Die Verständnislosen

BLOG: Babylonische Türme

Vom Nutzen und Missbrauch des Verständigungsmittels Sprache
Babylonische Türme

Die Lebenswelt der Kinder hat sich in den letzten 20 Jahren enorm verändert. Aber der Deutsch-Unterricht hat nicht nachgezogen. Im Gegenteil: Die Kurzgeschichten und Romane, die wir schon als überholt empfanden, stehen noch immer auf dem Lehrplan.

Nichts gegen Goethe, Schiller und Shakespeare. Manche Dichter sind einfach zeitlos. Sie fangen Konflikte ein, die immer und überall aktuell sind. Sie sprechen zu uns über die Jahrhunderte, als wären sie gestern geschrieben. Wir verstehen selbst das viertausend Jahre alte Gilgamesch-Epos, ohne man viel erklären müsste. In der Schule sollen die Kinder von den Meistern lernen, deshalb haben Hamlet, Faust, oder die Räuber einen sicheren Platz auf dem Lehrplan.

Aber gerade die Kurzgeschichten sollen doch eigentlich das Lebensgefühl der Gegenwart einfangen und widerspiegeln. Sie greifen nur einen winzigen, aber typischen Aspekt der Wirklichkeit heraus und vergrößern ihn wie in einem Brennglas. Dadurch lernen die Kinder, sich kritisch damit auseinander zu setzen. Aber die Kurzgeschichten von Ilse Aichinger, Berthold Brecht, Wolfgang Borchert, Peter Bichsel, Marie Luise Rinser und Gabriele Wohmann beleuchten ein Detail aus einer anderen Zeit. Selbst uns als Eltern ist diese Zeit eher fremd, wir haben nur ihre Ausläufer erlebt.

Die Kurzgeschichte „Fragebogen“ von Josianne Maas kritisiert die Volkszählung von 1987. Wir haben damals den Protest erlebt, diesen zähen Widerstand gegen die Preisgabe von Daten, und seien sie noch so nebensächlich. Bei der heutigen Generation stößt die Erzählung auf komplettes Unverständnis. Wir leben in einer Zeit, in der man über Facebook mit Millionen anderer Menschen verbunden ist, und jede Adresse bei Google binnen Sekunden finden kann. In dem Moment habe ich erst realisiert, wie viel sich in den letzten 25 Jahren geändert hat. Das Finden von Menschen und Dingen ist kein Problem mehr. Wenn die Google-Suche erfolglos bleibt, dann fragt man einfach im Netz. Irgendjemand wird schon einen Tipp haben. Und der Staat weiß sowieso alles. Kaum einer der Schüler macht sich Illusionen darüber, dass Facebook-Daten nicht geheim bleiben. Sie weigern sich einfach, lange darüber nachzudenken. Ihnen ist nichts mehr fremd, nichts ist mehr unerreichbar fern (das hatte ich in meinem Blogbeitrag Das globale Kaff schon angesprochen).

Die Lehrer könnten natürlich die Gelegenheit nutzen, und den Kindern erklären, wie das Lebensgefühl vor fünfzig Jahren ausgesehen hat. Sie könnten erklären, was Klassenbewusstsein, Sozialismus oder Kommunismus bedeutete. Sie könnten erklären, wie die von Wolfgang Borchert beschriebene Situation im Nachkriegsdeutschland ausgesehen hat, oder die strenge Arbeitsteilung der Geschlechter in der Ehe und im Beruf. Aber nach allem, was ich von anderen Eltern höre, nehmen die Lehrer diese Gelegenheit selten wahr, vielleicht auch, weil sie selbst aus einer späteren Zeit stammen.

Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verliert das Genre der Kurzgeschichte in Deutschland an Bedeutung. So steht es im Internet, also muss es stimmen. Aber gibt es denn heute keine guten Kurzgeschichten mehr? Überhaupt keine? Oder geben die Unterrichtsvorgaben einfach das Lebensgefühl der 68er wieder, die in den Ministerien Karriere gemacht haben?

Eigentlich könnte man daraus ein interessantes Forschungsprojekt machen. Man fragt zunächst, welche Punkte einer Geschichte den Schülern heute am wenigsten verständlich erscheint. Dann klärt man, welche Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Konventionen diesen Punkten zugrunde liegen. Dann hätte man eine bessere Idee, was sich wirklich geändert hat, statt ständig von Generation x, y oder z zu reden, ganz so, als hätte man in einer entlegenen Ecke der Welt einen Eingeborenenstamm neu entdeckt.

 

 

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

13 Kommentare

  1. Ilse Aichinger, Berthold Brecht, Wolfgang Borchert, Peter Bichsel, Marie Luise Rinser und Gabriele Wohmann sind heute vielleicht einfach deshalb in den Schulbüchern vertreten, weil sie es in den deutschen Literaturkanon geschafft haben – und welchem zeitgenöissichen Schrifsteller sollte man diese Ehre antun?. Es stellen sich aber ein paar weitere Fragen, wenn man diesen Blogbeitrag liest:
    1) Muss deutsche Literatur in den Schulbüchern die heutige Zeit reflektieren? Tat die Schulbuchauswahl das überhaupt je?
    2) Sind Schüler, die Brecht oder Ilse Aichinger lesen müssen Kinder wie sie im obigen Beitrag bezeichnet werden
    3) Kann nicht gerade die Auseinandersetzung mit Fremdartigen aus der erst kürzlich abelaufenen eigenen Geschichte zum Nachdenken anregen.

    Allerdings ist es sicher ein Mangel, wenn es überhaupt keine Schulbuchtexte aus der heutigen Zeit gibt. Denn die Schule und damit auch die Schulbuchautoren prägen das Bild auf die eigene Kultur. Für einen Schüler von heute ist Harry Potter (ein Kinderbuch, das selbst Erwachsene lesen) zeitgenössiche Literatur, weil er diese Bücher selbst gelesen und die Verfilmung im Kino gesehen hat und weil alle darüber sprechen. Zu den deutschen zeitgenössiche Autoren zählt ein Schüler von heute vielleicht noch Günter Grass, also einen Nachkriegsautoren, wobei er kaum selbst etwas von ihm gelesen hat, sondern wohl eher in den Online-Nachrichten etwas über ihn gelesen hat. Ein gewisses Paradox lässt sich schon feststellen. Ich behaupte: Noch zu keiner Zeit wurde so viel geschrieben wie heute und zwar von allen Schichten. Allerdings eben nur Wort- und Satzfesten, die auf Facebook, Twitter oder via SMS ausgetauscht werden. Bücher werden dagegen kaum noch gelesen – und deutsche Autoren gehören schon gar nicht dazu.

  2. Brecht und Aichinger sind aktueller denn je – so müsste man mit einer Hyperbel kontern. Inhaltlich ist das jedoch ernst gemeint. Zeitgemäss in der Wikipedia nachgeschlagen:

    “Von Anfang an rief Aichinger in ihren Werken zur Kritik an politischen und gesellschaftlichen Zuständen auf und sprach sich gegen falsche Harmonie und Geschichtsvergessenheit aus.”

    Was könnten wir heute dringender brauchen? Und erst Brecht! Das Internet hat seine Radiotheorie verwirklichen können. Und der “Anachronistischer Zug”!

    Nein, man sollte solche Literatur nicht streichen. Wobei ich mir viel mehr Tucholsky wünschen würde. Und durchaus auch gerne das Update davon, Ossietzky:

    http://www.ossietzky.net/

  3. Es wäre schon ein Fortschritt , wenn die Klassiker nicht immer so oberlehrerhaft vermittelt würden , mit diesem ungeschriebenen Zwang zur Ehrfurcht vor alter Größe.
    Ich bin wohl nicht der Einzige , dem das Lesen erstmal ein Stück weit verleidet wurde durch diese Vorgehensweise , das erste Buch aus der Schulzeit , das noch bei mir rumlag und das ich recht schnell weider in die Hand nahm , stammte bezeichnenderweise von einem Lehrer , der gerade nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkam.
    Ob es heute gute Kurzgeschichten gibt , erschließt sich mir nicht , aber gerade der Vergleich – stimme zu – mit früheren Zeiten wäre ein klasse Aufhänger , um aktuelle Themen wie die unreflektierte Facebookerei oder die Selbstdarstellung im Netz anzusprechen , als Kontrapunkt zu einer Medien – und leider auch häufig einer Erwachsenengesellschaft , die sabbernd darum bemüht ist , der Jugend hinterher zu rennen und alles , was diese macht , automatisch als “coolen” Fortschritt zu betrachten, an dem man dann dran zu bleiben habe , um nur ja nicht den Anschluß zu verlieren.

  4. @DH: da stimme ich zu. Ich muss sagen, alles, was wir “eigentlich” in der Schule hatten, hab ich entweder ohne Schule oder aber erst später gelesen, nachdem ich die Schule verlassen hatte. Auch unser Deutschunterricht war eigentlich fast immer so dröge, dass einem der Spass an der Literatur darin vergangen ist.

  5. Zwischen “Goethe, Schiller, Shakespeare” und “Ilse Aichinger, Berthold Brecht, Wolfgang Borchert, Peter Bichsel, Marie Luise Rinser und Gabriele Wohmann” liegt ja irgendwie schon mehr als eine ganze Welt, nicht nur zeitlich sondern hinsichtlich so was wie Genre, Geographie oder Weltanschauung.
    Weil ich schon zur Oma-Generation der heutigen Schülerschaft gehöre, erlaube ich mir die Prognose, das zumindest Brecht in 200 Jahren zu den Meistern gezählt und auf dem Lehrplan im Fach Deutsch stehen wird. Und Goethe ist dann so was wie heute vielleicht Walter von der Vogelweide – obsoletes Unikum für spezialisierte Germanisten.

  6. Wenn die Deutschtexte schon zu unserer Schulzeit nicht zu unserer Lebenswelt gepasst haben, wieso spielt es dann eine Rolle, wenn sich die Lebenswelt der Jugendlichen schon wieder verändert hat? Ihr Lesegeschmack ist ohnehin gleich geblieben.

    Gute moderne Kurzgeschichten gibt es schon, etwa von Doris Dörrie. Die gefallen den Jugendlichen aber auch nicht, und das macht auch nichts. Es stimmt aber, dass gerade die klassische deutsche Kurzgeschichte eine zu große Rolle in der Schule spielt. Wichtig ist sie historisch für die Nachkriegszeit, sonst eher nicht. Mit dem Abzug der Werbekunden von Magazinen zum Fernsehen ist auch die Kurzgeschichte verschwunden, deren Heimat ursprünglich die Zeitschriften sind.

    Aber die klassische Kurzgeschichte ist – anders als bei Dörrie – so praktisch kurz. In der Schule muss ein Text – so denken leider viele – auf maximal 2 A4-Seiten passen.

  7. Manche Lehrer geben sich ehrlich Mühe den Geschmack der heutigen Kinder zu treffen und der größte Knaller in der Schulzeit meines Sohnes war zweifellos die Weihnachtsgeschichte “Apfent, Apfent, der Bärwurz brennt” von Toni Lauerer. Die Geschichte ist zwar lustig, trotzdem kam es auf Seiten der Schüler zu heftigen Protesten, weil man der Meinung war, dass die ganze Story völlig übertrieben und voller Fehler sei. Jeder Schüler würde auf so einen Aufsatz eine glatte 6 bekommen.
    http://weihnachtsstadt.de/Geschichten/Geschichten_lustig/Apfent_Apfent.htm

    Die meisten Schüler hätten sich mit einer Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert begnügt, die auch im Lehrplan stand, aber die Lehrkraft wollte unbedingt “etwas Modernes”.

  8. Sehr gelobt für seine Kurzgeschichten wird gerade Ted Chiang. Zu Recht, wie ich meine. Mit Schülern würde ich empfehlen, “Die Wahrheit vor Augen” zu lesen. (Im Original: “Liking What You See: A Documetary” http://www.ibooksonline.com/88/Text/liking.html )

    Da geht es um Vorurteile, “For decades people’ve been willing to talk about racism and sexism, but they’re still reluctant to talk about lookism. Yet this prejudice against unattractive people is incredibly pervasive.”, aber auch um kommerzielle Interessen, um Authentizität und Wahrheit und vieles mehr. Alles hat Vor- und Nachteile, es gibt keine trivialen Antworten. Und deswegen ist mir auch nicht ganz klar, ob so eine Geschichte tatsächlich in den Lehrplan gehört oder eher nicht.

    PS.
    Ilse Aichinger, Wolfgang Borchert, Peter Bichsel und Gabriele Wohmann – wer sind die?

    • “Ilse Aichinger, Wolfgang Borchert, Peter Bichsel und Gabriele Wohmann – wer sind die?”

      Das sind Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur, die im Deutschunterricht behandelt werden. Die Auswahl variiert je nach Bundesland und Schule. Bei uns in Bayern ist es in der Regel Wolfgang Borchert, von dem nicht nur die eine oder andere Kurzgeschichte, sondern auch sein Drama “Draußen vor der Tür” gelesen und interpretiert werden muss. Die Geschichte handelt von einem traumatisierten Kriegsheimkehrer und ist auch heute noch aktuell, weil es immer noch Kriege auf der Welt gibt. Aber die meisten Menschen wollen sich nicht gerne mit dieser Thematik beschäftigen und verdrängen sie lieber. Ich finde es gar nicht schlecht, wenn sich Jugendliche auch mal mit fremden Lebenswelten auseinandersetzen müssen. Wie sollen sie sonst jemals Verständnis für andere entwickeln?

      http://www.dieterwunderlich.de/Borchert_vor_der_tuer.htm

  9. Ein Problem dürfte wohl sein, dass man sich bei modernen Autoren zwangsläufig darauf einigen muss, welche “schulwürdig” (mitbedacht, dass manche Autoren diese Einstufung wohl eher als Strafe betrachten werden!) sind und welche nicht.
    Das ist eine sehr schwerwiegende Entscheidung. Zudem besteht bei diesen Autoren die “Gefahr”, dass sie sich umorientieren oder man unwillkürlich eine Vermarktungsstrategie unterstützt.

    Das scheint bei toten oder alten Autoren ein geringeres Problem zu sein. Sie sind nicht mehr tagespolitisch (zumindest meistens).

  10. Die Lektürepläne des Literaturunterrichts waren schon zu meiner Schulzeit idiotisch, und sie sind es heute immer noch. Da sollen sie “Nathan der Weise” und “Romeo und Julia”, nun ja, *behandeln*. Was auch mindestens drei Gründen dusselig ist.

    1. Die Texte wurden nicht für Jugendliche geschrieben, geschweige denn für Kinder. Komplett falsche Zielgruppe. Und dabei gibt es ein riesiges Universum literarisch gelungener Kinder-und Jugendliteratur – und also keinen Grund, Schüler mit ungeeigneten Texten zu quälen.

    2. Die Texte sind in einer seit vielen Jahren veralteten Sprache verfaßt. Was soll es bringen, Kinder mit den heute geschraubt klingenden oder unverständlichen Redewendungen längst untergegangener Epochen zu verschrecken, statt ihnen beizubringen, daß Lesen Spaß macht?

    3. Völliger Irrsinn ist es, Stücke von Lessing oder Shakespeare zu *behandeln*. Diese Texte sind Vorlagen für Bühnenaufführungen, und keine Lesebücher. Den Zauber einer gelungenen Faust-Inszenierung vermag keine Textbuchlektüre zu ersetzen. (Aber es ist natürlich billiger, die Eltern der Schüler zum Kauf der Reclam-Büchlein zu verdonnern, statt den Schülern einen Theaterbesuch zu finanzieren.)

    Eine Kurzgeschichte wie die von Borchert über die Ratten, die nachts schlafen, würde wohl auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen, scheint aber aus den Lehrplänen verschwunden zu sein …

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