin, die meine Blogbeiträge kritisch liest und jedes Mal eine Handvoll Fehler findet.
    Ich kann mich anstrengen wie ich will. Ich lese meinen Text dreimal und sehe den Baum im Wald nicht. Ich korrigiere die Stellen dann klammheimlich mit roten Ohren, selbst wenn er bereits online steht. Das darf ich, weil es mein Text ist.
    Bei anderen sehe selbst ich manchmal Fehler. Meist kann ich nachvollziehen, wie sie entstanden sind. Im Fall der „grünen“ Schul-Schulen hätte ich einen Verdacht und dann würde sich diese Fehlerquelle als harmlos auflösen.

    Der politisch korrekte Umgang mit dem grammatischen Geschlecht ist sicher schwierig und führt zu mancher Stilblüte.
    Wenn z. B. eine weibliche Person von sich schreibt, „Als ich noch Schüler war…“, erhebt sich die Frage nach einer möglichen Geschlechtsumwandlung oder nach dem tatsächlichen Genus der Wortes Schüler.

    Und wenn z. B. der Satz so weitergeht: „…, dass die Neandertaler gar nicht sprechen konnte und nur nonverbal kommunizierte …“, erhebt sich die Frage, ob „die Neandertaler“ mehrere waren und konnten bzw. kommunizierten oder ob „die Neandertaler“ eine Frau namens Neandertaler war, die entsprechend konnte bzw. kommunizierte.

    Aber solche Ungereimtheiten in der Sprache finde ich nicht schlimm. Man sollte sie mit einer gewissen Aufmerksamkeit versuchen zu verhindern, das hilft dann dem Leser.

    Nun fürchte ich, dass ich in diesem Text auch wieder so ein Ding versteckt habe. Es grüßt Sie mit einem wohlwollenden Schmuzeln Werner Große

  3. @ Striche

    Liebe Mitleserinnen und -er!

    Und wie wenn – nur so als Idee – der inkrimierte Ergänzungsstrich nicht für “Schulen”, sondern nur für das Suffix des Plurals, mithin das “en”, stünde? Das macht’s nicht besser, aber ein wenig weniger blöd (siehe Überschrift).

    (Zusammenziehungen)
    Sie kennen die Geschichte vom “Arzt”? Warum der so heisst? “iatros”=”Doktor”. “archi-iatros”=”Chef-Doktor”. “archi-iatros”, lautlich zusammengezogen: “Arzt”. Also ist jeder Arzt schon mal ein Chefarzt. Weitere Zusammenziehung: “Chefarzt” zu “Scharzt”. Dann kann man erneut den “Chef-Scharzt”….usw., ad nauseam.

  4. … vom Da- und Genitiv sein Leben

    Stielblüten gemäß „Das Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ gibt es ohne Ende. Da es jeden treffen kann, ist es ratsam entsprechend damit umzugehen – und sie lieber einmal öfters mit einem Lächeln zu würdigen. Mitschuld trägt ohne Zweifel auch die x-te Reform unserer Sprache (was sagt uns dies über die Reformer?), als auch das bedenkenlose Verwenden der Worte. Es mag durchaus Sprachen geben, die noch komplizierter sind wie Deutsch (… welches „Deutsch“ bitte?), die meisten Sprachen sind um vieles einfacher. Wichtig und richtig scheint mir, wie nützlich im Sinne der Kommunikation eine angewandte Sprache letztendlich ist. Bei aller Liebe, um den Literaturnobelpreis oder um die Aufnahme in den Pen-Club zu eifern, Reich-Ranicki oder auch die Gebrüder Grimm Genüge zu tun, unsere Sprache lebt auch vom Wandel unseres Denkens (und Bewusstseins). Eines jedoch gilt schon seit Jahrhunderten – frei nach Kung-Tse (oder Konfuzius): Die Worte müssen stimmen, ansonsten wird die Bedeutung fraglich und wenn die Bedeutung erst einmal fraglich ist, werden auch die Gedanken „bedenklich“ und der Sinn dahinter geht verloren.

    mfG

  5. @ Helmut Wicht

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erz-

    Archi-iatros… 🙂 nix mit Chef – eher Erzarzt, oder Leibarzt und gegen die Nausea empfehlen wir den Verzehr zu meiden…

    Leider habe ich beschränkte altphilologische Erfahrungen und echtes Griechisch gehört nicht dazu. Aber was noch nicht ist, kann ja immer noch was werden.

    lg
    Martina Grüter

  6. Lieber Werner Große

    Danke für den netten Kommentar. Da ich nicht zur (professionellen) schreibenden Zunft gehöre, tröstet es mich um so mehr, dass selbst diese ständig im “Überarbeitungszustand” sind 😉

    Ich sehe mich durchaus als Frau und auch als selbst-ständig denkende Frau, brauche daher die Unterstreichung nicht in der Verweiblichung der Formen. Schüler ist für mich ein Oberbegriff, ebenso wie Lehrer, Professor, Kanzler.

    Der Neandertaler oder vielleicht als Art besser Homo neanderthalensis, ist durchaus nicht indivuell gemeint und schließt wie der Begriff Mensch sowohl die Großen und die Kleinen, die Jungen und die Alten und sogar die Frauen ein.
    Vielleicht hörten ja die Neandertaler ihren Frauen immer besonders gut zu, kamen daher nicht mehr zum Jagen und starben aus ? … wer weiß das schon (aber warum sollen immer nur die Anderen mal wild spekulieren dürfen :))

    lg

    Martina Grüter

  7. @ Martina Grüter

    ..dann doch noch eine Replik, die wirklich auf den Inhalt des OP eingeht.

    Natürlich ist’s stets reizvoll, ein Florilegium der am Stiele blühende Blüten zu veranstalten. Ich sah neulich eine ganz neue Variante der Apostrophitis, nämlich einen Laden, der einer gewissen “Gerda” gehörte, die allen möglichen Krempel verkaufte. Auf dem Schaufenster stand “Gerda,s”. Der Apostroph als Komma!

    Ob man nun aber mit dem Gesamturteil “Volksverdummung” argumentativ und inhaltlich weiterkommt, das wage ich zu bezweifeln. Es ist ja zunächst mal kein Ausweis von “Dummheit”, wenn man die Orthographie nicht beherrscht, gar nicht davon zu reden, dass “das Volk” vermutlich nicht hören will, dass es “dumm” sei – und erst recht dann nicht, wenn ihm orthographische, grammatische und semantische Schlampereien täglich von seinen Repräsentanten “vorgeschrieben” werden (lesen Sie mal den Rossmann, MdB, in den Bologna-Blogs).

    Satire ist eine Möglichkeit: sie zum Lachen bringen. Verweigerung eine andere: sich nie den Sprachverhunzern und -hunzerinnen beugen, Sprache als eine politische Botschaft verstehen, die nicht nur versucht, zu sagen, was ist, sondern die, schon in der Wahl der Worte und der Grammatik, stets etwas WILL. Warum soll ich mich in meiner Sprache einem Anliegen subordinieren, das nicht meines ist?

    Mit anderen Worten: ich fordere die Authentizität der Sprache. So gesehen ist der Fauxpas des Auslassungsstriches in dem Pressetext der Grünen ja eigentlich ein authentischer, und damit begrüssenswerter, Freudscher Verschreiber. Wer dauernd “Mitbürger und -bürgerinnen” scheibt: dem passiert dann eben auch so etwas.

    In Frankfurt gibt’s ein prima Kiosk an der Ecke Eschersheimer Strasse/Miquelallee. Es gehört einem Hellenen und heisst (grosse Lettern) “Beim Grieche”. Authentischer geht’s nimmer (wammer Hess’ is’). Bravo. Perfekt assimiliert, gelungene Integration. Wenn er ein “n” einfügt, geh’ ich da nicht mehr hin.

  8. @ Helmut Wicht

    Hallo,

    ich hab da gar keine Probleme mit…würde man hier so sagen – da ich eher deutsch rede (nein kein Ärztlatein trotz großem Latinum) und ich nutze auch bewußt wenig Fremdworte.
    Mir fiel eben in der Bolognadiskussion diese Strichelei auf – nicht mehr und nicht weniger.
    Und da ich von Seiten der Schule meiner Tochter auch immer so tolle Stilblüten wachsen sehe, schaut man mal mehr oder mal weniger bewußt.

    Gerda,s finde ich durchau praktischer, wenn man es tippen muss, zumal ja viele auch die Kleinschreibung in der Kommunikation bevorzugen – eben ein Hingucker rein werbetechnisch.

    suum cuique !

    MG

  9. @ Helmut Wicht, ab vom Thema

    ha, haaa, Helmut, erwischt! In ganz Frankfurt gibt es keine Eschersheimer Straße! Das weiß ich Schlaumeier, weil ich vor ungefähr hundert Jahren in Eschersheim Pennäler war. Es gibt eine Eschenheimer Straße mit dem Vorsatz Große! Und es gibt eine Eschersheimer Landstraße, die ist lang bis hinauf zur Hausnummer 584, wo sie an den Gleisen endet und wo um die Ecke „Beim Scherer“ der beste Apfelwein der Welt ausgeschenkt wurde, damals in der guten alten Zeit, und diese Landstraße kreuzt weiter unten die Miquelallee.
    „Beim Grieche“ gab es damals noch nicht, Gott bewahre, da fing die Integration mal eben mit „zwei kleine Italiener“ an.
    Die nämliche Kreuzung wurde beherrscht vom PX, ausgesprochen pie-eks, ausgeschrieben Post-Exchange, dem Einkaufsladen exklusiv für die US-Soldaten, in den man als deutscher Junge nicht rein durfte und der die einzigen authentischen Jeans führte.
    So, so, jetzt ist da also der Grieche: tempora mutantur, wie du es wohl ausdrücken würdest.
    Das musste ich noch loswerden, doch von nun an hören wir hier auf, uns eine fehlende Ldstr. oder fehlende n,s vorzuwerfen, versprochen.

  10. @ Große

    …uahh!

    Erwischt!

    Die Topographie und Orthographie des Frankfurter Nordens (Eschersheim? Eschenheim? Eckenheim?) ist mir – auch nach zwanzig Jahren in FFM – immer noch ein Rätsel. Ich wohn’ in FFM-Rödelheim, das ist easy. Man rödelt da ‘rum. “Rödelheim-Hartreim-Projekt”. Moses Pelham. Heimat. Der Norden, Ecken-, Eschers-, was-immer-was-heim? Terra incognita. Strassennamen, die man verwechselt.

    Ich komm’ selten in den Norden – immer nur “Zum Grieche”. Den gibt’s wirklich! Ehrlich!

    Wie erbärmlich ist mein geographischer Horizont, dass er an “Eschen-, Eschers-, Ecken- und Eckersheimen” scheitert! Ich bin beschämt.

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