Orwells 1984 und Donald Trump

Vor einigen Wochen schnellte ein mehr als 60 Jahre altes Buch auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste in den USA: George Orwells Dystopie „1984“. Ein Zusammenhang mit Amtseinführung von Donald Trump ist unübersehbar. Aber was sagt uns denn das Buch über den Regierungsstil des neuen Präsidenten?

Im Jahr 1947 zog sich der britische Schriftsteller George Orwell auf die Hebrideninsel Jura zurück, um sein finsterstes Werk zu schreiben: die Zukunftsvision 1984. Ihm muss viel daran gelegen haben, denn eigentlich war das raue Klima Gift für seine angeschlagene Gesundheit. Er litt unter einer Lungentuberkulose, und der Aufenthalt in dem kaum geheizten Farmhaus Barnhill ohne elektrischen Strom setzte ihm schwer zu.

Sein Buch wurde ein Meisterwerk: Der Blick in eine lichtlose Zukunft, in der sich drei riesige Imperien die Welt teilen. Freiheit gibt es nicht mehr, selbst der Begriff ist verschwunden. Die Staaten Ozeanien, Eurasien und Ostasien führen in wechselnden Allianzen einen endlosen Krieg. Die einzig verbliebene Wissenschaft befasst sich mit der Herstellung besserer Waffen.

Der Protagonist lebt in London, das mit Nord- und Südamerika zu Ozeanien gehört. Das totalitäre Regime beherrscht jeden Aspekt des Lebens seiner Untertanen. Es kontrolliert nicht nur ihr Tun, sondern auch ihr Denken. Damit soll die Herrschaft einer kleinen Clique, der „inneren Partei“ auf unbestimmte Zeit gesichert werden. Menschen können nicht rebellieren, wenn sie nicht einmal den Gedanken daran entwickeln können, weil es kein Wort dafür gibt. „Big brother“, das fiktive Gesicht der Partei, herrscht absolut über die Menschen. Überall hängen Plakate seines Gesichts mit dem stechenden Blick und der Parole „Big brother is watching you!“

Die Partei macht keine Fehler, und um das zu dokumentieren, wird die Vergangenheit ständig umgeschrieben. Die Archive der Zeitungen müssen ständig revidiert werden, damit dieser Eindruck erhalten bleibt. Entsprechend darf niemand zu Hause Bücher oder Zeitungen aufbewahren. Kritiker der Partei verschwinden einfach, und niemand darf das erwähnen, denn offiziell haben sie nie existiert.

Die ständigen Kriege vernichten jeden Produktionsüberschuss, sie töten die tatendurstigen jungen Männer, die man sonst schwer kontrollieren könnte, und sie füttern den immer wieder geschürten Nationalismus.

Staatsfeind Nr. 1 ist Emmanuel Goldstein, ehemals führender Theoretiker der Herrscherclique und jetzt angeblich der Anführer einer verbotenen Untergrundbewegung. Er hat ein geheimnisvolles Buch geschrieben: „Die Theorie es oligarchischen Kollektivismus“. Darin deckt er auf, wie die Partei ihre Herrschaft sichert. Also ist dieses Buch verboten.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“, lautet ein Wahlspruch der Partei.

Was hat das alles mit Donald Trump zu tun?

Viele sehen in Donald Trump einen Kandidaten, der es mit bewussten Lügen und mit absoluter Skrupellosigkeit bis zum Präsidenten gebracht hat. Und in dem fiktiven Buch von Emmanuel Goldstein meinen sie, eine Art Leitfaden seines Wahlkampfs gefunden zu haben. Zum Beispiel steht dort:

„Die ozeanische Gesellschaft baut auf dem Glauben auf, der große Bruder sei allmächtig und die Partei unfehlbar. Weil das aber nicht stimmt, bedarf es einer unablässigen Flexibilität im Umgang mit Tatsachen.“

Das Schlüsselwort dafür ist Schwarzweiß. Diese Eigenschaft ist bei Parteimitgliedern hoch geschätzt. Sie bedeutet, dass man Schwarz zu Weiß erklärt, wenn die Partei es befiehlt. Mehr noch: Man glaubt das auch sofort und vergisst, dass es jemals anders gewesen sein kann. Man muss also ständig seine Erinnerung anpassen können.

Wenn Trump also sagt, er habe nie Streit mit den Geheimdiensten gehabt, dann vergessen seine Anhänger sofort die Tweets, in denen er harsche Vorwürfe gegen diese Institutionen erhoben hat. Mehr noch: diese Tweets haben nie existiert. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Auch das ist Schwarzweiß: auf Gegner angewandt, bezeichnet es deren empörende Bereitschaft, Schwarzes als Weißes zu bezeichnen. Trump und seinen Beratern verwenden den Begriff Fake News ganz ähnlich wie Orwell das Wort Schwarzweiß.

Damit aber man diesem Denkmuster nicht irre wird, braucht man Doppeldenk. Die Partei ist zwar offiziell unfehlbar, aber auf einer zweiten Ebene müssen die Parteifunktionäre wissen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist, damit es in Zukunft besser läuft. Und dann müssen aktiv Ihr Wissen um diese Fehler wieder verdrängen. Wahrheit und Lügen existierten in den Köpfen der Parteimitglieder nebeneinander. Denn wenn jeder eindimensional an die Lügen der Partei glauben würde, käme die Welt zum Stillstand.

„Das Hauptgeschäft der Partei besteht in bewusster Täuschung, bei der sie die Unerschütterlichkeit absoluter Redlichkeit bewahrt.“

Man darf annehmen, das viele Menschen in den USA darin eine Methode der Trump-Regierung wiedererkennen. Vielleicht nicht so perfekt wie bei Orwell, aber, naja, sie üben ja noch.

Die Verknüpfung von Gegensätzen, von Wissen mit Unwissen, Zynismus mit Fanatismus gehört, schreibt Orwell, zu den beherrschenden Eigenschaften der ozeanischen Gesellschaft. So predigt die Partei eine beispiellose Verachtung der Arbeiterklasse – im Namen des Sozialismus. Donald Trump versprach im Wahlkampf den Arbeitern: „Ich gebe Euch eine Stimme!“ Dann stellte er ein Kabinett aus Bankiers und Milliardären zusammen, die nie für Arbeiterrechte eingetreten sind.

Oder er kritisierte seine Gegnerin für ihre Nähe zur Großbank Goldman-Sachs. Dann aber holte er so viele Ex-Mitarbeiter dieser Bank in seinen Mitarbeiterstab wie noch kein Präsident vor ihm.

Und nicht zuletzt propagiert Trump bei jeder Gelegenheit, dass Folter funktioniert. Auch das hat George Orwell bereits vorweggenommen. Sein Protagonist gesteht unter der Folter jedes gewünschte Verbrechen – und dann wird er gebrochen, zerstört und vernichtet, bis sein trauriger Überrest fest daran glaubt, den großen Bruder zu lieben. Donald Trump sagt nicht, dass man durch Folter von Gefangenen korrekte Informationen erpresst, sondern nur, dass Folter funktioniert. Man kann das als Drohung interpretieren.

Hat Trump Orwells Werk als Lehrbuch gelesen? Ist er vielleicht ein Naturtalent? Oder hat er einen Einflüsterer, der zynisch genug ist, die Welt im Orwellschen Sinne zu verändern?

Wir wissen es nicht. Aber die Aussichten sind nicht schön. Wie sagt doch der Folterknecht zu dem Protagonisten in 1984:

„Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben möchten, stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Gesicht tritt – auf ewig.“

 

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

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  1. Zum Glück folgt auf Donald Trump wieder ein anderer Präsident. Ein sich selbst perpetuierendes Regime wie es in der Welt von „1984“ beschrieben ist, kann Donald Trump nicht errichten, denn dafür fehlt die nötige alle Machtzentren einschliessende Verschwörungsmöglichkeit.

    Orwells Werk passt natürlich gut in ein zuende gedachtes 20. Jahrhundert in der Dikatoren wie Hitler und Stalin die Welt unter sich aufgeteilt hätten. Neben „1984“ gab es auch Philipp K.Dicks „The Man in the High Castle“ welches eine totalitäre Zukunft entwarf.

    Es kann natürlich sein, das auch dieses Jahrhundert wieder einer totalitären Versuchung verfällt. Rückwärtsgewandte politische Strömungen jedenfalls gibt es heute wieder genug. In der alten Welt (Europa) sicherlich. Wenn sie sich auch in der neuen Welt (USA) etablieren könnten, wären wir in einer ganz neuen Konstellation, denn im 20. Jahrhundert waren die USA das Bollwerk der Freiheit und nach dem zweiten Weltkrieg haben alle bis vor kurzem auf dieses Bollwerk vertraut.

  2. „Und sie müssen aktiv das Wissen, dass Fehler geschehen sind.“

    Im Satz fehlt etwas.

    “ Dort steht zum Beispiel:
    Darin stellt er zum Beispiel fest, dass die ozeanische Gesellschaft auf dem Glauben aufbaut, dass der große Bruder allmächtig und die Partei unfehlbar sei. “

    Ist der Satz mit „Darin … “ ein Zitat? Oder ist die Stelle ein missglückter Umbau des Texts?

  3. Eine gute Zusammenfassung von „1984“ findet sich unter Die Welt von George Orwells „1984“: Zwischen fiktivem Schrecken und realer Bedrohung Dort liest man auch, Orwells Sicht auf den rechten und linken Totalitarismus sei bei seinem Kampf gegen das faschistische Franco-Regime als Teil einer ausserhalb der beiden Hauptblöcke agierenden Miliz enstanden. Er erlebte die totalitären Methoden der spanischen KP als Äquivalent zu den totalitären Methoden der Faschisten. Zitat:

    Orwell, Zeit seines Lebens Verfechter früh-sozialistischer Ideale, erkannte, dass Faschismus und Kommunismus nur zwei unterschiedliche Erscheinungsformen des Totalitarismus waren, dessen Ausbreitung eine friedliche, humane Zukunft der Menschheit verhindern würde.

    • Orwell schrieb „1984“ scheinbar auch, weil er glaubte, die meisten Intellektuellen seiner Zeit seien von totalitären Ideen fasziniert.

      I believe also that totalitarian ideas have taken root in the minds of intellectuals everywhere, and I have tried to draw these ideas out to their logical consequences

      Und heute? Ich denke der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts ist bei den Intellektuellen – soweit es sie noch gibt – nicht mehr gleich hoch im Kurs.

  4. 1984 hatte bekanntlich noch eine dystopische Schwester , die „brave new world“ von Aldous Huxley.
    Letztere die radikale Überzeichnung des Kapitalismus , der genauso totalitär wird , nur sehr viel mehr durch Zuckerbrot , Peitsche und eine Droge namens „soma“ , die vermeintlich bedenkenlos eingenommen werden kann und mittelfrisitg die Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigt (ein Schelm , wer dabei an die neueren Designerdrogen denkt).

    Nach dem Kalten Krieg haben wir heute eine Entwicklung , die aus damaliger Sicht wohl überraschend wäre . Beide Seiten – Ost und West – entwickeln postdemokratische Systeme , die sich zunehmend ähneln und , siehe Artikel , beide dazu neigen , Elemente der Dystopien herausbilden.

    Allerdings geht damit auch der äußere Feind verloren , existenzielle Notwendigkeit für alle totalitären (Denk-)Systeme. Der wird entweder durch einen inneren ersetzt – Flüchtlinge , Muslime? – oder das System ist dem Untergang geweiht.

  5. Trumps alternative Fakten, seine durch Wiederholung und Behauptung selbst geschaffene Realität und sein tribalistisches America First-Denken, welches aus Schwarzweiss-Denkern ebensogut Landesverräter (weil sie sagen das behauptete Weiss sei schwarz) wie loyale Trump-Anhänger (weil sie sagen schwarz sei weiss) machen kann – all das stellt die Parallele zwischen Trumps Reality-TV Welt und Orwells Lügenkreislauf am besten her. Dies jedenfalls meint der NZZ-Artikel «1984»
    Orwell ist eine praktische Allzweckwaffe
    . Bei Trump aber ist die von Orwell beschriebene, alles der Partei unterordnende Parteidisziplin ersetzt durch den Führerkult, in dem ein narzisstischer, disziplinloser, selbst ernannter Führer das Mass aller Dinge und das Mass dessen ist, was real und was nicht real ist. Die Gefahr, die von Trump ausgeht ist nicht die eines neuen Stalinismus, sondern die eines neuen Autoritarismus.

  6. Trump ist in den Augen der West-und Ostküstenliberaler ein orwell’sches Unding, wird aber in den Flyover-Staaten und im Rostgürtel der USA ganz andes gesehen, nämlich als jemand, der die Revolte gegen das Establishment anführt, als jemand der den linksliberalen Mainstreamliberalismus durchbricht in dem Political Correctness, LGBT und die Geschlechtertrennung auf Toiletten zum Fokusthema wurde, während die Perspektivlosigkeit der häufig an Drogen und Suizid leidenden Abgehängten im Rostgürtel der USA für diese Mainstreamliberalen kein Thema ist (white trash gehört in den trash).
    Mit diesem Gegensatz beschäftigt sich Slavoj Žižek im Essay Zukunft nach Trump:
    Mehr Selbstkritik, bitte!
    Für Žižek ging es im amerikanischen Wahlkampf um einen Konflikt zwischen Identitätspolitik und dem Kampf der Entrechteten. Die Identitätspolitik für die Hillary Clinton einstand, kämpft für die Rechte von Minderheiten (ethische+ sexuelle Minderheiten, Migranten) und um den korrekten Umgang (political corectness) von Menschen unterschiedlicher Herkunft während Bernie Sanders und Donald Trump für die Entrechteten eintraten, Bernie Sanders beispielsweise für die hoch verschuldeten Studenten, Donald Trump für die Abgehängten im Rostgürtel der USA. Als Zeuge für diese Analyse nimmt Žižek den Philosophen Richard Rorty, der in den USA schon früh auf diesen inhärenten Konflikt zwischen Abgehängten und sich moralisch überlegen fühlenden Linksliberalen hingewiesen hat:

    Wenn die arme, weisse Wählerschaft merke, dass sich das linksliberale Establishment um ihre Notlage foutiere, obwohl es ständig von sozialer Gerechtigkeit rede, dann, schrieb Rorty: «Die ärmeren Wähler würden zu dem Schluss kommen, dass das System versagt habe, und einen starken Mann wählen wollen, der ihnen verspricht, dass unter ihm die feinen Bürokraten, raffinierten Anwälte, überbezahlten Anlageberater und postmodernistischen Professoren nicht mehr das Sagen haben.
    [. . .] Eines dürfte sehr wahrscheinlich geschehen: Die Fortschritte der schwarzen und braunen Amerikaner und der Homosexuellen in den letzten vierzig Jahren würden weggefegt. [. . .] Alle Ressentiments, die Amerikaner mit schlechter Schulbildung dagegen haben, dass ihnen die Akademiker gute Sitten vorschreiben wollen, würden ein Ventil finden.»

    Warum erwähne ich diese Sicht Žižek’s, obwohl sie so gar nichts mit Trump als Big Brother zu tun hat? Weil es mir hier um das geht, was an anderer Stelle als sich Einspinnen in seine eigene Filterblase bezeichnet wurde. Wer hinter Trump nur das Orwell’sche sieht, aber nicht erkennt, dass Trump nur ein Symptom von echten Problemen in der US-Gesellschaft ist, der befindet sich nicht nur in einer Filterblase, er will sie auch nicht verlassen.

    • Anmerkung: Žižek’s beschäftigt sich mit dem Grund warum Trump überhaupt gewählt wurde und erklärt dazu: „jeder Aufstieg des Faschismus zeuge von einer gescheiterten Revolution“. Er will darin folgendes Positives sehen:

      Trumps Sieg gibt der Linken die einzigartige Chance, sich selbst zu erneuern.

      Ich sehe das nicht (für die Linke gibts wenig zu gewinnen) und denke vielmehr : Nicht einzelne Dinge an Trumps Charaketer, wie der vor der Wahl kritisierte Rassismus und Sexismus, ja nicht einmal sein Narzissmus, sind das Hauptproblem, sondern die von Trump verfochtene Politik insgesamt führt geradewegs in die Katatstrophe. Abschottung, Protektionismus und National-Egoismus der USA und die damit ausgelösten Handelskriege und Gegenmassnahmen der damit brüskierten Länder führen in eine äusserst unerfreuliche Zukunft, in eine Welt von Gegnern anstatt von Freunden, in eine Welt, die sich niemand wünschen kann.

  7. „Ein Zusammenhang mit Amtseinführung von Donald Trump ist unübersehbar.“

    So gern es mir leid tut, aber ich sehe diesen Zusammenhang nicht. Orwell war Sozialist, und sein Buch richtete sich gegen Stalin und das kommunistische Regime in Russland. Big Brother war also eigentlich Josef Stalin.

    Schon drei Jahre zuvor hatte Orwell diese in seinem Buch „Die Farm der Tiere“ angeprangert. Darin übernahmen die Tiere eine Farm und formulierten sieben Gebote, darunter „Alle Tiere sind gleich“. Dieses Gebot ist wesentlich mehr an die derzeitige Ideologie der Political Correctness angelehnt, als an die Sprüche Donald Trumps.

    In „1984“ arbeitet Winston Smith im Ministerium für Wahrheit. Nun gibt es in USA weder ein Ministerium für Wahrheit noch ein Propagandaministerium. So oder so geht es darum, die Massen zu erreichen, denn „[D]ie politische Macht hat, wer über die Zulassung von Themen zur Öffentlichkeit entscheidet.“ [1]
    Diese Macht haben die Medien, nicht Trump, der versucht, dagegen zu twittern.

    Nun hat sich die Presse zwar dagegen verwahrt, als „Lügenpresse“ bezeichnet zu werden, was, wie Peter J. Brenner [2] schreibt, „sicher falsch ist. Man darf im Gegenteil davon ausgehen, dass die entsprechenden Journalisten der festen Überzeugung waren, nicht nur die einfache Wahrheit zu berichten, sondern eine höhere Wahrheit, die selbst dann richtig ist, wenn sie mit den Fakten nicht übereinstimmt.“

    Das ist zwar kein Ministerium der Wahrheit, aber um die Wahrheit, vor allem die höhere, geht es schon mal, und um die Flexibilität im Umgang mit Tatsachen.

    „Das Hauptgeschäft der Partei besteht in bewusster Täuschung, bei der sie die Unerschütterlichkeit absoluter Redlichkeit bewahrt.“

    Von einer Partei kann man bei Trump kaum sprechen, denn es geht ja wohl nicht um die Republikaner, deren Hauptgeschäft in der Täuschung bestehen soll. Lassen wir die Partei einmal weg und beschränken uns auf die Unerschütterlichkeit absoluter Redlichkeit, dann assoziiere ich das weniger mit Trump als mit der Politischen Correctness der „Eliten“..
    .. ähh, darf man das noch sagen oder ist das demnächst „Unwort des Jahres“?
    Eine solche Aktion wird nämlich gebraucht, damit wir lernen, das Richtige zu denken. Und richtig sind die Achtung der Menschenrechte – ausgenommen, man heißt Donald Trump, Toleranz gegenüber Anderen – ausgenommen, sie heißen Donald Trump ..

    Nur um das klar zu stellen: es geht mir nicht darum, Trump zu verteidigen, sondern ich denke, dass es notwendig ist, der derzeitigen postmodernen Ideologie, die auf die Orwell’sche Vision hinauszulaufen scheint, etwas entgegen zu setzen. Denn es ist nicht Trump, der eine Gefahr darstellt, sondern die genannte Ideologie – sonst würden er und alle, die sie in Frage stellen, nicht in so beispielloser Weise angegriffen werden.

    [1] Zitat Ulrich Beck: „Europa braucht einen neuen Traum“. In: Thomas Meyer, 2015. „Die Unbelangbaren. Wie politische Journalisten mitregieren“. Berlin: suhrkamp

    [2] Peter J. Brenner, 2015: „Vom Migranten zum Staatsbürger – ein langer Weg nach Westen“ In: TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung.

    • Trice, Sie haben sich viel Mühe gegeben, die Unterschiede zwischen George Orwells Roman und Trumps Herrschaftsmetoden zu zeigen. Aber heißt ja nicht, dass die Menschen in den USA alle diese Überlegungen anstellen, bevor sie auf den Bestellbutton bei Amazon drücken. Soweit ich weiß, war „1984“ noch nie der absolute Bestseller bei Amazon, und Trumps Regierungsstil ist in vielen Medien mit Orwells Dystopie verglichen worden. Deshalb bin ich nach wie vor sicher: Der Verkaufsschub des Buchs geht auf das Konto von Donald Trump.

      • @ Frau Dr. Grüter

        Sie schreiben: „Aber heißt ja nicht, dass die Menschen in den USA alle diese Überlegungen anstellen, bevor sie auf den Bestellbutton bei Amazon drücken. Soweit ich weiß, war „1984“ noch nie der absolute Bestseller bei Amazon, und Trumps Regierungsstil ist in vielen Medien mit Orwells Dystopie verglichen worden.“

        Sehen Sie, schon das macht mich stutzig: Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass alle diejenigen, die ganz plötzlich das Buch gekauft haben, dies völlig unabhängig voneinander getan haben. Und dass die Medien Trumps Verhalten – (von Regierungsstil kann man nach nicht mal einem Monat wohl kaum sprechen) mit dem vergleichen, was Orwell beschrieben hat, spricht mehr dafür, dass dies der bewusste (und perfide) Versuch einer Verfälschung dessen ist, was Orwell mit seinem Buch bzw. beiden Büchern anprangerte. Wie es Peter Furth in „Massendemokratie“ *schrieb:
        ‚Was die Political Correctness anstrebt, ist (…) nur zum Schein die Aufhebung von Verhältnissen der Diskriminierung, in Wirklichkeit betreibt sie letztlich nur ihre Umkehrung.(…)Political Correctness und Heuchelei gehören untrennbar zusammen. ‚

        „Deshalb bin ich nach wie vor sicher: Der Verkaufsschub des Buchs geht auf das Konto von Donald Trump.“

        Nein, er geht ganz sicher auf das Konto der Kampagnen gegen Donald Trump.

        * Peter Furth, 2015: Massendemokratie. Berlin: Landt Verlag

  8. Donald J. Trump richtet sich in persona amüsanterweise gegen bestimmte Sprachregelungen, die allgemein als Politische Richtigkeit bekannt sind.
    Er hebt also insofern sogenanntes Newspeak auf oder bemüht sich zumindest.

    Dass ihm dieser Versuch von bestimmter Seite so ausgelegt wird, dass er selbst Neusprech entwickeln würde, liegt als Gegenrede auf der Hand – und was sollen die „politisch Korrekten“ denn sonst auch anderes einwenden?


    Ansonsten, Trump übertreibt natürlich ein wenig, er ist energie-geladen und will sein Ding machen, er will die Nationalstaatlichkeit als „Basis, Grund & Fundament“ einer modernen aufklärerischen gesellschaftlichen Einheit wiederbeleben, denn s.E. -der Schreiber dieser Zeilen teilt diese Sicht- ist es die Aufgabe eines Nationalstaates seine Interessen zu wahren um dann Verbunde zu pflegen und weiterzuentwickeln, dann gemeinsamen Interessen folgend.

    Vermischt werden soll aber in der beschriebenen Reihenfolge.

    MFG
    Dr. Webbaer

  9. Wenn Trump also sagt, er habe nie Streit mit den Geheimdiensten gehabt, dann vergessen seine Anhänger sofort die Tweets, in denen er harsche Vorwürfe gegen diese Institutionen erhoben hat. Mehr noch: diese Tweets haben nie existiert.

    Dies entspricht ja nicht dem, was Donald J. Trump verlautbart hat.
    Werden Sie bitte redlich, Frau Dr. Grüter. [1]

    „Trumpy“ hat die Dienste angegriffen und sich, nach Amtseinführung, explizit hinter sie gestellt.
    Dies mag dialektisch erscheinen, hat aber eine gewisse Logik, er will die Dienste ja ändern und bessern.
    (Es ist unter der Obma-Administration bspw. verboten worden den Islam als Quelle von Terror zu verstehen, zu analysieren und in der Folge zu bearbeiten.
    Dies wird nun dankenswerterweise korrigiert.)

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Ansonsten gerne Belege anführen, es darf belegt werden; der Schreiber dieser Zeilen verfolgt sozusagen als Trumpologe (vs. Trumpist) die hier gemeinten Geschehnisse seit ca. zwölf Monaten, hätte wirklich nichts gegen Belege und würde sich gerne selbst korrigieren, falls falsch liegend.

    • Ich habe mich bewusst etwas salopp ausgedrückt. Hier zwei Sätze aus der Zeit online vom 22. Januar:

      Bei seinem Besuch in Langley behauptete Trump nun, seine Auseinandersetzung mit den Geheimdiensten sei eine Erfindung der Medien. Diese hätten den Eindruck erweckt, er habe eine „laufende Fehde“ mit den Geheimdiensten. Dabei sei „genau das Gegenteil der Fall“.

      Und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass seine Anhänger das auch glauben, und seine alten Tweets nicht mehr ansehen, oder nicht mehr als Beleg akzeptieren.

      • Es wäre schon cool, wenn Sie, Frau Dr. Grüter, hier O-Töne oder allgemein O-Dokumente aus dem Hause Trump beibringen könnten, die Ihre Streitführung möglichst punktgenau unterstützen.
        Sicherlich hat „Trumpy“ gegen die Dienste „geheizt“, Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund sieht aber keinen Grund für die Annahme, dass er die Dienste generell herabsetzt oder herabgesetzt hat.
        Er braucht sie heute.
        Insgesamt, vielleicht ist auch Ihnen dies nicht entgangen, findet zurzeit eine Art Nachwahlkampf statt, medial bemühte, angestellte Kräfte haben den Wahlentscheid nicht vorhergesehen, ihn gar (für sich) ausgeschlossen und „dampfen“ womöglich ein wenig vor sich hin, im Nachklang zum Wahlentscheid.
        In bundesdeutschen Medien wird ja ein gegen Donald J. Trump gerichteter „Klopper“ nach dem anderen heraus gehauen, oder sehen Sie dies anders?
        Insofern rät Dr. Webbaer an A) zur Sacharbeit zu finden B) Trump als gewählten US-Präsidenten anzuerkennen und C) Authentizität Trumps nicht auszuschließen (vgl. mit ‚Viele sehen in Donald Trump einen Kandidaten, der es mit bewussten Lügen und mit absoluter Skrupellosigkeit bis zum Präsidenten gebracht hat.‘).
        MFG
        Dr. Webbaer (der im Abgang noch ganz kurz vor der Verwendung von Man-Sätzen warnt, hier ein wenig püschologisierend wird)

  10. Leider wird Ihr Artikel durch den einen oder anderen kognitiv-adstringent einwirkenden Kommentar in eine falsche Richtung gedrängt. Obschon keine Charakterisierung oder Vergleich mit Personen aus der Geschichte bisher in ausreichender Form zutreffend war bahnt sich mit Trump etwas an, was entscheidend für die globale Zukunft sein könnte. Gerade weil Trump nicht allein ist. Er Erfolg bisheriger Schwarzweiss-Propaganda?

    Beppe Grillo, Anwärter auf das Amt des Präsidenten des Minsterrates in Italien, benutzt den Ausdruck Fake-News in eben entsprechender Weise wie Trump und bezieht sie einzig und allein auf Printmedien. Gleichermaßen streitet er ab, seinerseits Fake-News im Internet zu verbreiten. In Frankreich zeigt sich mit Fillon und Le Pen ein ähnliches Bild. In Deutschland fordert Merkel jeden guten Demokraten dazu auf, die Menschen zu erreichen und zu begeistern. Gleichzeitig fordert sie bei Facebook, gut versteckt, eine Zensur (hier spürt man ihren Fuss im Gesicht). Von Merkel wird auch auf die zunehmende Bedrohung durch aufstrebende Nationalisten gewarnt. Ein wunderbares Beispiel für Desinformation ist die Brandmarkung der AfD als „demokratiefeindliche“ Partei obwohl sie die einzige Partei in Deutschland ist, die Volksabstimmungen stärken will. Putin hingegen verfügt mit Sputnik-News über ein globales Online-Vertriebsnetz für „Informationen in seinem Sinne“. Zweifelsohne bahnt sich etwas an bzw. hat sich bereits durchgesetzt: Schwarzweiss.

    Und zweifelsohne mögen einige die Situation mit jener gleichsetzen oder als solche verstehen, wie Orwell sie in 1984 verdeutlicht hat. Postfaktizismus entsteht auch dadurch, dass man etwas so versteht, wie es einem möglich ist.

    • Das würde ich doch anders sehen. Fangen wir mal an: Die Forderung nach Volksabstimmungen ist kein sicheres Anzeichen einer demokratischen Gesinnung. Erdogan wollte die Türken über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU abstimmen lassen (er ist dagegen). Er lässt jetzt darüber abstimmen, ob die neue Verfassung angenommen werden soll (er ist dafür). Viktor Orbán hat darüber abstimmen lassen, ob die EU den Ungarn ein Flüchtlingsquote diktieren soll (wegen zu geringer Beteiligung gescheitert). Alle diese Abstimmungen sollten wohl eher eine Aufwallung nationaler Gefühle erzeugen, sie zeigen nicht, dass die beiden Herrscher besonders demokratisch gesinnt sind. Ob eine Partei demokratiefeindlich ist, muss jeder selbst beurteilen. Das ist keine Tatsache, sondern ein persönliches Urteil. Das möchte ich doch deutlich von der Behauptung falscher Tatsachen abgrenzen. Frau Merkel hat keine Zensur gefordert, das steht bei Facebook sowieso nicht zur Debatte. Es geht nur um die Frage, ob die Aussagen bestimmter Postings als umstritten gekennzeichnet werden.

      • @ Frau Dr. Grüter :

        Randseitig, es geht womöglich doch ein wenig vom Topic weg, abär hier wird Dr. Webbaer hellhörig:

        Frau Merkel hat keine Zensur gefordert, das steht bei Facebook sowieso nicht zur Debatte. Es geht nur um die Frage, ob die Aussagen bestimmter Postings als umstritten gekennzeichnet werden.

        Dies hier ist womöglich ein Tiefpunkt demokratischen Seins:
        https://www.youtube.com/watch?v=BJq5rKCe2DI (diese Korrespondenz könnte auch anders webverwiesen werden, im O-Ton)

        D.h. eine Mandatsträgerin tritt an Unternehmen der Wirtschaft heran, um Vorab-Zensur zu beantragen, frei vom allgemein verfügbaren Rechtsweg,

        Es ist genau Löschung von Meinung durch die bekannte bundesdeutsche Dame beantragt worden, unter Ausschluss des Rechtswegs, extra-legal.

        Insofern gilt es womöglich aufzuhorchen, denn sog. Fake-News zu benoten steht weder Regierungsstellen zu, noch Inhalteanbietern, sofern sie nicht selbst als politische Spieler auftauchen möchten.

        Es ist keine Kleinigkeit Anbietern im Bereich der sog. Social Media aufzunötigen irgendwelche Warnhinweise aufzustellen oder „Wahrheitsprüfungen“ zwingend vornehmen zu lassen.


        Selbstverständlich zensieren sog. Sozialen Medien mittlerweile und wunsch-bedingt heutzutage auch – insbesondere den bundesdeutschen Raum meinend, >:-> .
        Es gibt hierzu eine belastbare Datenlage.

        MFG
        Dr, Webbaer

  11. „Wir wissen es nicht.“

    Doch: Mensch ist, in der Gesamtheit seines faschistisch-kreislaufenden Verstandes von Welt- und „Werteordnung“, der Zynismus aus gleichermaßen Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“ auf stets systemrationaler Schuld- und Sündenbocksuche – Was unserer „Vernunftbegabung wie Perlen vor die Säue“ nun noch gefehlt hat, wird von Trump & Co. …

    Ewig wird unsere gebildete Suppenkaspermentalität nicht …

  12. „Hat Trump Orwells Werk als Lehrbuch gelesen? Ist er vielleicht ein Naturtalent? Oder hat er einen Einflüsterer, der zynisch genug ist, die Welt im Orwellschen Sinne zu verändern?“

    Trump liest keine Bücher. Er hat wahrscheinlich überhaupt keine konkrete Vorstellung davon, was eine Demokratie ausmacht und wie man regiert. Er hält sich, weil (nach seiner Imagination mit haushoher Mehrheit) gewählt, für die Inkarnation des Volkswillens und kann nicht verstehen, dass Richter ihm in seine Dekrete reinreden.

    Jetzt herrscht offenbar Chaos im Weißen Haus:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-und-die-white-house-leaks-hilferufe-aus-dem-weissen-haus-a-1133578.html

    • Trump ist jetzt die Spitze der „Demokratie“ des kapitalistischen Imperialismus im nun „freiheitlichen“ Wettbewerb um den scheinbar einzig relevanten Kommunikationsmüll (Bewußtseinsbetäubung)!!! 🙂

      Die Konfusion dieser chaotischen Welt- und „Werteordnung“ wird nicht erst offenbar durch die höchsten Repräsentanten / Sündenböcke im Weißen Haus!!! 🙁

      • Und Trump braucht keine Bücher lesen um …, er braucht nur direkt in den Spiegel schauen, und erfaßt höchstwahrscheinlich auch nicht mehr als die belesen-gebildete Suppenkaspermentalität!? 🙂

  13. Trump, seine Strategen Steve Bannon und Kellyanne Conway sowie sein Pressesprecher Sean Spicer sehen in den Medien die Opposition und beschimpfen die Presse als Lügenpresse. Trump ist damit auf der Linie der europäischen rechtspopulistischen Parteien wie AfD, UKIP und Front national und tatsächlich hat Trump nach seinem Wahlsieg sehr früh und sehr herzlich den UKIP-Führer Nigel Faranche und die Front national- Führerin Marine Le Pen empfangen und sein Chefstratege Steve Bannon hat gar die Absicht geäussert, Marine Le Pen im Wahlkampf zu unterstützen. Trump, Bannon und Conway verbindet eine eigene Auffassung von Wahrheit, die sich nicht mehr an Fakten, sondern am gefühlt Richtigen orientiert. Zu diesem gefühlt Richtigen gehört die Überzeugung Trumps Inauguration sei von mehr Menschen besucht worden als Obamas Wahl und Wiederwahl oder die US-Medien würden muslimische Terrorangriffe aus taktischen Gründen verschweigen. Zudem ergibt der Faktencheck schon des Wahlkämpers Trump, dass er Falschdarstellungen am Laufmeter produziert hat. Zwar stimmte es, dass das, was als Wahrheit empunden wird, sich nicht objektivieren lässt. So ist Günter Grass’s Wahrheit, das heisst das, was für ihn gesagt werden muss, das, was die deutschen Mainstreammedien geflissentlich verschweigen, nämlich die ‚Tatsache‘, dass Israel die iranische Bevölkerung auslöschen könnte und dass Israel den brüchigen Weltfrieden bedroht. Doch wie der Artikel Wahrheit? Welche Wahrheit? festhält, ist damit Grass immer noch im Bereich der Meinungen und der Weltinterpretation. Trump und die Leute aus seinem engeren Kreis aber haben sogar mit den Fakten gebrochen und damit folgenden Grundsatz verletzt:

    Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

    Trump und seine Anhänger wissen das, sie wissen das Trump lügt. Er lügt um die Wahrheit zu sagen und die neuen ‚Angestellten‘ von Trump wie sein Pressesprecher Sean Spicer lügen Trumps Lügen fort um ihre Loyalität zu Trump unter Beweis zu stellen.
    Das tönt alles schrecklich, man muss sich aber bewusst sein, dass es im Reich Putins schon lange so läuft. Es ist wohl kein Zufall, dass Trump sich schon mehrmals als Putinbewunderer gezeigt hat, denn Trump versteht Putin sehr gut. Ist er doch ein Bruder im Geiste.

    • @ Herr Holzherr :

      Es wird nun ein wenig schwierig und philosophisch, Sie dürfen gerne versuchen zu folgen:

      Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. [1]
      Trump und seine Anhänger wissen das, sie wissen das Trump lügt.

      Fakten werden gemacht, Tatsachen werden getätigt.

      Messende stellen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, dies ist naturwissenschaftlich unstreitig, Gemessenes als Fakten oder Tatsachen bereit.

      Was gemessen worden ist, kann bei Neumessung anders gemessen werden, bspw. Naturwissenschaftler wissen „ein Lied davon zu singen“, wenn Studien-Ergebnisse „auf einmal“ nicht reproduzierbar sind.


      Es soll gerade im Politischen aus aufklärerischer liberaler Sicht ein Recht auf eigene Fakten und Tatsachen geben, die Alternative wäre ein „Wahrheitsministerium“.

      In den Staaten, dort wird das für aufklärerische Gesellschaften zentrale Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung besonders hoch gehalten, darf insofern gelogen werden bis zum „Geht-Nicht-Mehr“. (Donald J. Trump ‚lügt‘ nicht, er biegt sich gelegentlich, wie dies viele Politiker tun, insbesondere auch meist unangemängelt bundesdeutsche politische Linke, Datenlagen zurecht.)

      Bundesdeutsch sieht es fürwahr anders aus, dort ist die Aufklärung aber, wie einige finden, nie wirklich in der Menge angekommen und dort wird die diskursive Kompetitivität, also, das was die Aufklärung eigentlich ausmacht, nicht sehr hochgehalten.
      Es darf sich erinnert werden: Von doitschem Boden ausgehend sind nicht nur zwei Kollektivismen entwickelt, sondern auch implementiert worden.
      Obwohl es große deutsche Aufklärer gab, also dennoch.


      Der Schreiber dieser Zeilen verweist hier rein spaßeshalber und zum Vergleich auf diesen fast fünf Jahre alten (hiesigen) Tiefpunkt:
      https://scilogs.spektrum.de/con-text/meinung-in-der-mache/

      MFG
      Dr. Webbaer

      • Da fehlte weiter oben noch dies hier:

        [1]
        Das Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung basiert darauf auch eigene oder alternative Fakten oder Tatsachen entwickeln und pflegen zu können.
        Meinung kann von der Pflege von Fakten oder Tatsachen letztlich nicht sinnhaft getrennt werden.
        Der in der BRD juristisch gepflegte Zivilrechts-Tatbestand (!) der falschen Tatsachenbehauptung ist nicht im Sinne aufklärerischer Erfinder.

  14. Trump mit Orwell in Verbindung bringen heisst auch Trump überhöhen. Mir scheint Donald Trump steht nicht für ein politisches System, sondern für sich selbst. Zum ersten Mal hat die USA damit einen Präsidenten, der nicht mehr in grossen Linien und Allianzen denkt, sondern einen, der die Probleme der USA (und nicht mehr der Welt) so lösen will, wie er das als Geschäftsmann in einem Umfeld begrenzter Ressourcen (gute Grundstücke in Manhattan sind begrenzt) gemacht hat. Mit einer Reihe von Deals, in denen es jedesmal darum geht, möglichst viel für sich selbst herauszuholen und den andern zu Zugeständnissen zu bewegen. Mit einer Weltsicht, die nicht dem Aktenstudium oder der Analyse zu verdanken ist, sondern den selbst gewonnene Eindrücken und Gefühlen. Mit einem Aktionismus, der Punkte einer Liste von Wahlversprechen „wörtlich“ abarbeitet ohne dass diese Punkte eine Linie in einem abgewogenen Gesamtkonzept bilden.
    Alles was Trump angeht geht er aus seiner eigenen, subjektiven Sicht an und auch was er als wahr und real akzeptiert entspringt nicht Fakten, sondern Gefühlen. Deshalb spricht er beispielsweise – gegen die Fakten und Statistiken – von einer Zunahme der Kriminalität in den US-Städten und deshalb sieht er die USA von islamischen Terrorismus bedroht obwohl die USA im internationalen Vergleich gut dastehen. Weil er nicht in grossen Zusammenhängen sondern in Deals denkt, deshalb sieht er auch im Protektionismus und in Strafzöllen einen Vorteil für das eigene Land, denn er denkt die Folgen des Protektionismus nicht zu Ende.

  15. “ …einen Präsidenten, der nicht mehr in grossen Linien und Allianzen denkt, sondern einen, der die Probleme der USA (und nicht mehr der Welt) so lösen will, ..“

    Jemand, der sich anmaßt, die Probleme der Welt lösen zu wollen, wäre mir äußerst suspekt! Wenn er sich auf die der USA beschränkt, hat er schon mehr als genug zu tun – ganz abgesehen davon, dass die der USA auch nicht isoliert gesehen und behandelt werden können.
    In großen Linien jedenfalls denkt er ganz sicher, 🙂

  16. Ignorance is Strength heisst der neueste New York Times – Artikel von Paul Krugman. Dieser Titel zitiert Orwell’s 1984, wo man im ersten Teil der Novelle liest:

    “War is Peace / Freedom is Slavery / Ignorance is Strength”

    Allerdings verwendet Krugman den Titel nicht in der Bedeutung, die von Orwell intendiert war (wo Ignoranz der Bürger nützlich für das Regime war). Vielmehr meint er damit die Inkompetenz der Trump-Regierung, die sich sowohl in Formalitäten wie in unüberlegten Direktiven zeige. So nennt Trump den japanischen Premier Abe „prime Minister Shinzo“ (anstatt Abe) oder erlässt eine Einreise-Direktive, die bestehendes Recht völlig ignoriert. Krugman charakterisiert mit „Ignorance is Strength“ eine Regierung, die aus Verschwörungstheoretikern, inkompetenten Ökonomen und unwissenden Ministern wie Betsy de Vos besteht, die als Erziehungsministern nicht einmal mit Fundamentalem vertraut ist.

    Krugman macht hier also, was viele tun: Sie stellen Beziehungen zu Orwell’s 1984 her obwohl es diese Beziehungen nur oberflächlich betrachtet wirklich gibt. Am ehesten trifft noch zu, dass Trump und seine Leute es mit den Fakten nicht sehr genau nehmen und sie Meinungen gar für wichtiger als Fakten nehmen. Mit Trump gibt es nach Krugman ein „intellektuelles Vakuum an der Spitze“. In 1984 aber gab es überhaupt keine sichtbare Spitze mehr, sondern nur noch die fingierte Figur des alles überwachenden „Big Brother“. Trump müsste einiges bewegen und verschieben, bis er selbst diese Stelle einnehmen könnte.

  17. „Vielmehr meint er damit die Inkompetenz der Trump-Regierung, die sich sowohl in Formalitäten wie in unüberlegten Direktiven zeige. “

    Setzen wir, was Trump angeht, Impulsivität, dann trifft es den Sachverhalt genauer, auch wenn ein Mangel an Kompetenz nicht zu leugnen ist.
    Das Wesentliche aber wird wieder einmal, aus meiner Sicht, übersehen:
    George W. Bush begann 2003 den Krieg gegen den Irak – eine völkerrechtswidrige Handlung -, in deren Folge eine ganze Region, der Nahe Osten, ins Chaos gestürzt wurde; ein Krieg, der inzwischen Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschenleben gekostet , mit dem IS eine Terrororganisation ins Leben gerufen und eine Völkerwanderung ausgelöst hat …
    Ich habe nicht gehört, dass Bush in dieser Weise angegriffen wurde. Denn er und seine Administration haben es verstanden, ihre Taten in den Schafspelz des humanitaristischen Universalismus zu hüllen, der die Ideologie einer neuen politisch korrekten Weltordnung aller Welt verkündet und deshalb allen Völkern oktroyiert werden muss.

    Was hat Trump bisher getan: Er hat mit markigen Worten Wahlkampf geführt, hat das TTP-Abkommen mit China aufgekündigt, das in weiten Teilen im Westen der USA Menschen arbeitslos und Firmen in die Insolvenz getrieben hat; er hat verkündet, eine Mauer bauen zu lassen, um illegale Einwanderung und mit ihr den Drogenhandel zu bekämpfen, und …

    „So nennt Trump den japanischen Premier Abe „prime Minister Shinzo“ (anstatt Abe) oder erlässt eine Einreise-Direktive, die bestehendes Recht völlig ignoriert.“

    Was hat Trump also gemacht? Er hat sich bei all dem doch tatsächlich nicht nur den Schafspelz nicht umgehängt, er macht sogar noch deutlich, dass er das auch nicht zu tun beabsichtigt.

    Schaut man sich unter diesem Gesichtspunkt die Reaktionen an, dann scheinen sie in keinem Verhältnis zu denen zu stehen, die gegen Bush gerichtet waren.

    Doch eben deshalb tritt etwas ganz anderes zutage: Hinter der Hysterie der Angriffe und Attacken gegen Trump verstecken sich tiefgreifende Vernichtungsängste und Emotionen, die ebenfalls verboten sind und deshalb nicht wahrgenommen werden dürfen.

    Die Psychoanalyse kennt für ein Verhalten, das die massiv verdrängten, eigenen, angstbesetzten Gefühle und Einstellungen auf den Gegner überträgt und sie an ihm, der sie wieder hervorholt, erbittert bekämpft, den Begriff der Projektion. Und kollektive Ideologien, die die verdrängten Ängste maskieren, begünstigen Projektionen. Zu erkennen sind solche Ängste an den Begriffen, die verwendet und projiziert werden, um den Gegner zu vernichten: Rassismus, Faschismus, Hass.

    In den vergangenen Jahrzehnten haben wir in Deutschland nichts unversucht gelassen, um aller Welt zu zeigen, dass wir gerade keine Rassisten und Faschisten sind; wir haben zugelassen, dass die Schuld einer Generation, der von uns niemand mehr angehört, auf uns übergegangen ist, haben uns mit ihr als nostra maxima culpa identifiziert, sind sogar bereit, die eigenen nationalen Grenzen aufzugeben, nur im ja nicht auch nur den geringsten Verdacht zu erregen oder gar ein Misstrauen zu erwecken, es könnte ja wieder von deutschem Boden … Eine solche Negierung des Eigenen, eine solche Aufgabe der eigenen Identität löst einerseits Hassgefühle gegen sich und die, die dies von uns erwarten, aus, ein Hass, der nicht spürbar werden darf, weil er zur Gefahr werden kann. Er bewirkt andererseits Hass auf den- oder diejenigen, der eben diese Ängste mobilisiert, und der ebenfalls auf den, der ihn auslöst projiziert wird. an ihm werden sie ausgelebt und brechen sich Bahn.

    Auf Dauer kann so etwas nicht gut gehen. Die Wahl von Trump ist nur eines der ersten Anzeichen dafür, dass die lage kippen könnte, denn auch die Amerikaner haben ihre unbewältigten Traumata.

    Eine Ideologie, die die Welt retten und besser machen soll, kann nicht helfen, denn sie ist – in Umkehrung des Goethe-Zitats -„ Teil jener Kraft, die stet das Gute will und stets das Böse schafft.“

    • Klar ist Trump für die meisten Städter (inklusive Journalisten) Die Unperson. Das war er schon vor der Wahl und bleibt es auch – zumal er als Präsident genau gleich auftritt wie als Wahlkämpfer. Dass er überhaupt gewählt wurde lag wohl an Hillary Clinton, die zuwenig Wähler vom Hocker gerissen hat – vor allem nicht in den wahlentscheidenden Swing- Staaten ( Florida, Ohio and North Carolina, Wisconsin, Michigan), wo sie einfach den Ton nicht fand.

      Sie schreiben aber selbst, dass Trump impulsiv sei, viele sagen sogar er sei unberechenbar und Paul Krugman schrieb vor kurzem, bei diesem Präsidenten wisse man nicht was in einem Krisenfall passiere, ob es dann nicht sogar aus nichtigem Grund zum Krieg komme.

      Es stimmt aber, dass die Gefahr eines (geplanten) Kriegszuges unter Trump wohl kleiner ist als sie unter Bush war, denn Trump könnte nicht das ganze Repräsentantenhaus auf seine Seite bringen. Etwas was Bush gelang, stimmte doch sogar Hillary Clinton für den Irak-Krieg.

      Trump hat in einer Zeit gewonnen, in der auch in den USA eine Anti-Establishment-Haltung verbreitet war. Doch was Trump mit seinem America First vorschlägt schadet letzlich den USA und der Welt. Denn nicht Zölle und Protektionismus, Abschottung und bilaterale Deals sind die Lösung. Vielmehr sollten die Verlierer der Globalisierung entschädigt werden (mit Sozialleistungen) und die Allianzen zu den asiatischen Ländern, die Chinas Macht fürchten ausgebaut werden. Das TPP-Abkommen hätte genau diesen Zweck erfüllt und anders als sie schreiben, ist das TPP-Abkommen noch nicht in Kraft getreten und China hätte genau nicht zu den Mitgliedern gehört, sondern alle von China verängstigten asiatischen Staaten hätten dazu gehört. Auch Trumps Bilateralismus sehe ich sehr kritisch. Es bedeutet konkret, dass Trump jedem sogar verbündeten Land zuerst einmal Misstrauen entgegenbringt und jedes Land, jeder Regierungschef nun Trump beweisen muss, dass es die Interessen der USA hochhält und dort gar Arbeitsplätze schafft. Deshalb sind Abe, May und Trudeau auch so schnell angereist. Nur Deutschland fehlt noch, obwohl Deutschlands Handelsbeziehungen zu den USA durch Trump eindeutig in Gefahr sind. Trump operiert als Präsident gleich wie er es als Immobilienhai getan hat: Er will gewinnen und zwar nicht mit anderen zusammen, sondern gegen die anderen. Das verheisst nichts Gutes.

  18. @Martin Holzherr

    „Klar ist Trump für die meisten Städter (inklusive Journalisten) Die Unperson“

    Nein, klar ist gerade das nicht – es sei denn, man betrachtet den Sachverhalt unter dem von mir genannten Gesichtspunkt.

    „Sie schreiben aber selbst, dass Trump impulsiv sei, viele sagen sogar er sei unberechenbar “

    Das ist er ganz sicher. Sie haben sich vermutlich mit dem Thema ADHS nicht beschäftigt, daher können Sie es nicht wissen. In den Diagnosekriterien taucht es zwar nicht auf, aber das unberechenbare Verhalten schon bei Kleinkindern ist eins der größten Probleme für Eltern. Und Impulsivität wächst sich nicht aus, sie gibt sich nicht mit zunehmendem Alter. Kennt man diese Menschen aber, dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, was dieses Verhalten auslöst. Was nicht dazu gehört ist, was Krugman vermutet: in Krisensituationen handeln diese Menschen gerade nicht impulsiv, sondern mit großem Überblick und treffen dann auch sachlich richtige Entscheidungen.

    „Trump hat in einer Zeit gewonnen, in der auch in den USA eine Anti-Establishment-Haltung verbreitet war. “

    Hmm, also „Establishment“,das war einmal die Zeit, die von der jetzigen postmodernen Gesellschaftsordnung abgelöst wurde. Dass sich mittlerweile auch in dieser neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung „Eliten“ gebildet haben, liegt in der Natur der Sache und in der des Menschen als soziales Wesen. Heißt, auch in einer Gesellschaft, die sich die Gleichheit Aller und die Menschenrechte für jeden auf die Fahnen geschrieben hat, gibt es solche, die gleicher sind und es gibt die Verlierer. Nur mit dem Unterschied zu früher, dass die „Eliten“ nun auch die Deutungsmacht in Sachen Moral haben und es mit sehr viel Geschick schafften, Kapitalismus mit Werteordnung zu vereinen, so dass sich die Verlierer in beiderlei Hinsicht auf der falschen Seite befinden. Das kann man natürlich auch als eine Anti-Establishment-Haltung sehen.

    „Doch was Trump mit seinem America First vorschlägt schadet letzlich den USA und der Welt.“

    Sagt wer?

    „Denn nicht Zölle und Protektionismus, Abschottung und bilaterale Deals sind die Lösung.“

    Aber das sind doch Phrasen! Die eigene nationale Wirtschaft zu unterstützen ist kein Protektionismus, sondern etwas, das man von einer Regierung auch erwarten sollte. Außerdem führen Globalisierung und ‚Weltoffenheit‘ gerade nicht zu einem Wohlstand für alle , sondern sind vielmehr geeignet, dass Produktionsmittel zunehmend in den Händen einiger weniger Monopolgesellschaften gehalten werden – siehe Bayer und Monsanto. Sie brauchen sich doch nur umzuschauen, um festzustellen, dass mit der derzeitigen Wirtschaftspolitik der Mittelstand zerschlagen wird, der imgrunde eine tragende Säule der Volkswirtschaft ist. Ganz abgesehen davon: Angesichts der stark unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen der einzelnen Länder in Europa ist es nachgerade unsinnig, Verträge zu schließen, die angeblich allen EU-Staaten nutzen.

    „Vielmehr sollten die Verlierer der Globalisierung entschädigt werden (mit Sozialleistungen)“

    Was für eine tolle Lösung! Die meisten Menschen, wie jetzt z.B. die von Opel, wollen keine Sozialleistungen und keine Abhängigkeit, sie wollen ihren Job, bzw. ihren Arbeitsplatz behalten. Fällt Euch eigentlich nie etwas anderes ein, als alle Welt an den Tropf zu hängen, damit ein paar Elitäre absahnen können? Haben Sie sich mal überlegt, was es für das Selbstverständnis eines Menschen bedeutet, arbeitslos, überflüssig und auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein? Dass Unterstützung in allen und jeden Situationen zudem die Anspruchs- und Erwartungshaltung erhöht? Und Sie glauben doch nicht im Ernst, dass diejenigen, die von dem präferierten System profitieren, ihr Geld in einen Sozialfonds einzahlen, um die Verlierer zu entschädigen? Also, wer soll denn zahlen, wenn immer mehr Arbeitsplätze verloren gehen und Firmen abwandert, weil die Bedingungen anderswo günstiger sind?

    „die Allianzen zu den asiatischen Ländern, die Chinas Macht fürchten ausgebaut werden…“

    ..zu denen Kanada, Australien, Mexiko und Peru gehören, natürlich. Nur nebenbei: Argentinien hat aufgrund solcher Verträge heute die meisten ergangenen Verurteilungen und anhängigen Verfahren weltweit am Hals. Solche Verträge führen zu einer Globalisierung der Armut, aber mit Sicherheit nicht zum Wohlstand für alle. Und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen hat Mexikos kleinbäuerliche Wirtschaft ruiniert, aber für den rasanten Anstieg von US-Kapitalexporten gesorgt, aber im Warenverkehr für die USA ein Handelsdefizit geschaffen. Das sind die Dinge, die Trump rückgängig machen will – an der Art und Weise, wie er das erreichen will, muss er noch arbeiten.

    „ ..dass Trump jedem sogar verbündeten Land zuerst einmal Misstrauen entgegenbringt und jedes Land, jeder Regierungschef nun Trump beweisen muss, dass es die Interessen der USA hochhält und dort gar Arbeitsplätze schafft.“

    Entschuldigung, aber das ist jetzt schon keiner ernsthaften Diskussion mehr würdig. Es zeigt nur, dass es gar nicht um Sachthemen geht, sondern um persönliche Animositäten. Anders lässt sich auch diese…

    „…dass die Gefahr eines (geplanten) Kriegszuges unter Trump wohl kleiner ist als sie unter Bush war,“

    Verharmlosung der Verbrechen von Bush nicht erklären. Der Mann hat einen KRIEG geführt, nicht nur gegen einen einzelnen Mann, sondern gegen ein ganzes Volk, und Sie kommen mit solchen (sorry:) Mätzchen wie „Jeder Regierungschef müsse beweisen, dass…“

    • Die Globalisierung hat Milliarden von Menschen aus der Armut geholt (Japan, China, Südkorea) und tut es immer noch (Indien). Globalisierungsverlierer sind die Länder, die nicht zum Strukturwandel fähig waren. Deutschland ist ein Gewinner der Globalisierung, weil jetzt deutsche Autos (+Maschinen, etc) auch von Chinesen und bald von Indern gekauft werden können. Anderen Ländern ist es weniger gelungen, weil sie nicht höherqualitative Produkte und Dienste anbieten.

      Natürlich sind Jobs besser als Sozialleistungen und deshalb muss jedes industrialisierte Land danach streben, konkurrenzfähig zu bleiben. Letztlich ändert sich das wirtschaftliche Umfeld auf alle Fälle, nicht nur wegen dem internationalen Handel sondern auch wegen der Automatisierung und Rationalisierung. Die USA und Grossbritannien haben Arbeitsstellen in der Stahl- und Kohleindustrie verloren. Das zu verhindern würde bedeuten den Fortschritt zu verhindern. Und der Fortschritt hat anstelle der Industriearbeit in den USA und Grossbritannien höher qualifizierte, auch besser bezahlte Stellen geschaffen. In den USA etwa im High-Tech Bereich, in Grossbritannien im Dienstleistungsbereich. All das läuft unter dem Titel „Strukturwandel“. Daran führt nichts vorbei.

      Protektionistische Länder schneiden langfristig immer schlechter ab, als offene. Das von ihnen erwähnte Argentinien ist ein gutes Beispiel: Es ist vom einst reichsten Land Südamerikas zum Paria abgestiegen und das aufgrund einer Folge von linkspopulistischen Regierungen und Diktaturen. Chile dagegen, welches wirtschaftlich offen ist, hat Argentinien inzwischen deutlich überholt.

      Die Zeit ändert sich und jedes Land muss das beste daraus machen anstatt sich abzuschotten. Sie schreiben:

      Die eigene nationale Wirtschaft zu unterstützen ist kein Protektionismus, sondern etwas, das man von einer Regierung auch erwarten sollte.

      Die beste Unterstützung für die nationale Wirtschaft ist ein gutes Erziehungssystem und sind Firmen, die ihre Chancen nützen können, weil ihnen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.

      Letzlich ist die wirtschaftliche Entwicklung das, was über fast alles andere entscheidet. Ohne Deng Xiaoping Öffnungskurs wäre China heute so bedeutunglos wie es Russland inzwischen ist (wobei die Russen das nicht wahrhaben wollen).

      Auch Krieg muss man vor diesem Hintergrund sehen. Ein grösserer Krieg wäre verheerend. Man kann sich viel schlimmeres vorstellen als den Irak-Krieg. Zum Beispiel einen Krieg zwischen China und den USA. Steve Bannon, der Chefideologe von Trump scheint aber keine Angst vor so einem Krieg zu haben. In einem Radiointerview sagte er:

      “We’re going to war in the South China Sea in five to 10 years, aren’t we? There’s no doubt about that. They’re taking their sandbars and making basically stationary aircraft carriers and putting missiles on those. They come here to the United States in front of our face – and you understand how important face is – and say it’s an ancient territorial sea.”

      .
      Man kann also durchaus fragen: Is President Trump Headed for a War with China?

  19. Es scheint Ihnen nicht klar zu sein, worauf ich hinauswill. Zunächst einmal hatte ich darauf verwiesen, dass die in keinem Verhältnis zu Aussagen und Handlungen Trumps stehenden Attacken und Angriffe gegen ihn auf Projektion beruhen – der Übertragung eigener verdrängter Vernichtungsängste und Gefühle auf den, der an sie rührt, um sie an ihm zu bekämpfen. Ich hatte weiterhin geschrieben, dass Bush ein wesentlich schlimmeres Verbrechen an Menschen begangen hat, als das, was Trump tut, dennoch wurde Bush nie in dieser Art angegriffen.

    Und ich hatte gesagt, das werde nicht gut gehen.
    Ich hatte weiterhin darauf verwiesen, dass Trump zu einer Gruppe von Menschen gehört, die anders wahrnehmen, anders denken und sich anders verhalten als die Mehrheit.
    Und ich hatte darauf verwiesen, dass Globalisierung in die Armut führt.

    Diese Aussagen habe ich auf der Basis von Kenntnissen gemacht, über die ich verfüge. Fangen wir bei der letzten an. Ihre Aussage ist:
    „Die Globalisierung hat Milliarden von Menschen aus der Armut geholt (Japan, China, Südkorea) und tut es immer noch (Indien).“

    Sie haben sich vermutlich nicht mit Systemtheorie und Systemgesetzen beschäftigt. Systemgesetze schreiben das Verhalten von Systemen vor und wie sie sich verändern, wenn man die Randbedingungen verändert. Zum Verhalten eines Systems gehört, dass es sich in einem Fließgleichgewicht befinden muss, um seinen stabilen Zustand zu erhalten. Versucht man, an diesem Fließgleichgewicht etwas zu ändern – egal in welcher Hinsicht oder Richtung – , und ändert man den Zustand, dann wird das früher oder später zum Zusammenbruch des Systems führen. Die Globalisierung ist eine Maßnahme, mit der die Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems verändert wird. Eine Weile wird das Gleichgewicht noch dadurch gehalten, dass auf der einen Seite immer mehr Menschen im Wohlstand leben, während auf der anderen Seite Menschen immer ärmer werden. Jede weitere Veränderung in Sachen Globalisierung wird also keineswegs in Richtung Wohlstand für alle, sondern erst zu Armut und Elend, und dann zum Zusammenbruch führen – je länger es dauert, bis er eintritt, umso schlimmer wird er ausfallen.

    Damit zu Punkt zwei, der Gruppe, zu der auch Trump gehört. In den 70er /80er Jahren des letzten jahrhunderts führte u.a. der Psychologe Dietrich Dörner Untersuchungen zum menschlichen Denken durch beim Umgang mit komplexen Problemen. Er kam damals zum Schluss, dass das Denken der Mehrheit aller Menschen aufgrund ihrer Denkstruktur nicht geeignet ist, Probleme dieser Größenordnung zu lösen. Nur eine Minderheit, die völlig anders an diese Aufgaben heranging, schaffte das.
    Zu dieser Minderheit gehört auch Trump. Und es gehören die dazu, die man fälschlich in Unkenntnis als von ADHS betroffen bezeichnet und zu denen ich gehöre. Daher erkenne ich meinesgleichen nicht nur, ich weiß auch um unsere Talente und Fähigkeiten – und unsere Schwächen. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist extrem. Meinesgleichen muss zwar lernen, wie Ihresgleichen ‚tickt‘, weil die Mehrheit die Norm bestimmt. Aber wir werden nie sein können wie die Mehrheit. Umgekehrt war es für die Mehrheit nie notwendig, das andere Denken und Verhalten nachzuvollziehen, weshalb sie sich als Maßstab sieht, an dem wir gemessen werden. Das heißt, Sie und Ihresgleichen werden unsere Art, die Welt zu sehen und sich in ihr zu verhalten, nie verstehen, aber Sie beurteilen uns und unser Verhalten an dem Ihrer Art. Das heißt, Sie kennen den Mann nicht, Sie verstehen ihn nicht, aber Sie glauben, ihn beurteilen zu können. Und nicht nur das, Sie versuchen ihn als denTeufel an die Wand zu malen, und unterstellen ihm, einen Krieg mit China vom Zaun brechen zu wollen.
    Wenn mir ein Farbenblinder etwas über Farben erzählen will, dann kann ich das noch witzig finden.
    Wenn mir dagegen jemand, der sich nie bemüht hat, sich über uns und unsere Art zu sein kundig gemacht hat, etwas über einen von Meinesgleichen erzählen will, dann ist das in unerträglicher Weise anmaßend und arrogant. Ganz davon abgesehen, dass Bannon nicht Trump ist.
    Zu fragen, ob Trump dämlich genug sei, einen Krieg mit China anzuzetteln, ist jedenfalls armselig.

    Wenn Sie Angela Merkel beurteilen, ist das für mich in Ordnung, sie gehört zur Mehrheit. Über sie schrieb der Historiker Rolf Peter Sieferle*, der Platz in den Geschichtsbüchern sei ihr sicher, sie werde vermutlich als eine der großen Katastrophengestalten in die deutsche Geschichte eingehen.

    Und was China betrifft, so haben es die Chinesen geschickt verstanden, die „Globalisierung“ zu nutzen, ohne deshalb unsere Werteordnung zu übernehmen oder von ihrer Gesellschaftsordnung allzu weit abzurücken, um die westlichen Märkte mit Billigware und gefälschten Markenprodukten zu überschwemmen, und nach und nach deutsche Werke aufzukaufen.
    Welch ein Gewinn für uns!

    * „Strategie oder Taktik?“ In: TUMULT. Vierteljahreschrift für Konsensstörung. Winter 2016/2017

    • @Trice: Nicht Trumps Persönlichkeit zählt, sondern Trumps Politik zählt. Zählen tun auch die Leute, die Trump zu Ministern und Chefstrategen macht.
      Trumps Politik
      Trumps Politik besteht aus „America First“, Grenzen schliessen, Freihandelsabkommen aufkündigen, Strafzölle androhen, Allianzen infrage stellen, Medien generell als Opposition behandeln. Trumps Politik ist damit konfrontativ und national-solitär anstatt national/transatlantisch/transpazifisch.
      Trumps Minister und Berater
      Nun zu Trumps Leuten: Sein Chefstratege Steve Bannon bringt Trump in den Einflussbereich einer Ethno-Nationalistischen Ideologie (Zitat: Trump ist ein leeres Gefäss für Bannons‘ weit rechts stehende Ideologie). Auch der (andere) Rednerschreiber von Trump, Stephen Miller (Bannon und Miller haben die wenig versöhnliche Inaugurationsrede Trumps geschreiben) ist ein weit rechts stehender Nationalist, der engen Kontakt mit dem Suprematisten Richard B. Spencer hat und der während seiner Studienzeit für den Irak-Krieg lobbierte. Trump hat Minister ausgewählt, deren erklärtes Ziel die Zerstörung der Ministerien ist, denen sie vorstehen. Rick Perry wird Energieminister und erklärte als Präsidentschaftskandidat 2012, er wolle das Energieministerium abschaffen, der Gesundheitsminister Tom Price will Obamacare abschaffen und wird damit Millionen von US-Bürgern in den unversicherten Zustand zurückschicken. Die Bildungsministerin Betsy DeVos ist gegen staatliche Schulen und der Leiter der Umweltbörde Scott Pruitt, will nichts lieber als diese abzuschaffen.

      Trumps Feinde und wie Trump funktioniert
      Es sind nicht Vernichtungsängste (wie sie schreiben), die Trumps Gegner quälen, sondern es ist die berechtigte Angst vor einer wenig freiheitlichen Zukunft in der nicht mehr offener Austausch, Meinungs- und Chancenvielfalt als Grundstimmung vorhanden sind und viele Menschen guten Willens und Wissens den Weg finden wollen, der allen am meisten hilft, sondern in dem eine Figur wie Trump und sein Chefstratege ihr Weltbild durchdrücken wollen, selbst wenn die Fakten dagegen sprechen. Trump reagiert nicht auf die Realität, sondern er bestimmt selbst was Realität ist.
      Globalisierung und dynamische Entwicklung
      Sie schreiben:

      Zum Verhalten eines Systems gehört, dass es sich in einem Fließgleichgewicht befinden muss, um seinen stabilen Zustand zu erhalten

      So sehe ich es dagegen: die Menschheit soll nicht in der Stabilität von Armut, Unwissenheit, Angst und wiederkehrenden Kriegen bleiben, sondern sie soll den Fortschritt suchen, der in eine offene, wohl aber bessere Zukunft führt. Sie schreiben auch etwas, was man immer wieder liest, was aber wohl zur alternativen Wahrheit gehört:

      dass auf der einen Seite immer mehr Menschen im Wohlstand leben, während auf der anderen Seite Menschen immer ärmer werden.

      . Es gab quasi Stillstand für viele bereits in einem industrialisierten Land lebende Menschen, aber nur wenige wurden immer ärmer. Die Globalisierung wurde zuerst von links attackiert, weil sie arme Länder ausbeute und heute wird sie von rechts attackiert, weil sie reiche Länder arm mache. Beides trifft nicht zu. Weltweite Arbeitsteilung bedeutet, dass sehr viele ihre Rolle in der Weltwirtschaft finden können, sich im Durchschnitt alles verbilligt und verbessert und sich Fortschritt über die ganze Welt verbreitet.

      Trump und der Persönlichkeitskult
      Anders als sie und als Trump meint, geht es nicht um die Persönlichkeit Trumps und geht es nicht um die Persönlichkeit seines Chefstrategen (Zitat)

      Das heißt, Sie kennen den Mann nicht, Sie verstehen ihn nicht, aber Sie glauben, ihn beurteilen zu können. Und nicht nur das, Sie versuchen ihn als denTeufel an die Wand zu malen, und unterstellen ihm, einen Krieg mit China vom Zaun brechen zu wollen.

      Um herauszufinden, für was Trump und für was sein Chefstratege und seine Minister stehen, dafür muss man nicht ihre Persönlichkeiten studieren, sondern ihre Reden, ihre Schriften, ihre Reaktionen auf Auseinandersetzungen und ihre Verbindungen/Freundschaften. Es genügt nur schon die Wikipedia-Einträge über Steve Bannon, Stephen Miller und einige von Trumps Ministern zu lesen, um zu sehen, dass es genügend Grund nicht nur für Ostküstenliberale gibt, gegen Trump und seine Clique zu sein.

      • @Martin Holzherr

        „Nicht Trumps Persönlichkeit zählt, sondern Trumps Politik zählt. “

        Das eine lässt sich aber nicht vom anderen trennen …

        „Trumps Politik besteht aus „America First“,“
        Ja, siehe mein Antwort an Dr. Webbaer.

        „Grenzen schliessen, Freihandelsabkommen aufkündigen, Strafzölle androhen, Allianzen infrage stellen,“

        .. sind Maßnahmen oder Mittel zum Zweck, die sich ändern können.

        „Medien generell als Opposition behandeln.“

        Aber so gerieren sie sich doch auch, 🙂

        „Trumps Politik ist damit konfrontativ und national-solitär anstatt national/transatlantisch/transpazifisch.“

        Sie verwechseln Trumps Verhalten mit Trumps Politik. Letztere bleibt erst mal abzuwarten, von den ersten hundert Tagen im Amt sind ja erst 30 vergangen, und viel Politik hat er noch nicht gemacht. Er wird nicht dazu kommen, wenn er sich weiterhin ständig gegen Angriffe verteidigt und sich in verbale Scharmützel verwickeln lässt.

        „Trumps Freunde …“

        Na, es ist doch wohl verständlich, dass man sich mit Leuten umgibt, von denen man meint, dass man ihnen trauen kann. Wer umgibt sich denn schon mit Leuten, denen man nicht traut?
        Von Bannon sollte er sich allerdings trennen, aber das kann noch kommen.

        „Trumps Feinde und wie Trump funktioniert“

        Also erst mal: wie Trump funktioniert, wissen Sie nicht, können Sie auch nicht wissen und deshalb auch nicht beurteilen.

        “ Es sind nicht Vernichtungsängste (wie sie schreiben), die Trumps Gegner quälen,“

        So, und da sind wir beim Punkt. Sie haben nicht verstanden, was ich meine, wenn ich von Vernichtungsängsten spreche. Vernichtungsängste sind dem, der sie hat, nicht bewusst. Deshalb ist ihm auch nicht bewusst, dass sie ihn quälen. Zu erkennen sind sie an den Reaktionen dessen, der sie hat, wenn man an sie rührt. Denn diese Reaktionen haben etwas Irrationales – und inkongruentes Verhalten fällt mir auf.

        ..“ sondern es ist die berechtigte Angst vor einer wenig freiheitlichen Zukunft in der nicht mehr offener Austausch, Meinungs- und Chancenvielfalt als Grundstimmung vorhanden sind“

        Sehen Sie, das meine ich, diese Selbsttäuschung, die Horrorszenarien entwirft, um ihr Unbehagen zu erklären, und die Fakten nicht mehr sieht: Was den offenen Austausch und die Meinungsvielfalt angeht, haben wir die schon lange nicht mehr, und nicht etwa wegen Trump, sondern wegen unserer wunderbaren Weltordnung. Wer ihr widerspricht, ist ein Rassist, ein Faschist, ein Hassprediger. Damit macht man Gegner mundtot, mit offenem Austausch hat das nichts zu tun. Selbst in den Medien ist von Meinungsvielfalt nicht mehr viel zu erkennen. Und Chancenvielfalt, die gibt es so wenig wie Chancengleichheit.

        „und viele Menschen guten Willens und Wissens den Weg finden wollen, der allen am meisten hilft,“

        ..nur dass es den Weg, der allen Menschen am meisten hilft, in dieser Welt nicht gibt, es ihn nie gab und ihn auch nie geben wird, und er auch mit sentimentalen Beschwörungen nicht aus dem Hut gezaubert werden kann.

        „sondern in dem eine Figur wie Trump und sein Chefstratege ihr Weltbild durchdrücken wollen.“

        Bisher hat er noch gar nichts durchgedrückt, und ich sehe auch nicht, dass er, wenn er so weitermacht wie bisher, etwas durchdrücken wird.

        „So sehe ich es dagegen: die Menschheit soll nicht in der Stabilität von Armut, Unwissenheit, Angst und wiederkehrenden Kriegen bleiben, sondern sie soll den Fortschritt suchen, der in eine offene, wohl aber bessere Zukunft führt.“

        Es wird Sie niemand daran hindern, sich eine Welt zu erträumen, wie Sie sie wollen – ausgenommen die Realität.

        „Weltweite Arbeitsteilung bedeutet, dass sehr viele ihre Rolle in der Weltwirtschaft finden können, sich im Durchschnitt alles verbilligt und verbessert und sich Fortschritt über die ganze Welt verbreitet.“

        ‚Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein Teilhaftig aller Lust der Welt zu werden Zum Essen Brot zu kriegen und nicht einen Stein. Das ist des Menschen nacktes Recht auf Erden. Doch leider hat man bisher nie vernommen Daß einer auch sein Recht bekam – ach wo! Wer hätte nicht gern einmal Recht bekommen Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.‘
        Bert Brecht, Dreigroschenoper

        „Um herauszufinden, für was Trump und für was sein Chefstratege und seine Minister stehen, dafür muss man nicht ihre Persönlichkeiten studieren, sondern ihre Reden, ihre Schriften, ihre Reaktionen auf Auseinandersetzungen und ihre Verbindungen/Freundschaften. “

        Na dann:
        http://www.tichyseinblick.de/kolumnen/dushan-wegner-metaethics/trump-ist-in-deinem-kopf-ein-text-aus-dem-januar-2016/

    • @ Trice :

      Zu dieser Minderheit gehört auch Trump. Und es gehören die dazu, die man fälschlich in Unkenntnis als von ADHS betroffen bezeichnet und zu denen ich gehöre. Daher erkenne ich meinesgleichen nicht nur, ich weiß auch um unsere Talente und Fähigkeiten – und unsere Schwächen. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist extrem. Meinesgleichen muss zwar lernen, wie Ihresgleichen ‚tickt‘, weil die Mehrheit die Norm bestimmt. Aber wir werden nie sein können wie die Mehrheit.

      Klingt sehr gut, nur vorsichtshalber am Rande angemerkt: Mit ADHS ist Ihr Kommentatoren-Freund nie in Verbindung gebracht worden, ihm wird gelegentlich mit seinen kleinen, auch experimentell gehaltenen Nachrichten Bösartigkeit unterstellt und Idiotie, aber Sie haben einen Punkt, Donald J. Trump kann womöglich von einigen nicht verstanden werden, jedenfalls nicht derart wie „wir“ es tun.
      Trump, um auch hier vorsichtshalber zu ergänzen, wird in seinen pol. Positionen hier keineswegs umfänglich gefolgt, bspw. scheint er gewisse Probleme mit der Freiheit der Meinungsäußerung zu haben und er scheint zu stringent zu denken, zudem scheint er streitlustig zu sein, Streitlustigkeit kann keine pol. Position sein, er behandelt die Streitlust aber wie eine.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • @Dr. Webbaer: ADHS und Trump

        „Klingt sehr gut, nur vorsichtshalber am Rande angemerkt: Mit ADHS ist Ihr Kommentatoren-Freund nie in Verbindung gebracht worden“

        Das habe ich damit auch nicht sagen wollen, :-), denn …

        „Trump kann womöglich von einigen nicht verstanden werden, jedenfalls nicht derart wie „wir“ es tun.“

        …es gibt da noch einen Unterschied: “ Wir“, das wäre die weitaus größere Gruppe funktional-logisch denkender Menschen (Vorsicht: mit „denken“ ist der Informationsverarbeitungsprozess gemeint, es hat nicht mit dem zu tun, was allgemein darunter verstanden wird), während ADHS nur die extreme Ausprägung dieser genannten Art ist. Da gibt es noch einige Unterschiede.

        „Trump, um auch hier vorsichtshalber zu ergänzen, wird in seinen pol. Positionen hier keineswegs umfänglich gefolgt, “

        Ich bin mir nicht sicher, welche Positionen er tatsächlich vertritt. Das Problem für Meinesgleichen ist: Wir haben den Zweck vor Augen, der erfüllt werden soll mit den Zielen, die wir erreichen wollen. Vom Zweck, nicht vom Ziel wird abhängig gemacht, wie man vorgeht. Ein Zweck, den Trump erreichen will ist, „Make America great again“ – das ist aber nicht sein Ziel. Amerika groß zu machen, es wieder wirtschaftlich nach vorn zu bringen, das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken – das will er mit dem, was er als Ziele gesetzt hat, erreichen: eine Mauer bauen, Strafzölle einführen, Einwanderung drastisch beschränken, usw.

        Im Grunde genommen ist die vom Zweck ausgehende Vorgehensweise langfristig gesehen die strategisch bessere und erfolgreichere gegenüber der, die das Planen und Handeln von den aktuell gegebenen Bedingungen abängig macht. Trumps Problem ist, dass ihm a) die politische Erfahrung fehlt, um zu entscheiden, welche Maßnahmen zur Erreichung des Zwecks geeignet sind, dass er b) aufgrund der Attacken gegen ihn sich in Nebenkriegsschauplätzen verliert und sich das Schlachtfeld von seinen Gegner aufzwingen lässt, und ihm dabei c) seine Impulsivität zum Handikap wird.
        (Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung sind Leitkriterien bei der Diagnose ADHS).

        In den Beschreibungen des ADHS-Verhaltens findet man beispielsweise den Punkt, wir könnten Wesentliches nicht von Unwesentlichem unterscheiden…
        Trump wurde z. B. mit dem Vorwurf konfrontiert, zu lügen bzw. an Wahrnehmungsstörungen zu leiden, als er sagte, er sei der bisher erfolgreichste Präsident der USA, weil er seine Wahlversprechen umgesetzt habe.
        Was die Öffentlichkeit sieht ist, dass er mit seinen Maßnahmen gescheitert oder auf heftigen Widerstand gestoßen ist, was er offenbar verdreht oder nicht wahrhaben will.
        Für ihn stellt sich das ganz anders dar: Er hat seinen Wählern etwas versprochen und er hat in den ersten Wochen seinen Wählern gezeigt: ich halte meine Versprechen. Dass er mit seiner Vorgehensweise nicht zum Ziel kam, ist belanglos – dann versucht man es eben anders; es gibt viele Wege zum Ziel. Wichtig und wesentlich ist für ihn nur eins: den Wählern demonstriert zu haben, er hält Wort, er wird umsetzen, was er versprochen hat. Wenn nicht auf diesem Weg, dann auf einem anderen.

        Was nach seiner Kandidatur wichtig gewesen wäre: Diejenigen, die ihn auf das Amt hatten vorbereiten sollen, hätten ihm erst einmal einen Überblick verschaffen müssen. Stattdessen haben sie ihm versucht, schrittweise die Einzelheiten zu erklären – und sie anschließend über seine Ungeduld beklagt und seine Impulsivität, mit der er die Dinge dann vom Tisch gewischt hat.

        Die Fehler, die derzeit im Umgang mit ihm gemacht werden, sind schlimmer als die, die er bisher gemacht hat. Beibt nur, zu offen, dass das nicht irgendwann Folgen hat, die sich niemand wünschen kann.

        • @ Trice :
          Da haben Sie ein weites Feld aufgemacht, Ihre Langzeit-Kommentatorenfreund reagiert nur wie folgt (Ja, Donald J. Trump ist ein politisches Naturtalent [1]) :

          A) ‚(…) seine Impulsivität zum Handikap wird‘
          B) ‚Wichtig und wesentlich ist für ihn nur eins: den Wählern demonstriert zu haben, er hält Wort, er wird umsetzen, was er versprochen hat. Wenn nicht auf diesem Weg, dann auf einem anderen.‘
          C) ‚B[l]eibt nur, zu [h]offen, dass das nicht irgendwann Folgen hat, die sich niemand wünschen kann.‘

          Trump ist, womöglich, in dieser Reihenfolge:
          A) ein Unternehmer, der die US als Unternehmen betrachten wird, nichts Schlechtes daran, Demokratie ist Unternehmen, er schäkert damit kein Politiker zu sein, was nicht unrichtig ist, und er wird die US sozusagen „rocken“
          B) ein US-Republikaner, der sein Ding macht, u.a. auch Rudy Giuliani hat fallen lassen, General Flynn ebenso wie auch Bannon auf der Kippe steht
          C) er tritt als Unternehmer auf und bricht mit vielen gewohnten US-amerikanischen Standards, auch i.p. Kommunikation, also gewohnte Medien reduzierend
          D) er hat viele gute und schlechten Seiten, die ein Unternehmer hat
          E) er will tatsächlich bessern, er ist kein Unternehmer derart, der nur dbzgl. Anschein erwecken will, auch dbzgl. darf auch seine Nachkommenschaft verwiesen werden
          F) er kann sozusagen auf jede denkbare Art und Weise scheitern
          G) die Gegnerschaft setzt anscheinend von Anfang an auf ein sog. Impeachment-Verfahren, Trump hat sich hier insbesondere seiner US-republikanischen Partei bis Gegnerschaft anhaltend zu versichern
          H) er „tölpelt“, „hoppst“ herum, bestimmte Nachrichtengebung meinend, Scott Adams („Dilbert“) hat hierzu einiges geschrieben, Adams meint hier Systematik zu erkennen
          I) er befindet sich in einem anhaltenden „Krieg“ mit den Standardmedien und (international tätigen Medien-)Agenturen, er sieht (nur) hier den möglichen Weg zum Erfolg nur im Springen (manche meinen auch: Tölpeln) nach Vorne
          J) er ist nicht mies oder „mies“, er könnte es auch leichter haben, nämlich: durch Verzicht
          K) er hat nicht nur die (Standard-)Medien im Auge, er will auch allgemein die (womöglich und aufklärerische Gesellschaftssysteme meinend: global) „politisch korrekte“ Kultur angehen

          MFG
          Dr. Webbaer

          [1]
          Er steht nicht in der Folge eines Kollektivismus, er hat zudem pers. Nachfolge (grozügige „Familie“, hier unterscheidet er sich von anderen) zu verwalten, er kann es schlecht „versauen“.
          Bei näherer Betrachtung ist er womöglich eine moderate US-republikanische Kraft, die auch vor einigen Jahrzehnten bei den US-Demokraten hätte antreten können, damals, als es noch nicht so viele „progressive“ (manche meinen auch ‚regressive‘) politische Linke in der US-demokratischen Partei gab.
          Er hat sich zudem den Jokus erlaubt sich der US-republikanischen Partei zu verweigern und als „Independent“ anzutreten, er setzt insofern auf eine „Bewegung“ (‚Movement‘, nicht Rechtsradikales daran), weil er auch die US-republikanische Partei, deren im Kern wirtschaftlich gebundenes „Establishment“ umformen will.
          Er hätte ansonsten die US-republikanische Partei sozusagen gekillt, bei nicht Annahme seiner Kandidatur.
          Er ist „knuffig„.

        • @ Trice :
          Da haben Sie ein weites Feld aufgemacht, Ihre Langzeit-Kommentatorenfreund reagiert nur wie folgt (Ja, Donald J. Trump ist ein politisches Naturtalent [1]) :
          A) ‚(…) seine Impulsivität zum Handikap wird‘
          B) ‚Wichtig und wesentlich ist für ihn nur eins: den Wählern demonstriert zu haben, er hält Wort, er wird umsetzen, was er versprochen hat. Wenn nicht auf diesem Weg, dann auf einem anderen.‘
          C) ‚B[l]eibt nur, zu [h]offen, dass das nicht irgendwann Folgen hat, die sich niemand wünschen kann.‘

          Trump ist, womöglich, in dieser Reihenfolge:
          A) ein Unternehmer, der die US als Unternehmen betrachten wird, nichts Schlechtes daran, Demokratie ist Unternehmen, er schäkert damit kein Politiker zu sein, was nicht unrichtig ist, und er wird die US sozusagen „rocken“
          B) ein US-Republikaner, der sein Ding macht, u.a. auch Rudy Giuliani hat fallen lassen, General Flynn ebenso wie auch Bannon auf der Kippe steht
          C) er tritt als Unternehmer auf und bricht mit vielen gewohnten US-amerikanischen Standards, auch i.p. Kommunikation, also gewohnte Medien reduzierend
          D) er hat viele gute und schlechten Seiten, die ein Unternehmer hat
          E) er will tatsächlich bessern, er ist kein Unternehmer derart, der nur dbzgl. Anschein erwecken will, auch dbzgl. darf auch seine Nachkommenschaft verwiesen werden
          F) er kann sozusagen auf jede denkbare Art und Weise scheitern
          G) die Gegnerschaft setzt anscheinend von Anfang an auf ein sog. Impeachment-Verfahren, Trump hat sich hier insbesondere seiner US-republikanischen Partei bis Gegnerschaft anhaltend zu versichern
          H) er „tölpelt“, „hoppst“ herum, bestimmte Nachrichtengebung meinend, Scott Adams („Dilbert“) hat hierzu einiges geschrieben, Adams meint hier Systematik zu erkennen
          I) er befindet sich in einem anhaltenden „Krieg“ mit den Standardmedien und (international tätigen Medien-)Agenturen, er sieht (nur) hier den möglichen Weg zum Erfolg nur im Springen (manche meinen auch: Tölpeln) nach Vorne
          J) er ist nicht mies oder „mies“, er könnte es auch leichter haben, nämlich: durch Verzicht
          K) er hat nicht nur die (Standard-)Medien im Auge, er will auch allgemein die (womöglich und aufklärerische Gesellschaftssysteme meinend: global) „politisch korrekte“ Kultur angehen

          MFG
          Dr. Webbaer

          [1]
          Er steht nicht in der Folge eines Kollektivismus, er hat zudem pers. Nachfolge (großzügige „Familie“, hier unterscheidet er sich von anderen) zu verwalten, er kann es schlecht „versauen“.
          Bei näherer Betrachtung ist er womöglich eine moderate US-republikanische Kraft, die auch vor einigen Jahrzehnten bei den US-Demokraten hätte antreten können, damals, als es noch nicht so viele „progressive“ (manche meinen auch ‚regressive‘) politische Linke in der US-demokratischen Partei gab.
          Er hat sich zudem den Jokus erlaubt sich der US-republikanischen Partei zu verweigern und als „Independent“ anzutreten, er setzt insofern auf eine „Bewegung“ (‚Movement‘, nicht Rechtsradikales daran), weil er auch die US-republikanische Partei, deren im Kern wirtschaftlich gebundenes „Establishment“ umformen will.
          Er hätte ansonsten die US-republikanische Partei sozusagen gekillt, bei nicht Annahme seiner Kandidatur.
          Er ist „knuffig„.

          PS:
          Die HTML-Tags sind nun (fast) weg, „V-2“ sozusagen, vielleicht darf dies nun hier stehenbleiben.

  20. Nachtrag

    Was ich vergessen habe: Wie ich schon schrieb: Bush hat ein Kriegsverbrechen BEGANGEN. Und nur, um Trump als schlimmer hinzustellen, wird ihm die Absicht unterstellt, er würde einen Krieg, und auch noch einen viel schlimmeren, gegen China planen.

    Nicht wahrnehmen zu können, dass man eine Ideologie verinnerlicht hat, dies zu verdrängen und sie zu leugnen, um sie auf Andere zu projizieren, – siehe den Versuch, Orwells Buch auf Trump zu übertragen – ist, wie Slavoj Zizek einmal schrieb, eine weitaus gefährlichere Ideologie als die einer Diktatur.

    • Nö, antidemokratische diktatorische Ideen sind wesentlich gefährlicher als andere (Demokraten) zu „verschweinen“ (zu dehumanisieren), mies ist beides, was Sie womöglich meinen, ist dies hier, das Dr. Webbaer mal in Frageform aufgegriffen hat:

      Was ist (sozial – und aufklärerische Gesellschaftssysteme meinend) gefährlicher / schädlicher A) Rassist zu sein oder B) andere unbegründet (regelmäßig) als Rassisten zu bezeichnen? (statt ‚Rassist‘ ginge hier ‚X-Ist‘, die Systematik bliebe ähnlich)

      MFG
      Dr. Webbaer

      • @Dr. Webbaer

        „antidemokratische diktatorische Ideen sind wesentlich gefährlicher“

        Gemeint war eben das:
        „Was ist (sozial – und aufklärerische Gesellschaftssysteme meinend) gefährlicher / schädlicher A) Rassist zu sein oder B) andere unbegründet (regelmäßig) als Rassisten zu bezeichnen? „,
        d.h., zu meinen, wir lebten in einer ideologiefreien Gesellschaft*.
        Das ist aber nicht der Fall, im Gegenteil: der derzeitige humanitaristische Universalismus und seine politische Korrektheit sind die Ideologie unserer Gesellschaft. Dass es sich um eine Ideologie handelt, zeigt sich u. a daran, dass man Andersdenkende unbegründet und regelmäßig z. B. als Rassisten bezeichnet – was nichts anderes ist als die Angst davor, selbst als solcher bezeichnet zu werden, diese Angst, die nicht bewusst werden darf, auf den Andersdenkenden zu übertragen, um sie an ihm zu bekämpfen und diesen zu vernichten.

        * „Despoten legitimieren Enteignung, Vertreibung, Gewalt usw. im Bewusstsein ihrer Machtfülle mit offensichtlichen Unwahrheiten. Demgegenüber ist im modernen Pluralismus ein Konsens der gesamten Gesellschaft notwendig: Tatsächlich ideologische Begründungen würden im alltäglichen Diskurs als unumstößliche Wahrheiten akzeptiert und bestimmten somit ohne offensichtlichen Zwang durch die Politik den sozialen Prozess. Je mehr sich die Bürger mit dieser versteckten Ideologie identifizierten, desto weniger brauche der Staat einzugreifen.“
        https://de.wikipedia.org/wiki/Ideologie

  21. @Martin Holzherr

    Eine Anmerkung als ein (vorläufiger) Abschluss zu dieser Utopie:

    „Weltweite Arbeitsteilung bedeutet, dass sehr viele ihre Rolle in der Weltwirtschaft finden können, sich im Durchschnitt alles verbilligt und verbessert und sich Fortschritt über die ganze Welt verbreitet.“

    Es ist die Tragik unseres Menschseins, dass ausgerechnet die Ideen, denen die Vorstellung von einer besseren, gerechteren, ‚menschenwürdigeren‘ Welt zugrunde liegt, sich mit ihrer Umsetzung ins Gegenteil verkehren. Es sieht für mich so aus, als seien sie letztlich unser Regulativ, das eben deshalb, weil es so edel klingt, nicht sofort eliminiert wird, weshalb es wirksam wird.

    Als Dörner seine ersten Untersuchungen zum komplexen Problemlösen durchführte, wollte er mehr über das menschliche Denken erfahren. Eines seiner ersten Projekte war ‚Tanaland‘, eine fiktive Region – der Sahelzone vergleichbar – , in deren Einwohner aufgrund der herrschenden Bedingungen mehr schlecht als recht überlebten. Dörners Probanden bekamen die Aufgabe, für das „Wohlergehen“ dieser Menschen zu sorgen. Dazu hatten sie nahezu diktatorische Vollmacht, sie konnten, ohne dass ihnen beispielsweise ein Trump dazwischenfunkte, ihre Vorstellung von einer besseren Welt für diese Menschen umsetzen.
    Im Ergebnis stellte sich heraus, dass praktisch alle Teilnehmer (bis auf einen) innerhalb eines Zeitraums von rund 30 Jahren diese Region, in der die Menschen bis dahin immerhin überlebt hatten, praktisch auf Jahrhunderte hinaus unbewohnbar gemacht hatten.

    Interessant an Dörners Studien sind nicht nur die „Denkfehler“, die seine Probanden machten, sondern ihre Reaktionen. Waren sie anfangs sehr mit sich zufrieden, als die Ergebnisse nach etwa zehn Jahren zeigten, dass sich die Lage deutlich verbessert hatte, ignorierten sie in der Folge die ersten Anomalien. Als sich zeigte, dass die Situation zu kippen begann, gaben sie zunächst dem Programm bzw. Dörner und seinem Team die Schuld: sie hätten manipuliert. Einige sagten aber auch, angesichts des angerichteten Desaster, das hätten sie nicht gewollt.

    Das eigentlich Tragische daran aber ist, dass die Ergebnisse solcher Studien nicht zu einem Umdenken führen. Die Schlussfolgerungen, die gezogen werden, haben alle denselben Tenor: wir haben es falsch angefangen, wir müssen nur.., dann wird es klappen.
    Zur Schlussfolgerung, dass die Natur sich nicht austricksen lässt und man vielleicht die eigenen Ideen dahingehend überdenken sollte, ob sie mit den Natur- und Systemgesetzen kompatibel sind, kommen nur wenige, die von der Mehrheit überstimmt werden.

    Ich würde ja gern sagen, das liegt daran, dass die menschliche Dummheit unendlich ist. Aber so wie es aussieht, ist diese „Dummheit“ das Regulativ, das dem Überhandnehmen unserer Spezies entgegenwirkt.

    Dass ausgerechnet jemand wie Trump versucht, das Ruder noch einmal herumzureißen, erscheint irgendwie kontraproduktiv. Für eine solche Aufgabe hätte ich mir eigentlich wen anderes vorgestellt, jemanden wie Helmut Schmidt . Aber warten wir‘ s mal ab…

    • Leben nach Plan und Agieren aufgrund von Nullsummen-Weltbildern wie Trump sie hat, führt nicht zu einer besseren Zukunft sondern in eine geschlossene Welt, in der sich alle potenziell feindlich gesinnt sind.
      Ihr oben erwähntes Denkmodell ‚Tanaland‘, in der Menschen mit der Mentalität von Entwicklungshelfen eine gute Zukunft schaffen wollen, passt genau in das Plandenken hinein. Es muss scheitern, weil ihm die Rückkoppelung fehlt. Wirklicher menschlicher und zivilisatorischer Fortschritt basiert auf Interaktionen, Dialogen und Partizipiation und der Bereitschaft zur Korrektur und zum Neubeginn.

    • @Trice

      »Dass ausgerechnet jemand wie Trump versucht, das Ruder noch einmal herumzureißen, erscheint irgendwie kontraproduktiv.«

      Das klingt, als würde Trump tatsächlich „versuchen“, das „Ruder noch einmal herumzureißen“. Woran machen Sie das fest?

      Trump macht ja nun nicht gerade den Eindruck, als wisse er um die Natur- und Systemgesetze, um sie zum Wohle der Menschheit bei seinem Handeln zu berücksichtigen.

      • @ Kommentatorenkollege Bal :

        Offensichtlich versucht Donald J. Trump die sogenannte Politische Richtigkeit einzureißen, an vielen Stellen (leicht) erkennbar, kA, warum Sie hier nachfragen.

        Er ist gerade auch dafür gewählt worden, hier ein längerer dbzgl. Aufsatz einer ZEIT-Kraft (J-we sei ihm gnädig dort zu arbeiten) :
        -> http://www.zeit.de/2017/06/political-correctness-moral-gesellschaft-gleichstellung-korrektheit/komplettansicht (teilweise stotternd beigebracht, die ZEIT-Umgebung lässt grüßen, aber insgesamt korrekt)

        Hier sprechen Sie über sich :

        Trump macht ja nun nicht gerade den Eindruck, als wisse er um die Natur- und Systemgesetze, um sie zum Wohle der Menschheit bei seinem Handeln zu berücksichtigen.

        Dies hierzu angemerkt:

        Das klingt, als würde Trump tatsächlich „versuchen“, das „Ruder noch einmal herumzureißen“. Woran machen Sie das fest?

        MFG + schöne Woche noch,
        Dr. Webbaer

  22. @ Balanus

    „Das klingt, als würde Trump tatsächlich „versuchen“, das „Ruder noch einmal herumzureißen“. Woran machen Sie das fest? “

    Am Zweck, den er nennt: Make America great again.
    Keine Globalisierung, kein Universalismus, keine Demokratisierung imsinne von alle Menschen sind gleich America first.
    (mit der Inklusion bekommen wir gerade vorgeführt, wohin das führt – und auf der Strecke bleiben wieder einmal die Kinder, die einen wie die anderen).

    Muss ich wohl all die Jahre übersehen haben, dass ich nicht in diese edle Weltordnung passe – bei mir kam doch tatsächlich auch immer meine Familie zuerst, bei allem berufsbedingten sozialen Einsatz.
    Asche auf mein Haupt

    „Trump macht ja nun nicht gerade den Eindruck, als wisse er um die Natur- und Systemgesetze, um sie zum Wohle der Menschheit bei seinem Handeln zu berücksichtigen.“

    Nein, macht er absolut nicht :-), deshalb überrascht es mich einerseits ja auch, ausgerechnet jemanden wie ihn in dieser Rolle zu sehen.

    Andererseits: die Evolution weiß auch nichts von Natur- und Systemgesetzen, ;-).
    Ok, war ein Scherz – bis zu einem gewissen Grad jedenfalls. Denn anderenfalls müsste man bei so einigen Personen in der Geschichte fragen: warum ausgerechnet der oder die?
    Nur dass ich an Vorsehung oder Berufung nicht glaube.

    Was ich sehen kann ist, dass mit dem derzeitigen ideologischen Weltbild unserer westlichen Gesellschaft das Wohl der Menschen (als Individuen) angestrebt wird, – so wie Dörners Tanaland-Probanden ja auch für das „Wohlergehen“ ihrer simulierten Menschen sorgen sollten. Es geht aber nicht beides: man kann nicht sowohl jeden einzelnen Menschen „retten“ und zugleich die Menschheit als Art. So wie man auch sich auch nicht für das Wohlergehen der Menschen in aller Welt und zugleich für das Wohl der Menschen des eigenen Landes einsetzen kann.
    Ob er schafft, was er sich vorstellt, ist eine andere Frage. Was sich dagegen zeigt ist, wie wenig unsere Welt- und Werteordnung ihrem eigenen Anspruch gerecht wird, ihrem Anspruch auf Achtung der menschlichen Würde. So einen niederträchtigen, menschenverachtenden und hasserfüllten Umgang mit jemandem, der ein politisches Amt innehat, habe ich noch nicht erlebt. Und dabei hatte ich gemeint, mit der Hetzjagd gegen Wulff und Steinbrück hätten wir schon das niedrigste Niveau erreicht.

  23. @Trice

    »Am Zweck, den er nennt: Make America great again.«

    Ok, wenn also jemand versucht, Amerika wieder großartig zu machen, dann muss er dazu „das Ruder herumreißen“. Denn offenbar war bzw. ist das Schiff ‚America‘ wirtschaftlich und außenpolitisch auf falschem Kurs (gewesen).

    »… keine Demokratisierung im Sinne von alle Menschen sind gleich, sondern America first. «

    Das neue (alte) Motto dürfte dann lauten: Wenn jeder (zuerst) an sich denkt, dann ist an alle gedacht.

    »… bei mir kam doch tatsächlich auch immer meine Familie zuerst,…«

    Ja, das ist doch selbstverständlich, aber Trump tut so, als sei diese Selbstverständlichkeit etwas Besonderes, Neues, als hätte ‚America‘ bislang den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht die oberste Priorität eingeräumt.

    Ich vermute mal, in Dörners Tanaland-Simulation würde Trump mit hoher Wahrscheinlichkeit zu denen gehören, die mangels Über- und Weitblick das Land ruinieren—und sich selbst dabei bereichern (sofern eine solche Möglichkeit in der Simulation vorgesehen ist, was ich aber nicht glaube).

    Was genau ist falsch am Gedanken der Inklusion? Dass es oft an der Umsetzung hapert, macht den Gedanken ja noch nicht falsch.

  24. @Balanus

    Mein Fehler, wurde mir schon öfter gesagt: ich setze zuviel als bekannt voraus.

    Den Begriff Systemgrenze werden Sie kennen, nach Maturana ist sie unverzichtbarer Bestandteil des selbstreferentiellen Prozesses der (Re-)Produktion autopoietischer Systeme. Luhmann bezieht sich auf Spencer-Brown, wenn er vom System als einer Unterscheidung spricht, und auch hier ist der Begriff der Grenze von Bedeutung, weil mit ihr markiert wird, was innen ist und zum System gehört, und was außen ist, und nicht dazu gehört.
    Grenze meint noch etwas anderes als Rand, eine Grenze ist im Rand enthalten, über seinen Rand wechselwirkt ein System mit seinen Umwelten, ohne dass deshalb die Grenze verletzt wird.
    Systemgesetze, ich denke, da waren wir uns einig, schreiben die Bedingungen für das Verhalten von Systemen vor und ebenso die Veränderungen, wenn die Randbedingungen verändert werden. Heißt im Klartext, innerhalb der gegebenen Parameter, und solange sich die Randbedingungen nicht dramatisch verändern, kann ein System existieren. Werden die Änderungen zu groß und wird die Toleranz-Grenze überschritten, wird das System zerstört. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um ein biologisches oder ein soziologisches System handelt.
    Je nachdem, wie stark seine (Zer)Störung ist, geht das System entweder zugrunde oder es pendelt sich auf einem deutlich niedrigeren Niveau wieder ein.

    Was wir derzeit als neue Weltordnung erleben, ist nichts anderes, als die mittels der Globalisierung ins Werk gesetzte Zerstörung gesellschaftlicher Systeme, ob es um die Familie oder den Staat geht: das alles unter Berufung auf höchste Werte wie Toleranz, Weltoffenheit, Gleichheit, usw.. Globalisierung bedeutet nicht wechselseitige Bereicherung, es bedeutet mit dem Aufgeben der Grenzen das eigene System zu zerstören.

    Wenn Trump sagt: America first, heißt das nicht, die USA großartig zu machen, sondern zu verhindern, dass es sich als Staat, als Nation auflöst. Heißt, er versucht, das Ruder herumzureißen,

    „Denn offenbar war bzw. ist das Schiff ‚America‘ wirtschaftlich und außenpolitisch auf falschem Kurs (gewesen).“

    Genau das. Über Jahrzehnte hinweg wurden Feindbilder aufgebaut, als Alibi für die Nahost-Politik, die eine ganze Region ins Chaos gestürzt hat.
    http://www.chbeck.de/Lueders-Wind-saet/productview.aspx?product=14454810
    Gilt auch für die Wirtschaftspolitik, sonst hätte es nicht so viele Geschäftsleute gegeben, die sagten: Jeder, bloß nicht die Clinton. Von der Autoindustrie in Detroit oder den kleinen und mittleren Unternehmen an der Westküste, die der Überschwemmung mit Billigprodukten aus chinesischer Produktion nichts entgegenzusetzen hatten, ganz zu schweigen.

    „Ich vermute mal, in Dörners Tanaland-Simulation würde Trump mit hoher Wahrscheinlichkeit zu denen gehören, die mangels Über- und Weitblick das Land ruinieren“

    Ganz im Gegenteil. Vielleicht ist es ja überlesen oder nicht verstanden worden: Berichtet wurde jedenfalls, dass er ungeduldig wurde, wenn man ihm etwas lang und breit auseinandersetzen wollte und dass er sagte, er wolle keine 30 Blätter Papier lesen, sondern eins, auf dem der Inhalt der 30 zusammengefasst ist.
    Das ist, was alle Meinesgleichen brauchen: den Überblick über die Gesamtlage, nicht die diversen Einzelheiten. Dazu reicht eine stichwortartige Zusammenfassung.

    Helmut Schmidt hat Hamburg damals nicht vor einer Katastrophe geretten, weil sich sich von den zuständigen Leuten lang und breit sämtliche Einzelheiten erklären ließ, sondern weil er sich die für einen Überblick wesentlichen Fakten geben ließ, seine Kompetenzen überschritt und dafür sorgte, dass simultan die notwendigen Maßnahmen eingeleitet wurden.

    Diese Eigenschaft (nicht Fähigkeit!) hat Trump auch – die Frage ist nur, ob er sie umsetzen kann.

    „—und sich selbst dabei bereichern“

    … ich wäre dafür, diese Aussage zu streichen.

    (sofern eine solche Möglichkeit in der Simulation vorgesehen ist, was ich aber nicht glaube). “

    Nein, die war ebenso wenig vorgesehen wie die Maßnahme, Leute wegen Sabotage an die Wand zu stellen und zu erschießen.
    (Kam von einer Probandin beim Lohhausen-Projekt)

  25. @ Dr. Webbaer:

    „Offensichtlich versucht Donald J. Trump die sogenannte Politische Richtigkeit einzureißen, “

    Ja, so kann man es auch nennen, :-).
    Aber wie will man eine solche Skylla bekämpfen, von der Peter Furth schreibt, sie
    „tritt mit der Unmittelbarkeit einer selbstverständlichen Moral auf, ohne einen bestimmten Träger oder Adressaten. Die Ubiquität und Anonymität des ‚Man‘ sind ihr Kennzeichen.“

    Zudem ist sie zwar die Ideologie der Neuen Weltordnung, aber das Problem ist, dass..

    „Für das Gebilde, das Moral heißt, ist der Projektionsmechanismus der sich selbst erfüllenden Prophezeiung grundlegend wichtig.“

    …es darauf hinauslaufen könnte.

    Danke für den ZEIT-Artikel, :-), der Autor hat es auf den Punkt gebracht, der zum Blog-Thema zurückführt:

    Noch schneidender George Orwell: „Neusprech“ soll die „Bandbreite der Gedanken einengen“. So „werden Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich, weil es keine Wörter mehr gibt, um sie auszudrücken“.

  26. @Trice

    »Was wir derzeit als neue Weltordnung erleben, ist nichts anderes, als die mittels der Globalisierung ins Werk gesetzte Zerstörung gesellschaftlicher Systeme, […]. Globalisierung bedeutet nicht wechselseitige Bereicherung, es bedeutet mit dem Aufgeben der Grenzen das eigene System zu zerstören. «

    Die Frage ist eben, welche Systemgrenze man letztlich für wichtiger, bedeutsamer, zukunftsweisender hält: Die Grenzen der zahllosen Subsysteme, oder die Grenze des Gesamtsystems.

    »Über Jahrzehnte hinweg wurden Feindbilder aufgebaut, als Alibi für die Nahost-Politik, die eine ganze Region ins Chaos gestürzt hat.«

    Klassische „America first“-Politik halt. So habe ich es zumindest immer empfunden.

    »Berichtet wurde jedenfalls, dass er ungeduldig wurde, wenn man ihm etwas lang und breit auseinandersetzen wollte und dass er sagte, er wolle keine 30 Blätter Papier lesen, sondern eins, auf dem der Inhalt der 30 zusammengefasst ist.«

    Das war vielleicht einer der Gründe, warum er mit seinem Taj Mahal Kasino so grandios gescheitert ist. Der Teufel steckt meist im Detail. Das Weglassen entscheidend wichtiger Details mündet leicht in Katastrophen.

    Wie man sieht, kann vieles, was in Ihren Augen für Trump spricht, ins Gegenteil verkehrt werden. Ist vielleicht alles nur eine Frage der jeweiligen Voreingenommenheit.

  27. @Balanus

    „Die Frage ist eben, welche Systemgrenze man letztlich für wichtiger, bedeutsamer, zukunftsweisender hält: Die Grenzen der zahllosen Subsysteme, oder die Grenze des Gesamtsystems. “

    Welches Gesamtsystem? Die Zugehörigkeit zu einem nationalen oder einem religiösen System wirkt identitätsstiftend. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes zerfiel die Sowjetunion in mehrere Staaten, und die osteuropäischen Länder sind nicht umsonst die stärksten Gegner eines Europa als Gesamtsystem das keine wirkliche Grenze hat. Weltweit ist der Wunsch nach nationaler Autonomie verbreiteter als die ideale Vorstellung einer alles umarmen wollenden ‚Elite‘.

    „Jede Zivilisation beruht auf Grenzsetzungrn – auf der Unterscheidung asymmetrischer Gegenbegriffe, die Wertungen und bewertungen des Eigenen und des ‚Fremden‘ enthalten (…) Die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, gehört zu den ersten Kulturleistungen der Menschheit. Grenzen schützen, Grenzen stiften Identität, Grenzen erzeugen und bewahren kulturelle, sprachliche und ethnischen Vielfalt. (…) Eine Gesellschaft, die mutwillig ihre Grenzen öffnet, gibt sich dem Untergang preis. Denn Zivilisation braucht Grenzen. Grenzenlos ist nur die Dummheit.“*

    Welche Identität also soll ein Gesamtsystem, das namenlos ist, stiften, welche Kultur soll es erzeugen, angesichts der diversen ethnischen, religiösen, kulturellen Unterschiede?

    *Peter J. Brenner: Spiel ohne Grenzen oder Die neue Lust am Untergang
    In: TUMULT Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Herbst 2016

  28. @Balanus: Tanaland |America | Inklusion

    Dazu hat es gestern abend nicht mehr gereicht, deshalb trage ich es nach:

    „in Dörners Tanaland-Simulation “
    Dörner (und nicht nur er) hat diverse Projekte und Untersuchungen zum komplexen Problemlösen gemacht. Er hat in seiner „Logik des Misslingens“ die ‚Denkfehler‘ aufgelistet, die er verallgemeinernd dem ‚menschlichen Denken‘ * zuschreibt. Von diesen Fehlern hat Angela Merkel _nicht_ _einen_ ausgelassen:

    – die Reduktion auf eine zentrale Variable (die natürlich alternativlos ist; heißt: Konzentration auf deren Details und die Art, in der sie zueinander in Beziehung stehen),
    – Dinge eins nach dem anderen erledigen und das Wichtigste zuerst (nicht mehreres gleichzeitig im Blick haben, sondern Urteil fällen und Schritt für Schritt vorgehen – letzteres sagte sie wiederholt selbst)
    – mangelnde Zielkonkretisierung (kein Nachdenken über mittel-und langfristige Folgen – da war sie immerhin so geschickt, die Erledigung der von ihr getroffenen Entscheidungen an Andere zu delegieren und sich auf ein „Wir schaffen das “ zurückzuziehen ),
    – lineare statt exponentielle Extrapolation (weitreichende Folgen und Entwicklungen werden nicht vorhergesehen
    – Adhocismus (das Problem ist da, also muss man es lösen ohne viel Zeit damit zu verschwenden , an irgendwelche Folgen zu denken: Ausstieg aus Kernenergie, Öffnen der Grenzen für Hundertausende von Migranten).

    „als hätte ‚America‘ bislang den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht die oberste Priorität eingeräumt. “

    Sie verwechseln ‚America‘ mit amerikanischer Politik. Egon Bahr sagte vor ein paar Jahren mal, in der internationalen Politik gehe es nie um Demokratie oder Menschenrechte, es geht immer um die Interessen von Staaten. Obama sagte 2014 in einer Grundsatzrede an der Westpoint-Akademie:
    “ Amerika muss auf globaler Ebene stets die Führungsrolle übernehmen. (…) Unser Militär ist das Rückgrat dieses Führungsanspruchs und wird auch in Zukunft das Rückgrat dieses Führungsanspruches bleiben. Die USA werden Militäraktionen nutzen, wenn notwendig auch unilateral, wenn unsere Kerninteressen das erfordern.
    Was die Kerninteressen betrifft, sind es beim Krieg in der Ukraine deren riesige Gas- und Ölvorkommen und die Sicherung einer Pipeline, mit der USA die Öl und Erdgas aus dem Irak und Libyen an Jordanien, Israel usw. verkaufen will – da können sie keine Russen brauchen, die ihnen in diese Suppe spucken.
    Und dann kommt Trump in seiner politischen Ahnngslosigkeit und erklärt doch tatsächlich, dass er auf Putin zugehen wolle, auch in der Ukraine-Frage. Da wurde er aber sehr schnell zurückgepfiffen.
    Nein, was er will, wenn er von America first spricht, ist nicht, die Rolle des Hegemon fortzuführen, sondern die nationale Wirtschaft wieder ankurbeln und den Menschen Arbeitsplätze zu verschaffen. Ob er das schafft, ist eine andere Frage, denn wenn er nicht spurt, wird er möglicherweise der nächste Präsident sein, der das Ende seiner Amtszeit nicht überlebt.

    „Was genau ist falsch am Gedanken der Inklusion?“

    Der Gedanke! Inklusion

    „Dass es oft an der Umsetzung hapert, macht den Gedanken ja noch nicht falsch.“

    Es liegt nicht an der Umsetzung, sondern an der Vorstellung, man könne das Schulsystem so gestalten, dass Kinder mit (geistiger, um körperliche geht es weniger, das ist machbar) Behinderung gleichberechtigt unterrichtet werden könnten. Wir hatten und haben teilweise noch sehr gut ausgestattete Förderschulen, die den individuellen Ansprüchen dieser Kinder durch entsprechend ausgebildete Lehr- und Betreuungskräfte und die Bildung kleiner Klassen mit wenigen Schülern gerecht wurden. Nun sollen diese Kinder am Regelschulunterricht teilnehmen, das heißt: in Klassen mit zwanzig und mehr Schülern, unterrichtet von Lehrern, die innerhalb der Klassen zwei Arten von Unterricht parallel abhalten müssten (eine Art binnendifferenzierter Unterricht), was letztlich zu einem Absenken des Bildungsniveaus führt, davon, dass man nun weder den behinderten noch den nicht behinderten Kindern gerecht wird. Man kann vielleicht als Lehrer noch dafür sorgen, dass einzelne Schüler den Auftrag bekommen, sich um ihren behinderten Klassenkamerden kümmern, aber letztlich nützt es, aufs Gesamte gesehen, weder den behinderten noch den nicht behinderten Kindern, weil der gesamte Unterricht auf das behinderte Kind zugeschnitten werden muss: eine Gruppe ist immer so schnell wie ihr schwächstes Glied.
    Dazu passt allerdings, wenn in den Lehrplänen nicht mehr steht, welche Lernziele in den einzelnen Fächern bis zum Ende des Schuljahres erreicht werden sollen, sondern welche Kompetenzen die Kinder erwerben sollen.

  29. Nachtrag zu *
    Ich hatte Dörner damals gefragt, warum er diese ‚Denkfehler‘ dem menschlichen Denken ganz allgemein zuschreibt, es waren ja auch Teilnehmer darunter, die sehr gut mit diesen Aufgaben zurecht gekommen sind. Er sagte mir, es seien so wenige gewesen, dass sie aus der Statistik herausgefallen seien.
    Er und sein Team hatten sich aber gefragt, woran es liegen könnte, dass diese wenigen keine bzw. nur wenige Schwierigkeiten hatten. Als er von Schwanks Theorie hörte, wusste er die Antwort.

  30. @Trice / Gesamtsystem

    »Die Zugehörigkeit zu einem nationalen oder einem religiösen System wirkt identitätsstiftend «

    Die Identitätsstiftung fängt doch schon bei der Familie an, dann kommt die Gemeinde, die Region, die Nation, der Kontinent…

    »Grenzen zu ziehen, gehört zu den ersten Kulturleistungen der Menschheit.« (Peter J. Brenner, 2016).

    Naja, ob man das Ziehen von Grenzen als (positive) Kulturleistung bezeichnen kann, darüber lässt sich trefflich streiten. Obwohl, eigentlich nicht. Grenzziehungen gehören, wenn man‘s recht bedenkt, zu den Grundübeln menschlichen Handelns.

    »Welche Identität also soll ein Gesamtsystem, das namenlos ist, stiften, welche Kultur soll es erzeugen, angesichts der diversen ethnischen, religiösen, kulturellen Unterschiede?«

    Es gehört zum Wesen eines Gesamtsystems, dass seine Teile bzw. Subsysteme unterschiedlich sind. Ich sehe hier kein grundsätzliches Problem, allenfalls ein psychologisches. Die Menschen einer Gesellschaft können ganz unterschiedlichen Vereinen angehören, ohne dass das übergeordnete Gesellschaftssystem darunter leiden würde.

    Welches Gesamtsystem also? Das globale System des Planeten Erde, inklusive der Menschheit, was denn sonst. So, wie verschiedene Familien eine Dorfgemeinschaft bilden können, könnten verschiedene Nationen eine Weltgemeinschaft bilden. Sie müssten es nur mehrheitlich wollen.

    Ach ja, und was die sogenannte Political Correctness angeht: Ich nehme immer wieder mit Staunen zur Kenntnis, wer sich so alles hierzulande durch PC in seiner Rede-, Meinungs-, und Handlungsfreiheit eingeschränkt sieht. In Land mit vielen Rassisten wie etwa den USA mag es anders aussehen.

    • @ Kommentatorenkollege ‚Bal‘ :

      Welches Gesamtsystem also?

      Gute Frage.

      Dr. W sieht diese Frage als zentral.

      Dies hier, dankenswerterweise von der wundervollen Kommentatorenkollegin Trice beigebracht, – ‚Die Zugehörigkeit zu einem nationalen oder einem religiösen System wirkt identitätsstiftend.‘ – trifft nicht den Punkt, lädt womöglich sogar ungünstig ein.


      Es geht hier tatsächlich um das Sapere Aude, Der aufklärerische Grundgedanke, es geht idF um Liberalismus (vs. Kollektivismus, eine soz. der franz. Linie der Aufklärung folgende dbzgl. Verirrung, bspw. Ratzinger konnte dbzgl. beitragen – vorsichtshalber angemerkt: pol. Linke müssen nicht schlecht sein, Dr. W schätzt gerade Traditionslinke), hat gewonnen, aufklärerische Gesellschaftssysteme sind vielerorts ihm folgend durchgesetzt worden. (Auch, wenn dies Viele nicht wissen, haha.)


      Dies müsste das ‚Gesamtsystem‘ sein, um das es hier geht, die skeptizistische (Natur-)Wissenschaftlichkeit ist insofern in hohem Maße „Sapere Aude“, höchst sozial und so, aber „nur“ ein Offspring dieser Idee,
      MFG
      Dr. Webbaer

  31. @Trice / Trump / Inklusion

    »Sie verwechseln ‚America‘ mit amerikanischer Politik.«

    Glaube ich nicht, dass ich das tue. Mir geht es hier vor allem um Außen- und Wirtschaftspolitik. Die Schlagworte: „America first“ und „Make America great again“ passen dank ihrer Schlichtheit immer und überall.

    Als einen typischen Denkfehler haben Sie „die Reduktion auf eine zentrale Variable“ an erster Stelle genannt. Das passt doch recht gut auf Trumps Ideen zur Lösung vermeintlicher, herbeigeredeter Probleme. Ebenso verhält es sich mit den meisten, wenn nicht allen anderen Punkten (soweit man das in Anbetracht der Kürze der Zeit beurteilen kann).

    Ad Inklusion:

    »Es liegt nicht an der Umsetzung, sondern an der Vorstellung, man könne das Schulsystem so gestalten, dass Kinder mit (geistiger, um körperliche geht es weniger, das ist machbar) Behinderung gleichberechtigt unterrichtet werden könnten.«

    Im aktuellen „Schulsystem“ lässt sich Inklusion kaum so realisieren, dass alle gleichermaßen davon profitieren. Also brauchen wir ein ganz anderes Schulsystem. Aber das wird es nicht geben, und nur deshalb lässt sich Inklusion nicht adäquat umsetzen. Im Übrigen darf man die Sache mit der Inklusion auch nicht dogmatisch sehen, was spräche dagegen, von Fall zu Fall zu entscheiden, womit dem jeweiligen Kind am besten gedient ist?

  32. @ Balanus: Grenzen

    „Die Identitätsstiftung fängt doch schon bei der Familie an, dann kommt die Gemeinde, die Region, die Nation, der Kontinent… “

    Sehen Sie? Deshalb versucht man ja auch, Strukturen wie die Familie aufzulösen, damit ihre Elemente sich neu kombinieren können. Da ist es mit Identitätsstiftung nicht mehr so weit her. Man könnte also mit der Kulturwissenschaftlerin Antonella Messerschmidt (der Name ist en Pseudonym) fragen, woher dieses verhaltren kommt, das auf breiter Front politische, mediale und wissenschaftliche Funktionseliten eint – ob es der Hass auf die eigene Kultur oder bloß die Unfähigeit ist, nach Jahren des Radikalen Konstruktivismus überhaupt noch etwas Eigenes identifizieren zu können, oder ob es entschlossenes Festhalten an den diskursiven Machtpositionen ist? Fiat iustitia et pereat mundus?

    „Welches Gesamtsystem also? Das globale System des Planeten Erde, inklusive der Menschheit, was denn sonst. “

    Das habe ich mir doch fast gedacht, :-). Eine wundervolle Idee, mich wundert nur, dass sie sich nicht schon längst durchgesetzt hat, sondern im Gegenteil die Menschen dazu tendieren, Gruppen und Gemeinschaften zu bilden, um sich von Anderen abzugrenzen.

    „So, wie verschiedene Familien eine Dorfgemeinschaft bilden können,“

    Haben Sie schon mal in einem Dorf gelebt? Ich komme aus einer Familie, die Jahrhunderte lang in ein und demselben Dorf in sogenannter Gemeinschaft mit anderen Familien gelebt hat. Alles, was sie miteinander gemein hatten, war, dass sie im selben Dorf lebten. Und was einen Teil meiner Verwandschaft betrifft, die waren die bestgehassten im ganzen Dorf.
    Ein Tipp: lesen Sie mal Juli Zehs „UnterLeuten“ …
    Oder Orwells „Farm der Tiere“

    …könnten verschiedene Nationen eine Weltgemeinschaft bilden.“

    Das tun sie jetzt schon. Oder leben da welche in einer anderen Welt, die unbedingt noch zwangsbeglückt werden müssen?

    “ Sie müssten es nur mehrheitlich wollen. “

    Tja, das sollte doch eigentlich zum Nachdenken anregen: Wenn es so ein grandioser Gedanke ist, warum wollen sie denn bloß nicht?

    Wobei mir einfällt: Dürfen Russland und Putin und Trump und seine Wähler auch dazu gehören, oder brauchen wir die als Feindbild?

  33. @Dr. Webbaer

    „Dies müsste das ‚Gesamtsystem‘ sein, um das es hier geht, die skeptizistische (Natur-)Wissenschaftlichkeit “

    Dagegen wäre nichts einzuwenden, aber das dürfte wohl kaum gemeint sein.

    Sapere aude … Kant oder doch eher Horaz?

  34. @Balanus

    „Mir geht es hier vor allem um Außen- und Wirtschaftspolitik.“

    Und aus der Außenpolitik wollte Trump sich ja zurückziehen, und wirtschaftspolitisch sieht es ja auch danach aus, jedenfalls, wenn man Handelsverträge aufkündigt …

    „Die Schlagworte: „America first“ und „Make America great again“ passen dank ihrer Schlichtheit immer und überall. “

    …meinen aber nicht unbedingt dasselbe.

    “ „die Reduktion auf eine zentrale Variable“ an erster Stelle genannt. Das passt doch recht gut auf Trumps Ideen zur Lösung vermeintlicher, herbeigeredeter Probleme.“

    Welche von seinen Ideen !!! ist zentral, weshalb alle anderen ausgeblendet werden, und auf welche ihrer Details hat er fokussiert?
    So, wie ich es sehe, sind es gerade die Details, die ihn nicht interessieren.

    “ …was spräche dagegen, von Fall zu Fall zu entscheiden, womit dem jeweiligen Kind am besten gedient ist?“

    Das war mit dem bisherigen System der Fall. Es lag wohl am Begriff „Förderschule“, der als stigmatisierend empfunden wird.

  35. @ Trice :

    Dr. W wird gelegentlich grundsätzlich, vgl. auch hier : [1]
    -> https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/verhalten-freundschaft-sucht-warum-wir-tun-was-wir-tun/#comment-29627

    Wenn Sie mal hinschauen, werte Trice, arbeitet sich Kommentatorenkollge ‚Bal‘ an grundsätzlichen Fragen anhaltend ab, die er nicht zu bearbeiten in der Lage ist oder nicht willens.

    Ansonsten könnte er auch schlicht (teilweise auch: unbewusst) ein Spaßbold sein,
    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Eigentlich könnte solide Nachricht bearbeitet werden.

  36. @Trice

    »Sehen Sie? Deshalb versucht man ja auch, Strukturen wie die Familie aufzulösen, damit ihre Elemente sich neu kombinieren können.«

    Ist mir noch nicht aufgefallen, dass „man“ das versucht. In manchen sozialistischen Ländern hat man wohl mal versucht (und tut es in Nord Korea noch), erheblichen Einfluss auf die Kindererziehung zu nehmen. Aber ansonsten ist die Familie doch nach wie vor heilig.

    »Eine wundervolle Idee, mich wundert nur, dass sie sich nicht schon längst durchgesetzt hat, sondern im Gegenteil die Menschen dazu tendieren, Gruppen und Gemeinschaften zu bilden, um sich von Anderen abzugrenzen.«

    Es gibt solche und solche Menschen, die global denkenden Menschen sind entweder in der Minderheit oder sitzen nicht an den Hebeln der Macht. Es gibt kein Naturgesetz, das Menschen dazu zwingen würde, Grenzen zu ziehen. Fast jede positive Utopie sieht die Menschheit am Ende grenzenlos vereint. Und auch Bösewichte, die Weltherrschaft anstreben, halten Grenzen für überflüssig. Man könnte fast sagen, der Mensch ist nicht dafür gemacht, künstliche und einengende Grenzen auf Dauer zu ertragen.

    »Haben Sie schon mal in einem Dorf gelebt?«

    Tue ich noch. Ich habe den dörflichen Lokalpatriotismus noch erleben dürfen.

    »Tja, das sollte doch eigentlich zum Nachdenken anregen: Wenn es [das mit der Weltgemeinschaft] so ein grandioser Gedanke ist, warum wollen sie [die Nationen] denn bloß nicht? «

    Wie gesagt, wenn manche könnten, wie sie wollten, gäbe es keine Grenzen. Aber da sie nicht können, wie sie wollen, begnügen sie sich mit dem, was sie haben und kontrollieren können und kochen halt ihr jeweils eigenes Süppchen.

    Und ja klar, auch Russland und Putin und Trump dürfen zur Weltgemeinschaft gehören, wenn sie dazugehören wollen. Aber dazu müssten sie wohl Macht abgeben, was natürlich schwerfällt. Trumps Wähler würden Trump vermutlich überall hin folgen.


    »Und aus der Außenpolitik wollte Trump sich ja zurückziehen,….«

    Mit gleichem Erfolg könnte Trump versuchen, sich aus der Innenpolitik zurückzuziehen.


    Inklusion: Wenn es im bisherigen Schulsystem nur um das Beste für das jeweilige Kind gegangen wäre, hätte für manche Eltern kein Anlass bestanden, Möglichkeiten zur Inklusion zu fordern.

    Die „Förderschule“ war und ist Teil eines überholten Schulsystems. Kein Wunder, dass kaum jemand danach strebt(e), sein Kind dorthin zu schicken. Trotz der guten Arbeit, die dort sicherlich auch gemacht wird.

  37. @Dr. Webbaer

    „Dr. W wird gelegentlich grundsätzlich, “

    Ich werde es nicht nur gelegentlich, sondern, wenn man meinem Mann glauben darf, ist das einer meiner beiden Fehler: ich mache aus allem eine Grundsatzfrage ;-).

    Noch als Nachtrag zu meiner letzten Antwort: Horaz‘ Sapere aude passt zu Trump, meine ich (keine wirklich mythenmetzsche Abschweifung, aber doch ein bisschen in die Richtung)

  38. @Balanus

    „Ist mir noch nicht aufgefallen, dass „man“ das [Auflösung der Familienstruktur] versucht. “

    Dann sollten Sie sich einmal mit der Postmoderne beschäftigen, bzw. mit ihrer analytisch-kombinatorischen Denkfigur: Zerschlagung der Strukturen, Versammeln der dadurch erhaltenen Elemente gleichberechtigt auf derselben Ebene, um sie beliebig zu kombinieren ..
    ….ich meine, der Übergang fing in der Kunst an – Kubismus, Surrealismus, Zwölfton- und atonale Musik, und in den Naturwissenschaften – in der Physik ist man bei den Strings angekommen, in der Biologie bei den Genen -, Philosophie (Existenzialismus, Dekonstruktion) , Literatur – naja, und folgerichtig muss nun auch die Gesellschaft dran sein, das Bürgertum ist mitsamt seinen Werten schon längst verschwunden, inzwischen löst sich auch die Familienstruktur auf (alleinerziehende Eltern, Patchworkfamilien), der Mittelstand – und klar, dass dann auch vor Nationen nicht Halt gemacht wird.
    Und es gibt immer noch solche, die nicht begriffen haben, was da abgeht und dass die Gewinner letztlich die sind, die aus der Verbreitung dieser Utopie Kapital schlagen.

    Bisher hat nur jede Epoche, die die vorhergehend abgelöst und die alten Muster verworfen hat, etwas Bleibendes geschaffen, etwas, auf dem aufgebaut werden konnte. Die Postmoderne wird, so wie es aussieht, nichts hinterlassen, wenn sie abgelöst wird. Und sie wird abgelöst werden, weil keine Epoche auf Dauer Bestand hat

    „Aber dazu müssten sie wohl Macht abgeben, was natürlich schwerfällt.“

    Es geht immer um Macht, denn ohne Macht bringt niemand etwas zuwege.
    ‚Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.‘ Nietzsche

    „Wenn es im bisherigen Schulsystem nur um das Beste für das jeweilige Kind gegangen wäre, hätte für manche Eltern kein Anlass bestanden, Möglichkeiten zur Inklusion zu fordern. “

    Unterschätzen Sie den Ehrgeiz der Eltern nicht. Vor einiger Zeit stand ein Artikel in unserem Lokalblatt, mit einem Foto von einem Wettlaufen von Kindergartenkindern. Die Eltern durften mitlaufen .. sie liefen nicht nur mit, sie zerrten ihre weinenden und schreienden Kindern hinter sich her, nur damit die als erste ins Ziel kommen – und fanden es auch noch lustig.

    „Die „Förderschule“ war und ist Teil eines überholten Schulsystems. Kein Wunder, dass kaum jemand danach strebt(e), sein Kind dorthin zu schicken. Trotz der guten Arbeit, die dort sicherlich auch gemacht wird.“

    Es sollte nicht darauf ankommen, ob eine Lösung alt ist, sondern darauf, ob sie gut ist. Stattdessen kommt es darauf an, um jeden Preis eine neue zu finden, die ins System passt – das Kind interessiert nicht, und sein Bestes schon gar nicht. Denn es geht ums Prestige: zu sagen, mein Kind besucht eine Förderschule, ist vielen Eltern peinlich.
    Erzählen Sie mir also nichts über meinen Beruf.

  39. @Trice

    „Postmoderne“ und dergleichen Denkfiguren mitsamt ihren Schreckensszenarien sind das eine, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Wandel das andere.

    Richtig ist, dass unser auf Effizienz getrimmtes Gesellschaftssystem die Gründung einer Familie (mit mehreren Kindern) nicht gerade befördert. Aber das liegt sicher nicht an denen, die von einer grenzenlosen Weltgemeinschaft träumen, sondern eher an denen, die an bestehenden familienfeindlichen Strukturen festhalten, weil sie davon profitieren.

    » Es sollte nicht darauf ankommen, ob eine Lösung alt ist, sondern darauf, ob sie gut ist.«

    Eben! Und was ist an einem Schulsystem gut, das von vielen als kalt selektierend und demütigend empfunden wird und wo der Mensch lernt, dass sein Wert vor allem von seinen intellektuellen Fähigkeiten abhängt?

  40. @ Balanus
    „„Postmoderne“ und dergleichen Denkfiguren mitsamt ihren Schreckensszenarien sind das eine, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Wandel das andere. “

    Postmoderne heißt die derzeitige Epoche, habe ich bereits vor fünfzig Jahren gelernt. Und was deren Denkfigur betrifft, leitet die sich aus den erkennbaren realen Verhältnissen ab – wenn sich die als Schreckensszenarien darstellen, umso schlimmer. Dass die Moderne irgendwann keinen Bestand mehr haben konnte und abgelöst worden ist, hätte deshalb nicht die Zerschlagung gleich sämtlicher Strukturen zur Folge haben müssen, als deren reale gesellschaftliche Verhältnisse wir sie gerade erleben.
    Was für die Naturwissenschaften zunächst noch Fortschritt bedeutete und in der Kunst mit dem Expressionismus noch wegweisend hätte sein können, lässt sich nicht auf gesellschaftliche Strukturen übertragen. Wobei dieses Gesellschaftssystem sich der postmodernen Massendemokratie und dem Wertekanon ihrer Gesellschaftsordnung verdankt – eine falsch verstandene Selbstverwirklichung und eine Anspruchshaltung an den Staat sind die Folgen, die mit der Idee einer grenzenlosen Weltgemeinschaft mit ausgelöst wurden. Es ist wieder einmal die Reduktion auf eine zentrale Variable, die ohne ein Mindestmaß an Berücksichtigung von Aus-, Fern- und Nebenwirkungen umgesetzt werden musste, die zu diesem Gesellschaftssystem geführt hat.
    Das ist dieselbe Reaktion und dieselbe Haltung wie jetzt die Attacken gegen Trump, was sich diejenigen, die ihn am heftigsten angreifen nicht, klar machen: Diese neue Weltordnung mit ihrem Traum von einer Weltgemeinschaft, in der alle gleich sind, hat ihn und seine Wahl überhaupt erst möglich gemacht. Denn es sind eben nicht nur die Abgehängten, die ihn gewählt haben, es sind zunehmend die, die diesen politisch korrekten Universalismus als Gefahr ansehen.
    Nein, ich befürchte nicht, dass diese Weltgemeinschaft kommen wird: selbstorganisierende Systeme existieren fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht, und da müssten sich die Randbedingungen aber schon sehr ändern, wenn aus der Menschheit eine entropische Weltgemeinschaft werden soll – das ist nicht zu schaffen im Gegensatz zu wirtschaftlichen Zusammenbrüchen, Bürgerkriegen oder Kriegen überhaupt.

    Was die Familienfeindlichkeit des Gesellschaftssystems betrifft, das die Gründung einer Familie nicht befördere, müsst es im Umkehrschluss ja wohl heißen kann, es befördere die Alleinerziehung, was heißt, dass im Schnitt 98% der Alleinerziehenden Frauen sind, von denen rund 41 % kam über die Rnden kommen.

    „Und was ist an einem Schulsystem gut, das von vielen als kalt selektierend und demütigend empfunden wird und wo der Mensch lernt, dass sein Wert vor allem von seinen intellektuellen Fähigkeiten abhängt?“

    Es liegt nicht am Schul-, sondern am Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das diese Selektion fordert und ohne jede Not dieses Bewertungssystem stützt. Was unsere Gesellschaft derzeit braucht, sind Facharbeiter nicht arbeitslose Akademiker. Und es ist allemal befriedigender, einen Beruf auszuüben, mit ihm Geld zu verdienen und eine Arbeit abzuliefern, die Anerkennung bringt, als mit Not und Mühe Abi gemacht, ein Studium nicht vollendet zu haben und nun auf Jobsuche gehen zu müssen.
    Es fördert das Selbstwertgefühl gerade nicht, wenn ein Kind um jeden Preis eine seinem Intellekt nicht entsprechende Schullaufbahn absolvieren muss, sondern es bewirkt gerade im Gegenteil das Empfinden, nur dann anerkannt zu sein, wenn man diese Fähigkeiten besitzt. Und es ist dann demütigend, wenn man es trotzdem nicht schafft. Also bringen Sie den Kindern nicht bei, wertlos zu sein, indem Sie sie mit aller Gewalt in ein System pressen, das ihnen nicht gerecht wird, und dem sie deshalb auch nicht gerecht werden können.

    Manchmal wäre ein bisschen mehr Praxiserfahrung schon hilfreich …

    In NRW gehen Eltern und Lehrkräfte inzwischen auf die Straße, um gegen das Inklusionskonzept zu protestieren, das nebenbei nicht generell von Eltern gefordert wurde, sondern von der UN-Behindertenrechtskonvention.

  41. @Trice

    »Dass die Moderne irgendwann keinen Bestand mehr haben konnte und abgelöst worden ist, hätte deshalb nicht die Zerschlagung gleich sämtlicher Strukturen zur Folge haben müssen, als deren reale gesellschaftliche Verhältnisse wir sie gerade erleben.«

    Verstehe ich nicht, was ist hier Ursache und was Folge? Die „Ablösung“ der sogenannten Moderne durch die sogenannte Postmoderne war doch keine geplante Unternehmung, sondern wurde im Nachhinein schlicht festgestellt, eben weil bestimmte gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden hatten und man meinte, man bräuchte hierfür einen neuen Epochenbegriff.

    Gerade wenn Gesellschaftssysteme selbstorganisierende Systeme sind, wie Sie ja meinen, sind wir Menschen keine Systemveränderer und -gestalter, sondern bloß Getriebene.

    »Was die Familienfeindlichkeit des Gesellschaftssystems betrifft, das die Gründung einer Familie nicht befördere, müsst es im Umkehrschluss ja wohl heißen kann, es befördere die Alleinerziehung …«

    Ich hatte da eher an voll berufstätige Frauen ohne (Mann und) Kinder gedacht.

    »Es liegt nicht am Schul-, sondern am Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das diese Selektion fordert und ohne jede Not dieses Bewertungssystem stützt.«

    Aber es handelt sich dabei doch um die gleichen Akteure: Die Menschen, die das Wirtschaftssystem am Laufen halten (so viel zur „Selbstorganisation“), sind gleichzeitig die ehrgeizigen Eltern, die das selektierende und trennende Schulsystem stützen.

    Oder habe ich da systemtheoretisch mal wieder was nicht verstanden? 😉

    »Es fördert das Selbstwertgefühl gerade nicht, wenn ein Kind um jeden Preis eine seinem Intellekt nicht entsprechende Schullaufbahn absolvieren muss … «

    Das bestehende Schul- und Gesellschaftssystem provoziert eben ein solches, systemkonformes Verhalten der Eltern. Doch selbst dann, wenn das Kind richtig vorsortiert wird und die passende Schulform besucht, bleibt ihm ggf. die ungute Erfahrung nicht erspart, zum schlechteren Teil der Schülerschaft zu zählen und den gestellten Anforderungen nicht gerecht werden zu können.

    »In NRW gehen Eltern und Lehrkräfte inzwischen auf die Straße, um gegen das Inklusionskonzept zu protestieren, … «

    Gegen das Konzept? Das mag ich kaum glauben, dass dort implizit Exklusion gefordert wird.

  42. @Balanus

    „Die „Ablösung“ der sogenannten Moderne durch die sogenannte Postmoderne war doch keine geplante Unternehmung,“

    Soweit es die Gesellschaft betrifft, war sie das sehr wohl: es begann mit der Protestbewegung der 60er Jahre, die zunächst eher etwas Spaßhaftes hatte (Hippie-Kultur, Kommune 1), die dann aber ganz gezielt die Gesellschaft verändern wollte – nicht unbedingt mit diesen Ergebnissen: von einer politisch korrekten Sprache war noch keine Rede, aber Weltoffenheit, Toleranz, Selbstverwirklichung, Menschenrechte, Emanzipation, das waren die Schlagworte, mit denen dann in den 90ern endgültig die Weichen gestellt worden waren.

    „… sondern wurde im Nachhinein schlicht festgestellt, eben weil bestimmte gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden hatten und man meinte, man bräuchte hierfür einen neuen Epochenbegriff. “

    Nicht vom Thema ablenken, darum geht es nicht, und das wissen Sie ;-).

    „Gerade wenn Gesellschaftssysteme selbstorganisierende Systeme sind, wie Sie ja meinen, sind wir Menschen keine Systemveränderer und -gestalter, sondern bloß Getriebene. “

    Luhmann sagte einmal, wenn man frage, was ein soziales System konstituiere, würde man als Antwort erhalten: Menschen. Diese Antwort sei falsch, denn was ein System konstituiert, ist die interne Kommunikation. Das heißt, wer Einfluss auf die ‚Sprache‘ als internes Kommunikationmittel hat, wirkt auf die Randbedingungen ein und verändert das System. Was damals nur nicht mit bedacht wurde ist, dass systeme auch insofern selbstorganisierend sind, als eine Veränderung in der einen Richtung unweigerlich Gegenbewegungen auslöst, die das ursprünglich Beabsichtigte konterkarieren.

    „Ich hatte da eher an voll berufstätige Frauen ohne (Mann und) Kinder gedacht. “

    So funktioniert es aber nun mal nicht. Wenn man also auf eine zentrale Variable reduziert und die Abhängigkeiten vernachlässigt – „darum kümmern wir uns, wenn es soweit ist“ – macht man die Rechnung ohne den Wirt.

    „Aber es handelt sich dabei doch um die gleichen Akteure: Die Menschen, die das Wirtschaftssystem am Laufen halten (so viel zur „Selbstorganisation“), sind gleichzeitig die ehrgeizigen Eltern, die das selektierende und trennende Schulsystem stützen“

    Was um alles in der Welt hat Sie denn auf diesen schmalen Pfad gebracht? Eben die ehrgeizigen Eltern, die das Wirtschaftssystem am Laufen halten, sind es, die die Inklusion wollen. Die sind es, denen es peinlich ist, wenn ihr Kind eine Förderschule besucht. Die meisten Eltern, die ein Kind in einer Fördereinrichtung haben, sind froh und dankbar, dass es dies gibt – zumal die meisten Kinder auch irgendwann in die Regelschule wechseln.

    „Das bestehende Schul- und Gesellschaftssystem provoziert eben ein solches, systemkonformes Verhalten der Eltern.“

    Eben. Dieses System wurde Ende der 60er propagiert und in den 70er Jahren von der SPD geschaffen, schließlich sollte es ja um Chancengleichheit für alle gehen. Und alle fanden es toll, sogar die CDU zog mit, nachdem sie sich in der Opposition befand und wieder an die Macht wollte.

    „Doch selbst dann, wenn das Kind richtig vorsortiert wird und die passende Schulform besucht, “

    …ich weiß ja nicht, woher Sie das haben, aber sicher nicht aus der Kenntnis der Praxis. Denn erstens werden Kinder nicht „vorsortiert“: entweder es stellt sich schon im Kindergarten oder bei der Vorschuluntersuchung heraus, dass ein Kind bestimmte Schwächen hat – und dann wird zweitens mit den Eltern darüber gesprochen, die letztlich entscheiden, in welche Schule sie ihr Kind schicken -, oder es kommt in die Regelschule, und dort stellt sich heraus, dass es Probleme im Unterricht hat, und den Eltern wird nahe gelegt, ihr Kind in die Förderschule zu geben.
    Ich hatte einen solchen Fall vor einigen Jahren, hatte mit der Lehrerin gesprochen,die mich kannte. Ich habe mit dem Kind einige Tests gemacht, habe dann mit den Eltern gesprochen und ihnen nahgelegt, das Kind vorübergehend in die Förderschule zu geben, damit es eine Chance bekommt. Der Vater wollte von mir die Zusage, dass sein Kind nach spätestens zwei Jahren wieder in die Regelschule zurückkommt – es würde zwar ein Jahr verlieren, aber das würde es in jedem Fall – , und ich sagte: ja, das sage ich ihm zu! In der Supervision habe ich eins aufs Haupt bekommen, aber das war mir egal – und ich hatte recht: nach zwei Jahren kam es zurück in die Regelschule.

    „…bleibt ihm ggf. die ungute Erfahrung nicht erspart, zum schlechteren Teil der Schülerschaft zu zählen und den gestellten Anforderungen nicht gerecht werden zu können. “

    OK, welche Kinder besuchen eine Förderschule: Kinder mit Sprachschwierigkeiten, Kinder mit (fein-)motorischen Schwierigkeiten, Kinder mit intellektuellen Schwierigkeiten, Kindern mit stark auffälligem Sozialverhalten …

    .. die sollen nun inkludiert werden. Wie soll bitte ein solcher Unterricht aussehen? Da gibt es den oder die Lehrer(in), die den normalen Schulunterricht durchführen soll und die zehn, fünfzehn, zwanzig Kinder, die ihm folgen können, da gibt es das Kind mit feinmotorischen Schwierigkeiten, das eine zusätzliche Hilfskraft braucht, die parallel dazu mit diesem Kind redet, das sich müht oder aufmuckt – und die anderen Kinder schauen dorthin und folgen dem Unterricht vorübergehend nicht mehr – und dann das Kind mit Sprachschwierigkeiten, das zusätzliche Erklärungen und dazu ebenfalls eine Betreuung braucht, die parallel mit diesem Kind übt und vielleicht auch mit dem, das intellektuelle Schwierigkeiten hat – und dann braucht man nur noch zwei bis drei Kinder mit schwierigem Sozialverhalten, bei denen mehrmals in der Woche ein Sozialpädagoge eingesetzt werden muss – solche, die in den Unterricht hineinrufen unmotiviert vom Stuhl aufspringen und durch den Raum laufen, einen der nur unter dem Tisch sitzt und von dort in den Unterricht hineinruft, einen, der ständig fragt, was er denn jetzt tun soll, zwei, die gerade mit dem Smartphone beschäftigt sind …

    … aber wenigstens bleibt ihnen allen die ungute Erfahrung erspart, zum schlechteren Teil der Schülerschaft gezählt zu werden.

    „Gegen das Konzept? Das mag ich kaum glauben, dass dort implizit Exklusion gefordert wird.“

    Die Eltern dieser Kinder sehen das wohl anders – die sehen, dass ihr Kind in einer geschützten und seinen Anlagen entsprechenden Umgebung eine Chance bekommt.
    Nur hat menschenverstand und Sorge um das Wohl der Kinder keine Chance, wenn es um Ideologie geht.

  43. @Trice

    Asche auf mein Haupt…

    In meinem letzten Kommentar habe ich im Bemühen um Kürze zu wenig den Bezug meiner Einlassungen deutlich gemacht.

    An vielen Stellen war ich von der Inklusions-Thematik abgerückt und hatte das gesamte mehrgliedrige Schulsystem im Blick.

    Das vorausgeschickt, möchte ich doch noch auf einige Punkte eingehen.

    Mit den verschiedenen Epochen habe ich wenig am Hut, aber mir drängt sich schon der Eindruck auf, dass es da eine gewisse Willkür gibt, was die Grenzziehung zwischen den Epochen anbelangt, und nach welchen Kriterien man das tut.

    Dass es immer wieder Menschen gibt, die gesellschaftliche Veränderungen anstreben, bestreite ich nicht, im Gegenteil, ich sehe das als einen Beleg dafür, dass es mit der Selbstorganisation der Gesellschaftssysteme nicht allzu weit her ist. Die einen wollen dies, die anderen das (Gegenteil). Die einen wollen Grenzen ziehen und halten das für kulturell wichtig, die anderen wollen sie überwinden. So wirklich „von selbst“ passiert da eigentlich gar nichts.

    Luhmanns „interne Kommunikation“ findet ja auch zwischen den Menschen, den eigentlichen Akteuren und Systemveränderern, statt. Wobei es, wie gesagt, (fast) immer fraglich und einigermaßen beliebig bleibt, was wir als ein System betrachten und beschreiben wollen.

    . . . . » „Aber es handelt sich dabei doch um die gleichen Akteure: Die Menschen, die das Wirtschaftssystem am Laufen halten (…), sind gleichzeitig die ehrgeizigen Eltern, die das selektierende und trennende Schulsystem stützen“

    Was um alles in der Welt hat Sie denn auf diesen schmalen Pfad gebracht? «

    Das „selektierende und trennende Schulsystem“ bezeichnet hier den aktuellen Stand der schulischen Organisation, insbesondere das mehrgliedrige Schulsystem mit seinen unterschiedlichen Abschlüssen.

    Und es sind eben vorzugsweise die besonders ehrgeizigen Eltern, die an diesem System Gefallen haben und daran festhalten wollen, weil ihr Turbo-Kind nicht durch langsamer lernende Mitschüler behindert werden soll. Inklusion wird als Hemmnis für das eigene Kind empfunden, und nicht als Chance für das andere Kind begriffen.

    Um es auf den Punkt zu bringen und worauf es mir hier ankommt: Man kann die Eltern und deren Motive nicht alle über einen Kamm scheren, manche möchten, dass ihr lernschwaches Kind in der Grundschule den gleichen Freundeskreis hat wie im Kindergarten, andere Eltern bevorzugen für ihr Kind eine Förderschule, um das Beste aus ihm rauszuholen. Und selbst wenn die Mehrzahl der Eltern die Förderschule bevorzugen sollte, spricht das noch lange nicht dagegen, Inklusion prinzipiell zu ermöglichen.

    » …ich weiß ja nicht, woher Sie das haben, aber sicher nicht aus der Kenntnis der Praxis. Denn erstens werden Kinder nicht „vorsortiert“: …«

    Hier hatte ich eben primär den Wechsel von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen im Sinn. An die Förderschule habe ich dabei nicht gedacht. Also nochmal: Mea culpa…

    ».. die [Problemkinder] sollen nun inkludiert werden. Wie soll bitte ein solcher Unterricht aussehen?«

    Da sind wir wieder bei der Frage, wie man das praktisch hinkriegt. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass das Haupthindernis hierbei die Eltern sind, die Angst haben, ihr normal begabtes Kind könne darunter leiden. Und natürlich die halbherzige Umsetzung durch die öffentliche Hand.

    Inklusion erfordert womöglich einen völlig anderen Unterricht, weniger Schüler, mehr (Sonder-)Lehrkräfte, und so weiter und so fort. Und wie gesagt, Inklusion darf nicht als Dogma gesehen werden, nicht alle Kinder sind inklusionsfähig—aber eben genügend viele.

    Mich würde ja mal interessieren, wie Stephan Schleim das mit der Inklusion sieht. Fast bedaure ich, dass ich hier auf Martina Grüters Blog Ihre Bemerkung aufgegriffen habe, auf „Mensch-Bilder“ hätte das an sich gut gepasst.

  44. @ Balanus

    Ja, ich stimme Ihnen zu, dass das Thema Inklusion in „Menschen-Bilder besser aufgehoben wäre. Eben deshalb möchte ich mich bei Frau Grüter sehr dafür bedanken, dass sie den thread nicht geschlossen hat.

    Deshalb nur noch hierzu:

    „Da sind wir wieder bei der Frage, wie man das praktisch hinkriegt. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass das Haupthindernis hierbei die Eltern sind, die Angst haben, ihr normal begabtes Kind könne darunter leiden. Und natürlich die halbherzige Umsetzung durch die öffentliche Hand.

    Inklusion erfordert womöglich einen völlig anderen Unterricht, weniger Schüler, mehr (Sonder-)Lehrkräfte, und so weiter und so fort. Und wie gesagt, Inklusion darf nicht als Dogma gesehen werden, nicht alle Kinder sind inklusionsfähig—aber eben genügend viele. “

    ..um dann das Thema zu beenden, einverstanden?
    Die Sorge der Eltern eines normal oder hoch-begabten Kindes ist doch berechtigt! Schließlich haben diese Kinder genauso ein Recht auf Förderung im Rahmen ihrer Fähigkeiten wie minderbegabte und behinderte Kinder. Ganz davon abgesehen, dass es sehr viele Eltern gibt, die dankbar für die individuelle Förderung ihrer behinderten Kinder sind, die sie in einem Regelschulunterricht untergehen sehen.

    Inklusion erfordert keine andere Art von Unterricht, sondern ein anderes Schulsystem. Die Forderung nach weniger Schülern und mehr Sonderpädagogen wird ja schon umgesetzt, weil Inklusion so verstanden wird. Das ist aber im Schulalltag nicht machbar.

    Vorstellen könnte ich mir allenfalls noch ein an die Waldorf-Schule angelehntes System: Mehrere Schultypen parallel in einer Schule, mit Aktionstagen, in denen jeder Schultyp etwas beiträgt, an dem die anderen teilnehmen können. Aber getrennter Unterricht, um allen Kindern gerecht zu werden. Denn Gerechtigkeit bedeutet nicht: Allen das Gleiche, sondern Jedem das Seine.

    Zudem, Schule bedeutet nun einmal auch, dass ein Kind ab einem gewissen Alter in der Gruppe bildbar sein muss. Man kann daher die Klassengröße nicht beliebig verkleinern. Das scheitert bereits an den Kosten, und irgendwo muss das Geld schließlich herkommen. Ganz abgesehen davon, dass eine Allgemeine Schulpflicht auch den Zweck hat, mit genügend gut ausgebildeten Menschen die Basis zu schaffen für ein funktionierendes Gemeinwesen, das dem Wohle Aller dient.

    Das heißt, bei allem Einsatz für Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen darf dieser nicht zu Lasten der die gesunden, normal begabten Kinder gehen – denn sonst sind sie die benachteiligten.

    (Unter anderen Umständen hätte ich Sie eingeladen, sich anzuschauen, was hier bei uns für Kinder und Erwachsene mit Einschränkungen geschaffen wurde – ich bin sicher, Sie würden die Dinge mit anderen Augen sehen)

  45. Lieben Dank für den Gedankenaustausch, @Trice,

    bleibt mir nur noch zu sagen: So, wie ich mir Inklusion vorstelle, wäre sie für *alle* ein Gewinn. Inklusion auf Kosten dritter wäre widersinnig.

    Und sagen Sie bitte nicht, das funktioniert so nicht, nie und nimmer nicht … 😉

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