Das globale Kaff

BLOG: Babylonische Türme

Vom Nutzen und Missbrauch des Verständigungsmittels Sprache
Babylonische Türme

Das Internet schweißt die Welt zusammen. Australien ist nicht weiter entfernt als unser Handybildschirm. Einer unserer Freunde ist dort und schickt uns Bilder und Filme auf Facebook.

Wir erleben die Kältewelle in den USA unmittelbar mit. Wenn wir wissen wollen, was am Times Square in New York vor sich geht, holen wir uns die Live Cam auf den Bildschirm. Nichts ist fern, nichts ist fremd.

Die Welt wird zum Dorf. Aber ist das wirklich ein Vorteil für die Generation, die damit aufwächst? Wir waren früher froh, wenn wir für unser Studium die Enge des Heimatdorfs hinter uns lassen konnten. Wir hatten die festgefahrenen Rituale, die Vereine, die Kneipenseligkeit so satt. Wir verachteten das ständige Gerede, den Klatsch, die Stammtischparolen. Das Studentenleben war anders, freier, ungebundener, voller neuer Ideen.

Und heute? Facebook hält uns bei unseren Freunden fest, wir wollen sie nicht missen. Ja es wird geklatscht, und neue Ideen behält man am besten für sich. Wer die herrschende Moral in Frage stellt, muss mit einem Shitstorm rechnen.

Wer heute sein Dorf verlässt, der nimmt es mit. Wir erhalten die Enge des Dorfes – mehr noch wir machen sie selbst und lassen sie nie mehr hinter uns, ganz gleich, wohin wir auch gehen. Wie sehen nicht mehr über den Tellerrand, wir haben den Teller globalisiert.

Facebook ersetzt heute die berüchtigten Dia-Abende.

„Der Blick vom Berliner Funkturm. War super hier oben“.

„Eiffelturm bei Nacht. Ihr dürft uns beneiden“.

„Big Ben. Wir haben den Ton aufgenommen, damit ihr auch was davon habt.“

„Rom, Kolosseum, echt gigantisch. Heiß hier, trotzdem klasse“.

Uns gefällt das. Was bleibt uns auch anderes über?

Im Hintergrund analysiert Facebook unsere Vorlieben, damit wir die richtige Werbung zu sehen bekommen. Amazon bietet uns zuvorkommend an, die Infos über unseren Einkauf mit unseren Freunden zu teilen.

Wir müssen unsere Freunde bei Laune halten, es sind schließlich mehr denn je. Und so geht der jungen Generation langsam der „Sense of Wonder“ verloren, die Faszination angesichts der Größe und Vielfalt der Natur. Der menschliche Erfindungsgeist wird dort geschätzt, wo er schnellere Handys, buntere Apps und spannendere Spiele hervorbringt.

Allerdings haben wir nur ein Leben, das ist findet nicht im Netz statt. Wie engen uns künstlich ein und merken es nicht einmal. Wird die Menschheit zu den Sterne fliegen? Interessiert uns nicht. Was sollen wir auf dem Mond? Da ist ist eh nur Staub und keine Luft. Es gibt übrigens eine tolle App. Da bist du interstellarer Händler. Willst du mal sehen?

Nein, so gefällt mir das nicht.

Es wächst eine Generation heran, die konservativer ist, als wir je waren. Die das Internet nicht als Befreiung erleben. Die nicht wagen, eine Meinung zu äußern, bevor nicht sicher sind, dass es die richtige ist. Die der Enge des Dorfs niemals entfliehen können, weil es global geworden ist.

 

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Sie ist affiliert am Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg und arbeitet mit Wissenschaftlern an mehreren deutschen Universitäten an verschiedenen Forschungsprojekten.

10 Kommentare

  1. Es gibt sicher noch Steigerungsformen von Facebook. Ich stelle mir das so vor. Man denkt sich irgendetwas und kurz danach erhält man von seinen “Freunden” 10 Likes und 5 Dislikes – alles direkt übermittelt ohne dass man vor dem Bildschirm sitzen muss. Wieviele würden da mitmachen? Vielleicht mehr als man sich vorstellt.

  2. Es wächst eine Generation heran, die konservativer ist, als wir je waren. Die das Internet nicht als Befreiung erleben. Die nicht wagen, eine Meinung zu äußern, bevor nicht sicher sind, dass es die richtige ist. Die der Enge des Dorfs niemals entfliehen können, weil es global geworden ist.

    Da ist was dran. – Gerade diejenigen, die im Web Wert darauf legen in persona aufzutreten und dies auch von anderen erwarten, auch vom Wunsch beseelt dann auf der Person herumzuhacken (statt auf der Meinung), bringen das Dorf ins Internet.

    MFG
    Dr. W

    • PS: Was gerade für die sogenannten sozialen Netzwerke des Webs gilt, in denen einerseits so schön “geblockt” werden kann, auch auf den Eigenraum bezogen zensuriert werden kann, andererseits auch der “große Papa” bereit steht, entweder als Dienstbetreiber wie bspw. Facebook oder als Vertreter der Staatlichkeit (NSA, aber auch anderes).

  3. Für “Das globale Kaff” bzw. der Definition/Motivation seiner Akteure als:

    “Die der Enge des Dorfs niemals entfliehen können, weil es global geworden ist.”

    gibt es übrigens eine wunderbare Begriffsschöpfung:

    GLOKALISIERUNG

  4. Und es besteht die Gefahr, daß jener kleine(re) Teil der Menschheit, der online ist, sich selbst und die eigenen Problemchen für so überaus wichtig hält.

    Dabei sind es Milliarden, die von einem Smartphone oder auch nur einem PC nur träumen können. Der ganze Kontinent Afrika (ohne Südafrika) soll kaum mehr Internetanschlüsse haben als Großberlin. Das Internet schweißt nicht die Welt zusammen, sondern erzeugt nur eine Nische, in der die Wohlhabenden unter sich sind.

      • Danke für den Hinweis auf diese Übersicht, deren Zahlen ich mit einiger Skepsis zur Kenntnis nehme. Da werden ja alle Menschen, die im letzten Jahr mal online waren, als Internet-User gezählt … ein afrikanisches Internet-Café erzeugt auf diese Weise etliche Tausend (statistische) Nutzer. Was die Zahl der Anschlüsse betrifft, steht das meiner Aussage also nicht entgegen. (Die 56 Millionen Internetnutzer in Nigeria sind ja sowieso alles Prinzen.)

        Gefunden habe ich noch, daß der afrikanische Kontinent über 0,3% der globalen Breitband-Internetanschlüsse verfügt. Also doch eher Großberlin.
        😉

        • Gefunden habe ich noch, daß der afrikanische Kontinent über 0,3% der globalen Breitband-Internetanschlüsse verfügt. Also doch eher Großberlin.

          Ihr Kommentatorenfreund, der Webbaer, wird hier keine größer angelegte Recherche starten, aber von dieser Sicht – ‘Das Internet schweißt nicht die Welt zusammen, sondern erzeugt nur eine Nische, in der die Wohlhabenden unter sich sind.’ – dürfen Sie sich gerne lösen.
          Das Internet löst alle Probleme, die seinerzeit von bestimmten politischen Kräften, seinerzeit teilweise korrekt, unter dem Begriff “allgemeines Bildungsdefizit” kommuniziert worden sind, es stellt ein wegweisendes zivilisatorisches Mittel dar.
          Das übrigens diesbezüglich auch nicht, sei es von der NSA, sei es von Skeptikern, angegriffen werden kann.

          MFG
          Dr. W (der noch für den Sprach-Gag ‘Glokalisierung’ dankt)

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