Soziales Frieren

Apple und Facebook zahlen den bei ihnen angestellten Frauen eine Operation, bei der Eizellen abgesaugt und eingefroren werden. Die Eizellen können dann zu einem späteren Zeitpunkt befruchtet und eingesetzt werden. Dieses Verfahren der Verwahrung von Eizellen ohne medizinische Indikation heißt „Sozial Freezing“.

Diese Meldung hat in Deutschland eine enorme Reaktion hervorgerufen. Ich möchte die Diskussion hier nicht noch einmal durchkauen. Sie drehten sich mehr oder weniger im Kreis. Auch in den großen Zeitungen wie Zeit oder FAZ unterschied sich eigentlich nur die Betonung der Pro und Contra-Argumente. Viel spannender fand ich die Punkte, die nicht angesprochen wurden.

Denn ganz abgesehen von der Frage, ob Frauen nun dadurch ein Vorteil oder einen Nachteil haben, gibt es Aspekte, die in der Diskussion einfach nicht auftauchen.

1. Das Verfahren wird als sicher bezeichnet, und die meisten Kommentatoren stellen das nicht in Frage. Diese Behauptung ist aber falsch. Um Eizellen gewinnen zu können, muss der Zyklus stark stimuliert werden. Das sogenannte Hyperstimulationssyndrom tritt relativ oft auf, ist aber in den meisten Fällen eher unangenehm als bedrohlich. Die Häufigkeit der schweren und potentiell tödliche Form wird mit 0,1 bis 3% angegeben. Für einen medizinisch nicht notwendigen Eingriff ist das recht viel. Bei der Stimulation reifen in den Eierstöcken viele Follikel gleichzeitig, und der behandelnde Arzt punktiert sie mit einer langen, dünnen Sonde, die durch die Vagina eingeführt wird. Die so gewonnen Eizellen werden dann tiefgefroren. Weil die Eierstöcke in der Bauchhöhle liegen, kann bei der Punktion ein Organ verletzt werden, oder eine Bauchfellentzündung ausgelöst werden. So selten es auch sein mag, für die Betroffenen ist es ausgesprochen gefährlich.

Ein Mensch ist keine Maschine, die man gefahrlos auf- und zumachen kann.

2. Auch der Erfolg ist keineswegs gewiss. Über den Daumen gepeilt, ist die Chance, dass wenigstens eine von zehn Eizellen anwächst, geringer als 50%. Und selbst dann heißt das noch nicht, dass eine komplikationslose Schwangerschaft folgt. Mit 40 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt deutlich höher als mit 20. Es heißt zwar, dass die Eizellen durch das Einfrieren nicht beschädigt werden, aber die Datenbasis für diese Behauptung ist dünn. Anders als in den meisten Zeitungen geschrieben, ist das Verfahren alles andere als Routine: Bisher sind weltweit erst etwa 2000 Kinder aus eingefrorenen Eizellen geboren, und die größte Studie, die sich mit der Wahrscheinlichkeit von Missbildungen oder Chromosomenschäden befasst, hat nur 900 Kinder untersucht. Erfahrung mit 20 Jahre lang eingefrorenen Eizellen existieren überhaupt noch nicht.

Zum Vergleich: die Wahrscheinlichkeit für die häufigste Chromosomenaberration, die Trisomie 21 (Downsyndrom), liegt bei weniger als 1:1000, wenn die Mutter jünger als 25 Jahre ist.

Und natürlich ist auch bei Implantation wieder eine Hormonbehandlung nötig, mit allen Risiken.

Aus medizinischer Sicht ist also das „Sozial Freezing“ also weder harmlos, noch besonders erfolgversprechend. Ich persönlich würde es niemandem empfehlen.

Aber auch aus sozialer Sicht bringt das Verfahren kaum Vorteile.

Wer an seiner Karriere arbeitet, kann nicht mit 40-45 Jahren damit aufhören. Eine Karriere in der Industrie ist niemals „gemacht“, sie endet erst mit der Rente. Tatsächlich ist das „sozial freezing“ also eher für Frauen gedacht, die in diesem Alter feststellen, dass sie keine Karriere machen wollen. Wer bezahlt ihnen dann aber die In-Vitro-Befruchtung, oder die Begleitung der Schwangerschaft? Die Kosten für das Verfahren fallen ja nicht nur am Anfang an. In Deutschland mag diese Frage weniger akut sein, in den USA ist sie eventuell entscheidend. Übrigens: hat schon mal jemand darüber nachgedacht, was mit den Eizellen geschieht, wenn die verwahrende Firma nicht mehr existiert? 10, 15 oder 20 Jahre sind schließlich eine lange Zeit.

Auffallend auch: kein Kommentator stellt in Frage, dass das Erklimmen einer Firmenhierarchie ein entscheidender Maßstab für den Lebenserfolg ist. Wir haben immer mehr Aussteiger, immer mehr Selbstständige, immer mehr Internet-Nomaden. In der Wissenschaft und im öffentlichen Dienst ist längst eingeplant, dass Frauen mit Kindern Karriere machen können. Ist da die hierarchische Gliederung von großen Firmen nicht eigentlich ein überholtes Modell? Ich habe niemanden gefunden, der das Thema „sozial freezing“ als Anlass genommen hätten, über diese Frage nachzudenken.

Aber wie so oft: Die spannendsten und wichtigsten Aspekte ergeben sich immer dann, wenn sich zurücklehnt und einen Moment darüber nachdenkt, welche Themen nicht angesprochen werden.

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Social Freezing entspringt dem Wunsch ein überlebensgrosses Problem mit dem Zauberstab – heute der Technik – zu lösen. Das Problem: Biologisch gesehen wären die 20er Jahre die beste Zeit zum Kinderkriegen, eine Phase, die heute zur Jugend gezählt wird und wo intelligente Frauen und damit Frauen mit Aussicht auf eine Karriere an der Uni oder sonstwo in der Ausbildung sind. Die Karriere beginnt dann Ende der 20er, anfang der 30er Jahre, einer Lebenspase, die schon nicht mehr zur Jugend gezählt wir und wo unter anderen Umständen sich der Kinderwunsch realisieren würde.
    Es stimmt schon: rein rational betrachtet bringt die Aufschiebung des Kinderwunschs aus Karrieregründen wenig. Denn warum sollten die 40er Jahre wenn nicht biologisch, so doch sozial, eine bessere Zeit fürs Kinderkriegen sein? Social Freezing bedeutet wohl einfach den Kinderwunsch nicht aufzugeben wenn man dem nachlebt was heute von der Feministin bis zum Konzernchef als neues weibliches Ideal gefordert wird, nämlich, dass es keine Grenzen mehr für Frauen gibt. Lässt sich denn der Kinderwunsch mit der Karriere vereinbaren,stimmt das was hier so zu lesen ist:

    In der Wissenschaft und im öffentlichen Dienst ist längst eingeplant, dass Frauen mit Kindern Karriere machen können. Ist da die hierarchische Gliederung von großen Firmen nicht eigentlich ein überholtes Modell?

    Mag sein, dass in Wissenschaft und Verwaltung Karriere und Kinderkriegen besser vereinbar sind als in der Chefetage. Einfach ist diese Doppelrolle aber auch dort nicht. Es funktioniert wohl nur wenn eine Mutter, die Karriere macht vieles delegiert was mit dem sich um das Kind Kümmern zu tun hat. Das ist übrigens überhaupt nicht neu. In gehobenen Gesellschaftsschichten hatten Frauen in der Vergangenheit ihre Ammen und Mädchen für alles. Und heute kann es mit der Leihmutter sogar noch einen Schritt weitergehen.

  2. Der Artikel bringt alle wesentlichen Punkte , Volltreffer.
    Über die eventuellen Kinder redet niemand , schon deshalb gehört das schlicht untersagt.

    Um nicht falsch verstanden zu werden , ich bin nicht gegen späte Mutterschaft , aber nicht von vorneherein aus Karrieregründen.

    Die Karriere als einziger Maßstab für den Lebenserfolg , der Satz bringt es auf den Punkt.
    Leider ist es nicht überraschend , daß in den wenigsten Zeitungen oder TV-Formaten ein solcher Aspekt auftaucht , unsere Medien sind sehr weitgehend durchsetzt von rückgratfreien Leuten , die sich selber ausschließlich über extremistisches Karrieredenken definieren , vermutlich spielt dabei auch die Zuführung von Fremdstoffen eine sehr große Rolle.
    Daß das social freezing aus der IT-Wirtschaft kommt , paßt ins Bild , da dürften Allmachts-Phantasien eine größere Rolle spielen als der praktische Nutzen.

  3. „Aber auch aus sozialer Sicht bringt das Verfahren kaum Vorteile.“

    Kaum Vorteile?! Aus sozialer Sicht ist das verheerend. Allein, daß solche Ideen ernsthaft existieren, macht mir Neurodermitis.

  4. Wenn Firmen wie Facebook und Apple ihren weiblichen Mitarbeiterinnen Social Freezing anbieten um fürsorglich für ihre Mitarbeiterinnen zu wirken, heisst das letztlich, dass diese Firmen ebenfalls einen Konflikt zwischen Kinderwunsch und Karrierewunsch oder vielleicht nur schon zwischen Kinderhaben und Angestelltenverhältnis erkennen. Facebook und Apple wollen den vollen Einsatz ihrer Mitarbeiterinnen und das geht scheinbar nicht, wenn sich diese Mitarbeiterinnen auch noch um ihre eigenen Kinder kümmern. Leider ist diese Überlegung gar nicht abwegig. Sie gilt nicht nur für die weiblichen sondern genau so für die männlichen Mitarbeiter. Nur dass Männer, die ganz in ihrem Beruf aufgehen und sich wenig um ihre Kinder kümmern schon vor 20 und vor 50 Jahren existiert haben und heute immer noch quasi der Normalfall sind. So gesehen stimmt das Verhältnis Beruf zu Familie eben für beide Geschlechter nicht, mindestens für diejenigen, die im Beruf weiterkommen wollen und von denen die Firma erwartet dass sie alles geben.

  5. Das Phänomen kann auch noch aus anderen Richtungen gedacht werden, die ich zumindest aufzählen möchte.
    Frauen, die der Erzählung Social Freezing Glauben schenken,
    1. könnten versucht sein, ihrer aktuellen auch wechselhafteren Partnerwahl weniger Bedeutung beizumessen, da die Kinderwunschrealisierung(sphantasie) ja für die Zukunft fixiert wurde – da Apple und Facebook auch sonst jede Schweinerei mitmachen, warum gerade vor abstrusem social engineering Haltmachen?
    2. sind schon sehr nahe am perfekten Mitarbeiter: Opferbereitschaft, Leichtgläubigkeit, Fügsamkeit, man könnte schon fast von devot sprechen. Sozusagen die Fortschreibung des Witzes: Der Chef ruft nach Angestellten und es kommen Menschen…
    3. Trickbetrug.
    Ich bin mir sicher,Genaues weiß ich aber nicht, ich vermute/spekuliere also, wer das Social Freezing bezahlt bekommt, verpflichtet sich auch, für ein gewisses Zeitintervall eben keine Kinder zu bekommen, ggf. abzutreiben oder die bis dahin überflüssigerweise entstanndenen Kosten des Freezing zurückzuerstatten. Selbstredend wird auch ein Firmenwechseln in so ein Zeitintervall schwierig bis unmöglich werden, weil ja wieder jemand für die Kosten aufkommen muss…
    Jedenfalls scheint mir das Phänomen Social Freezing geeignet, bei denen, die darauf eingehen um nicht zu sagen auf die Masche hereinfallen, um MitarbeiterInnenloyalität über das übliche Maß hinaus herzustellen und über eine längeren Zeitspanne zu halten.

    • Wenn die Medienberichte korrekt sind, dann wurde die Kostenübernahme für das Einfrieren als Reaktion auf Wünsche von Mitarbeiterinnen genehmigt.

      • Das ist sicherlich irgendwie zutreffend. Nur sind 1. auch Abteilungsleiterinnen, denen die Babypausen ihrer Mitarbeiterinnen auf die Nerven gehen, Mitarbeiterinnen. 2. auch Mitarbeiterinnen dürfen Wünsche äußern. Je nach Wunsch fällt die Reaktion aus. Dem Wunsch nach einer 30 h Woche bei vollem Lohnausgleich kommt ja auch keiner entgegen… Und 3. fallen Wünsche nicht vom Himmel, sondern sind üblicherweise eine Art Reaktion auf die angetroffenen Zustände und menschengemachten sozialen Strukturen, dessen Teil sie sind.

      • In dem sehr ausführlichen NBC-Bericht vom 14.10., auf den sich die meisten späteren Meldungen beziehen, ist nicht die Rede davon, dass Apple und Facebook die Kostenübernahme für das Sozial Freezing auf ausdrücklichen Wunsch der Mitarbeiterinnen eingeführt haben.

        • Danke für die INFO. Wenn die Kostenübernahme auf Wunsch von Mitarbeiterinnen eingeführt geworden wäre, dann entspräche dies einer Sozialleistung. Aber leider geht aus dem Artikel nicht hervor, wer eigentlicher Initiator dieser Aktion ist.
          Unabhängig davon teile ich Ihre medizinischen Bedenken; solche massiven hormonellen Veränderungen an gesunden Frauen sollten besser unterbleiben.

  6. Auffallend auch: kein Kommentator stellt in Frage, dass das Erklimmen einer Firmenhierarchie ein entscheidender Maßstab für den Lebenserfolg ist.

    Das wäre ganz schlecht. – Die Sache scheint unternehmerisch Sinn zu machen und ethisch zweifelhaft zu sein.

    Danke für Ihre Kommentierung anderer Kommentare.

    MFG
    Dr. W

  7. Im SPON-manager-magazin wird die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe mit „Meine Kinder sind mein Hobby“ – ist das okay? zitiert.
    Dort sagt sie:

    „Meine Kinder sind mein Hobby. Ich spiele eben nicht Golf oder gehe segeln.“ Diese Sätze sagte die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Evelyn Nikutta, der „Süddeutschen Zeitung“. Sie polarisiert mit dieser zugespitzten Aussage. Und trat eine Diskussion los über Karriere, Familie – und Hobbys.

    • Vielen Dank, Herr Holzherr, das beleuchtet gleich mehrere wichtige Aspekte.

      1. Frau Nikutta macht damit eindeutig klar, dass ihre Familie hinter dem Job zurückstehen muss. Einem Hobby geht man dann nach, wenn der Beruf Zeit dafür lässt.
      2. Golfen ist manchmal weniger ein Hobby, als vielmehr Kundenpflege. Vermutlich sind mehr Millionengeschäfte beim Golfen als im Konferenzraum abgeschlossen worden. Frau Nikutta steht aber einem Unternehmen vor, das einkauft und organisiert, aber nicht in großem Maßstab verkauft. Da empfiehlt es sich geradezu, sich auf Golfplatz rar zu machen.
      3. Im übrigen zeigt es noch einmal deutlich, dass Familie und Job für Frauen auch in unserer heutigen Zeit schwer zu vereinbaren ist.
      4. Vielleicht ist ein entsprechendes Gehalt und/oder ein Partner, der das Familienleben aktiv mitgestaltet ja auch eine Option die die „Hobbysicht“ ermöglicht.

      Aber: man sollte den Satz auch nicht auf die Goldwaage legen. Frau Nikutta hat ihn in einem Interview geäußert, nicht in Stein meißeln lassen.

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