Die Hölle der Gebildeten

Wenn man dem Buch „Katabasis“ der Autorin R.F. Kuang glauben darf, ähnelt die Hölle für Akademiker sehr den irdischen Universitäten. Und, kaum zu glauben, die dort versammelten Seelen haben tatsächlich noch Angst vor dem Tod, obwohl sie eigentlich schon tot sind. Die beiden Hauptpersonen sind allerdings noch sehr lebendig, und jede von ihnen hat einen guten Grund, die trostlose Unterwelt zu durchstreifen. Lohnt es sich, sie dabei zu begleiten?

Die Autorin, eine amerikanische Autorin chinesischer Herkunft, ist schon in jungen Jahren bekannt geworden. Ihre Bücher „Yellowface“ und „Babel“ verkauften sich glänzend. „Babel“ gewann 2023 den Nebula und Locus Award. Die Autorin studierte während dieser Zeit und hat ihre Erfahrungen an den Universitäten in ihrem Buch „Katabasis“ verarbeitet. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist ungefähr so gelehrt wie sein Titel. „Katabasis“ stammt aus dem Griechischen und bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik den Abstieg in die Unterwelt, auch symbolisch oder im übertragenen Sinne.

Der Titel passt genau: Zu Beginn steigt die Doktorandin Alice Law im wörtlichen Sinne in die Unterwelt ab. Leider sieht sie sich gezwungen, ihren größten Rivalen Peter Murdoch mitzunehmen. Beide sind Doktoranden bei dem angesehenen Professor Jakob Grimes, der in einer alternativen Welt den Lehrstuhl für analytische Magie der Universität Oxford innehat.

Und eben dieser Professor ist bei einem fehlgeschlagenen Zauber in kleine Stücke zerrissen worden, was seine Seele direkt in die Unterwelt katapultiert hat. Jetzt fehlen Alice und Peter eine immens wichtige Unterschrift, ohne die sie nicht zur Verteidigung ihrer Doktorarbeiten zugelassen werden können.

Mithilfe all ihrer Zauberkräfte versetzen sie sich deshalb lebendig in die Unterwelt. Der Preis ist gewaltig: Sie müssen auf die Hälfte ihrer verbleibenden Lebenszeit verzichten, und haben damit keine Chance, das Rentenalter zu erreichen.

Als ernsthafte Akademiker haben sich die beiden ausführlich belesen, was sie erwarten könnte, aber Hinweise über Reisen in die Hölle sind nun mal spärlich, und so werden sie durchaus überrascht von dem, was sie vorfinden: Eine graue trostlose Gegend, die vom Fluss Lethe durchzogen wird, ganz wie es sich die alten Griechen schon vorgestellt haben. Von dem Fluss halten die Seelen der Toten lieber Abstand, denn wer hineingerät, verliert mindestens sein Gedächtnis, oder er vergeht vollkommen. Und davor haben die meisten Angst, obwohl sie eigentlich schon tot sind.

Unterwelt von außen nach innen

Die Unterwelt hat diverse Kreise, ähnlich wie Dantes Hölle. Sie symbolisieren – von außen nach innen – die Sünden Stolz, Begierde, Geiz, Zorn, Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei. Das ähnelt den christlichen Todsünden. Völlerei, Neid und Faulheit sind allerdings durch Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei ersetzt. Im Zentrum ragt die Zitadelle des Unterweltgottes auf, der im Buch König Yama oder Yanluo Wang genannt wird. Yama ist der hinduistische Gott der Unterwelt, Yanluo Wang seine chinesische Entsprechung.

Kuang hat eine eklektische Unterwelt geschaffen, die sie aus allerlei antiken, mittelalterlichen und chinesischen Fragmenten zusammensetzt. Die christliche Hölle bleibt dabei weitgehend außen vor. Die beiden lebenden Protagonisten sind davon überzeugt, dass ihr so plötzlich verstorbener Professor gemäß seines Sündenregisters in einer der inneren Höllen stecken muss. Also machen sie sich auf den Weg.

Dark Fantasy

Damit beginnt ein finsteres Fantasy-Abenteuer, denn die Unterwelt ist erstens nicht leicht zu durchqueren und zweitens ein ausgesprochen gefährliches Gelände. Wer sich lebend hineinwagt, muss damit rechnen, unvermittelt als tote Seele zu enden. Eine Rückkehr wäre dann natürlich unmöglich.

Katabasis: In der Unterwelt
Lebendig in der Unterwelt. KI-generiertes Symbolbild

Die beiden Protagonisten begegnen allerlei Monstern, einer freundlichen Seele aus Oxford, sowie diversen guten und schlechten Ratgebern. Zwischendurch müssen sie Fallen entkommen, von denen einige aus Paradoxien bestehen, also logischen Widersprüchen oder Trugbildern. Aber sie sind hoch gebildet, und so gelingt es ihnen immer wieder, die Widersprüche aufzulösen und den Fallen zu entkommen. Bevor sie aber zum innersten Kreis der Unterwelt gelangen, wartet der Endgegner. Das ist nicht etwa der Professor, sondern ein böses Magier-Ehepaar, das die Macht in der Unterwelt an sich reißen will.

In jedem Kreis warten außerdem die Manifestationen der jeweiligen Sünden. Die Sünde der Begierde ist – na, was wohl? Ein Studentenwohnheim, natürlich. Tiefer in der Unterwelt steht eine ganze Universität. Die Seelen dort sind dazu verdammt, an akademischen Arbeiten zu schreiben, die niemals fertig werden.

In der Hölle vor der Hölle

Während der Reise wird in Rückblenden die Vergangenheit von Alice Law und ihrer Forschungsarbeit bei Professor Grimes aufgerollt. Die Protagonistin stammt aus den USA, will aber unbedingt zu höchsten akademischen Ehren aufsteigen. Also bewarb sie sich in Oxford bei dem weltweit berühmtesten akademischen Magier. Sie wusste, Professor Grimes galt als als rücksichtsloser Antreiber und Ausbeuter seiner Mitarbeiter, als menschlich schwierig, als ungerecht und nachtragend. Das alles hielt sie nicht ab. Auch sein streckenweise übergriffiges Verhalten nahm sie hin. Aber irgendwann rächt sie sich: Am explosiven Ende ihres Mentors ist sie nicht ganz unschuldig, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Und sie sucht ihn keineswegs nur wegen einer Unterschrift. Selbst mit seiner toten Seele hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Trotzdem: Ein #MeToo-Gefühl kommt eigentlich nie auf, Alice Law ist auf ihre Art genauso unsympathisch wie ihr tyrannischer Chef.

Peter, ihr rätselhafter und charmanter Konkurrent und aktueller Begleiter durch die grauen Gefilde des Hades ist ihr ein ständiger Stachel im Fleisch. Aber, so viel sei verraten, am Ende kommen die beiden sich näher.

Das Mehrbuch

Klingt das jetzt verwirrend? Ist es auch. Die Autorin konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie eine Satire über das akademische Leben, eine dark Romance oder ein Lehrstück über Paradoxien unter besonderer Berücksichtigung der Vorstellungen von der Unterwelt in verschiedenen Weltkulturen schreiben wollte.

Nahezu alle Figuren führen so gelehrte Dialoge, dass man sich im Speisesaal eines ehrwürdigen Colleges in Oxford glaubt. Und die Autorin lässt uns keinen Moment im Zweifel, dass sie für das Buch alle wichtigen Quellen über Unterwelten jeder Art gelesen hat. Und über Paradoxien. Und über Magie. Und …

Für wen kann ich das Buch empfehlen? Genau genommen schreibt die Autorin an allen Zielgruppen knapp vorbei. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sie ihr Handwerk exzellent beherrscht. Die graue und düstere Unterwelt wird vor unseren inneren Augen lebendig. Die Anstrengungen der Helden lassen uns mitfiebern. Die Orte in den jeweiligen Ebenen beschreibt die Autorin mit erkennbar satirischer Wut. Dennoch: Man muss Geduld mitbringen. Wer kann, liest die Passagen quer, die ihn nicht interessieren. Die dark Romance, die Satire, die Lebensgeschichte der ehrgeizigen Jungakademikerin und die gelehrten Diskurse über Paradoxien leben weitgehend nebeneinander her.

Wie sagt es doch im „Faust“ der Direktor im Vorspiel auf dem Theater:

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“

Besprochenes Buch:

R.F. Kuang: Katabasis, Eichborn Verlag, 656 Seiten, Gebundene Ausgabe (mit Goldschnitt), 28,00 €.

Billiger ist die amerikanische Ausgabe:

R.F. Kuang: Katabasis, HarperVoyager, 576 Seiten, Taschenbuch 10,77 €, Gebundene Ausgabe 17,79 €.

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Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 mit der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Sie ist affiliert am Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg und arbeitet mit Wissenschaftlern an mehreren deutschen Universitäten an verschiedenen Forschungsprojekten.

2 Kommentare

  1. Katabasis verbindet also intellektuellen Tiefgang (mit Referenzen zu Dante und Nietzsche) mit Gesellschaftskritik (am akademischen Leistungs-/Publikationsdruck verbunden mit Sexismus und Ausbeutung) und mit komödienartigen Dialogen und Interaktionen. Aber es zieht sich alles etwas hin und erschöpft sich teilweise in theoretischen Ergüssen – was wiederum ein perfektes Abbild dessen ist, was an Unis im ereich der Geisteswissenschaften geschieht.

  2. interessant, interessant,
    auch die Gebildeten sind vor „Höllenqualen“ nicht geschützt.
    So wie es beschrieben wird, scheint hier die Universität der Eingang zu dieser Form von Hölle zu sein.
    Informatiker sprechen ganz konkret von der „Hölle der .dll“ das sind Probleme im Umgang mit „Windows“, das .dll Dateien benötigt. Und dieser Umgang bereitet Schwierigkeiten, so große Schwierigkeiten, dass ein Programmierer deswegen einen Nervenzusammenbruch bekommen kann.
    Bei den Doktorranden scheint es ja ziemlich „teuflisch“ zuzugehen.

    Für feinsinnige Leser, denen der Kitzel der rauhen Wirklichkeit fehlt, also die richtige Lektüre, genaus wie Psychokrimis für gelangweilte Ehefrauen.

    Meinung eines Teilgebildeten.

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