Der gute und der schlechte Arzt

BLOG: Babylonische Türme

Vom Nutzen und Missbrauch des Verständigungsmittels Sprache
Babylonische Türme
Vor dem Siegeszug der westlichen Medizin haben die Menschen Medizin meist mit Zauberei verbunden, die tradionellen Heilkunden bemühten sich, „die Beziehungen des Kranken zum kosmischen Ganzen zu begreifen“, schreibt Roy Porter in der Einleitung seines lesenswerten Buchs „Die Kunst des Heilens“. Aber wir sollten nicht zu schnell urteilen.
"Der Arzt heilt die Menschen, er ist ein Heilkünstler, ein Helfer. Der gute Arzt ist weise, überdenkt alles, ist wohlbewandert. Er ist ein Kenner der Kräuter, Steine, Bäume und Wurzeln."
Mehr noch: Gute Arbeit macht er, ist reich an Erfahrung, wägt alles ruhig ab, heilt, hilft, richtet Knochen, stützt Beine, gibt Tränke, macht Aderlässe und Einschnitte, adaptiert Wundränder und bringt den Kranken Erleichterung. Aber es gibt leider auch andere Mediziner:
"Der schlechte Arzt nimmt seine Sache nicht ernst, dieser Pfuscher, der mit seinen Medizinen die Leute umbringt, indem er sie mit ihnen überfüttert."
Was meint ihr: Neunzehntes Jahrhundert? Mitteleuropa?
Aber nicht doch: Sechzehntes Jahrhundert, Aztekenreich, Mexiko. Bevor Herman Cortéz das Reich der Azteken zerstörte, gehörte es zu den echten Hochkulturen. Ihre Hauptstadt Tenochtitlán (das heutige Mexico City) hatte im fünfzehnten Jahrhundert mehr Einwohner als Paris. Anders als in vielen anderen Gegenden Amerikas gab es hier christliche Geistliche, die sich erfolgreich bemüht haben, die vernichtete Kultur wenigstens zu dokumentieren. Sie lernten die Sprache und befragten die Gelehrten der Azteken, bevor sie starben. Nur deshalb sind uns solche bemerkenswerten Dokumente wie dieses erhalten geblieben.
Die so modern anmutenden Aussagen über die Ärzte habe ich zufällig in Günter Lanczkowskis Buch "Götter und Menschen im alten Mexiko" gefunden. Ich würde sie jederzeit unterschreiben (den Aderlass mal ausgenommen… ).

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Sie ist affiliert am Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg und arbeitet mit Wissenschaftlern an mehreren deutschen Universitäten an verschiedenen Forschungsprojekten.

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